(c) Sonja Matheson / Baobab Books

Vor kurzem habe ich hier über die Probleme des afrikanischen Buchmarkts berichtet. In der Folge hat es viele Reaktionen gegeben, unter anderem haben wir eine Facebook-Gruppe zu “Publishing in Africa” ins Leben gerufen, in der sehr lebhafte Debatten stattfinden.
Seit vielen Jahren bemüht sich der Schweizer Kinderbuchfonds Boabab um die Förderung und Vermittlung von Kinder- und Jugendbüchern aus und in Afrika, Asien und Lateinamerika. Nachstehend ein Bericht von Sonja Matheson über ein bemerkenswertes Projekt in Tansania.

Mit seiner Kinder- und Jugendbuchreihe gibt Baobab Books AutorInnen und lllustratorInnen aus Asien, Afrika Lateinamerika und dem Nahen Osten eine Stimme. Zum Beispiel die Bilderbücher von John Kilaka, dem tansanischen Tingatinga-Künstler und Kinderbuchautor. Seine farbenfrohen und humorvollen Geschichten, die man sich in Tansania seit Generationen mündlich überliefert, sind mittlerweile in rund ein Dutzend Sprachen übersetzt. Bloß in Tansania selbst sind sie nicht erhältlich. Dort liegt vieles im Argen, was die lokale Buchproduktion angeht.

Wie in vielen anderen Ländern auf dem afrikanischen Kontinent, muss man leider sagen. Die Gründe dafür sind durchaus vielfältig, aber im Wesentlichen ist es das Verhalten der Medienkonzerne Europas und der USA, welche zu dieser Lage geführt haben. Sie beherrschen insbesondere den Schulbuchmarkt, also jenes Segment, das auch wirtschaftlich lohnenswert sein könnte. In der Folge haben sich kaum lokale Verlage etablieren können, die es sich leisten könnten, auch lokale Autoren und Autorinnen zu veröffentlichen.

terre des hommes schweiz und Baobab Books haben deshalb zusammen mit John Kilaka ein Piloprojekt in Tansania initiiert, einem Land, indem der Zugang zu Büchern keine Selbstverständlichkeit ist. Auch in der Kleinstadt Geita im Nordwesten des Landes, gehören Bücher nicht zum Alltag der Menschen und an vielen Schulen gibt es zuwenig Material und kaum Bibliotheken – wie in vielen Orten das Landes. Doch das könnte sich bald ändern. Der Bericht einer kleinen Erfolgsgeschichte.

(c) Sonja Matheson / Baobab Books

Es ist staubig in Geita, die roten Sandstrassen sind ungeteert. Vor wenigen Monaten haben chinesische Investoren die Fernstrasse fertig gebaut. Damit dauert die Anreise aus der Stadt Mwanza am Viktoriasee nur noch gute zwei Stunden. Vor einem Jahr noch fehlte ein Teilstück, das hiess über drei Stunden mühselige Fahrt.
Geita eine Stadt zu nennen fällt schwer, obwohl hier nach Schätzungen mindestens 140 000 Menschen leben. Entstanden ist der gesichts- und strukturlose Ort nach der Entdeckung des Goldvorkommens vor rund hundert Jahren. Nach einer wechselvollen Geschichte ist die Mine heute die ertragreichste Tansanias, nach offiziellen Angaben werden jährlich zehn Tonnen Gold abgebaut. Wie in so vielen Fällen des Landes gehört sie aber einem ausländischen Konsortium, der südafrikanischen Anglo Gold Ashanti Ltd. Der Stadt Geita bietet die Mine gerade mal  1800 gefährliche Arbeitsplätze.
Seit einigen Jahren wird das Edelmetall mit einer hochgiftigen chemischen Lösung aus dem Gestein gelöst, die Folgen für die Umwelt werden kaum thematisiert. Der Projektbeschrieb von Anglo Gold Ashanti von 2007 spricht auf der ersten Seite von Gemeindeprojekten, die der Bevölkerung zu Gute kämen. Von dem versprochenen Wasserprogramm ist allerdings auch 2011 nichts zu sehen. Die Bevölkerung muss weiterhin Trinkwasser in überteuerten Kanistern oder Einzelflaschen kaufen. Und auch die Zwangsumsiedlungen ohne Kompensationen sind nicht geregelt, viele Menschen leben noch heute in provisorischen Zelten, nachdem sie ihre Häuser verlassen mussten.
Nein, in den roten Strassen Geitas ist keine Goldgräberstimmung zu spüren. Man spricht von schlechten und gefährlichen Arbeitsbedingungen in der Mine, die Frauen erzählen von abwesenden Vätern, die Prostitution ist für alle sichtbar, die schleichende Umweltzerstörung und die Unterhöhlung der lokalen Wirtschaft ein Pulverfass. In den kleinen Shops gibt es nun statt einheimischer Ware Billigprodukte aus China oder Dubai. Sogar die traditionellen bunten Kangastoffe tragen den Vermerk «Made in China». Die Schulen, die wir im Laufe unserer Arbeit besuchen, verfügen kaum über Infrastruktur. Es mangelt an Lehrkräften, an Schulmaterial und sanitären Anlagen. Da teilen sich zum Beispiel 1800 Primarschülerinnen und -schüler 30 Lehrkräfte und zwei Toiletten ohne Wasser. Es fehlt an allem.

Auch Bücher sind ein Lebensmittel

Wir haben uns entschieden, hier ein Pilotprojekt durchzuführen: «The World in Books». Die Zusammenarbeit von Baobab Books und terre des hommes schweiz unter Mitarbeit des tansanischen Bilderbuchautors John Kilaka hat zum Ziel, die lokale Erzähltradition zu sichern und mit einfachen Mitteln kleine Bücher von Hand herzustellen und über Bibliotheken in Umlauf zu bringen. Bücher in Geita? Ist das hier, wo oft das Nötigste zum Leben fehlt, ein Anliegen?
Ja, denn Literatur ist eine der wichtigen Ausdrucksformen kultureller Identität. Sie spiegelt die Werte und Wirklichkeiten einer Gesellschaft, sichert das kollektive Gedächtnis, reflektiert Regeln und Werte und fördert soziale Erneuerung und den Wandel der Gesellschaft. Fehlen diese Elemente, entsteht ein gesellschaftlicher Mangel, der sich gerade auf die Entwicklung von jungen Menschen negativ auswirkt, denn es fehlen Identifikationsmöglichkeiten, der Rahmen für eine positive Persönlichkeitsentwicklung und die kritische Auseinandersetzung mit Tradition und Moderne.
Lese- und Schreibfertigkeit und damit auch die Fähigkeit zu erzählen und zuzuhören sind Schlüsselkompetenzen für Bildungs- und Berufschancen. Deshalb spielt das Medium Buch eine zentrale Rolle für die Entwicklung einer Gesellschaft.

Am Anfang war die Idee

Vor diesem Hintergrund haben Baobab Books und terre des hommes schweiz ihre Fachkompetenz im Bereich psychosoziale Unterstützung, kulturelle Identität und Kinderliteratur zusammengebracht. Mit John Kilaka aus Dar es Salaam und der lokalen Organisation Nelico in Geita wurden passende Partner gefunden, die dieses Pilotprojekt lokal verankern konnten. Die Pilotphase wurde für ein Jahr geplant. An dessen Anfang und Ende stand je ein Intensivseminar, das von Irene Bush, John Kilaka und Sonja Matheson gemeinsam durchgeführt wurde. In der Zeit dazwischen sollten die im Seminar erarbeiteten Ideen im Alltag in Geita erprobt werden, um zu erfahren, ob in Geita ein Bedarf nach Büchern vorhanden ist.
Im Januar 2010 fand das erste einwöchige Seminar in Geita statt. 33 Lehrerinnen und Lehrer aus dem Distrikt wollten wissen, wie sie an ihrer Schule das Projekt einführen könnten. In einer intensiven Woche haben sie Kinderbücher analysiert, über den Wert der eigenen Kultur debattiert und gelernt, selbst ein Buch herzustellen – von der Geschichte bis zum Buchbinden mit Nadel und Faden. John Kilaka vermittelte aus der Praxis, wie mündlich überlieferte Geschichten zu schriftlichen Texten werden, und wie Illustrationen eingesetzt werden können, um einen Text visuell zu vertiefen. Am letzten Tag der intensiven Woche wurden in Kleingruppen Aktionspläne erstellt, was von alledem im Laufe des Jahres nun umgesetzt werden soll. Da kam doch fast so etwas wie Goldgräberstimmung auf …

Ein Jahr später

Die Frage, ob Bücher an einem Ort wie Geita wirklich relevant sind, hat sich im Laufe eines Jahres von selbst beantwortet, wie ein Besuch vor Ort zeigt. Rund 3000 Werke wurden von Kindern und Jugendlichen während eines knappen Jahres erstellt. Oft mit einfachsten Mitteln, aber immer voller Kreativität und Einfallsreichtum – und vor allem: immer von Relevanz. «Life as an Orphan» heisst zum Beispiel eines der Bücher, «The Sad Girl» ein anderes. Es handelt von einem Mädchen, das ausgebeutet wird. Auch die grausamen Massacker an den Albino werden von einigen Schülerinnen und Schülern angesprochen, ein sehr trauriges, aber realistisches Thema.
Aber es gibt auch Unterhaltung und Sachthemen: Musikstars, das Land Tansania, die Biographie des Präsidenten und vieles mehr. Ein Blick durch die kleinen Büchlein ist ein Spiegel des Lebens und der Gesellschaft in Geita. Die Kinder und Jugendlichen haben zweifellos die zentralen und aktuellen Themen aufgegriffen.
Auf die Frage, wie sie zu den Geschichten gefunden haben, antwortet ein Primarschüler der 4. Klasse: «Ich habe zugehört, was man sich im Dorf so erzählt». Andere haben Eltern und Grosseltern gebeten, ihnen eine Geschichte zu erzählen, wieder andere haben Geschichten frei erfunden. Viele der Kinder berichten von ihrem Selbstbewusstsein und von ihren Talenten, die sie entdeckt haben. John Kilaka beeindruckt sie alle, wenn er erzählt, dass er ohne Geld, nur mit einem Stift und einem Papier anfing und dass heute seine Bilder auch von Kindern in Europa bewundert werden.
Das Projekt «World in Books» basiert auf freiwilligem Engagement, die Lehrkräfte erhalten keine Bezahlung für ihren zusätzlichen Aufwand. Einige haben es verstanden, das Projekt geschickt in den bestehenden Unterricht zu integrieren, sie informierten die Eltern und das Kollegium über ihr Vorhaben. So gibt es ein Netzwerk und die Kinder verbessern ihre Schreib- und Lesefähigkeiten fast unbemerkt. Ein Kind sagt von sich selbst: «Ich habe mit diesem Projekt gelernt zuzuhören.»
An einer Schule, deren Infrastruktur in äusserst desperatem Zustand ist, war man einfallsreich: die lokalen Körbe aus Bambus und Bananenblätter wurden für die mobile Bibliothek genutzt. An anderen Orten vermag das Buchprojekt die Apathie im Lehrerzimmer zwar kaum zu durchbrechen, doch die Begeisterung der Kinder und die Klarheit ihrer Aussagen fegt unsere Zweifel schnell weg.

Mit Talent und Begeisterung in die Zukunft

Wir schließen die Pilotphase im Januar 2011 mit einem zweiten Seminar ab. Die Erfahrungen des vergangenen Jahres werden ausgewertet, Problemfelder analysiert. John Kilaka vermittelt Wissen zur Buchgestaltung und ein Referent des Children’s Book Project, einer Organisation mit Sitz in Dar es Salaam, berichtet aus der Praxis über die Buchproduktion und die Distribution in Tansania – vielleicht wird das eine oder andere Buch aus Geita dereinst den Weg zu einem der Verlage des Landes machen … Für Vernetzung ist auf jeden Fall gesorgt und mit der Vermittlung von Grundwissen zur Einrichtung und der Organisation von Bibliotheken schließen wir den Kreis des Erzählens, Schreibens, Lesens und Vermittelns.
Der langfristige Erfolg von «The World in Books» liegt darin, dass die lokale Basis – also die Lehrkräfte, die Eltern, die Schulbehörden und die Organisation Nelico – nach der Pilotphase nun die Eignerschaft für «World in Books» übernimmt. Dank dem Engagement von terre des hommes schweiz und dessen lokalen Koordinationsbüro in Tansania ist die Begleitung in dieser Aufbauphase gewährleistet. Geschichten sind vorhanden, Talente, Begeisterung und Kreativität ebenso – an den Ressourcen für eine lebendige «Welt in Büchern» fehlt es in Geita also nicht! Wenn es so weiter geht, gibt es bald einige tausend Bücher mehr – und die Leserinnen und Leser können sich in den mobilen Bibliotheken der Stadt mit reichlich Lesestoff versorgen. Mit Geschichten, die das Leben in Geita schreibt. Die schreibenden Kinder und Jugendlichen sind die wahren Goldgräberinnen und Goldgräber der Stadt.

Sonja Matheson (c) Manuela Vonwiller

© Sonja Matheson/Baobab Books, Basel 2011
www.baobabbooks.ch / Kontakt: info@baobabbooks.ch

Ein Pilotprojekt von Baobab Books und terre des hommes schweiz: Projektreport als PDF herunterladen (131 kb)