»Wenn ein Mann Londons müde ist, dann ist er des Lebens müde; denn in London gibt es alles, was das Leben zu bieten hat«. Das sagte der große englische Universalgelehrte Samuel Johnson. Staunend blickt der Reisende sich um: Die Bedeutung Londons für Großbritannien, für Europa, ja für die ganze Welt, ist beinahe körperlich spürbar.

Holger Ehling nimmt in dieser Sammlung den Leser mit auf eine Reise durch die faszinierende Metropole an der Themse, die sich in zahlreichen Texten offenbart: Doris Lessing fährt kreuz und quer per Tube durch die Stadt, jenem bei den Londonern ob seiner ständigen Verspätungen und Ausfälle wenig geliebten, aber gern genutzten Fortbewegungsmittel. Die Literaturnobelpreisträgerin allerdings schwingt sich auf zu einer eindrucksvollen Verteidigung der Tube, die sich zu einer Hymne auf die tausend Facetten der Stadt erweitert. Samuel Beckett wiederum kennt die von Johnson erwähnte Müdigkeit; seine Protagonistin wird Opfer ihrer eigenen Erwartungen. Mehr Lebhaftigkeit finden die Autoren unterschiedlichster Epochen im East End; so lässt sich zum Beispiel Edgar Allan Poe von den dort anzutreffenden düsteren Gestalten in den Bann ziehen.

Ist die Vielfalt dieser Stadt auch eine Folge der ausgeprägten Freiheitsrechte der Einheimischen, die von den Besuchern vom Kontinent stets bewundert werden? Die Pressefreiheit, die bereits Ende des 17. Jahrhunderts gewährt wurde, ließ eine ebenso kraftvolle wie aufmüpfige Industrie entstehen, die bis Ende des 20. Jahrhunderts ihr Zentrum in der Fleet Street hatte; in den Redaktionen wie auch in den benachbarten Pubs. Der Pubszene widmet sich auch Adrian Bailey, der in britischer Manier einige wertvolle Hinweise für eine gelungene ≫Kneipentour≪ bereithalt.

Auf eine Tour in weihevollere Sphären begibt sich Virginia Woolf: Sie sucht vergeblich Ruhe in St. Paul‘s Cathedral und Westminster Abbey, die seit jeher Touristenmagnete waren und somit eher an den Nerven der Besucherin zerren. Stoiker zu bleiben versucht auch Nick Hornby: Als Anhänger des Fußballklubs Arsenal muss man bisweilen stark bleiben – die seltenen Erfolge entschädigen dann aber wieder für alles Leid.  Spätestens in den Swinging Sixties ist London auch zur Metropole der Popmusik geworden: Der Export von Pop ist der groste Faktor in der Außenwirtschaft des Konigreichs. Der legendäre Musikproduzent Joe Boyd erinnert sich an die wilden Sechzigerjahre.

Aus allen Kontinenten sind die Menschen nach London gekommen, um besser zu leben, zu lernen oder Gleichgesinnte zu finden. Doch Buchi Emechetas Heldin Adah kann die Konventionen ihrer nigerianischen Heimat auch im neuen Land nur mühsam abschütteln. Die exotischen Gewohnheiten der Einheimischen sind für Fremde ein Grund zur Verwunderung. Mahatma Gandhi etwa müht sich mit der britischen Kost, die so gar nicht seinem Gelübde entgegenkommt, sich vegetarisch zu ernähren.

Was wäre London ohne Buckingham Palace und Downing Street? Alan Bennett nimmt uns mit auf einen fantastischen Besuch bei der Konigin, die durch ihre Leselust das Empire aufwühlt. Winston Churchill nimmt uns mit in die Katastrophe des Krieges.

Spätestens seit der Eroberung Britanniens durch die Normannen im Jahr 1066 gehört London auch zu den Hauptstädten der Welt. Egon Erwin Kisch leuchtet ins Elend des East End. Heinrich Heine und Theodor Fontane sehen in der äußeren Gestalt der Stadt die Manifestation der burgerlichen Freiheiten, auf die Deutschland im 19. Jahrhundert noch immer wartet. Joseph Conrad besingt die Verbindung der Stadt zur Welt – über die Themse begann jede der großen und abenteuerlichen Expeditionen, die in London ihren Ausgangspunkt hatten. Dass London als kleines Dorf begann, das ein Druide vor Julius Caesar beschützen wollte, erzählt Edward Rutherfurd. Der Reisende bei Joris-Karl Huysmans schafft es, die Stadt kraft seiner Vorstellung zu besuchen.

Übersetzungen von Marcus Geiss, Anette Grube, Ingo Herzke, Hans Jacob, Gabriele Krüger-Wirrer, Miriam Mandelkow, Wolfgang Müller, Hans Reisiger, Angela Schmitz, Patrick Sielemann, Christine Steffen, Henning Stegelmann, Kyra Stromberg, Eduard Thorsch, Elmar Tophoven und Sophie Zeitz.

London fürs Handgepäck, hrsg. von Holger Ehling.
Unionsverlag, Zürich (UT 512), Juli 2011.  192 Seiten, EUR 10.90 / FR 17.90. ISBN 978-3293205123