Reading at CTIBF 2009 (c) Cape Town International Book Fair

Am Montag  vergangener Woche ist der weltweit agierende Schulbuchriese Macmillan, eine Tochter des deutschen Holtzbrinck-Konzerns, in London wegen Korruption zu einer Strafe von 11,3 Millionen Pfund verurteilt worden. Außerdem ist das Unternehmen für sechs Jahre von der Teilnahme an Ausschreibungen der Weltbank ausgesperrt.  Das ist die eine Nachricht.

Die andere Nachricht kam nur ein paar Tage später, diesmal aus Zimbabwe: Die Polizei hatte einen Lkw mit Schulbüchern im Wert von mehr als 22.000 US-Dollar gestoppt, die der lokale Macmillan-Ableger College Press verlegt hatte. Das Problem: Die Bücher waren Raubkopien.

Und noch ein Stück Information, bevor es endlich losgeht, obwohl dies mehr das Selbstlob einer US-amerikanischen Hilfsorganisation ist:

Books For Africa is the world’s largest shipper of donated books to the African continent. Since 1988, Books For Africa has shipped over 24 million high-quality text and library books to children and adults in 45 African countries. Millions more are needed.

Mehr als 24 Millionen Bücher in 23 Jahren. Mehr als 24 Millionen Bücher, die nicht von afrikanischen Autoren geschrieben, nicht von afrikanischen Druckereien gedruckt, nicht von afrikanischen Verlagen verlegt wurden. Ist das hilfreich? Oder sind Organisationen wie Books for Africa einer der wichtigsten Gründe dafür, warum der Buchmarkt in Afrika darnieder liegt?

Schulbuch? Afrika? Sie mögen entgegnen, dass auch in China jeden Tag viele Reissäcke umfallen, ohne dass darüber berichtet wird. Aber es geht um Grundsätzliches: Um Armut, um Bildung und um eine lebenswerte Zukunft für mehr als eine halbe Milliarde Menschen in Afrika.

Der Buchmarkt im Afrika südlich der Sahara ist geprägt vom Schulbuchmarkt. Außerhalb Südafrikas gilt: Rund 90 Prozent aller Bücher sind Schulbücher. Und außerdem gilt: Nur wenige Menschen haben genügend Geld in der Tasche, um sich Bücher zu kaufen, die nicht der Ausbildung dienen. Viel Geld wurde in den vergangenen Jahrzehnten in den Aufbau von Schulen und Bildungsstätten in Afrika investiert, vieles davon verschwand in dunklen Kanälen. Einigermaßen vernünftig funktioniert wenigstens die Versorgung mit Schulbüchern, die fast ausnahmslos über zentrale Ausschreibungen zentral angekauft und verteilt werden. Die Vergaberichtlinien der Geber-Organisationen sind eindeutig: Nach Abwägung von Qualitätsaspekten erhält das günstigste Angebot den Zuschlag. Ob die Gebote von lokalen Anbietern kommen, spielt dabei nur in den seltensten Fällen eine Rolle.

Mildtätigkeit zerstört den Markt

Hier steht dann das Einfallstor für die Großen im Schulbuchmarkt, die sich, wie der aktuelle Fall zeigt, nicht immer zimperlich gebärden. Es geht dabei um Milliardengeschäfte. Der britische Medienkonzern Pearson (Financial Times, Penguin) hat sich zur weltweiten Nummer Eins aufgeschwungen, im anglophonen Afrika ist man mit dem Imprint Longman am Start. Scholastic aus den USA ist ebenso in Afrika aktiv wie Macmillan, eine Tochter des deutschen Holtzbrinck-Konzerns. Für das frankophone Afrika steht  die Internationale „Organisation de la francophonie“ gerne bereit, Schulbücher frei und franko an Bittsteller zwischen Bamako und Lubumbashi zu liefern – schon unter ihrem früheren Namen „Association de coopération culturelle et technique“ haftete ihr der Ruf an, so etwas zu sein wie der bewaffnete Arm des französischen Kulturimperialismus. Für die Empfängerländer in Afrika sind die Bücher, die über diese Kanäle ins Land kommen, zumeist kostenlos.

Schulbücher kostenlos, finanziert von Geber-Organisationen oder europäischen Regierungen – das hört sich zunächst einmal nicht problematisch an. Und tatsächlich ist unbestritten, dass ohne diese milden Gaben die Versorgung der Schulen, zumal außerhalb der Städte, kaum zu bewerkstelligen wäre.

Aber die Mildtätigkeit ist einer der wichtigsten  Gründe, warum das Verlagswesen Afrikas nicht auf die Füße kommt und heute schlechter dasteht als noch in den 1970er Jahren. Denn Verlage sind Wirtschaftsunternehmen und benötigen ein funktionierendes Geschäftsmodell. Dieses wird durch die Vergabepolitik im Schulbuchmarkt unmöglich gemacht. Wenn aber das größte Marktsegment verschlossen bleibt, fehlen die Grundlagen, um andere Segmente zu entwickeln. Oder noch deutlicher: Die kostenlose Abgabe von Schulbüchern an afrikanische Länder ist für die Verlage ebenso verheerend wie es die kostenlose Abgabe von Lebensmitteln ist für afrikanische Bauern. Weil aber die einheimische Nachfrage nach Buchproduktion – vom Verfassen über das Lektorat bis zum Druck – ausbleibt, sind diese Bereiche invielen afrikanischen Ländern nicht existent. Afrikanische Verlage lassen heute ebenso in China drucken wie ihre europäische Konkurrenz. Und weil die globalen Riesen sehr viel mehr produzieren lassen, erhalten sie wesentlich günstigere Konditionen.

Die Austrocknung des afrikanischen Verlagswesens ist besonders deutlich bei der Literatur zu sehen: In den 20 Jahren nach der Entkolonisierung blühte die afrikanische Literatur auf: Der Nobelpreisträger Wole Soyinka aus Nigeria und sein Landsmann Chinua Achebe, Mongo Beti aus Kamerun oder Ngugi wa Thiong’o aus Kenia tauchten in den 1950er und 1960er Jahren auf und konnten ihre Plätze in der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts erobern. Heute ist die Situation von Tristesse geprägt: Autoren, die etwas zu erzählen haben, können dies praktisch nur noch mit Hilfe von Verlagen in Großbritannien, Frankreich oder den USA tun, viele von ihnen leben auch in diesen Ländern. Auch die Verlagsszene in Südafrika bietet keine Hilfe: Man orientiert sich an Europa und interessiert sich  nicht für Geschichten aus Nigeria, Uganda oder Kamerun. Die literarische Kreativität ist aber immer noch unbändig: Wann immer ich eine Buchmesse oder Schriftstellerkonferenz in Afrika besuche, werde ich belagert von jungen Leuten, die mir ihre selbst verlegten Bücher aufdrängen, in der Hoffnung, ich könnte ihnen einen Verlag in Europa beschaffen.

Der nächste Literatur-Nobelpreisträger ist nicht in Sicht

Entwicklungshilfeorganisationen verweigern sich weitgehend dem Thema Verlagsförderung: Wer eine Konferenz oder eine Studie zum Thema Leseförderung veranstalten möchte, wird großzügig alimentiert – das passt prima zur in Politikerkreisen allgemein verbreiteten Vorstellung, die Vorlage eines Thesenpapiers sei schon so etwas wie eine Lösung. Wer aber eine kleine Druckerei mit angeschlossenem Verlag aufmachen möchte, wird ignoriert.

Ein anderes Beispiel: Vor zwei Jahren habe ich die Buchmesse in Accra, der Hauptstadt Ghanas, beraten. Die Veranstalter hatten die Idee, ihre Messe zu einem regionalen Treffpunkt für die Verlage aus Westafrika zu machen – keine schlechte Idee, den Ghana ist politisch und wirtschaftlich stabil, gut an die regionale Verkehrs-Infrastruktur angebunden und Accra ist eine der angenehmsten und sichersten Hauptstädte Afrikas. Das Konzept war nicht schwierig zu erarbeiten – als ichaber  nach Unterstützung suchte für die weitere Entwicklung der  Buchmesse, stieß ich auf eine Wand aus Granit: Man könne keine öffentlichen Mittel zur Förderung der Privatwirtschaft verwenden, hieß es.

Dabei wäre die Unterstützung des privaten Verlagswesens dringend notwendig, und nicht nur, weil dann Verleger und Autoren Geld verdienen könnten. Es geht auch um Volksbildung, um Lesekompetenz, um die Förderung von Zivilgesellschaft.

Es ist unstrittig, dass durch beständige Lektüre eine funktionale Lesekompetenz erhalten bleibt. Das ist wichtig, um Jobs zu bekommen, aber es geht dabei auch ums Überleben: Als ich vor einiger Zeit mit einem Sprecher des Lebensmittelriesen Nestlé sprach, klagte dieser darüber, dass man kaum eine Möglichkeit sehe, das seit Jahren heftig diskutierte Thema „Milchpulver“ aus der Welt zu schaffen. Man habe schon längst damit aufgehört, das Pulver in Afrika damit zu bewerben, dass es gesünder sei als Muttermilch. Heute weise man deutlich darauf hin, dass es dabei um Nahrungsergänzung geht. Auf den Säcken mit Milchpulver seien die Verwendungshinweise (nur gekochtes Wasser verwenden) groß und dick auf die Säcke gedruckt seien. Weil aber viele Menschen diese Hinweise nicht lesen können, werde immer noch oft schmutziges Wasser verwendet, mit heftigen Schäden für die Kinder.

Fünfzig Jahre, nachdem der „Wind der Freiheit“ durch Afrika wehte und die meisten Länder in die Unabhängigkeit entließ, steht der Kontinent miserabel dar. Das Wirtschaftswachstum ist zwar in vielen Ländern beeindruckend, es ist aber zumeist der Ausbeutung von Bodenschätzen geschuldet und dem Anbau von Agarprodukten für den Export. Viel zu selten werden die Einnahmen aus Öl und Edelmetallen in den Aufbau von Industrie gesteckt. Demokratie ist in den meisten Ländern ein Fremdwort, positive Beispiele wie Ghana und Botswana müssen herhalten, um die sehr wenigen Beispiele gelungener Entwicklung zu illustrieren.

Auch hier ist die Förderung von Bildung und Lesekompetenz der Schlüssel für die Lösung: Nur wer Bildung erlangen kann, ist in der Lage, an den politischen Prozessen des Alltags teilzunehmen. Ohne eine gebildete Bevölkerung ist kein Staat zu machen. Ohne funktionierendes Verlagswesen wird dies aber nicht möglich sein.

Falls Sie mehr wissen möchten über den Buchmarkt und das Verlagswesen in Afrika, lade ich Sie herzlich ein in die neue Facebook-Gruppe “Publishing in Africa“.

Zum Korruptionsfall Macmillan ein Interview, das ich im Deutschlandfunk gegeben habe – hier geht es zur Druckfassung, und hier können Sie es anhören.

Zur vertiefenden Lektüre empfehle ich die Magisterarbeit von Merle Schierenberg:  Von rücksichtsloser Dominanz zu verantwortungsbewusstem Miteinander? Zur Rolle britisch-multinationaler Verlage in der Entwicklung
der Buchmärkte des anglophonen Afrika
aus dem Jahr 2009.