Queen of Crime: Agatha Christie

Das Empire ist dahin, die Pracht der Royals hat Beulen, und der Sterling durchschreitet einmal mehr ein Jammertal. Ach ja, es ist manchmal nicht leicht, Engländer zu sein. Da hilft dann nur die sprichwörtliche „Stiff Upper Lip“, dazu noch ein Schlückchen Tee. Immerhin, eines können die Söhne und Töchter Albions sich zu Gute halten: Nirgendwo wird stilsicherer gemordet, nirgendwo wird so elegant ermittelt wie auf der Insel, auf der auch die Wiege der Kriminalliteratur steht, mit Edgar Allan Poes verrätselter Erzählung von den Morden in der Rue Morgue aus dem Jahr 1841. Poe wurde zwar in den USA geboren und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens dort, er wuchs aber auf im Londoner Stadtteil Stoke Newington (wo vorher Daniel Defoe lebte und ich selbst auch gewohnt habe).

Der erste moderne Krimi, an dessen Prinzipien sich viele der klassischen britischen Schreiber orientierten, stammt allerdings aus der Feder eines Franzosen: Paul Féval schuf mit seinem „Jean Diable“ (1862) den ersten Detektivroman – mit dem Helden Gregory Temple, einem Inspektor von Scotland Yard. Wenn schon nicht der Autor, dann mussten wenigstens Held und Schauplatz englisch sein, so scheint es.

Woran das liegt, ist schwer zu begründen: So viel gruseliger als in anderen europäischen Metropolen ging es im London des 19. Jahrhunderts wirklich nicht zu. Allerdings gab es hier seit den 1820er Jahren eine neuartige Polizeitruppe, die es sich zur Aufgabe machte, Verbrechen mit neuartigen Methoden aufzuklären.

Diese Detektivarbeit faszinierte offensichtlich die Abenteuerschreiber in ganz Europa: Paul Féval nutzte den Erfolg seines „Jean Diable“-Romans, um eine gleichnamige Zeitschrift zu gründen, in der französische Detektive ihrer Arbeit nachgingen – und dies wiederum beeindruckte mehr als 20 Jahre später den vielleicht wichtigsten unter den klassischen englischen Kriminalschriftstellern: Arthur Conan Doyle schuf mit seinem „Sherlock Holmes“, dessen erstes Abenteuer 1887 veröffentlich wurde, den Archetypus des britischen Detektivs.

Fast 20 Jahre lang ließ sich Conan Doyle von seiner Schöpfung begleiten, eher er ihn im Duell mit Dr. Moriarty in die ewigen Jagdgründe schickte – des ewigen Zwangs zum Erfinden immer neuer Histoiren für seinen Helden überdrüssig.

Als jüngerer Zeitgenosse machte Edgar Wallace dem arrivierten Conan Doyle ab Anfang des 20. Jahrhunderts den Rang streitig, und er tat dies mit gänzlich anders gearbeiteten Erzählungen als sein Rivale: Sherlock Holmes steht weniger für „suspense“ und spektakuläre Handlungen sondern für akribische Beobachtung und Ermittlungsarbeit, die letztlich in geniale Schlussfolgerungen mündet. Edgar Wallace dagegen setzte auf die gruseligen Effekte, wie sie seit den „Gothic Novels“ des ausgehenden 18. Jahrhunderts in England zum literarischen Repertoire gehörten – Edgar Allan Poe sei als Meister des Schauerns genannt, und an die aus anderen Gründen schaurigen deutschen Wallace-Verfilmungen der 60er Jahre sei erinnert.

Das funktionierte gut und ließ seine Auflagen in schwindelerregende Höhen steigen: Um 1920 soll ein Viertel aller in Großbritannien verkauften Bücher aus der Feder von Edgar Wallace gestammt haben. Dabei halfen auch die neuen Medien beim Verkauf: Wallace verfasste das Script zu „King Kong“; für die BBC schrieb er die bis heute höchst beliebten Radiokrimis um den Superschnüffler Paul Temple.

Neben Arthur Conan Doyle und Edgar Wallace bestimmen auffallenderweise eine ganze Reihe von mörderisch veranlagten Damen die klassische Krimiliteratur im Inselkönigreich: Agatha Christie, der Mutter von Miss Marple und Hercule Poirot, kommt dabei die Rolle des alles überragenden Superstars zu, aber auch Kolleginnen wie Dorothy L. Sayers mit ihrem Lord Peter Wimsey oder Ngaio Marsh feierten große Erfolge, besonders in der Zeit zwischen den Weltkriegen.

Mit diesen Ur-Eltern des britischen Krimis war in den 1930er Jahren das eigentliche Gebrauchsmuster etabliert: Vieles passiert à la Kreuzworträtsel, mit vielen Irr- und Umwegen und Möglichkeiten, um die Ecke zu denken. Typisch ist das detektivische Element, von Sherlock Holmes über Lord Peter Wimsey bis zu Miss Marple und Hercule Poirot sind hochintelligente und originelle Amateure am Werk. Nur wenige der britischen Krimihelden sind zur Anwendung von exzessiver Gewalt gezwungen, wie es etwa für ihre amerikanischen Zeitgenossen typisch ist, die sich zur gleichen Zeit in den ersten Hard-boiled-Thrillern mit den wirklich düsteren Seiten der Gesellschaft herumschlagen mussten.

Bis heute wirkt diese unterschiedliche Herangehensweise stilbildend: Ein Blick auf einige der erfolgreichsten heutigen Krimischreiber auf den beiden Seiten des Atlantiks zeigt dies: Auf der Insel ist es der knurrige Inspektor John Rebus, den Ian Rankin fast zwei Jahrzehnte lang durch Edinburgh getrieben hat, der zwar nicht mehr als Amateurschnüffler aktiv ist, aber ebenfalls in geduldiger und mühsamer Kleinarbeit seine Fälle löst. Ebenfalls in Edinburgh beheimatet, macht seit einigen Jahren der pensionierte Richter Alexander McCall Smith Furore mit den Abenteuern von Precious Ramotswe, Gründerin der „Ladies Detective Agency“. Sie agiert in Botswana und das gemächliche Tempo, mit dem McCall Smith erzählt, spiegelt das entschleunigte Dasein in diesem Land des südlichen Afrikas wieder, das als – durch Diamantenvorkommen reich geworden – als eines der wenigen Beispiele gelungener Entwicklung nach Ende der Kolonialherrschaft gelten kann. Gewalt kommt hier eigentlich niemals vor – es sind die kleinen Schwächen des Alltags, von ehelicher Untreue bis zum Verschwinden von Medizin aus der Krankenhausapotheke, denen Precious Ramotswe nachgeht. Wenn es eine würdige Nachfolgerin von Miss Marple gibt, dann ist es die Lady aus Botswana. John Le Carré ist bereits zum Klassiker des Spionageromans geworden – statt, wie noch Ian Fleming mit seinem James Bond, eine vermeintliche Glitzerwelt der Geheimagenten herbei zu phantasieren, sind seine Helden zerrissen, zerstört, frustriert von ihrem aussichtslos scheinenden Bemühen, Licht ins Dunkle der Dinge zu bringen.

Auf der anderen Seite des Teichs ist es James Elroy, der bisweilen in irrwitzigem Stakkato die gewalttätige Zerrissenheit des Lebens im Moloch Los Angeles dem Leser gleichsam ins Hirn nagelt. Hier wirkt das „Hard Boiled“-Genre ganz unmittelbar nach. Tim Dorsey und Carl Hiaassen bedienen dagegen die humorige Seite: Gruselig sind die Mordtaten durchaus, die von den beiden in Florida verübt werden – allerdings ist der Alltag im Paradies der Rentner und sinnlos Reichen wenigstens so grotesk wie die Szenarien in den Krimis der beiden. Und auch die derzeitige „Queen of Crime“, Janet Evanovitch, geht die Sache mit Humor an: Ihre Heldin Stephanie Plum stolpert als wenig talentierte „Kopfjägerin“ auf der Suche nach Leuten, die ihren Kautionsauflagen nicht nachgekommen sind, von einer Kalamität in die nächste.

Trotz dieser modernen Heavyweights gilt: Conan Doyle und Agatha Christie bilden heute noch das Rückgrat der meisten privaten Krimisammlungen, gemeinsam mit den Maigret-Romanen Georges Simenons. Schon Edgar Wallace hat es schwerer – erst seit den 1970er Jahren gehört er, der in den 1920er Jahren der unbestrittene Herrscher über Englands Kriminaler-Szene war, wieder zum Krimikanon in seiner Heimat.