Harry Potter and the Philosopher's Stone (c) Bloomsbury

Ein befreundeter Buchhändler fragte vor ein paar Wochen in einer Diskussion zum Thema Ebook-Zukunft in Richtung Verlage: „Sagt uns doch einmal, wozu Ihr uns dabei eigentlich braucht“. Die Antwort eines ebenfalls befreundeten Verlegers kam prompt: „Wir brauchen Euch gar nicht, aber wir haben Euch lieb“.

Nicht einmal diesen Trost mag die Harry-Potter-Schöpferin J.K. Rowling dem Buchhandel noch zusprechen, wenn es um den Vertrieb der Ebook- und digitalen Audiobook-Varianten ihrer sieben Potter-Romane geht. Wie sie am Donnerstag in einem Video bekannt gab, wird sie zukünftig die Potter-Ebooks und –Audiobooks einzig über ihre neue Website www.pottermore.com anbieten, die gleich in mehreren Sprachen, darunter auch Deutsch, an den Start geht. Alle Ebooks verzichten auf DRM – sie sind also auf allen Geräten und Plattformen erhältlich und nutzbar.

Die Website versteht sich als Social Reading-Plattform für die Fangemeinde. Sie ist zwar bereits jetzt zugänglich, aber „nur“ ein Million Fans, die sich über ein Spiel qualifizieren müssen, dürfen ab 31. Juli auf die Angebote zugreifen. Der Rest der Gemeinde muss bis zum 1. Oktober warten, dann wird auch mit dem Verkauf des ersten Bands der Reihe, „Harry Potter und der Stein der Weisen“ begonnen. Die weiteren Bände der Reihe folgen in angemessenem Abstand; „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ soll ab 2012 zu kaufen sein.

Harry Potter ohne DRM und ohne Buchhandel

Pikant: Die wichtigsten Verlage der gedruckten Potter-Ausgaben, Bloomsbury in Großbritannien, Scholastic in den USA, sind nur am Rande beteiligt an der ganzen Veranstaltung – sie erhalten einen Anteil aus dem Ebook-Verkauf, sind aber operativ außen vor. Pottermore wurde von Rowling gemeinsam mit Sony in den vergangenen beiden Jahren entwickelt.

Noch schmerzlicher: Der Buchhandel bleibt gänzlich außen vor, Pottermore setzt auf Direktvertrieb. Das hat in Großbritannien viel Bitterkeit hervorgerufen.  Sprecher von Waterstone’s und WH Smith, aber auch Indie-Buchhändler zeigten sich in Stellungnahmen gegenüber dem Branchenmagazin „The Bookseller“ enttäuscht davon, dass jetzt diejenigen, die mit ihren Bemühungen die gedruckten Bücher zum Welterfolg gemacht hätten, von der weiteren Verwertung ausgeschlossen seien.

Natürlich ist J.K. Rowling jetzt nicht plötzlich zum epubber geworden: Aber sie ist eine der wenigen Autoren in der Welt, die sicher sein können, mit einem solchen Schritt ein Millionengeschäft zu machen. Denn Harry Potter ist derzeit wohl die wertvollste Marke in der Welt der Bücher. Dies kann und wird Rowling geschickt nutzen – es ist bereits angekündigt, dass über Pottermore den Fans eine ganz neue Form der Interaktion möglich sein wird, die sie letztlich nur nach fester an das Potter-Universum fesseln wird.

Die Lehre für Verlage und Buchhandel: Raus aus dem Quark!

J.K. Rowling verschreibt sich damit dem B2C-Geschäftsmodell – eben jenem direkten Kontakt zu den Lesern, den die Verlage zumeist scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Wenn für Buchhändler und Verlage in Deutschland die Pottermore-Geschichte eine Lehre beinhaltet, dann die, endlich aus dem Quark zu kommen und sich dem Kunden zuzuwenden.  Es ist doch nachgerade zum Jammern, dass sämtliche nennenswerten Aktivitäten der tradierten Buchbranche im Ebook-Bereich sich auf den B2B-Bereich konzentrieren und dabei gerade den unabhängigen Buchhandel völlig alleine lassen.

Die Apples, Amazons oder Googles der Welt sind bereits fröhlich winkend vorbeigezogen, und mit ihnen der größte Teil der potentiellen Kundschaft.  Die Autoren, zumal die bekannteren unter ihnen, werden in gar nicht so ferner Zukunft ein gleiches tun.