Dom Knihy, Prag (c) ehlingmedia 2011

Falls Sie in einem Verlag arbeiten, dann seien Sie versichert: SIE sind nicht gemeint, in IHRER Firma läuft alles bestimmt zur besten Zufriedenheit.

Allerdings: Es ist unbestritten, dass immer mehr Autoren – etablierte ebenso wie Newcomer – sich ernsthaft Gedanken darüber machen, ob die gewohnte Zusammenarbeit mit Verlagen auch weiterhin tragfähig ist. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass immer mehr Verlage sich aus ihrer gewohnten Rolle als „Gatekeeper“ und Qualitätsgaranten zurückziehen – ich hatte darüber vor einiger Zeit schon geschrieben (Verlage ohne Leselust).

Bei Verträgen für Fach- und Sachbücher sind Formulierungen wie „Das Lektorat beschränkt sich auf die Korrektur von Grammatik, Zeichensetzung und Rechtschreibung“ beileibe keine Ausnahme mehr.  Gut, mag man sagen, wenn Verlage nicht mehr lektorieren wollen, bleiben immerhin noch Werbung, Marketing, Pressearbeit, Vertrieb. Doch wie viel Geld gibt ein Verlag schon aus, um das Buch eines Autors bekannt zu machen, das nicht zu den Top-Titeln des Monats oder der Saison gehört? Die Spiegel-Anzeigen für die neuesten Werke von Dan Brown oder Frank Schätzing bedeuten gleichzeitig, dass bei den weniger bekannten Autoren geknausert wird – obwohl  gerade diese jede Unterstützung dringend nötig hätten.  Selbst bei großen Verlagen ist man zumeist froh, wenn man vom Werk eines nicht-etablierten Autors mehr als 1.000 Stück im Jahr absetzt, eigenes Zutun des Verlags zum Verkaufserfolg beschränkt sich dabei gerne auf das Minimum.

Beispiel gefällig? Der in Wien lebende US-Amerikaner John Leake hat 2007 einen True-Crime-Thriller über den österreichischen Frauenmörder Jack Unterweger in den USA veröffentlicht, 2008 kam die deutsche Übersetzung beim Residenz-Verlag heraus. Als dann Heyne die Taschenbuch-Rechte erwarb, bat mich John, ihn in Sachen Pressearbeit zu unterstützen. Mit so etwas verdiene ich mein Geld, also fragte ich bei Heyne nach, was denn verlagsseitig an PR geplant sei und ob ich irgendwelche Handreichungen leisten könne? Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen, dann die Frage „John wer?“ Nein, für solche Bücher mache man keine Pressearbeit, hieß es abschließend.

Vorbildlich.

Auch schön, und noch einmal aus persönlicher Erfahrung: Mir flatterte im vergangenen Jahr ein Vertragsentwurf mit einem sehr großen Sachbuchverlag ins Haus, der vorsah, dass 10 Prozent der mir zustehenden Honorarsumme pauschal und ohne Nachweis einbehalten würden zur Finanzierung von Werbe- und Freiexemplaren

Keinen Bock auf Lektorat, Zurückhaltung bei Werbung und Marketing und Pressearbeit, und dann auch noch die Idee, dass die Autoren aus ihren Honoraren die Werbung mitfinanzieren sollen.

Grandios.

Wozu sollten also weniger bekannte Autoren noch mit Verlagen zusammen arbeiten? Der Verweis darauf, dass Verlage Marken bilden und darüber den Kunden motivieren, kann allenfalls in der Parallelwelt der Buchbranche verfangen: Kunden in der realen Welt kennen keine Verlage. Oder haben Sie schon einmal gehört, dass ein Kunde gefragt hätte: „Haben Sie was Neues von Fischer  (oder HoCa, Ulmer, Links etc.)?“  Eben.

Ja, ich kenne die gute, alte Kalkulations-Faustregel der Verlage, nach der 20 Prozent des Programms die restlichen 80 Prozent durchschleppen müssen. Für den einzelnen Autor, dessen Titel zu den 80 Prozent der durchgeschleppten Titel gehört, ist dies aber wenig tröstlich – ihr Bemühen um ihr Buch ist 100 Prozent. Von den Verlagen weitgehend unbemerkt (und auch in den „55 Thesen zum Buchmarkt 2025“ völlig ausgespart), hat sich eine massive Absetzbewegung herausgebildet, und Ebook-Selbstverlagsportale wie Bookrix, Xinxii oder Epubli boomen auch in Deutschland. Seit Amazon mit seinem Kindle-Store auch hierzulande aktiv wurde, ist noch einmal zusätzliche Musik in die Sache gekommen, auch wenn die Verkäufe wohl noch zu wünschen übrig lassen.  Verlässliche Zahlen für diesen „Nebenmarkt“ fehlen derzeit in Deutschland, auch weil der Börsenverein des Deutschen Buchhandels solche Zahlen nicht erheben lässt.

90 Prozent der in den USA veröffentlichten Titel stammen nicht von Verlagen

Für die USA, bis dato weltweit der einzige wirklich funktionierende Ebook-Markt, sieht das anders aus.  Ein aktueller Reuters-Bericht listet erstaunliches auf: Im Jahr 2010 kamen in den USA 2,8 Millionen „nontraditional books“ auf den Markt, gedruckt und digital, gegenüber 316.000 Titeln, die über die Verlage produziert wurden. Im Jahr davor lag das Verhältnis bei 1,33 Millionen zu 302.000 Titeln. 90 Prozent aller in den USA erschienenen Titel kommen heutzutage also nicht von Verlagen.

Natürlich ist darunter sicher vieles, was besser niemals das Licht der Öffentlichkeit gesehen hätte – unbestritten, geschenkt. Und viele dieser Texte werden wohl niemals einen Leserkreis erreichen, der über den engeren Kreis von Freunden und Familie hinausgeht. Ich gehöre selbst nicht zu denen, die angesichts solcher Entwicklungen in Freudenschreie ausbrechen. Und ich beharre nach wie vor auf meinem (Vor-)Urteil, dass 99 Prozent der von Verlagen abgelehnten Manuskripte völlig zu Recht abgelehnt werden.

Bei der Entwicklung weg von Verlagen geht es mir aber nicht um diejenigen, die Freunde und Familie beeindrucken wollen. Es geht mir um diejenigen, die – so wie ich selbst – mit ihrem Schreiben ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. Dort sind die etablierten Autoren natürlich auch beim Thema Selbstverlegen im Vorteil: Den neuen Coelho würden seine Fans immer erwerben, ganz gleich ob er das Buch nun selbst verlegt oder nicht. Als im vergangenen Jahr der US-amerikanische Agent Andrew Wiley verkündete, seine Klienten mittels Ebook künftig selbst verlegen und über Amazon vertreiben zu wollen, da ging es um gut 700 Autoren von zum Teil allerhöchstem Kaliber.

DAS nennt man gefährlich.

Aber dank der mangelnden Fürsorge vieler Verlage haben auch weniger bekannte Autoren aufgrund der angebotenen Erlösmodellen eine echte Chance, mit dem Selbstverlegen wenigstens ein bisserl Geld zu verdienen: 70/30 zugunsten der Autoren ist meistens die Aufteilung der Erlöse – im Vergleich zu den 6 bis maximal 10 Prozent vom Netto-Ladenpreis, die Verlage anbieten, ist das nicht ganz so schlecht (auch wenn die Preise selbst verlegter Ebooks in der Regel sehr niedrig sind).

Das Ebook-Spamming ist da

Schöne Neue Welt also, jedenfalls irgendwann? Vielleicht. Es gibt allerdings auch Unschönes zu berichten: In den USA, wo der Kindle-Store hervorragend floriert, hat das Ebook-Spamming begonnen. Der weiter oben schon angeführte Reuters-Bericht weiß zu erzählen, dass  tausende von Ebooks in den Kindle-Store eingestellt werden, die offensichtlich automatisch zusammengeschustert werden aus Inhalten, die unter Private Label Rights (PLR) erhältlich sind.

Was PLR ist, erklärt der Anbieter Content-Quelle:

PLR“ steht für Private Label Rights und gibt Ihnen das Recht, Content der von anderen geschrieben wurde, zu nutzen, als wäre es Ihr eigener. Dies beinhaltet normalerweise:

  • Das Recht, den Inhalt beliebig zu verändern oder umzuschreiben. Sie können diese zur Erstellung von Software, eBooks oder Artikel verwenden. Im Gegensatz zu Resell Rights, die Ihnen nur das Recht geben, das Produkt als solches unverändert weiterzuverkaufen, haben Sie bei PLR das Recht, den Inhalt beliebig zu verändern. Einige Autoren von PLR erlauben die Verwendung sogar nur, wenn der Inhalt zum grössten Teil verändert oder umgeschrieben wurde. Informieren Sie sich darüber, bevor Sie PLR-Content erwerben.
  • Das Recht, den Artikel als Ihren eigenen auszugeben.
  • Das Recht, den Content an Dritte zu verschenken oder zu verkaufen.

Das öffnet Scharlatanen Tür und Tor, die gleiche Inhalte unter verschiedenen Namen und Titeln mehrfach anbieten und damit gutwillige Leser abzocken. Und bei den meist niedrigen Preise von um die 0,99 US-Dollar wird kaum jemand auf die Idee kommen, großartige juristische Schritte einzuleiten.  Vermeintlich clever fühlen sich wohl auch die Anbieter von „Automated Kindle Cash“, ein DVD-Kurs, der den Käufern beibringen will, wie man ohne jegliche eigene Arbeit pro Tag zwischen 10 und 20 Kindle-Ebooks produzieren und in den Store einstellen kann.

Make Money – Be A Spamschleuder

Gleichzeitig mit der (legalen) Verwendung solcher PLR-Inhalte greift aber auch das Kopierwesen um sich – digitale Inhalte werden insgesamt kopiert und unter anderem Namen und Titel als eigene Werke eines nur mit Pseudonym kenntlichen Autors angeboten.

Und da wird das dann böse – böse für die Autoren von Originalwerken, die sich um den Lohn ihrer Mühen gebracht sehen, böse aber auch für die Betreiber von Ebook-Plattformen, die in die Rolle von Hehlern gedrängt werden und zusätzlich ihren Kunden einen unübersehbaren Schwall von Schrott-Content darbieten.

Angesichts der dramatisch ansteigenden Menge von Ebooks, die über diese Plattformen zukünftig angeboten werden, ist es unrealistisch zu erwarten, dass die Amazons der Welt eigene Lektorate einsetzen. Warum sollte ein Online-Händler tun, wozu Verlage keine Lust haben?

Der einzige Ausweg scheint darin zu liegen, potentiellen Selbstverlegern einen Obolus abzuverlangen für den Upload von Ebooks in diese Plattformen – das sollte für die ernsthafteren Zeitgenossen kein Problem darstellen, die Spammer aber nachhaltig abschrecken.