Daunt's Marylebone (c) ehlingmedia 2011

Was haben ein ordentliches Rindersteak und die neuesten 500-Seiten-Wälzer von Grisham und Konsorten gemein? Beide belasten sie das Weltklima durch die Art ihrer Erzeugung. Weshalb das Retten von Bäumen eines der offensichtlichen Argumente für die möglichst rasche Abkehr vom gedruckten Buch ist: Allein die US-Verleger von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen verbrauchen pro Jahr gut 125 Millionen Bäume. Das bedeutet, dass für das Drucken von Information und Unterhaltung pro Einwohner des Landes ein halber Baum dran glauben muss. Da stellt sich durchaus die Frage, ob das Rascheln der Blätter im Wind nicht dem Rascheln des Blätterns im Buch vorzuziehen ist.

Neben den gefällten Bäumen kommt bei der Buchherstellung aber noch einiges andere hinzu, was der Forelle das Bächlein helle raubt: die Chemikalien für die Druckfarbe, den Einband, den Kleber für die Bindung, außerdem fallen bei der Papierproduktion erhebliche Mengen an Abwasser an, die durch Bleichmittel belastet sind. Druckfarbe wird heute immer häufiger auf Basis von Soja statt Erdöl hergestellt, und das Recycling von Altpapier sowie der Einsatz von Holz aus Baumbeständen, die ökologisch sinnvoll kultiviert sind, verschont eine Menge Bäume. Allerdings benötigt man ebenfalls enorm viele Chemikalien zur Säuberung des Recycling-Papiers, und dazu noch viel Energie und Wasser. Glaubt man einem Post im Utopia-Blog, kostet jedes produzierte Buch an die vier Kilogramm CO2.

Eher zufällig bin ich in meinem Archiv auf einen nicht mehr ganz taufrischen Bericht gestoßen, in dem die Cleantech Group im Jahr 2009 den eben erwähnten Baumverbrauch der US-amerikanischen Verlage anführt und im Weiteren die Ökobilanz für den Kindle aufmacht– und siehe da, sie ist positiv.

Basierend auf der Annahme, dass ein durchschnittlicher Leser knapp 23 Bücher pro Jahr auf seinem Kindle liest, wäre bereits nach einem Jahr der Nutzung die Ökobilanz gegenüber Printbüchern ausgeglichen. Pro weiterem Nutzungsjahr schlägt eine Ersparnis von 168 Kilogramm CO2 zu Buche. Für die Jahre von 2009 bis 2012 sei eine Entlastung von fast 10 Milliarden Kilogramm möglich, heißt es in dem Report, der seinerzeit allerdings annahm, dass deutlich weniger Lesegeräte verkauft werden könnten als tatsächlich der Fall war – Anfang des Jahres 2009 lebten wir in einer Welt, die das iPad noch nicht kannte.

Wie viele elektronische Lesegeräte bereits jetzt ihren Weg zum Leser gefunden haben, ist schwer zu beziffern – weder Amazon noch Apple oder Sony oder einer der vielen anderen Mitbewerber liefern wirklich verlässliche Zahlen. Wenn man die verschiedenen Verlautbarungen allerdings zusammenzählt, kommt man schnell auf eine Zahl von wenigstens 20 Millionen Readern, die allein in den USA im vergangenen Jahr gekauft wurden.

Die Cleantech-Studie wurde seither gerne zum Nachweis dafür genommen, dass tatsächlich die Rettung des Weltklimas durch die Abkehr von der Lektüre gedruckten Materials befördert werden könnte. Bevor wir aber jetzt die Weltrettung durch E-Reader ausrufen, steht eine kleine Abkühlung ins Haus: Die ehrwürdige New York Times ließ zwei ihrer Autoren genauer hinschauen, und die Ergebnisse der Recherche von Daniel Goleman und Gregory Norris brachten höchst Interessantes zu Tage.

Wir alle wissen, dass es massive Unterschiede gibt in der Herstellung der einzelnen Lesegeräte: Ein E-Ink-Bildschirm benötigt andere Ingredienzen als ein Vollfarb-Touchscreen wie ihn das iPad oder der Galaxy Pad oder der Nook bieten. Und letztlich ist ein Reader oder Tablet auch nur ein (eingeschränkt verwendungsfähiger) Kompakt-Computer, bei dessen Herstellung ähnlich erkleckliche Mengen an Schadstoffen entstehen oder verwendet werden wie bei der Herstellung eines Netbooks.

Die Kollegen von der New York Times berichten, dass pro E-Reader gut 15 Kilogramm Mineralien gefördert werden müssen. Darin enthalten sind Spuren von Coltan und anderen exotischen Metallen, die häufig in Regionen gefunden werden, die wir ansonsten nur aus der Berichterstattung über schreckliche Bürgerkriege kennen: Der Osten Kongos gehört dazu. Nicht zu vergessen ist der Silicium-Sand, der für die Herstellung der Waferboards benötigt wird, die in den Lesegeräten verwendet wird. Mehr als 320 Liter Wasser werden verbraucht, um Batterien herzustellen, Schaltkreise zu drucken und Gold zu raffinieren, das in diesen Schaltkreisen Verwendung findet.

Life Cycle of an e-Book Reader (c) Kaber Girme

Ein Buch aus Recycling-Papier dagegen braucht im Schnitt nicht mehr als 300 Gramm Mineralien – und die kommen zum Einsatz beim Bau der Straßen, auf denen die Rohstoffe und die fertigen Bücher transportiert werden. Zusätzlich fallen etwa 10 Liter Wasser pro Buch an, die man braucht um das nötige Papier herzustellen.

Zusätzlich zu diesen Schadstoffen belastet auch der Stromverbrauch bei Herstellung und Nutzung der Reader die Umweltbilanz. Laut New York Times werden pro Reader für die Herstellung rund 100 Kilowattstunden Energie verbraucht, dabei entstehen etwa 27 Kilogramm CO2. Bei einem Buch fallen etwa 2 Kilowattstunden Energie ins Gewicht, zum größten Teil beim Trocknen der Papiermasse. Außerdem widerspricht man hier dem Cleantech-Report fundamental, was die Erzeugung von CO2 angeht: Statt der dort angesetzten 4 Kilogramm CO2 pro Buch geht man hier von lediglich etwa 250 Gramm aus.

Kräftig verdüstert wird die Umweltbilanz des gedruckten Buches durch den Vertrieb: Wenn ein Buch über etwa 500 Meilen (ca. 800 Kilometer) transportiert wird vom Drucker zum Lager und von dort zum Leser, verdoppelt sich die Belastung. Wer mit dem Auto zur Buchhandlung fährt und dabei etwa 5 Meilen (ca. 8 Kilometer) zurücklegt, verursacht die zehnfache Menge an Umweltschäden, wie sie bei der Produktion des Buches entstehen. Für den E-Reader sieht die Rechnung noch düsterer aus: Die Produktion des Geräts entspricht in ihrer Schadensbilanz einer Autofahrt von 300 Meilen (knapp 500 Kilometer).

Dank WLAN-Anbindung, Hintergrundbeleuchtung und ähnlichen Bequemlichkeiten stehen die neuesten Reader den üblichen Netbooks im Energieverbrauch nicht viel nach. Trotzdem ist hier die Energiebilanz gegenüber dem gedruckten Buch gut – wer im Bett bei eingeschaltetem Licht eine Stunde lang liest, verbraucht durch die Glühbirne wesentlich mehr Energie als es der Reader tut, der ein hoch effizientes Energiemanagement besitzt. Nur wer sein Buch bei Tageslicht liest, bleibt in Sachen Umwelt sauber.

Hier ist anzumerken, dass die technische Entwicklung weiterhin rasant ist, besonders wenn es um energiesparende Chips und Bildschirme geht. Wenn eines Tages eine Technologie wie der vom koreanischen Elektronikonzern LG entwickelte feine Solarzellenfilm, mit dem Tablets und Mobiltelefone sich selbst aufladen können, zum Industriestandard werden sollte, ist sicherlich mit weiteren Entlastungen bei der CO2-Produktion zu rechnen: Lesen würde das Weltklima weniger belasten als bisher.

Richtig heftig wird es beim Thema Entsorgung. Nur, wenn ein E-Reader durch die geordneten Kanäle der Computerverschrottung entsorgt wird, bleiben größere Umweltschäden aus. Der größte Teil des Elektroschrotts wird aber weiterhin in irgendwelchen Dritte-Welt-Ländern per Hand auseinandergenommen, gerne auch unter Einsatz von Kinderarbeit. Die Arbeiter, die zumeist mit Pfennig-Löhnen entgolten werden, sind dabei einer Vielzahl von Giften ausgesetzt, die ihre Gesundheit nachhaltig schädigen. Auch bei Büchern ist die Entsorgung ein düsteres Kapitel: Die viele Chemie in Druckertinte, Klebebindung und Einband-Folien macht ein Buch eigentlich zum Fall für den Sondermüll. Trotzdem werden viele Bücher mit dem normalen Müll entsorgt und landen dann auf Halden; ihr Abbauprozess dauert lange und erzeugt ungefähr die doppelte Menge an Schadstoffen wie bei ihrer Produktion.

Den ökologischen Vorsprung sichert sich der Reader durch seine Speicherkapazität: Ob nun 1.000 oder 10.000 Bücher auf die dort verwendeten internen und externen Speicher passen, ist für das Prinzip unerheblich – es sind in jedem Falle veritable Privatbibliotheken, die dort Platz finden. Ich selbst, der ich tatsächlich bereits das eine oder andere Buch besitze, nutze meinen Reader (Nook Color von Barnes & Noble) vor allem für das Lesen von Rezensionsexemplaren und schneller Urlaubskost; die Platznot zuhause wird dadurch zwar nicht geringer, aber sie wird wenigstens nicht dringlicher.

Die Autoren des Cleantech-Berichts, die ihre Studie ja auf den Ur-Kindle ausgerichtet hatten, der kaum noch beispielhaft für die heutige Reader-Realität steht, weisen allerdings auf zwei wesentliche Voraussetzungen hin, die entscheidend ist für das Erreichen der prognostizierten Einsparungen: Zum einen muss die Nutzungsdauer eines Readers wenigsten vier Jahre betragen – wer alle ein bis zwei Jahre ein neues Gerät anschafft, um auf der Höhe der technischen Entwicklung zu bleiben, nützt der Umwelt nicht, denn die Entsorgung des Elektroschrotts ist enorm aufwändig. Zum anderen müssen die Verlage mit aller Kraft daran arbeiten, gedruckte Bücher durch digitale Versionen zu substituieren – das aber wird wohl kaum geschehen, vor allem in solchen Märkten, in denen sich das neue Lesemedium noch nicht nachhaltig durchgesetzt hat: Und dies sind bis heute alle Buchmärkte der Welt, einschließlich der USA: Dort hat man zwar einen enormen Vorsprung in Sachen verfügbarem Angebot und Kundenakzeptanz der E-Books, aber 10 bis 15 Prozent Marktanteil sind eben immer noch deutlich weniger als der Anteil der gedruckten Bücher.

Mein Fazit, und hier stimme ich mit den Kollegen von der New York Times überein: Wer wirklich umweltschonend lesen will, verzichtet sowohl auf den Reader als auch auf den Kauf des gedruckten Buchs. Ein reines Leser-Gewissen gibt es nur in der öffentlichen Leihbibliothek.