JMG Le Clézio bei der FIL 2010 in Guadalajara © ehlingmedia

JMG Le Clézio bei der FIL 2010 in Guadalajara © ehlingmedia

Wenn der Nobelpreisträger auf sich warten lässt, dann verzeiht man das gerne. Jedenfalls bei einer Buchmesse und jedenfalls dann, wenn er dann doch mit 10 Minuten Verspätung auftaucht und vor allem erst einmal freundlich aus der Wäsche guckt. J.M.G. Le Clézio ist der Nobelpreiszträger für Literatur des Jahres 2008, und die Buchmesse, bei der ich mich herumtreibe, ist diejenige in Guadalajara. Den meisten Europäern sagt Guadalajara wenig – was etwas unverdient ist für die Industriemetropole im Westen Mexikos, mit 7 Millionen Einwohnern immerhin die fünftgrößte Stadt in Nordamerika. Und dank seiner Universität seit nunmehr 24 Jahren Austragungsort der inzwischen wichtigsten Buchmesse in der spanisch sprachigen Welt.

Le Clézio reiht sich ein in die beeindruckende Reihe von literarischen Granden, die in jedem Jahr dieser Buchmesse die Ehre erweisen: Orhan Pamuk, Nadine Gordimer oder Jose Saramago waren ebenso hier wie ihre lateinamerikanischen Kollegen vom Schlage Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa oder Octavio Paz. Für Carlos Fuentes ist das alljährliche Bad im Zuspruch seiner treuen Fans so etwas wie ein Jungbrunnen – ich komme seit gut 15 Jahren hierher und ich kann mich nicht erinnern, dass Fuentes einmal gefehlt hätte.

Nun ja, kommen wir zurück zu Herren Le Clézio. Gemeinhin nimmt man an, dass Literaturnobelpreisträger zur Divenhaftigkeit tendieren und sich nur ungern einem Fragengewitter von Journalisten stellen, die auch gerne einmal recht unbedarfte Fragen nach dem Sinn von Leben, Leid und Literatur stellen. Zumal dann, wenn dieses Fragengewitter auch noch am Tag vor der eigentlichen Messe-Eröffnung stattfindet und sich der ehrenwerte Barde das Messegeländer teilen muss mit Pinselschwingern und Stand-Zusammenbastlern. Und vor allem, wenn man dann auch noch nicht einmal in seiner Muttersprache reden darf.

In unserer Liste der angenehmen Auftritte nimmt Le Clézio deshalb einen vorderen Platz ein: Sehr gelassen, sehr freundlich, stapft er durch das Aufbauchaos und spricht mit den Vertretern der berichtenden Zunft als sei unsereiner ein vernunftbegabtes Wesen. Und er tut dies auf Spanisch, und zwar in einem präzisen, idiomatischen Spanisch, das er nicht in Kursen gebüffelt, sondern auf vielen Reisen in Lateinamerika gelernt hat: Er spreche ein „idioma callejero“, sagt er von sich und grinst vergnügt in sich hinein.

Natürlich fehlen in Le Clézios Antworten nicht die braven Lobreden auf die große lateinamerikanische Literaturtradition. Tatsächlich wäre jeder ein Narr, der bei einem Auftritt in Lateinamerika nicht die Verdienste der Borges, Rulfo oder García Márquez betonen würde. Aber man merkt Le Clézio durchaus an, dass es ihm ernst ist mit seiner Verehrung für die Kollegen: Eine Frage nach der Rolle von Literaturen der Peripherie nutzt er zu einer engagierten Rede auf die Universalität der Literatur, und zur Propagierung verstärkter Bemühungen zur Übersetzung in den großen Buchmärkten Europas und Nordamerikas. Wobei er dann auch gleich den lieben Verlegern eins mitgibt, wenn er darauf hinweist, dass es durchaus gestattet ist, Texte zu übersetzen, die nicht von nordamerikanischen Besteller-Autoren stammen oder schwedische Verbrechensbekämpfer zu Helden haben.

Mit seinem Plädoyer für Übersetzungen und für die Universalität von Literatur trifft Le Clézio den thematischen Nagel der Buchmesse in Guadalajara auf den Kopf. Spätestens seit die mexikanische Schulbehörde SEP vor gut zehn Jahren damit begonnen hat, massenhaft Kinder- und Jugendbücher für den Einsatz in Bibliotheken anzukaufen, ist der Markt für Übersetzungen in Lateinamerika angesprungen, wovon auch deutschsprachige Verlage profitieren. Zum großen Ärger vieler lateinamerikanischer Verleger wird dieser Markt aber weiterhin dominiert von spanischen Verlagen, die bei Lizenzverhandlungen grundsätzlich darauf pochen, die Weltrechte für die Märkte in dieser Sprache zu erwerben. Dank der zum Teil erheblichen Unterschiede im Sprachgebrauch, die sich im Laufe der Zeit zwischen den Ländern Lateinamerikas und der iberischen Halbinsel entwickelt haben, sind diese Übersetzungen allerdings nur schwer auf der anderen Seite des Atlantiks zu verkaufen. Mit dem Ergebnis, das etwa in Argentinien lediglich zwei Prozent der jährlichen Neuerscheinungen auf Übersetzungen zurück gehen.

Was das mit Le Clézio zu tun hat? Nun, auch seine Werke werden stets rasch ins Spanische übersetzt und erscheinen bei Tusquets; auch seine Werke haben ob der Übersetzung ins iberische Spanisch nicht die Marktchancen in Lateinamerika, die ihnen zukommen sollten. Womit wir am Ende der Pressekonferenz mit Herrn Le Clézio gekommen wären und auch zum Ende dieses ersten kleinen Berichts aus Guadalajara.

Wenn Sie Fragen haben zur Buchmesse in Guadalajara und zu den lateinamerikanischen Buchmärkten, schicken Sie mir eine Email. Ich werde mich treulichst bemühen, Ihre Fragen zu beantworten.

Für heute sende ich saludos cordiales und verweise darauf, dass Sie Herrn Le Clézio auf Deutsch lesen können: Hier ist der Link zur Deutschen Nationalbibliothek.

Und hier gibt es Informationen zur Buchmesse in Guadalajara.