Chinesischer Stand auf der Frankfurter Buchmesse (c) Frankfurter Buchmesse / Peter Hirth

Chinesischer Stand auf der Frankfurter Buchmesse (c) Frankfurter Buchmesse / Peter Hirth

Nein, diese Woche war nicht gut für Guido Westerwelle, wie so viele Wochen davor auch. Dank Volkes Unbehagen wurde er von seiner Partei abserviert, das muss uns nicht weiter kümmern, Parteivorsitzende kommen und gehen und man muss kein Mitleid haben, wenn sie abdanken. Wenn aber der Außenminister der Bundesrepublik bei einem Auslandsbesuch sich den Stinkefinger zeigen lassen muss, dann müssen wir uns schon fragen, ob dies nur mit der Missachtung der Person zu tun hat, oder ob darin nicht eine weitergehende Missachtung zu sehen ist, die uns alle angeht.

Die Rede ist von der desaströsen Reise des Außenministers Westerwelle nach Peking, die eigentlich der Eröffnung einer groß angelegten Schau von Werken aus deutschen Museen zum Thema „Kunst der Aufklärung“ dienen sollte. Westerwelles Rede, in der er deutlich den Wert der Menschenrechte herausstellte, war wohl außergewöhnlich gut, so wird berichtet. Tatsächlich aber ging diese Eröffnung unter im Getöse um die Einreiseverweigerung für den Schriftsteller Tilman Spengler und die Festnahme von Ai Weiwei. Spengler hatte die Veranstaltung, bei der Westerwelle auftrat, mit organisiert, durfte aber nicht einreisen, weil er sich für den in China eingesperrten Liu Xiabo engagiert. Ai Weiwei gilt den Behörden sowie als Störenfried, seine derzeitige Verhaftung steht in einer langen Kette von bösartigen Repressionen gegen ihn. Die Vorgänge sind hinlänglich erörtert worden (BuchMarkt, SpOn), das muss ich hier nicht noch einmal tun.

Aber die Frage muss man stellen dürfen, ob wir eigentlich noch ganz bei Trost sind, wenn wir hinnehmen, dass ein anderes Land die Zusammensetzung der Reisedelegation des deutschen Außenministers bestimmen kann. Und man muss die Frage nach dem bei Trost sein erst recht stellen, wenn man aus der FAZ erfährt, dass bei eben jenem Symposium, zu dem Spengler nicht reisen durfte, deutsche Wirtschaftsführer die Frage nach einer Begründung dieser Einreiseverweigerung mit Buhrufen bedacht haben. Oder wenn Martin Roth, Leiter der Staatlichen Kunstsammlung in Dresden, ebenfalls in der FAZ , sich nicht über das Vorgehen der Chinesen empört, sondern über die deutsche Kritik an den Vorgängen in China schimpft.

Kritik soll zur rechten Zeit erfolgen. Man darf sich nicht angewöhnen, erst dann zu kritisieren, wenn das Unheil passiert ist. (Mao Zedong)

Womit wir angelangt wären beim Rückblick auf die Frankfurter Buchmesse 2009, die sich seinerzeit mit ihrem Ehrengast China einen öffentlichen Super-GAU eingefangen hat. Sie erinnern sich: Pünktlich zum 60. Jahrestagung der Machtergreifung der Kommunistischen Partei und rechtzeitig zum 50. Jubiläum der Flucht des Dalai Lama aus Tibet hatte man diesem Regime, das den Tod von fast 80 Millionen Menschen zu verantworten hat, eine Ehrenfeier in Glanz und Gloria ausgerichtet. Der Grund dafür: Der chinesische Buchmarkt sei groß und interessant, hieß es.

Ja ja, der Markt, er ist uns heilig. Für eine Buchmesse, die sich in erster Linie als Plattform für die Geschäfte ihrer Kunden verstehen muss, lag die Einladung an China nahe: China kauft fleißig Lizenzen ein, und jeder Verleger ist gehalten, sich um dieses potenziell große Geschäft zu bemühen. China liefert dafür auch die nötigen Reizwörter: Marktwirtschaftliches Denken statt zentrale Steuerung ist die immer wieder ausgegebene Parole, die in der Praxis aber wenig Beachtung findet, vor allem wenn es um Bücher und andere Medien geht. Das Regime will nicht und wird nicht zulassen, dass ihm die Kontrolle über die publizierten Inhalte entgleitet. Westliche Medienunternehmen, die in China investieren, spielen gerne mit dabei: Ob Rupert Murdoch die renitente BBC aus seinem Satelliten-TV verbannt, ob Google Websites sperrt oder Yahoo bei der Einkerkerung von Dissidenten hilft – das Regime kann sich eigentlich immer darauf verlassen, dass ihm bei seinem Durchgriffswillen wenig Widerstand entgegengesetzt wird.

Die Entscheidung für den Ehrengast China bei der Frankfurter Buchmesse war nicht viel mehr als eine Wette auf das große Geschäft. Und weil man da beteiligt sein wollte, hat die Buchmesse gleich noch eine Tochterfirma in China gegründet, die aber bislang nur als Bilanzposten vor sich hin dümpelt. Mit dieser Wette aber hat die Frankfurter Buchmesse aufgegeben, was sie bisher einzigartig machte unter den Buchmessen der Welt: den Anspruch nämlich, mehr sein zu wollen als nur ein Marktplatz der Eitelkeiten und des Geschäfts; den Willen und die Fähigkeit, Stellung zu beziehen für Werte jenseits der Bilanzen.

Bevor Sie meinen, ich würde hier aus der bequemen Position des hinterher schlau Gewordenen räsonieren: Meine Kritik am Ehrengastauftritt Chinas habe ich seit 2007 sowohl intern, gegenüber Börsenverein und Buchmesse, als auch mehrfach öffentlich kundgetan.

Das Gastländer-Programm der Frankfurter Buchmesse war das wichtigste Aushängeschild für dieses Leitbild. Es startete 1976 mit einem dezidiert politischen Anspruch: Lateinamerika, seinerzeit im Würgegriff von Militärdiktatoren, wurde zum „Schwerpunkt“ gemacht. Dutzende von Autoren – von Vargas Llosa bis Garcia Marquez – erhielten Gelegenheit, vor einem Weltpublikum die Zustände in ihren Heimatländern anzuprangern. Vier Jahre später nutzten afrikanische Schriftsteller den Schwerpunkt Afrika, um das Apartheidregime in Südafrika ebenso anzuprangern wie die Kleptokraten in ihren Heimatländnern. Selbst nachdem die Frankfurter Buchmesse vom ursprünglichen Prinzip, die „Schwerpunkte“ selbst zu veranstalten abkehrte und den „Gastländern“ die Organisation übertrug, sorgten Autoren und Intellektuelle aus den Gastländern für die nötigen Auseinandersetzungen um die Inhalte.

Auch bei potenziellen Problemfällen gelang es so, die Vielfalt der Meinungen zur Geltung zu bringen: Im Falle Russlands etwa, wo eine lautstarke Fraktion um Viktor Jerofejev gegen die Putinisierung des Landes polemisieren durfte, und auch bei der Arabischen Welt, als dem intransigenten Konzept der Organisatoren eine Vielzahl von Buchmesse-initiierten Veranstaltungen entgegengesetzt wurden. Die nationalistische Propagandaveranstaltungen sind aber seit einigen Jahren zur Regel geworden: Katalonien 2007, die Türkei 2008, China 2009 – das war alles recht scheußlich.

Die Ausstrahlung der Gastlandauftritte auf die öffentliche Diskussion in Deutschland ist enorm: Mit einem Symposium im Vorfeld der Buchmesse 2009 wollte man allzu scharfer Kritik den Zahn ziehen – es wurde zur Katastrophe, als zwei kritische Autoren erst ein-, dann aus-, dann doch wieder eingeladen wurden und die chinesische Delegation die Anwesenheit der beiden Dissidenten mit dem geschlossenen Auszug aus der Veranstaltung quittierte. Nach der Buchmesse entledigte man sich des Honorarmitarbeiters Peter Ripken in einer öffentlichen Schlachtaktion, die an Perfidie kaum zu übertreffen war: Ripkens Honorarvertrag war sowieso ausgelaufen, da gab es niemanden zu entlassen. Die Öffentlichkeit ist dazu da, getäuscht zu werden – so lautet wohl das Kommunikationsprinzip hinter dieser Charade.

Wenn die Frankfurter Buchmesse heute erklärt, dass man angesichts der Aussperrung von Spengler und der Einsperrung von Ai Weiwei enttäuscht sei über die weiterhin restriktiven Verhältnisse in China, dann ist das sicher ernst gemeint. Aber: Hatte man in Frankfurt wirklich gedacht, man könne den Chinesen vorführen, wie in der Welt über sie gedacht und geredet wird? Hatte man wirklich erwartet, dies möge Wirkung zeigen? Das wäre eine honorige Absicht – aber auch haarsträubend naiv und geprägt von abenteuerlicher Selbstüberschätzung.

Es ist für uns sehr enttäuschend zu sehen, dass die Verhältnisse inzwischen wieder viel restriktiver geworden sind als vor zwei Jahren. (Juergen Boos)

Die Ehrengast-Präsentation Chinas hat 2009 keinerlei Rücksicht genommen auf Befindlichkeiten hierzulande. Man stellte sich groß und beeindruckend dar, als uralte Kulturnation und prosperierender Wirtschaftspartner. Streit um kulturelle Identität, wie er die meisten Gastlandauftritte so faszinierend gemacht hat, stand nicht auf der Agenda. Die Wirkung in China selbst entsprach genau den Planungen der dort Verantwortlichen: Das Regime verkaufte den Ehrengastauftritt als Hommage, die Ehrung der kulturellen Leistungen wurde gleichzeitig zur Ehrung des herrschenden Systems erklärt. So wurde das wohl auch bei den chinesischen Dissidenten beurteilt, deren Stimme damals wie heute niemand hören soll.

Ach ja, der Markt: Gut 275.000 Titel werden in China pro Jahr produziert, der Umsatz wird für 2008 auf ca. 6,5 Milliarden Euro beziffert – das ist nicht allzu toll. Laut Buch und Buchhandel in Zahlen rauschte der Lizenzverkauf deutscher Verlage nach China 2009 um knapp 20 Prozent auf nur noch 491 Titel in den Keller. Auch ein Erfolg der Gastlandpräsentation …

Sollen wir, dürfen wir kulturellen Austausch pflegen mit Ländern wie China, Kuba oder dem Iran? Ja, wir sollen und dürfen dies nicht nur tun, sondern wir müssen es tun. Allerdings müssen wir ebenfalls unterscheiden zwischen der Hinwendung zu Künstlern und der Komplizenschaft mit Regimen, die den Kulturaustausch einzig als Instrument zur Propaganda nutzen und zur Absicherung der Position im eigenen Land.

Mit der Einladung an China 2009 hat sich die Frankfurter Buchmesse zum Propagandainstrument des chinesischen Regimes gemacht; sie hat diejenigen geehrt, die Menschenrechte und die Freiheit des Wortes mit Füßen treten und sie durch diese Ehrung in eine noch weit mächtigere Position gegenüber den Dissidenten im eigenen Land gebracht. Heute kursiert bei chinesischen Künstlern und Intellektuellen die Furcht vor einer neuen Kulturrevolution, und diese Angst ist alles andere als unbegründet angesichts der flagranten Verletzungen von Meinungsfreiheit, Menschenrechten und den in China gültigen Gesetzen durch das Regime.

Die Frankfurter Buchmesse, die ihr Gastländerprogramm 1976 mit einem Fanal gegen die Unterdrücker in Lateinamerika begann, hat sich 2009 mit den Unterdrückern verbündet. Immerhin ist man heute “enttäuscht” vom damaligen Verbündeten. Na, dann ist ja alles in Ordnung.