iLiad Reader

iLiad Reader (c) Martouf

Die Internationale Verleger-Union ist eine Vereinigung, deren Sinn und Zweck sich nicht immer auf den ersten Blick erschließt: Urheberrecht und andere Grundlagen der verlegerischen Arbeit fallen ausnahmslos in nationale Zuständigkeiten, da ist die Einmischung eines internationalen Verbands eher wirkungslos. Und wenn es um Zensur geht, prallt das machtvolle Wort der Kollegen aus Genf an Freunden von Frieden und Freiheit in China und anderen Schriftstellerparadiesen ebenfalls ziemlich wirkungslos ab.

Aber letztendlich ist die IVU doch eine nützliche Vereinigung. Jetzt nämlich wurden die Vorstandsmitglieder gebeten, Zahlen, Daten und Einschätzungen zur Situation der Ebooks in ihren  jeweiligen Heimatmärkten zu liefern. Die Kollegen vom britischen Buchhandelsmagazin The Bookseller haben die Informationen zusammengetragen. Wir fassen diese  für Sie zusammen und geben am Ende unseren Kommentar. Die Zahlen zum deutschen Markt für Ebooks hat der Börsenverein Mitte März  vorgestellt, in unserem Blog haben wir davon berichtet. Mit 0,5 Prozent Marktanteil und rund 2 Millionen verkauften Ebooks im Jahr 2010 ist von Geschäft hier nicht zu reden. So sieht es in den anderen Ländern aus – wobei ich warne, dass diese Daten sicherlich nicht  niet- und nagelfest sind, allerdings geben sie Tendenzen wieder, die so wohl zutreffen.

Frankreich

Marktgröße: ca. 13 Millionen Euro in 2009, das entspricht 0,5 Prozent Marktanteil.

Besonderheiten: Apple hat seinen iBook-Store gestartet, allerdings haben nur wenige französische Verlage bislang das Agency-Modell akzeptiert. Amazon ist bislang noch ganz außen vor, die französischen Verlage wollen den Kindle-Store nicht beliefern. Der Mobiltelefonkonzern Orange ist interessiert, ein Kiosk-Modell zu etablieren. Die französischen Verlage bemühen sich um eine Preisbindungsregelung für Ebooks, bislang aber noch ohne greifbares Ergebnis.

Großbritannien

Internationale Verlegerunion

Marktgröße: Keine konkreten Zahlen; einige Verlage vermelden Absatzsteigerungen bei Ebooks zwischen 100 und 800 Prozent in 2010, der Umsatzanteil wird auf 1-9 Prozent der Unternehmensumsätze beziffert.

Besonderheiten: Der britische Ebook-.Markt folgt dem US-amerikanischen in einem Abstand von etwa zwei Jahren. Dieser Abstand verkürzt sich durch die exponentiellen Steigerungen der globalen Ebook-Verkäufe; dies wird unterstützt durch die Proliferation von Tablets und Smartphones, die dedizierte Lesegeräte substituieren. Problematisch ist die Situation bei den territorialen Vertriebsrechten, die den englischsprachigen Markt in seiner Entwicklung hemmen.

Italien

Marktgröße: 0,1-0,2 Prozent Marktanteil (gesamter Markt ca. 1,5 Milliarden Euro)

Besonderheiten: Die großen Verlage und Distributoren sind im vergangenen Jahr in den Markt eingestiegen und haben Vertriebsplattformen aufgebaut. Als Ergebnis stand eine Umsatzsteigerung von 30 Prozent in 2010 zu Buche. Problematisch ist der gespaltene Mehrwertsteuersatz: gedruckte Bücher werden mit 4 Prozent besteuert, Ebooks mit 20 Prozent.

Japan

Marktgröße: ca. 11,7 Milliarden Yen in 2010, das entspricht 1,1 Prozent Marktanteil.

Besonderheiten: Bis 2015 wird eine Umsatzsteigerung auf 240 Milliarden Yen erwartet, das würde einem Marktanteil von 10 Prozent entsprechen. Problematisch zeigt sich die rechtliche Situation: Für gedruckte Bücher gibt es eine Preisbindung, die erstreckt sich allerdings nicht auf Ebooks. Ausserdem erlaubt das japanische Copyright das Digitalisieren geschützter Werke zum persönlichen Gebrauch – ein weit offenes Einfallstor für Piraterie.

Niederlande

Marktgröße: ca. 1,8 Millionen Euro in 2010, das entspricht 0,3 Prozent Marktanteil.

Besonderheiten: Es wird eine Verdoppelung des Umsatzes im laufenden Jahr erwartet. In den Niederlanden wird über eine zentrale Branchenplattform zum Ebook-Vertrieb nachgedacht. Die Verlage befürchten Piraterie und scheuen wegen der mangelnden Standardisierung der Daten größere Investitionen. Es bestehen große Vorbehalte gegen die drei großen Ebook-Anbieter Google, Apple und Amazon, die mittelfristig auch als Konkurrenz für die Verlage angesehen werden. Die Nutzung von Ebooks durch die Bibliotheken ist bislang ungeregelt.

Spanien

Marktgröße: ca. 51,3 Millionen Euro, das entspricht 1.6 Prozent Marktanteil

Besonderheiten: Die spanischen Verlage sehen einen maximalen Ebook-Anteil von 10-12 Prozent in den kommenden 10 Jahren. Bislang gibt es keine tragfähigen Geschäftsmodelle außer für juristische Datenbanken; Lizenzmodelle für die Bibliotheksnutzung sind in Arbeit. Verlage sind bis zu einer rechtlichen Klärung der Copyright- und Steuersituation zurückhaltend beim Investment.

Südafrika

Marktgröße: ca. 4 Millionen Pfund in 2009, das entspricht 1,5 Prozent Marktanteil

Besonderheiten: Alle wesentlichen Publikumsverlage arbeiten an einer Ebook-Strategie; die wichtigsten Online-Buchhändler haben Ebooks im Angebot. Amazon hat Kindle gestartet. Südafrikanische Verlage, die Tochterfirmen internationaler Konzerne sind, halten sich mit Marketinganstrengungen zurück, weil Ebooks, die über Amazon verkauft werden, wirtschaftlich den Mutterunternehmen zugerechnet werden und deshalb keine positive Wirkung für die südafrikanischen Unternehmen entfalten.

Südkorea

Marktgröße: ca. 197,5 Milliarden Won in 2009

Besonderheiten: Der koreanische Ebook-Markt steht vor dem Aufbruch: Nachdem bislang vor allem kleinere Technikdienstleister aktiv waren, steigen jetzt auch Verlage, Mobilfunkunternehmen und Geräterhersteller in den Markt ein. Bis 2013 wird eine Steigerung der Umsätze auf 593,8 Milliarden Won erwartet. Die rechtliche Situation für die Verlage ist noch ungeklärt.

USA

Marktgröße: ca. 440 Millionen US-Dollar, das entspricht 8 Prozent Marktanteil

Besonderheiten: Die USA sind Vorreiter im Ebook-Markt; wichtige Zeitungen wie die New York Times und USA Today veröffentlichen eigene Bestsellerlisten für Ebooks und deuten damit den Eintritt in den Mainstream an. Besonders die Plattformen von Amazon und Apple haben den Absatz massiv beflügelt. Die Dominanz von Amazon weckt allerdings Befürchtungen bezüglich der Rolle der traditionellen Vertriebswege; zusätzlich sorgt das Preismodell von Amazon, das Ebooks bis zu 50 Prozent unter dem Preis gedruckter Bücher anbietet, für Skepsis. Piraterie bereitet ebenfalls Sorgen.

Was heisst das? Zum ersten gewinnen wir die Erkenntnis, dass, mit Ausnahme der USA, weltweit nicht von einer auch nur ansatzweise beeindruckenden Entwicklung des Markts zu reden ist. Grund dafür sind vor allem rechtliche Unsicherheiten, die von den Verlagen als Stoppschild aufgefasst werden. Das kann man ihnen nicht verdenken – die Inhalte sind ein empfindliches Gut, da ist es sicherlich nicht dumm, so lange auszuharren, bis Eindeutigkeit hergestellt ist. Die unterschiedliche Behandlung von Ebooks und gedruckten Büchern bei Mehrwertsteuer und Preisbindung sind Ärgernis und Hindernis zugleich. Für die großen weltweiten Sprachmärkte wie Englisch und Spanisch oder, wenn auch weit weniger bedeutsam, Französisch, stellt sich zudem das Problem der territorialen Vertriebsrechte: Auch elektronische Bücher dürfen nicht so einfach über die Grenzen der Vertriebsgebiete hinaus verkauft werden. Das führt dazu, dass etwa Barnes & Noble seinen Ebook-Shop und seinen Nook-Reader ganz auf die USA abgrenzt – um meinen privaten Nook in Deutschland zum laufen zu bringen, musste ich ordentlich basteln, Ebooks im Nook-Shop kann ich nur über meine US-Adresse kaufen.

In Europa herrschen große Vorbehalte gegen die Rolle der großen drei US-Anbieter Apple, Google und Amazon, die als Konkurrenz sowohl zu den Verlagen wie auch zu den Buchhandlungen empfunden werden – gleichzeitig gibt es nirgendwo tragfähige Alternativen, die dem Lesepublikum mit Entschlossenheit und Nachdruck den Kauf von Ebooks schmackhaft machen könnten. In Spanien, wo Planeta, Santillana und Random House Mondadori gemeinsam mit Roca Editorial, Grup62, Grupo SM und Wolters Kluwer die Plattform Libranda aus der Taufe gehoben haben, dümpelt das Kiosk-System vor sich hin, gerade einmal 40 Webshops wurden bislang nach Angaben von Libranda eingerichtet. Libreka!, das Angebot der Börsenvereins-Tochter MVB, bastelt in Deutschland zwar eifrig am Katalog und konnte zuletzt auch vermelden, dass man das Ebook-Portal der Deutschen Telekom beliefern wird, aber hier sorgt die Konkurrenzsituation zu Mitgliedsfirmen des Zwischenbuchhandels für Zurückhaltung, die auf Dauer auch nicht zweckdienlich sein kann. In den anderen nicht-englischsprachigen Ländern Europas sieht es sogar noch düsterer aus. Sowohl libreka! als auch Libranda verstehen sich als B2B-Veranstaltungen – auch das wird nicht dazu beitragen, den Lesern deutlich zu machen, dass es Alternativen gibt zum Ebook-Kauf bei Amazon, Google oder Apple.

Bleibt festzustellen, dass Ebooks weltweit eine wirtschaftliche Marginalie darstellen. Allenfalls das allmähliche Eintreten von nationalen Elektronik-Plattformen wie Orange in Frankreich, Telekom in Deutschland oder Naver in Korea gibt konkreten Grund, auf ein nachhaltiges Wachstum der Märkte zu hoffen. Das weltweit beobachtete Misstrauen gegenüber den amerikanischen Marktgrößen mag berechtigt sein – aber solange auf nationaler Ebene Buchhandel und Verlage das Geschäft mit dem Endkunden nicht beherzt angehen, bleiben sie abhängig von den Geschäftsbeziehungen mit diesen drei Großen.