BEA 2010

BEA 2010 (c) ehlingmedia

“Die Krise” ist überwunden, so hören wir allenthalben. Ob das stimmt wissen wir auch nicht. Aber unsereiner freut sich darüber und vor allem darauf dass er nun wieder fröhlich zur Buchmesse reisen darf. Ob Leipzig oder gleichzeitig Abu Dhabi, dann nach Bologna oder Paris, im April dann nach London oder Buenos Aires – egal wohin man schaut, es gibt genügend Buchmessen in der Welt, bei denen man an andererleuts Ständen herumlungern und so tun kann als würde man sein Geschäft massiv nach vorne bringen.

Aber ganz so salopp ist die Sache auch nicht abzuhandeln. Die viel beschworene Krise hat durchaus ihre Auswirkungen gehabt auf die vielen Buchmessen weltweit. Krisen sind ja immer auch ein Anlass für Unternehmen, ihre Aktivitäten auf den Prüfstand zu stellen, und besonders den Marketingetats geht es in Krisenzeiten – entgegen aller Weisheiten, die uns die Werbewirtschaft erzählt – überall zuerst an den Kragen. Die Buchmessen in ihrer heutigen Form sind da ein probates Opfer: Aufwand und Ertrag sind nur schwer in eine vernünftige Relation zu bringen; jeder, der einmal mit seinem Controller ein entsprechendes Verteidigungsgespräch hat führen müssen, wird das bestätigen.

FIL Guadalajara

FIL Guadalajara (c) ehlingmedia

Tatsächlich wurden einige Buchmessen von der Krise dahingerafft. Da wäre als erstes die BookExpo Canada zu nennen: Die für das späte Frühjahr 2009 angesetzte Messe wurde abgesagt, und der Veranstalter Reed Exhibitions – der größte Messeveranstalter der Welt – machte auch gleich noch einer neuen Publikumsmesse, die im September des Jahres in Toronto hätte stattfinden sollen, den Garaus. Auch bei Neureichs aus dem Morgenland ging bekanntlich die Wunderlampe aus: Nach dem Zusammenbruch des staatlichen Investmentfonds aus Dubai wurde auch die dort geplante Kinderbuchmesse ersatzlos gestrichen. Ob “die Krise” nun Grund dafür war oder nicht, Kapstadt wurde für 2011 gestrichen, mit der Zusicherung, 2012 einen neuen Anlauf unternehmen zu wollen. Selbst beim Branchen-Mammut in Frankfurt waren im vergangenen Jahr die Brachflächen enorm – der Versuch, mit neuen Veranstaltungsflächen den gähnenden Leerstand in den Hallen der internationalen Aussteller zu kaschieren, war zwar ehrenwert, aber letztlich nur rührend.

Anders als alle anderen Buchmessen sind die Frankfurter besonders abhängig vom Zusammenspiel einheimischer und internationaler Aussteller: „Everybody goes to Frankfurt because everybody goes to Frankfurt“ ist weit mehr als ein flotter Spruch. Vor allem, weil er die Wahrheit nur ansatzweise ausdrückt: „Everybody goes to Frankfurt because the English-speaking world goes to Frankfurt“ trifft die Sache weit eher. Denn bei aller Wertschätzung der Verlage aus China, Russland oder Eritrea – ihretwegen machen sich Italiener, Latinos oder Koreaner nicht auf den Weg an den Main. Und die anglo-amerikanischen Aussteller (mit rund 1500 Firmen die zweitgrößte und für das  internationale Geschäft wichtigste Ausstellergruppe in Frankfurt) haben in den vergangenen Jahren die Präsenz ihrer Mitarbeiter kräftig zurückgedreht, gerne um 50 Prozent oder mehr. Als dann die verbliebenen Reisekader nach Hause berichteten, dass die Messe auch so zu bewältigen war, tanzten die Controller Samba.

Für die Messemacher in London und in den USA entwickelte sich die Situation in noch brisanterer Weise: London wurde im vergangenen Jahr zum Opfer des aschespeienden Vulkans aus Island, man darf gespannt sein, wie die Messe sich in diesem Jahr präsentieren wird. Aber auch die komplette Neustrukturierung der BookExpo America (BEA) und die Verankerung in New York konnte in den vergangenen beiden Jahren den Ausstellerschwund bei dieser wichtigsten Buchmesse der USA nicht stoppen.

Die BEA ist allerdings ein Sonderfall: Schon vor der Übernahme der Messe durch Reed Exhibitions Mitte der 90er Jahre (seinerzeit hatte die American Booksellers Association die Messe auch den Frankfurtern angeboten) hatte die Messe unter deutlich schwindendem Zuspruch durch Buchhändler gelitten. Dieser Prozess setzte sich fort, auch der Versuch, der BEA in Chicago ein dauerhaftes Zuhause zu geben, scheiterte. Das Rotationsprinzip, mit dem unabhängigen Buchhändlern in dem Riesenland USA die Teilnahme an der Messe leichter gemacht werden sollte, wurde wieder eingeführt. Doch auch in den vergangenen Jahren setzte sich der Trend schwindenden Buchhändlerzuspruchs fort – jetzt setzt die BEA ganz darauf, ein Marketinginstrument für die Verlage sein zu wollen. Dafür spricht auch die Ankündigung, zukünftig mehr „Einflussnehmer“ in die Messe einbinden zu wollen.

Ghana International Book Fair

Ghana International Book Fair (c) ehlingmedia

In Europa kämpfen alle Buchmessen, selbst die internationalen Leitmessen in London, Bologna und Frankfurt, mit Rückgängen bei ausländischen Beteiligungen. Problematisch ist besonders die Lage der kleineren Buchmessen in Mittel- und Osteuropa– vor allem Prag, Budapest und Bukarest sind schon seit längerem notleidend und ihre Funktion als Vertriebsweg für ansonsten schlecht erhältliche Bücher ist eigentlich obsolet. Warschau, wo man traditionell erst eine ganze Weile nach der Messe weiß, wie viele Aussteller teilgenommen haben, ist seit dem fehlgeschlagenen Frankfurter Versuch, gemeinsam mit dem polnischen Verlegerverband eine Konkurrenzmesse zu etablieren, ebenfalls ein Wackelkandidat. Vor allem der Verlust der Leitmessenfunktion für Osteuropa hat dem internationalen Geschäft im stalinschen Zuckerbäckerpalast deutliche Rückschläge verpasst; seit dem vergangenen Jahr macht sich zudem eine Konkurrenzveranstaltung, die just zwei Wochen vor der Traditionsmesse ebenfalls im Kulturpalast stattfindet daran, dem Platzhirsch den Garaus zu machen.

Die Vertriebsfunktion ist allerdings weiterhin das Lebenselixier für die Buchmessen in der Arabischen Welt und in Afrika: Vom Golf – wo die Buchmesse in Abu Dhabi wieder einen neuen Ausstellerrekord meldet– bis in den Nordirak und in den Senegal hinein sind die unzählig vielen Buchmessen oft der einzige Weg, Bücher aus entlegeneren Regionen zu erhalten. Allein aus diesem Grund ist die Absage der Buchmesse in Kairo, die den Wirren um die Absetzung von Staatschef Mubarak geschuldet war, bedauerlich. Ob die „Tahrir Book Fair“, die im April auf dem Campus der American University in Kairo stattfinden soll, diese pan-arabische Leitfunktion wird einnehmen können, steht dahin.

Anders sieht es in den meisten asiatischen Ländern aus: Peking ist ebenso weiterhin auf Wachstumskurs wie Taipeh, die chaotischen Bücherschauen in Indien oder auch in Thailand werden von Besuchern geradezu gestürmt, selbst die Buchmesse in Seoul scheint an Bedeutung zu gewinnen: Ein großer Teil der wichtigsten koreanischen Verlage, die in der Vergangenheit diese Messe ignoriert haben, nehmen auch wieder teil. Ob Seoul von den schrecklichen Ereignissen in Japan wird profitieren können, bleibt  abzuwarten: Die für Juli terminierte Tokioter Buchmesse dürfte wohl kaum auf großen internationalen Zuspruch stoßen; allerdings zeigen die Erfahrungen mit der von der Asche dahingerafften London Book Fair 2010, dass sich das Geschäft nicht wirklich auf andere Messen verlagert hat.

In Afrika fehlt seit dem Aus für die Zimbabwe International Book Fair im Jahr 2005 (und eigentlich schon vorher) ein zentraler Treffpunkt für die Verleger des Kontinents; Kapstadt hat diese Funktion nie übernehmen können (und war auch nicht dazu konzipiert). Und die kleinen Messen in Dakar oder Accra oder Lagos oder Nairobi leiden unter exorbitantem Mangel an Geld, Infrastruktur und Management-Kompetenz. In Lateinamerika hat Guadalajara den unangefochtenen Spitzenplatz übernommen und wächst stabil vor sich hin; einzig in Argentinien hört man Kritik, die aber mehr der traditionellen Rivalität der beiden Länder geschuldet ist als tatsächlicher Unzufriedenheit. Die Buchmesse in Buenos Aires dagegen, die sich über fast drei Wochen erstreckt und den Ausstellern alles abverlangt, was an persönlichen und finanziellen Ressourcen zur Verfügung steht, wird selbst von den argentinischen Verlegern unisono als lästiges Relikt einer überkommenen Strategie angesehen; der Ausrichter will davon bislang allerdings wenig wissen.

Kommen wir zurück zum deutschsprachigen Raum, wo in Wien und Genf  ehrgeizige neue Projekte gestartet wurden. In Wien konnte man im November einen respektablen Start hinlegen, seither ist der Zuspruch erheblich geschrumpft. Die BuchBasel wirbt in neuer Gestalt um Aussteller; all diese Projekte stehen und fallen letztlich mit dem Zuspruch der deutschen Verlage, bei denen eher unlustige Kommentare zu hören sind.

Bleibt Leipzig, die Traditionsbuchmesse, die es geschafft hat, sich zum unverzichtbaren Bestandteil des deutschen Bücherjahres aufzuschwingen. Ich kann mich noch gut erinnern an die Diskussionen in den 1990er Jahren, als darüber gestritten wurde, ob man diese Messe nicht besser streichen solle oder ob sie nicht in die Obhut der Freunde aus Frankfurt gegeben werden sollte. Tatsächlich waren diese ersten zehn Jahre nach der Wiedervereinigung enorm schwierig für die Leipziger Buchmesse, aber man hat es geschafft, die Veranstaltung so zu schneidern, dass sie heute sowohl den Interessen der Besucher wie auch der Aussteller optimal dient. Leipzig wirkt wie ein Fanfarenstoß, der verkündet, dass die neuen Bücher da sind. Das Publikum strömt in Massen und darf auch Bücher kaufen. Neue Trends werden frühzeitig entdeckt und mit Ausstellungsbereichen abgebildet – als wir 2002 daran gingen, die Frankfurter Buchmesse zu reorganisieren, haben wir viele Dinge aus Leipzig adaptiert.

Leipzig funktioniert durch seine klare Publikumsorientierung, und weltweit laufen Buchmessen, die ähnlich aufgestellt sind, einigermaßen zufriedenstellend. Gekniffen sind die Veranstalter, die das Prinzip der Fachmesse hochhalten: Die allermeisten geschäftlichen Funktionen, von der Kontaktanbahnung über die Vertragsverhandlungen bis zur Fort- und Weiterbildung, geschehen heute fernab der Messen. Konferenzprogramme, die allerorten als Kompetenznachweis der Veranstalter und Orientierung für die Branche aus dem Boden gestampft werden, können dies nur unzureichend kompensieren: Wer als Aussteller zu einer Messe geht, hat nicht die Zeit, um stundenlang in Tagungsräumen zu sitzen, vor allem, wenn die gleichen Vortragenden in der Regel auch außerhalb der Messezeiten die gleichen Themen darbieten.

Alle Messen müssen sich ständig verändern, in wenigen anderen Wirtschaftsbereichen ist das Beharren auf dem Althergebrachten ein ähnlich sicheres Rezept für den Misserfolg. Nur diejenigen Veranstalter, die konsequent darauf setzen, nicht sich selbst, sondern ihre Kunden und deren Produkte in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen, haben eine Legitimation für ihre Tätigkeit und können sich als Motoren ihrer jeweiligen Branchen fühlen. Wer hingegen als Messemacher die Kommunikationskanäle verstopft und vor allem darauf bedacht ist, der Welt immer wieder mitzuteilen, welch tolle Veranstaltung man da hingestellt hat, der wird sich selbst auf gar nicht so lange Sicht obsolet macht.

Als Wilhelm Genazino bei einer Veranstaltung in Frankfurt in der vergangenen Woche forderte, die Buchmesse an jedem Tag für das allgemeine Publikum zu öffnen, wurde ihm beschieden, dies sei gänzlich unmöglich. Man wird sehen, wie lange das unmöglich bleibt.

Und jetzt freuen wir uns auf Leipzig. Man sieht sich!

Audioclip: Oliver Zille zur Leipziger Buchmesse 2011