Milford Sound, NZ

Milford Sound, NZ (c) WikiCommons

Man nehme: Als erstes den wichtigsten Schriftsteller seines Landes. Als zweites den am höchsten dotierten Literaturpreis seines Landes. Als drittes eine Rezensentin, die ihre Arbeit versteht. Als viertes eine schriftstellernde Kollegenschaft, die in bester Weise mit Raubtierinstinkten ausgestattet ist. Und als fünftes eine Vielzahl von vergessenen Fußnoten. Fertig ist das Grundrezept für einen saftigen Skandal.

Und das kam so: Der Autor um den es geht, heißt Witi Ihimaera, Jahrgang 1943, Neuseeländer und Maori und, nach der über viele Jahre hinweg weithin akzeptierten Meinung, ein „national treasure“ des Inselstaats im Südpazifik, der hierzulande gerne zum Paradies verklärt wird (ich habe dort gearbeitet – glauben Sie mir: Paradies geht anders!). In seinen Büchern geht es immer wieder um die Geschichte der Maori, und dank seiner akribischen Recherchen gelingt es Ihimaera immer wieder, den Finger in die Wunde der Benachteiligungen zu legen, unter denen die Ureinwohner Neuseelands bis heute zu leiden haben, obwohl die regierungsamtliche PR-Doktrin gerne die Botschaft von denen glücklichen Eilanden am Ende der Welt in eben dieselbe posaunt.

Als im Herbst 2009 bekannt wurde, dass in jenem Jahr die mit 50.000 NZ-Dollar (ca. 26.500 Euro) dotierte Auszeichnung des neuseeländischen Arts Council an Ihimaera gehen würde, war der Applaus groß: Ihimaera ist sympathisch, erfolgreich und äußerst beliebt, zudem als Ex-Diplomat, Literaturprofessor und Literaturstar ein Mensch, der Weltläufigkeit ausstrahlt und Würde ausstrahlt. Das bedeutet viel in Neuseeland: Das Völkchen auf seinen Inseln ist sich der Abgeschiedenheit seines Daseins sehr bewusst und nimmt jegliche internationale Anerkennung wie ein ganz persönliches Lob zur Kenntnis.

Witi Ihimaera

Witi Ihimaera (c) OTN

Dieser allseits beliebte Heldenschreiber der Nation hatte im Jahr 2009 den historischen Roman „The Trowenna Sea“ veröffentlicht, in dem es um die Geschichte eines Maori-Anführer geht, der auch nach der Unterzeichnung des “Treaty of Waitangi” im Jahr 1840, der den Briten die Hoheitsrechte über die Inseln abtrat, nicht vom Kampf gegen die Diener ihrer Majestät Victoria ablassen wollte. Er wurde gefangen und nach Tasmanien deportiert.

Für diese Geschichte nutzte Ihimaera zahllose historische Quellen, die er teils im Original zitierte, teils als Vorlage für die Romanhandlung verwendete. Ein gut 20-seitiger Appendix listete diese Quellen.

Alles gut also, eigentlich, und so gar nicht Guttenberg, sagen Sie jetzt möglicherweise.

Jetzt aber tritt die Rezensentin  Jolisa Gracewood auf die Bühne: Sie schreibt für den „New Zealand Listener“ – ein Blatt, das so etwas wie eine gehobene Mischung aus HörZu und Gala darstellt. Eine Besprechung von „Trowenna Sea“ ist für sie Pflichtaufgabe und Routine; Ihimaera ist wichtig, er liefert zuverlässig Bücher ab, die gut lesbar sind und keine Abstriche machen bei der literarischen Qualität; der Stil ist flüssig und gut erkennbar. Und deshalb wurde sie stutzig, als ihr an einigen Stellen Sätze auffielen, die so gar nicht zu dem passen wollten, was Ihimaera sonst so schreibt. Schließllich tippte sie ein paar dieser Sätze bei Google ein – und entdeckte zahlreiche Stellen, an denen Ihimaera seine Quellen nicht genannt hat. Als die Besprechung am Vorabend der Preisverleihung erschien, war die nationale Aufregung groß: Der neuseeländische Nationalsport ist Rugby – das sieht zwar gewalttätig und chaotisch aus, ist aber von strengen Regeln bestimmt, die selbstverständlich eingehalten werden. „Fair Play“ ist im nationalen Bewusstsein fest eingespeichert. Und Ihimaeras Abschreibungsmodell ist nun einmal alles andere als Fair Play. Weshalb Kollegen wie Vincent O’Sullivan oder C.K. Stead dem Ertappten öffentlich eine wütende Zurechtweisung entgegenschleuderten und davon sprachen, dass Ihimaera der neuseeländischen Literatur einen nur schwer zu reparierenden Schaden zugefügt habe: Plagiatoren seien nicht besser als Dopingsünder im Sport, sagte O’Sullivan.

The Trowenna SeaWas tat der ertappte Sünder? Wäre Ihimaera eine 17-jährige Berlinerin, hätte er für seine Kleptomanie wohl Schützenhilfe und Applaus vom deutschen Feuilleton erhalten und hätte sich über eine weitere Literaturpreis-Nominierung freuen dürfen. Aber Ihimaera heisst nicht Hegemann, er ist deutlich älter und dem deutschen Feuilleton weitgehend unbekannt. Schade eigentlich.

Weshalb ihm nur zu tun blieb, was ein Gentleman tun sollte: Ihimaera gab sofort zu, dass die Vorwürfe zutrafen, entschuldigte sich öffentlich und betonte, dass die Auslassung der Quellenangaben unabsichtlich erfolgt sei. Die beklauten Urheber erhielten eine persönliche Entschuldigung. Der neuseeländische Ableger des Penguin-Verlags, bei dem das Buch erschienen war, stoppte die Auslieferung und bot den Buchhändlern die Zurücknahme der bereits ausgelieferten Exemplare an. Ihimaera kaufte zudem aus eigener Tasche alle noch im Handel befindlichen Exemplare des Romans auf. Eine korrigierte Neuauflage sollte 2010 erscheinen; diese wurde aber im Verlauf des Jahres abgesagt.

Gut, Neuseeland ist weit, mögen Sie sagen, und tätige Reue sei ja wohl das mindeste, was man von einem ertappten Plagiarius erwarten kann. Stimmt beides. Eigentlich. Allerdings gehen da in Deutschland wohl die Uhren in der Regel ein wenig anders als andernorts. Denn neben dem schnellen Handeln des Sünders fällt auch auf, dass Öffentlichkeit und Kollegen unisono ins gleiche Horn stießen und den geistigen Diebstahl als genau dieses bezeichneten, ohne in irgendwelches pseudo-ästhetisches Geschwurbel zu verfallen, mit dem Tat und Täter entschuldigt werden. Der neuseeländische Verlag zog selbstverständlich die fragwürdigen Bücher aus dem Handel zurück.

Als in Deutschland die Causa Hegemann ruchbar wurde, da wurde die Kleptoskribendin aus Berlin als Vertreterin einer literarischen Ästhetik gefeiert, die der Collage zu neuer Geltung verhelfe; ihr Verlag verkaufte erst noch tüchtig die produzierten Klau-Texte ab, bevor in den weiteren Auflagen dem eigentlichen Urheber der interessantesten Passagen des Buches ein Hinweis zuteil wurde.

Bei solchem Vorgehen des Verlags, bei solcher Argumentation des Feuilletons ist aber der Weg zur Apologia für Herrn zu Guttenberg und seine Beutezüge nicht nur beschritten, sondern bereits weitestgehend absolviert: Wer im Jahr 2010 Hegemann verteidigt hat, kann wenig Legitimität beanspruchen, wenn er auf den falschen Doktor aus Franken einprügelt. Der BILD-Zeitung mit ihrer Haltung des “Egal was kommt, Gutti muss bleiben” ist da jedenfalls nicht der Vorwurf der Rückgratlosigkeit zu machen.

Vielleicht lohnt es sich ja, einmal nachzudenken über den Sinn des juristischen Diebstahlsbegriffs, der die Dinglichkeit des gestohlenen Gutes voraussetzt: Was man nicht anfassen kann, das kann auch nicht gestohlen werden. Deshalb wird ein Ladendieb härter bestraft als ein Abschreiber. Wäre dies anders, würde also der Diebstahl geistigen Eigentums als ähnlich gravierend betrachtet werden wie der Diebstahl einer Rolle Drops im Supermarkt, könnte man ganz anders strafen: Der geistige Dieb könnte hinter Gitter gebracht werden; der Verlag, der im Wissen um den gestohlenen Inhalt ein Buch weiterhin anbietet – auch hier grüßt Frau Hegemann – wäre wegen gewerbsmäßiger Hehlerei dran.

Aber soweit sind wir nicht, und soweit werden wir wohl auch nie kommen. Schade eigentlich.

Zum Schluss ein Literaturtipp:
Philipp Theisohn: “Plagiat”. Eine unoriginelle Literaturgeschichte. (Kröner, Stuttgart, 2009). 578 S., 26,90 Euro.