Liebe Gemeinde,

dank der Osterfeiertage hielten sich die Nachrichten in den vergangenen Tagen in Grenzen. Trotzdem habe ich Ihnen wieder etwas zu bieten, viel Spaß damit!
Heute geht es um einen Zwischenruf, Kanada, Brasilien, Australien, Riesen, Rushdie im Neuland und mehr.

 

Libreria El Puente, Arecife (c) ehlingmedia 2015

Libreria El Puente, Arecife (c) ehlingmedia 2015

Wir fangen an mit einem Lesetipp: Der Kollege Daniel Lenz hat nämlich ordentlich losgeschnaubt in Richtung derer, die bei jeder Schlechtwettermeldung aus dem E-Commerce die Freudentränen kaum zurück halten können. Ja, wir alle lieben Bücher und finden es prima, wenn die Leute im stationären Buchhandel einkaufen. Aber, und da stimme ich ihm von Herzen zu, diese Freude ist fast ausschließlich einer sehr beschränkten Innensicht unserer Branche zuzurechnen, die sich nicht sonderlich darum schert, was außerhalb unserer Parallelwelt vor sich geht. Lesen!

Dass es in Kanada im Winter kalt ist, wissen wir. In Sachen Buchmarkt kennen wir sicherlich kanadische Großschreiber wie Margaret Atwood und Michael Ondaatje, und möglicherweise erinnern wir uns daran, dass Kobo dereinst eine Gründung des Filialisten Indigo Books + Music war. Schauen wir uns also einmal die aktuellen Buchmarktzahlen an: Laut den neuesten Zahlen von BookNet Canada ist der Umsatz mit gedruckten Büchern 2014 auf 934 Millionen kanadische Dollar gesunken, das sind 16 Millionen kandische Dollar weniger als im Vorjahr. Die Zahl der verkauften Exemplare blieb mit 52 Millionen Stück dabei auf Vorjahresniveau. Kinder- und Jugendbücher machten 37 Prozent des Umsatzes aus – im Gegensatz zu den meisten anderen Warengruppen wurde hier auch ein Plus von gut 4 Prozent erreicht.
Interessant fand ich die Analyse zu den Hörbüchern: Nur 26 Prozent der Anschaffungen waren Käufe, der Rest wurde in Bibliotheken ausgeliehen oder kostenfrei heruntergeladen. Das ist wohl das Gegenteil von dem, was man Geschäftsmodell nennen kann.

Dass Lesen essentiell ist für die persönliche Entwicklung hat sich inzwischen auch in den USA herumgesprochen. Die beiden Dezernate für Erziehung und Obdachlose haben sich jetzt in New York zusammengetan und versorgen Obdachlosenunterkünfte mit Büchern. In einer ersten Testphase wurden 20 Wohnheime ausgesucht, in denen rund 1000 Familien mit etwa 4000 Kindern untergebracht sind. Die Bücher kommen aus vor allem aus Spenden. Allein der Großverlag Scholastic hat für das Programm 5000 Bücher zur Verfügung gestellt.
In New York sind mehr als 76.000 Schüler an öffentlichen Schulen offiziell als obdachlos gemeldet.

Brasilien wareinmal eine Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft und auch zahllose Verlage und Branchendienstleister sahen dort Milch und Honig fließen. Das ist vorbei, die Wachstumsraten sind im Keller, die Inflation galoppiert. Besonders die im vergangenen Jahrzehnt entstandene dünne Mittelschicht ist gekniffen – und das wirkt sich auf den Buchmarkt deutlich aus. So ist die Zahl der Brasilianer, die regelmäßig lesen, im vergangenen Jahr um dramatische 35 Prozent geschrumpft. Aktuell sind es 70 Prozent der Brasilianer, die angeben, im vergangenen Jahr jein Buch zur Hand genommen zu haben. 55 Prozent gaben an, keinerlei kulturellen Aktivitäten nachgegangen zu sein – ob das nun ein Besuch im Kino, im Theater oder Konzert ist.

Die großen fünf Verlagskonzerne in den USA sind möglicherweise nicht stellvertretend für die gesamte Branche zu sehen. Aber ihr Abschneiden gibt dann doch einige Hinweise darauf, wie das Geschäft insgesamt läuft. Die Kollegen von Publishers Weekly haben die Zahlen für 2014 zusammengestellt. Das Fazit: Wachstum kam eigentlich nur durch die Übernahme von Konkurrenten zustande. Hier die Tabelle, in der die Angaben zum Holtzbrinck-Ableger Macmillan fehlen, weil diese nicht veröffentlicht werden.

Unternehmen Umsatz 2014 in Mio US$ (Veränderung) Umsatz 2013 in Mio US$
Penguin Random House 3.324 (+25,2 %) 2.654
Lagardère 2.004 (-3 %) 2.066
HarperCollins 1.590 (+17 %) 1.359
Simon & Schuster 778 (-3,8 %) 809

Sowohl Penguin Random House als auch HarperCollins stechen hier heraus: Bei den PRH-Ergebnissen für 2013 war das Penguin-Ergebnis für die ersten sechs Monate nicht berücksichtigt, weil die Fusion erst danach wirksam wurde. Damit und mit der Übernahme der Publikumsaktivitäten der spanischen Santillana-Gruppe wurde der Umsatzsprung erreicht – das organische Wachstum bei PRH lag dagegen nur bei 0,7 Prozent.
Auch bei HarperCollins machte sich die Übernahme von Harlequin sehr deutlich bemerkbar – das Wachstum der „alten“ HC-Gruppe lag bei nur 3 Prozent. Lagardère, Eigner der Hachette Book Group, litt im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben deutlich unter dem Konditionenstreit mit Amazon, was sich im Ergebnis deutlich niederschlägt.
Auch bemerkenswert: Die größten US-Verlage sind zum größten Teil in ausländischer Hand: Penguin Random House (Bertelsmann) ist deutsch-britisch, Hachette (Lagardère) französisch, HarperCollins (Noews Corp.) ist britisch-amerikanisch, Macmillan (Holtzbrinck) deutsch. Nur Simon & Schuster (CBS) ist ausschließlich in US-Besitz.

E-Mail-Header_600pxB_2Australien ist weit weg, aber für die großen Biester der englischsprachigen Verlagswelt ist es ein lockender Markt. Der wird allerdings bisher gut abgeschottet gegen Importe: nur wenn ein Buch nicht auch in einem australischen Verlag veröffentlicht ist, darf es für den Handel eingeführt werden (private Bestellungen bei Amazon und Co. sind aber erlaubt). Mit diesen Restriktionen soll jetzt Schluss gemacht werden, jedenfalls wenn es nach den Empfehlungen einer von der Regierung beauftragten Untersuchung geht. Natürlich geschieht das im Namen der Verbraucher, die nicht unnötig viel Geld ausgeben sollen für ihren Lesestoff. Billiger ist immer besser, so die Idee.
Das hätte zur Konsequenz, dass die australischen Verleger besonders im Massenmarkt künftig schlechte Karten hätten gegen die Konkurrenz aus Großbritannien und den USA. Angesichts der deutlich kleineren Druckauflagen, die für den australischen Markt produziert werden, hängen nun einmal deutlich höhere Stückkosten in der Kalkulation.
Die Verleger und Schriftsteller Down Under laufen deshalb Sturm gegen das Vorhaben und schwingen dabei vor allem das kulturelle Fähnchen: Es sei kaum anzunehmen, dass britische oder US-Verlage sich besonders kümmern werden um die Entwicklung von australischen Literaten.
Ich bin vor allem verwundert darüber, dass eine Regierungskommission Empfehlungen ausspricht, die eine flagrante Verletzung der internationalen Copyright-Vereinbarungen bedeuten: Wer das Recht zur Publikation in einem bestimmten Land hat, genießt dieses Recht in der Regel exklusiv. Oder meinen wir wirklich, dass die US-Regierung gestatten würde, dass ein australischer oder indischer Verlag ein englischsprachiges Buch in den USA in den Handel bringt, für das ein US-Verlag die Publikationsrechte im Land hält?

Und zum Schluss: Das Internet ist wohl doch noch Neuland, nicht nur für Kanzlerin Merkel. Auch Salman Rushdie muss da noch ein bisserl was lernen, scheint es. Kürzlich richtete der Meister sich einen Account bei Goodreads ein und fing an eine Reihe von literarischen Klassikern zu bewerten: To Kill A Mockingbird von Harper Lee? Drei Sterne. Lucky Jim von Kingsley Amis? Ein Stern. Und so weiter. Als er gefragt wurde, warum er denn so geizig sei mit seinen Sternchen, sagte er, das ganze Internet sei für ihn ein Rätsel, er habe gedacht, die Bewertungen seien privat. Nun ja…

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, mein Rückblick hat Ihnen gefallen. Morgen geht es weiter mit einem Gedicht aus Australien, am Montag kommt wieder das Interview zum Wochenbeginn. Und am Donnerstag erwartet Sie dann wieder Amazon Watch.

Genießen Sie das Wochenende!

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

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