Liebe Gemeinde,

dank der anstehenden Feiertage kommt mein Wochenblick schon heute zu Ihnen. Aber auch die wenigen Wochentage haben Interessantes geliefert.
Heute geht es um die Bertelsmänner, Abzocke, US-Zahlen, Buchpreisbindung und mehr.

IMGP1187Wenn Europas größter Medienkonzern seinen Geschäftsbericht vorlegt, ist das auch hier eine Meldung wert, auch wenn ich mir eine ausführliche Analyse verkneife. 16,7 Milliarden Konzernumsatz, davon 3,3 Milliarden Euro bei Random House, mit Anzeichen für weiteres Wachstum. Dazu haben schon die Kollegen bei BuchMarkt, Buchreport und Börsenblatt ausführlich Stellung genommen, ich habe da wenig hinzuzufügen.

Außer, dass ich ein Interview mit Bertelsmann-Chef Thomas Rabe recht interessant fand, in dem er deutlich Kritik übt an den verschlafenen Jahren unter seinen Vorgängern Ostrowski und Thielen. Tatsächlich haben sich beide in der Vergangenheit weniger der strategischen Unternehmensentwicklung verschrieben als der Zufriedenheit der allmächtigen Liz Mohn und ihren mehr ambitionierten als talentierten Nachkommen. Aber das ist Vergangenheit, und selbst das Schicksal von Thomas Middelhoff, ehedem Prinz von Ostwestfalen, jetzt im Knast und insolvent, lockt allenfalls noch milde Schadenfreude hervor.
Nein, mir gefällt, wie Bertelsmann sich unter Rabe entwickelt: Gruner + Jahr schwächelt zwar deutlich, könnte nach Jahren des Dümpelns aber auf Kurs kommen, der Zusammenschluss mit Penguin und die Übernahme von Santillana haben im Buchbereich die Zeichen auf Wachstum gestellt, und auch die neu entdeckte Liebe zur Bildung dürfte den Güterslohern in der Zukunft Spaß machen.

Bevor aber jetzt die Glocken zu laut läuten, darf ich berichten, dass den Bertelsmännern in den USA mächtiger Verdruss ins Haus steht: Dort wurde jetzt eine Class Action gegen den konzerneigenen Autorenabzocker Author Solutions zugelassen – es ist bereits die zweite. Ungerechtfertigte Bereicherung, Betrug, Verstoß gegen Verbraucherschutzgesetze in einer Reihe von Bundesstaaten gehören zu den Vorwürden. Author Solutions, in den noblen Tradition von Druckkostenszuschussgaunern in aller Welt, verkauft seit Jahren sündhaft teure Marketingpakete an naive Autoren, dabei werden gerne einmal 25.000 US-Dollar aufgerufen. Dafür sollen Anzeigen geschaltet werden, der Autor soll bei renommierten Agenten untergebracht werden, Rezensionen in wichtigen Fach- und Publikumstitel soll es ebenfalls geben. Allerdings deutet einiges darauf hin, dass die Firma keinerlei Anstalten macht, diese versprochenen Dienstleistungen zu liefern. Das könnte teuer werden.

Tröpfchenweise bekommen wir die Zahlen zu dem Abschneiden der verschiedenen Buchmärkte im vergangenen Jahr geliefert. So hören wir jetzt von Nielsen, dass E-Books in den USA im vergangenen Jahr einen Umsatzanteil von 15 Prozent erreicht haben. Das ist ein deutliches Plus gegenüber 2013, als der Umsatzanteil noch 12 Prozent betrug. Wundern Sie sich nicht darüber: Beim Volumen der verkauften Exemplare machen E-Books 21 Prozent aus, allerdings sind sie deutlich billiger als gedruckte Bücher – das erklärt die massive Disparität. Noch ein Hinweis: Die Nielsen-Zahlen erfassen den Gesamtmarkt, nicht nur den Publikumsmarkt, wo E-Books in den USA bei mehr als 30 Prozent Anteil an den verkauften Exemplaren haben.
Bei den Verkaufskanälen mussten die Onliner einen Rückschlag hinnehmen: Von 38 Prozent Umsatzanteil im Jahr 2013 fielen sie auf 35 Prozent zurück, was darauf hindeutet, dass sich hier das Geschäft weg bewegt von den lukrativeren gedruckten Büchern hin zu billigeren E-Books. Die Ketten kamen auf 22 Prozent Umsatzanteil (-3 Prozentpunkte), der unabhängige Buchhandel auf 4 Prozent (-1 Prozentpunkt).

Wir bleiben in den USA: Ich hatte Ihnen ja erzählt, dass dort eine christliche Eiferertruppe die Clean Reader App auf den Markt gebracht hat, mit der anstößige Wörter aus elektronischen Büchern entfernt werden können. So etwas ist einerseits dämlich, andererseits verstößt es gegen jegliche Copyright-Gesetzgebung. Viele Autoren hatten massiv protestiert gegen die Sache, und jetzt haben die Superhirne sämtliche „gereinigten“ Bücher aus ihrem Shop entfernt. Wie Joanne Harris sagt: „A small victory fort he world of dirt“. Gut so. Aber noch nicht „Amen“ – denn die Gotteskrieger wollen die App jetzt ein wenig anpassen und weiter anbieten. Angesichts der US-amerikanischen Schadensersatzsummen ist das mutig.

E-Books haben in den USA und Großbritannien seit 2013 kein wirkliches Wachstum mehr verzeichnet. Sind die 30 bis 35 Prozent Anteil an den verkauften Büchern das Ende der Fahnenstange? Darüber denkt Dan Cohen, Chef der Digital Public Library of America, in seinem Blog nach. Dabei weist er unter anderem darauf hin, dass wir gerade einmal am Anfang stehen bei der Transformation der Medien von Druck zu Digital – mit einem Zeithorizont von mehreren Jahrzehnten und einer in der Zeit sicherlich nachhaltigen technischen Weiterentwicklung dürfte diese Transformation aber sehr viel durchgreifender sein als wir uns heute vorstellen können. Auch sein Hinweis, dass E-Books bereits jetzt sehr eifrig außerhalb der Verkaufskanäle bezogen werden, sei es über Bibliotheksangebote oder über Abodienste wie Scribd, Oyster oder Kindle Unlimited, ist bedenkenswert, wenn man die Verkaufsstatistiken anschaut. Ich empfehle die Lektüre.

E-Mail-Header_600pxB_2In der vergangenen Woche fand in Bangkok die Jahrestagung der Internationalen Verlegerunion (IPA) statt. Und dabei ging es, oh Wunder, auch um das segensreiche Wirken der Buchpreisbindung. Die ist vor allem für US-Buchleute zwar irgendwo im Vorhof der Hölle angesiedelt, aber auch sie staunten darüber, dass es ihren Kollegen in Deutschland, Frankreich und vielen anderen Ländern damit ganz gut zu gehen scheint. Vor allem die Tatsache, dass in Buchpreisbindungsländern ein sehr viel besseres und stabileres Buchhandelssystem besteht, sorgte für Nachdenken.

Wie die Entwicklung in einem Markt ohne Buchpreisbindung aussehen kann, zeigt das Beispiel Großbritannien: Dort gab es Ende 2014 gerade noch 939 unabhängige Buchhandlungen, wie der Bookseller berichtet. Das sind 48 weniger als im Vorjahr. Einschließlich der Großfilialisten sind es also nur noch ungefähr 1600 Buchhandlungen im Königreich – 60 Prozent weniger als zu Zeiten des Net Book Agreement, das 1995 aufgegeben wurde. Und: 95 Prozent des E-Book-Markts hat Amazon auf sich vereinigt. Rule, Britannia. Indeed.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, meine Auswahl hat Ihnen gefallen. Jetzt wünsche ich Ihnen erst einmal schöne Ostertage. Das passende Gedicht dazu liefere ich Ihnen am kommenden Sonntag. Heute ist auch die aktuelle Amazon Watch erschienen, lesen Sie doch einmal hinein.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

 

Meine monatlichen Kolumnen lesen Sie im BuchMarkt und im Schweizer Buchhandel.

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