Liebe Gemeinde,

Amazon altbreit und elegant fließt der Amazonas vor sich hin. Und auch Amazon kommt breit (aufgestellt) daher. Eleganz lässt der Riese aus Seattle aber oft vermissen – nicht zuletzt beim ersten Logo des Unternehmens, das ich Ihnen, samt Screenshot der ersten Website, zum Amüsement abgebildet habe.
Hier sind die Geschichten der Woche, die mir aufgefallen sind. Heute schauen wir u.a. auf Dominanz, komische Pakete, schämen uns für Herrn Bezos, und gehen vor Gericht und mehr.

Gorilla im Raum: Wenn Sie meinen, dass Amazon mit seinen gut 40 Prozent Marktanteil bei E-Books in Deutschland eine ungesunde Marktmacht hat, dann atmen Sie jetzt tief durch: In Großbritannien liegt der Amazon-Anteil bei 95 Prozent. Jedenfalls sagt das Tim Waters, und der ist Chef des britischen Buchhändlerverbands. Woran das liegt? Vor allem wohl daran, dass keine Medienhändler auf der Insel ernsthaft ins E-Book-Geschäft eingestiegen ist. Waterstones, der größte Buchhändler im Königreich, hat sogar mehrere Jahre den Kindle in seinen Filialen verkauft. Die Konkurrenz, ob es nun Kobo ist oder Nook, haben nie ein Bein auf den Boden bekommen. Und selbst der Einzelhandelsriese Tesco, der mit „blinkbox“ ein ehrgeiziges Angebot mit digitalen Inhalten gestartet hatte, musste zu Jahresbeginn den gesamten Ramsch verkaufen – die E-Books-Sparte wurde sogar einfach weitergereicht an Kobo, wahrscheinlich, um Regressansprüchen von Kunden zu entgehen, die ihre gekauften E-Books nicht mehr hätten lesen können.

Konditionenstreit reloaded: Der britisch-amerikanische Großverlag HarperCollins mag nicht nach Amazons Konditionenpfeife tanzen. Das berichtet jedenfalls Business Insider, das News-Portal, an dem Jeff Bezos persönlich beteiligt ist. Im vergangenen Jahr hatte sich Amazon über Monate hinweg deftige Balgereien mit mehreren Verlagen um neue Konditionen für das E-Book-Geschäft geliefert, unter anderem wurden Hachette in den USA und Bonnier in Deutschland (Piper, Ullstein, Carlsen etc.) die Daumenschrauben angelegt. Im Spätherbst kam es dann zur Einigung; in den USA haben u.a. Macmillan und Simon & Schuster Verträge unterschrieben, die die gleichen Konditionen bieten wie der Hachette-Vertrag. Kann es sich Amazon leisten, mit HarperCollins ähnlich umzuspringen wie mit Hachette? Man darf schließlich nicht vergessen, dass HarperCollins zu Ruper Murdochs News Corporation gehört, die in den USA mit den Fox-Sendern und Zeitungen wie dem Wall Street Journal und der New York Post eine gewaltige Meinungsmacht aufbauen kann – und dies auch immer wieder tut, wenn es darum geht, die kommerziellen und politischen Interessen des Konzerns durchzusetzen.

Mangas auf Masse: Das Japangeschäft ist für Amazon zwar ein Wachstumsbereich, aber so richtig glücklich ist man wohl noch nicht. Weshalb der neueste Versuch unserer Freunde aus Seattle, die Kunden an sich zu binden, wohl auch ein wenig der Verzweiflung geschuldet ist: digitale Comics und Mangas kann man dort jetzt gleich bündelweise kaufen. Jeweils 25 Ausgaben von populären Mangas werden in der neuen Kindle Buying Cornerals Paket angeboten. Falls das in Japan klappt, könnte der Service später im Jahr auch in den USA angeboten werden, wo Mangas zwar keine so bedeutende Rolle spielen – aber Amazon hat ja im vergangenen Jahr Comixology übernommen, und irgendwas muss man damit ja auch anstellen.

Aprilscamazon dashherz?: Ausgerechnet am 1. April machte das neueste Amazon-Produkt von sich reden – allerdings soll Amazon Dash ernst gemeint sein. Das Ding sieht aus wie eine Türklingel und funktioniert auch so ähnlich: Einfach draufdrücken, dann verbindet es sich mit einer App und löst die Bestellung aus. Der Klingelknopf ist jeweils auf ein Produkt ausgelegt – Waschmittel, Seife, Klopapier undsoweiter und bestellt auch nur jeweils dieses. Der Bequemlichkeit halber kann man den Dash-Button auf seine Waschmaschine oder sonstige Geräte kleben. Derzeit ist Amazon Dash noch als Beta unterwegs, funktioniert angeblich mit 250 Produkten und wird für Amazon Prime-Kunden in den USA angeboten. Ob es nach Deutschland kommt, steht nicht fest.

Grüßendes Pelztier: Das Murmeltierphänomen bei Amazon heißt Streik: Vor Ostern wurden in Deutschland wieder einmal gleich mehrere Logistikzentren bestreikt, und auch beim Streaming-Dienst wurde in dieser Woche der Klassenkampf ausgerufen. Angeblich sollen aber alle Bestellungen im Standardversand pünktlich ausgeliefert werden. Überprüfen kann man das nicht – wenn es bis zur Lieferung mal eine Woche dauert, dann kommt von Amazon lapidar der Hinweis auf den Prime-Service, mit dem alles viel schneller geht.

Du sollst keinen anderen Arbeitgeber haben: Wo wir schon gerade bei Konflikten sind, weisen wir geflissentlich darauf hin, dass die Berichte, wonach Amazon nicht immer zimperlich mit seinen Mitarbeitern umgeht, ja schon reichlich durch die Presse gegangen sind. Die Kollegen von The Verge haben jetzt ausgegraben, dass Amazon in den USA sogar seinen Lager-Aushilfen drakonische Klauseln in die Verträge schreibt, die ihnen nach dem Ausscheiden aus dem Unternehmen für 18 Monate das Arbeiten für die Konkurrenz verbieten.
Solche Sperrvermerke kennt man eigentlich nur für Management-Verträge, aber Amazon ist nun einmal ein Unternehmen, das ständig auf der Suche nach Innovationen ist. Hier ist die Klausel:

During employment and for 18 months after the Separation Date, Employee will not, directly or indirectly, whether on Employee’s own behalf or on behalf of any other entity (for example, as an employee, agent, partner, or consultant), engage in or support the development, manufacture, marketing, or sale of any product or service that competes or is intended to compete with any product or service sold, offered, or otherwise provided by Amazon (or intended to be sold, offered, or otherwise provided by Amazon in the future) that Employee worked on or supported, or about which Employee obtained or received Confidential Information.

Das bedeutet nichts anderes, als dass ehemalige Mitarbeiter 18 Monate nach Ende des Arbeitsverhältnisses weltweit bei keinem anderen Versandhändler arbeiten dürfen, selbst wenn Amazon das Arbeitsverhältnis beendet hat, wie es ja besonders bei saisonalen Aushilfen üblich ist. Selbst als das Amazon-Lager in Coffeyville, Kentucky, geschlossen wurde, bekamen die bisherigen Mitarbeiter nur unter der Bedingung eine Entschädigung gezahlt, dass sie die Sperrvermerksklausel schriftlich bestätigten. Ob so etwas vor Gericht Bestand haben würde? Schwer zu sagen, probiert wurde es noch nicht. Allerdings scheint Amazon hier eine Menge Kirchen aus den Dörfern geschleppt zu haben, auf Kosten von Leuten, die sich nicht wirklich wehren können.
Herr Bezos sollte sich schämen.

Aufpassen: Der Marketplace beschert Amazon satte Provisionen und so manchem Kleinanbieter überhaupt erst die Möglichkeit, online ein zählbares Publikum zu erreichen. Alles gut also? Nicht unbedingt, denn Verkäufer, die auf dem “Amazon-Marketplace” ihre Waren anbieten, haften auch für irreführende Produktbeschreibungen von Amazon selbst. Das hat das Landgericht Arnsberg entschieden (Az.: I-8 O 10/15). Eine Händlerin hatte eine Konkurrentin verklagt, weil deren Angebot Verbraucher täuschen könne. Die Beklagte hatte die Produktbeschreibung von Amazon direkt übernommen.
Konkret ging es in der Klage um Sonnenschirme, die mit einer Betonplatte als Ständer abgebildet waren – diese Ständer gab es aber nicht zu kaufen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass Marketplace-Händler in Deutschland sehr penibel prüfen müssen, ob ihr Angebot sich mit der Amazon-Produktbeschreibung bzw. –abbildung deckt. Darauf, dass Amazon das richtig macht, können sie nicht setzen – jedenfalls nicht vor Gericht.

Die eine Hand gibt, die andere…: Unbegrenzter Speicherplatz ist etwas Schönes, und man zahlt sogar gerne dafür. Weshalb Amazon mit einigem Stolz sein unbegrenztes Cloud-Storage-Angebot der jubelnden Weltöffentlichkeit präsentierte. Eher schweigsam gab man sich allerdings, als es darum ging zu verkünden, dass gleichzeitig die kostenlosen 5GB Speicherplatz für Kindle-Kunden ein Ding der Vergangenheit ist. Das „SendToKindle“-Feature war bei vielen Kunden sehr beliebt und wurde als sicherer Speicherort für persönliche Dokumente, Photos etc. genutzt. Immerhin heißt es, nach massiven Protesten, dass diese Dinge nicht mehr gezählt werden, wenn es um die Berechnung des individuellen Speicherplatzes geht. Auch gut.

Shopping 4.0: Seit langem hegt Jeff Bezos die Idee, mit Amazon auch im stationären Einzelhandel unterwegs zu sein. Bislang mit wenig zählbarem Erfolg – das Gebäude am Empire State Building, das im vergangenen Jahr angemietet wurde, dient inzwischen nicht als Ladengeschäft, sondern als Lager, aus dem die Bestellungen der Prime Now-Kunden in New York ausgeliefert werden.
Jetzt aber nimmt Amazon richtig Anlauf und hat ein Patent für einen Laden der ganz neuen Generation beantragt. Die Kunden können sich dort ihre Waren aussuchen und den Laden verlassen, ohne vorher bezahlen zu müssen. Das ganze wird möglich durch Gesichts- und Warenerfassung mit Kameras und neuer Software. Der Vorteil für Amazon liegt auf der Hand: Das Unternehmen würde gewaltig an Personalkosten sparen, weil es keine freundlichen Damen und Herren an den Kassen beschäftigen muss. Allerdings funktioniert dies wohl nur bei Bestandskunden, die sich mit Photo angemeldet haben oder aber Wearables dabei haben, deren Codierung von dem System erkannt wird.
Wann das System im Alltag eingeführt wird, steht noch nicht fest – genauso wie es nicht feststeht, ob das System überhaupt zur Anwendung kommt.

Neugier: Zwei Verträge mit College-Bookstores hat Amazon abgeschlossen – statt langweiligen Buchläden finden die Studenten der University of California in Davies und der Purdue University in Lafayette, Indiana, jetzt wohlgeordnete Abholzentren vor. Dass man den Verantwortlichen der Universitäten dafür gerne ein paar Jahrzehnte im Karzer verordnen würden, tut hier aber nichts zur Sache. Denn eigentlich geht es darum, dass die National Association of College Stores (NACS) jetzt Einsicht verlangt hat in den Purdue-Vertrag. Die wurde auch gewährt, allerdings war ein Großteil des Vertrags vorab geschwärzt worden – es gehe um Geschäftsgeheimnisse, ließ die Universität wissen. Viele Erkenntnisse ließen sich also nicht daraus ziehen. Weshalb die Sache jetzt vor Gericht geht. Denn, so die NACS, öffentliche Einrichtungen wie die Universität sind verpflichtet, ihre Geschäfte offenzulegen. Falls das Erfolg hat, dürfte es einige Einblicke geben in das Geschäftsgebaren unserer Freunde aus Seattle.

Das war’s für diese Woche, ich hoffe, meine Auswahl hat Ihnen gefallen.
Heute erscheint übrigens auch der aktuelle Wochenblick – dank des Karfreitags einen Tag früher als gewohnt. Und da nun einmal Ostern vor der Tür steht, geht es am Wochenende bei den Gedichten auch konzentriert um den Feiertag.
Ich wünsche Ihnen frohe Ostern, pflegen Sie die spendablen Hasen!