Liebe Gemeinde,

mit Verspätung komme ich in dieser Woche zu Ihnen – auch für mich hat der Tag nur 24 Stunden. Ich hoffe, Sie sehen mir das nach.
Heute geht es um Zahlen, Barnes & Noble, eine U-Bahn in Peking, viel Chinesisches, Irak, Beleidigungen und mehr.

2012-12-21 18.07.31In Großbritannien wurden im vergangenen Jahr erstmals mehr Bücher online gekauft als im Laden. Zu dem Ergebnis kam der Marktforscher Nielsen. Dabei wuchs der Markt um 4 Prozent auf insgesamt 2,2 Milliarden Pfund. Gedruckte Bücher haben sich gut behauptet, während E-Books 30 Prozent aller gekauften Exemplare ausmachen. Über ihren Umsatzanteil wurde nichts vermeldet. Besonders bei gedruckten Büchern blieben die stationären Geschäfte vor den Onlinern, das gilt vor allem für Kinderbücher, Geschenke und Impulskäufe. Insgesamt, so Nielsen, sei die Zahl der Leser von gedruckten Büchern seit drei Jahren stabil geblieben.

Während also die Briten im vergangenen Jahr mehr Bücher kauften als in 2013, setzte sich auf der anderen Seite des Ärmelkanals der Negativtrend weiter fort.Das ergeben die Daten der GfK, die zum Salon du Livre in Paris vorgestellt wurden. Demnach sank der Umsatz um 1,3 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro. Hauptursache war der Rückgang bei den verkauften Exemplaren, hier wurden nur noch 351 Millionen Stück abgesetzt, ein Minus von 1,3 Prozent. Immerhin: E-Books legten 60 Prozent zu, allerdings auf mehr als mickriger Basis: 8 Millionen verkaufte Exemplare standen zu Buche mit einem Umsatz von 64 Millionen Euro – das entspricht einem Anteil von 1,54 Prozent.

Wir schauen über den Atlantik und sehen das Sorgenkind Barnes & Noble. Und lernen, dass die Firma eigentlich recht profitabel ist, jedenfalls im Stammgeschäft mit den stationären Buchläden. Operativ kam dort zuletzt ein Gewinn von 233 Millionen US-Dollar für das Geschäftsjahr 2013 zusammen, bei den College-Shops waren es ca. 40 Millionen US-Dollar. Die Nook-Division brachte zuletzt allerdings einen Verlust von 512 Millionen US-Dollar zusammen, was den ganzen Laden in ein schlechtes Licht bringt. Für das laufende Jahr dürften die Miesen bei Nook knapp 170 Millionen US-Dollar erreichen, was natürlich auch noch kein Grund für Freudensprünge ist. Allerdings wurde jüngst die College-Abteilung in eine eigene Forma ausgelagert, die profitablen Buchläden und Nook hängen jetzt aneinander. Ob es wirklich dazu kommt, dass im laufenden Jahr Nook verkauft ider selbst ausgelagert werden kann, ist derzeit ungewiss. Die Frage ist, wer sich so etwas aufhalsen würde – die Zeiten, als der Nook eine echte Konkurrenz zu Amazon darstellte, sind längst vorbei.

Wir hüpfen über den nächsten Ozean und bleiben für eine Weile in China. Wir fangen an mit einer netten Sache, die sich die Verantwortlichen für die U-Bahn in Peking ausgedacht haben: Dort gibt es seit Januar eine kleine E-Book-Bibliothek, die sich die U-Bahnfahrer kostenlos herunterladen können. Dazu braucht es nicht mehr als ein Smartphone, mit dem man einen QR-Code im Zug selbst scannt.
Die Zusammenstellung der Bücher in der „M Subway Library“ hat die Chinesische Nationalbibliothek besorgt – das soll wohl sicherstellen, dass die armen Seelchen der Leser nicht mit Schlüpfrigem oder gar Regimekritischen belästigt werden. Insgesamt 70.000 Titel wurden angeblich begutachtet, daraus wurden zehn ausgewählt, die jeweils um ein bestimmtes Thema kreisen. Alle paar Monate wird das dann ausgetauscht.

Dazu passt, dass das mobile Lesen in China gerade einen Bom erlebt. Im Dezember wurden in China 649 Millionen Internetnutzer gezählt, davon sind 557 Millionen mobil unterwegs. Vor allem mit Smartphones und Tablets werden elektronische Bücher und Magazine gelesen – 89 Prozent der Chinesen über 16 Jahre besitzen solch ein Gerät. Das China Internet Network Information Centre bezifferte die Zahl der mobilen Leser für 2014 auf satte 293 Millionen. Auch die Umsätze lassen sich sehen: Für 2012 werden sie auf knapp 6,9 Milliarden Yuan beziffert, das sind etwa 700 Millionen Euro.
Ein Grund für diesen Erfolg ist sicherlich, dass die beiden großen Anbieter, Tencent Literatur und Shanda Cloudary, ein bemerkenswert simples System für Download und Abrechnung anbieten, das es den Nutzern sehr einfach macht, sich mit digitalem Lesestoff zu versorgen. Jetzt fusionieren die beiden und werden unter dem Label Yuewen Group mehr als 3 Millionen E-Books anbieten. Zusammen verfügen beide über rund 100 Millionen Nutzer in China. Der kombinierte Umsatz liegt bei knapp 32 Millionen US-Dollar. Unter anderem soll ein chinesischer E-Reader entwickelt werden, der besser geeignet ist als die gängigen Geräte für die Darstellung von Texten in chinesischer Sprache.

E-Mail-Header_600pxB_2Natürlich können wir beim Thema Lesen in China das Thema Zensur nicht ausklammern. Jetzt scheinen die Behörden es besonders auf Buchhändler in Hongkong abgesehen zu haben. Ziel ist es, Bücher von Autoren zu unterdrücken, die in den vergangenen Monaten an den Pro-Demokratie-Demonstrationen teilgenommen haben. Damit spielt die offiziell unabhängige Regierung Hongkongs der chinesischen Bürokratie in die Hände, ohne dass es explizite Zensurbestimmungen gibt – vorauseilender Gehorsam gegenüber den Befindlichkeiten in Peking ist seit der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1999 ein dauerhaftes Merkmal der Administration des Stadtstaats.

„Ägypten schreibt, Libanon druckt, Irak liest“ – so lautet ein alter Satz über die Sache mit den Büchern in der Arabischen Welt. Tatsächlich war der Irak lange Zeit ein Highlight in diesem Teil der Welt, in dem Bücher und Lesen nicht unbedingt Teil der Alltagskultur sind. Und das Highlight dieses Highlights war immer schon die Al-Mutanabbi-Straße im Zentrum von Bagdad – seit dem 8. Jahrhundert werden dort Bücher verkauft. 2007 wurde die Straße Ziel eines Bombenanschlags, der 27 Menschenleben kostete. Heute wimmelt es dort wieder von Händlern und Bücherfreunden. Und seit Kurzem ist auch die erste Frau als Buchhändlerin dort aktiv, die 22-jährige Ruqaya Fawzyia. Zuerst seien die Kunden ein wenig irritiert gewesen, eine Buchhändlerin zu finden, aber inzwischen habe man sich an sie gewöhnt. Fawzyia verdankt der Buchhandelsmeile übrigens auch ihre Ehe: Hier traf sie ihren Mann. Im Ehevertrag wurde auch der Brautpreis festgelegt: 500 Bücher mussten die Eltern herausrücken. Falls die Ehe geschieden wird, werden 1000 Bücher fällig.

Und zum Schluss: Schon Jonathan Swift wusste, dass Schriftsteller nicht wirklich die besten Freunde sein müssen und reimte deshalb:

What poet would not grieve to see
His brother write as well as he
But rather than they should excel
Would wish his rivals all in Hell?

Aus Australien kommt diese nette Zusammenstellung von Beleidigungen, die einige literarische Größen übereinander ausgegossen haben. Recht saftig. Viel Spaß damit!

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, meine Auswahl hat Ihnen gefallen. In der kommenden Woche komme ich bereits einen Tag früher zu Ihnen mit dem Wochenblick – Ostern lässt grüßen. Außerdem wissen Sie ja: am heutigen Sonnabend ist bereits das Gedicht zum Wochenende erschienen, am Montag kommt wieder das Interview zum Wochenbeginn und am Donnerstag die Amazon Watch.

Herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

Meine monatlichen Kolumnen finden Sie im BuchMarkt und im Schweizer Buchhandel.

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