Amazon Watch 13/2015

 

Liebe Gemeinde,

unser treuer Nachrichtenlieferant war auch in den vergangenen Tagen eifrig am Werk. Und los geht’s:

AmazonDrone Wars: Das Gezerre um Amazons Drohnentests geht weiter, auch wenn unsere Freunde in Seattle jetzt einen kleinen Erfolg verbuchen können. Die US-amerikanische Federal Aviation Administration (FAA) hat jetzt Tests erlaubt, allerdings darf dabei die Flughöhe von 400 Fuß (ca. 130 Meter) nicht überschritten werden, und die Tests müssen bei Tageslicht stattfinden. Und: Die Drohnenpiloten müssen eine Lizenz zum Steuern von bemannten Fluggeräten haben. Weiterhin gilt wohl die Regel, dass bebaute Gebiete Tabu sind. Bis aber Prime Air endgültig Starterlaubnis in den USA bekommt, dürften noch einige Jährchen ins Land gehen.
Bisher durfte Amazon seine Mini-Hubschrauber in den USA nur in geschlossenen Räumen testen und war deshalb ins Ausland ausgewichen. Unter anderem wird in Großbritannien geflogen, in Deutschland wird ein früherer Helikopterlandeplatz der US-Truppen in Bad Hersfeld genutzt. Amazon hatte deshalb vor drohenden Arbeitsplatzverlusten gewarnt – nun ja, was man halt als Firma so sagt. Immerhin dürfen sich die schießverrückten Amerikaner jetzt über neue Ziele am Himmel freuen.
Ein offensichtliches Problem für die FAA ist die Entwicklungsgeschwindigkeit der Drohnen: Sie werden sehr viel schneller weiterentwickelt als die Regulierer hinterherkommen können.

Feuer im Fernsehen: Bereits jetzt kommt Amazon mit Prime Instant Video auf ungefähr ein Drittel Marktanteil im Bereich Video-on-Demand in Deutschland. Jetzt soll das mehr werden: Ab Mitte April gibt es den Fire TV Stick zum Schnäppchenpreis: Normalkunden zahlen 39 Euro, Prime-Kunden 19 Euro, und wer ein Abo bestellt, ist mit 7 Euro dabei. Die Fernbedienung wird auch gleich mitgeliefert, kostet aber 4 Euro extra. Wer jetzt bestellt, wird aber erst Ende April beliefert, die erste Tranche war Ratzfatz ausverkauft.
Mit dem Fire TV Stick hat es Amazon besonders auf Chromecast vom Konkurrenten Google abgesehen. Dabei bietet das Teil aus Seattle einen großen Vorteil: Während Chromceast zur Bedienung ein Smartphone oder Tablet benötigt, funktioniert der Fire TV Stick auch allein. Und: Zwar wollen beide Sticks eigentlich nur mit den jeweils hauseigenen Streaming-Angeboten spielen. Aber bei dem Teil von Amazon lassen sich andere Angebote per App nachrüsten; Chromecast stellt sich da ziemlich bockig an.
Wir lernen daraus: Nicht alles, was bei Amazon als „Fire“ bemarkt wird, ist unbrauchbar.

Bessere Bewertungen: Die Sterne-Bewertungen bei Amazon kennen wir ja – viel leichter geht es kaum. Aber so richtig deutlich, warum zwischen einem und fünf Sternen vergeben werden, wird es meistens nicht. Deshalb will Amazon jetzt das System verfeinern und zukünftig Standard-Felder ausfüllen lassen. Dadurch bekommt die verehrte Kundschaft etwas mehr Klarheit über den Grund der Bewertungen – und Amazon bekommt natürlich mehr Stoff, um damit seine Algorithmen zu füttern. Unter anderem sollen die Bewerter jetzt etwas über den Schreibstil sagen und Auskunft geben, ob Gewalt oder Sex eine Rolle spielen. Noch ist die Sache im Beta-Stadium.

Webstore geschlossen: Amazon probiert viel aus, vieles ist erfolgreich, manches, wie das Fire Phone, zeigt sich als Flop. Ein Flop war offensichtlich auch das Webstore-Angebot, mit dem Amazon anderen Händlern die Technik für einen jeweils eigenen Online-Shop zur Verfügung gestellt hat. In Deutschland wurde das Aus dafür bereits im Januar verkündet, jetzt hat Amazon auch in den USA seinen Kunden mitgeteilt, dass das Angebot insgesamt eingestellt wird. Allerdings haben die Kunden ein gutes Jahr Zeit, um sich einen anderen Dienstleister zu suchen. Über die Gründe für das Aus für Webstore schweigt sich Amazon wie gewohnt aus, jedenfalls offiziell.

Mehr Schnellpakete: Ziemlich gut sieht es dagegen weiterhin bei Amazon Prime Now aus, dem Programm, mit dem Amazon seinen Kunden die Bestellungen noch am selben Tag liefert. Seit September wurde das in New York ausprobiert, jetzt geht der Dienst auch in Miami und Baltimore an den Start; weitere Städte sollen folgen.

App-Laus: Prime Now funktioniert über eine App, allerdings ist der hauseigene App-Store offensichtlich noch nicht dort, wo er hinsoll – nämlich eine Konkurrenz für den Playstore darzustellen. Diesem Übel will Amazon jetzt dadurch nachgehen, dass eine Vielzahl von bislang kostenpflichtigen Apps kostenlos angeboten werden. Amazon Unlocked heißt das Programm, das möglicherweise endlich die ersehnte Kundschaft anlocken wird. Wann das Angebot freigeschaltet wird, ist allerdings bislang noch nicht klar. Lange dauern wird es wohl nicht mehr.

Spielsache: Amazons Live-Streaming-Plattform Twitch verzeichnet derzeit mehr als 100 Millionen Nutzer pro Monat – das ist mehr als ordentlich. Auch wenn ich wenig Erhellendes daran finden kann, Leuten dabei zuzuschauen, wie sie am PC vor sich hindaddeln. Aber ich bin wohl auch nicht die Zielgruppe. Das Ganze sei aber als „Demokratisierung“ der Medienlandschaft zu verstehen, heißt es. Oder auf Deutsch: Jeder Depp kann sich hier seine 15 Minuten Ruhm abholen.
Satte 970 Millionen US-Dollar hat Amazon im vergangenen Jahr für Twitch auf den Tisch gelegt und damit Google ausgestochen, das sich ebenfalls die Finger nach der Plattform geleckt hatte. Der Grund ist die viele Zeit, die die Nutzer dort verbringen: durchschnittlich mehr als 100 Minuten pro Tag. In der Zeit kann man viele Anzeigen zu Gesicht bringen…
Allerdings machte Twitch unlängst auch Ärger: Die Seite wurde gehackt. Dabei wurden wohl Passwörter und sonstige persönliche Daten abgegriffen. Die betroffenen Nutzer wurde per Email informiert, ihre Passörter und Links wurden gesperrt.

Kauflust: Ob das gefräßige Krümelmonster aus Seattle weiter in Kauflaune ist? Sicher. Wenn es sich anbietet, wird man zuschlagen, das ist gewiss. Allerdings ist die Nachricht, dass der Klamottenhändler Net-A-Porter ein heißer Übernahmekandidat ist, wahrlich nicht neu: Diese Sau wird schon seit gut zwei Jahren durch die Dörfer getrieben. Aber: Passen würde es schon. Wir lassen uns überraschen.

Freundlose Zukunft: Goodreads ist das Maß der Finge in Sachen Social Reading. Weshalb Amazon die Plattform 2012 gekauft hat. Jetzt wird an den Stellschrauben gedreht – sehr zur Unfreude von Autoren, die dort Mitglied sind. Denn es ist jetzt nicht mehr möglich, ihnen als Person zu „folgen“; Autoren sind jetzt „Seiten“. Das ermöglicht es Goodreads, auf eigene Faust Autorenseiten einzurichten und Fans dorthin zu locken, selbst wenn diese Autoren mit Goodreads nichts zu tun haben wollen. Oder bereits tot sind.
Für Autoren, denen man bisher nicht als Produkt sondern als Person gefolgt ist, bedeutet dies, dass durchaus eine Reihe von Leuten die virtuelle Freundschaft aufkündigen können – wer möchte schon öffentlich machen, dass er auf erotische Bücher steht, vor allem wenn dies von Arbeitgebern und Familienmitgliedern problemlos ausgeforscht werden kann?

Lesetipp: Amazon Publishing ist ja seit einiger Zeit auch in Deutschland aktiv, wenn auch unter der Wahrnehmungsgrenze, obwohl bereits um die 300 Titel im Angebot sind. Erfolgreiche Self Publisher werden routinemäßig angesprochen und gefragt, ob sie nicht zukünftig dort veröffentlichen wollen. Für diejenigen, die Lust verspüren, unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu publizieren, hat der wackere Matthias Matting ein lesenswertes FAQ zusammengestellt, wo er auch mit Warnungen nicht hinterm Berg hält.

Über Amazon Publishing veröffentlichte Bücher werden auf absehbare Zeit den stationären deutschen Buchhandel nicht erreichen. (Matthias Matting)

Fahne hoch: Dass bei Amazons Marketplace nicht nur leuchtend vorbildliche Einzelhändler unterwegs sind, ist bekannt, und Amazon tut tatsächlich sein Möglichstes, schwarze Schafe auszusortieren. Unschön ist, dass auch die Fäkalhirnfraktion mit rechtsextremem Zeugs unterwegs ist. Das ist besonders in den USA ein Problem, wo es grundsätzlich erlaubt ist, Nazi-Devotionalien zu handeln – die Freiheit des Wortes tut halt manchmal weh. Counter-Currents ist so ein Fall, eine Organisation, die die „kulturelle Hegemonie der Weißen“ bedroht sieht. Seit Jahren ist diese Truppe Partner im Affiliates Programm von Amazon und ist auch in Deutschland und Österreich aktiv.
Amazon ist diese Partnerschaft natürlich nicht ganz geheuer: In den AGBs der Firma ist hierzulande deutlich geregelt, dass “Werbung für diskriminierende Produkte” oder die “Anwendung diskriminierender Praktiken in Bezug auf die Rasse” nicht erlaubt sind. Gut so. Jetzt warten wir noch auf den Rauswurf der braunen Gesellen.

Local Heroes: Mit Amazon Home Services bemühen sich unsere Freunde, die gebeutelten lokalen Dienstleister provisionsträchtig einzuspannen. Ab Montag soll das Angebot nach einem Relaunch in vielen US-Städten online stehen, die verehrte Kundschaft kann dann einen Fernseher bei Amazon bestellen und die Installation vor Ort gleich dazu buchen. Für Amazon ist das der Start ins Reich der „On Demand“-Economy; für die Kunden bieten die Einschätzungen und Bewertungen der Dienstleister einen Hinweis auf die zu erwartende Service-Qualität.

Reise nach Indien: So richtig in Gang kommen mag das Amazon-Geschäft in Indien nicht. Jetzt geht das Kindle Voyage-Lesegerät dort an den Start und soll Marktanteile gewinnen. Ob allerdings der Preis von umgerechnet 240 Euro für die Einfach-Variante tatsächlich einen Massenansturm auslösen wird, darf füglich bezweifelt werden. Daran dürfte auch die massive Rabattaktion nichts ändern, die bis Mitte April läuft und bis zu 70 Prozent Nachlass auf E-Books verheißt.

Hör-Bar: Zum Schluss empfehle ich Ihnen einen sehr interessanten Podcast, in dem „Amazon und die neue Markenwelt“ diskutiert werden, von Leuten, die offensichtlich viel davon verstehen.

Das war’s für diese Woche, ich hoffe, meine Auswahl hat Ihnen gefallen. Morgen gibt es wieder den allgemeinen Wochen-Rückblick, am Sonnabend das Gedicht zum Wochenende und am kommenden Montag das Interview zum Wochenstart.