Liebe Gemeinde,

Sie haben es bemerkt, in der vergangenen Woche habe ich den Rückblick ausfallen lassen – Messezeit in Leipzig ist nun einmal denkbar schlecht geeignet, um vor sich hin zu schreiben. Warum Leipzig spannend ist, erzähle ich Ihnen hier. Und falls Sie wissen wollen, was da so alles zu sehen und zu erleben war abseits der offiziellen Programme, empfehle ich Ihnen den täglichen Messe-Mayer. Dass er Maren Ongsiek und mich als „allerschönste Menschen“ auf der Buchmesse bezeichnet hat, lasse ich ihm gnädig durchgehen.
Heute geht es um Buchpreisbindung in Griechenland, Israel und Brasilien, um Litauen, Schulbücher, christliche Zensur und mehr.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGebot Nummer eins des deutschen Büchermenschen lautet ja bekanntlich: „Du sollst die Buchpreisbindung ehren und schätzen und niemals an ihr rütteln“. Amen. Ich unterschreibe das, vor allem weil ich in meiner alten großbritischen Heimat sehe, welche Verheerungen einen nicht preisgebundenen Büchermarkt erfassen können. Weshalb ich einfach nur seufze, wenn ich höre, dass das OECD Competition Assessment Reviews: Greece das Ende der Buchpreisbindung als Element zur Revitalisierung der griechischen Ökonomie empfiehlt. Die Buchpreise seien zu hoch und überhaupt – was ist eine Einzelhandelslandschaft ohne Preiswettbewerb eigentlich wert? Natürlich werden kleinere Buchläden in Aus gedrängt, allerdings wird das mit der guten alten Mär verbrämt, wonach Preiswettbewerb die Effizienz steigert. Nun ja…

On the retail side, we expect that, following deregulation, the older, smaller and more inefficient bookshops will need to become more efficient to remain in the market, ultimately benefiting readers from an enhanced offer.

Gänzlich lächerlich wird das Ganze, wenn darauf hingewiesen wird, dass die Buchpreisbindung altmodisch sei, weil große Supermärkte und Online-Händler ins Geschäft drängen. Hallo?
Bevor wir uns wundern, sollten wir uns erinnern, dass diese Ratschläge von genau den Leuten kommen, die in den Nuller Jahren die Schrottanleihen Griechenlands genauso wie die von den giftigen US-Banken noch ganz toll gefunden haben und behaupten, man könne eine Volkswirtschaft sanieren, wenn man nur die Löhne und Versorgungsbezüge der Bevölkerung weit genug herunterkürzt. Nein, die Ratgeber behalten ihre Jobs.

Seit Anfang 2014 gibt es ein Buchpreisbindungsgesetz auch in Israel – zum Teil als Antwort auf den Würgegriff, den die großen Buchhändler bei den Verlagen angesetzt hatten (die beiden größten Ketten kontrollieren 75 Prozent des Markts), zum Teil als Antwort auf die Preisschlachten, die der Buchhandel sich lieferte. Jetzt ist festgelegt, dass der vom Verlag festgesetzte Verkaufspreis vom Handel für die Dauer von 18 Monaten nach Erscheinen des Buches nicht herabgesetzt werden darf; danach müssen neue Preisverhandlungen geführt werden. Außerdem dürfen Buchhändler, auch wenn sie in Verlagsbesitz sind, nicht ausschließlich die hauseigenen Produkte verkaufen, sondern müssen mindestens sieben Verlage im Programm haben.
So weit, so gut – aber so richtig gut geht es dem israelischen Buchmarkt derzeit nicht. Die Verlegerin Racheli Edelman nennt in einem Gespräch mit der Internationalen Verlegerunion (IPA) zwei wesentliche Gründe: Den Gaza-Krieg und die Beinahe-Pleite von Steinmatzky, der größten Buchhandelskette im Land. Die neuen Besitzer von Steinmatzky sicherten der Kette das Überleben weitgehend auf dem Rücken der Verlage, die auf 30 Prozent ihrer Forderungen verzichten mussten. Auch ärgerlich: Ausgerechnet die Hochschulen betätigen sich als fleißige Piraten und kopieren geschützte Bücher, dass es nur so eine Art hat. Mit der Hebrew University konnte man sich immerhin auf Abschlagszahlungen bis zum Jahr 2017 einigen, danach sieht man weiter.

Weiter geht es mit der Buchpreisbindung, und zwar in Brasilien, wo der Senat jetzt wohl Nägel mit Köpfen machen will. Verleger und Buchhändler waren lange Zeit gar nicht glücklich über das Vorhaben, inzwischen sind sie aber zu der Einsicht gekommen, dass Preiskriege niemandem helfen, vor allem in einem Umfeld, wo das Wachstum in allen Bereichen deutlich nachgelassen hat – und damit auch die Kaufkraft der schmalen Mittelklasse, die in den vergangenen Jahren der Buchbranche zu einem Mini-Boom verholfen hatte.

Sie lesen gerne (sonst würden Sie sich ja wohl kaum mit meinem Blog beschäftigen) – aber sind Sie auch manchmal erzürnt ob der anstößigen Wortwahl des Autors? Ihnen kann geholfen werden: Die Clean Reader App nimmt jetzt „böse“ Wörter aus den Texten und tauscht sie gegen solche aus, die dem zarten Seelchen nicht ganz so viel Pein bereiten. Wenn man einem Bericht des Christian Science Monitor glaubt, haben schon viele Leser bei den einschlägigen E-Book-Shops begeisterte Kommentare hinterlassen, nach dem Motto: „Jetzt kann auch ich wieder lesen, ohne mich schmutzig zu fühlen.“ Hach ja.
Die Bemühungen, Texte zu säubern für das ach so empfindliche Publikum, sind nicht neu, zumal in der englischsprachigen Welt. Im 19 Jahrhundert machte ein gewisser Herr Bowdler dadurch auf sich aufmerksam, dass er u.a. die Werke William Shakespeares von Anstößigem befreite. „To bowdlerise“ wurde sogar zum Verb. Zuletzt gab es in den USA Aufregung um eine bowdlerisierte Neuausgabe von Mark Twains Klassiker Huckleberry Finn, in dem das böse Wort „Nigger“ ersetzt wurde durch politisch Korrekteres.
Bleibt für mich der Trost, dass es in den Tiefen der Hölle eine eigene Abteilung gibt für die Scheinheiligen. Die werden dann dort für die Dauer einer Dreiviertelewigkeit mit Gangsta-Rap beschallt. Amen.

Lässt Sie die Sorge um den Zustand des Buchmarkts in Litauen auch manchmal aus dem Schlaf hochschrecken? Dann bietet Ihnen Publishing Perspectives Grund, Ihre Sorgen zu begraben: Büchertechnisch ist in Litauen alles in Ordnung. Man sei eine Büchernation, heißt es optimistisch, und wenn Präsidentin Dalia Grybauskaitė das sagt, dann wird es wohl stimmen. Bei der diesjährigen Buchmesse in Vilnius stellten das die knapp 60.000 Besucher tatkräftig unter Beweis und kauften Bücher, was das Zeug hielt: Um die 5000 Bücher pro Verlag gingen über den Tisch.
Eine schöne Idee hat die Buchmesse auch produziert, die möglicherweise Nachahmer finden könnte: In jedem Jahr wird ein Genre herausgehoben und mit besonderer Aufmerksamkeit und Förderung bedacht. In diesem Jahr waren Krimis dran, und es scheint, dass die üblichen Verdächtigen aus den skandinavischen Krimihochburgen demnächst blutige Konkurrenz aus dem sten des Baltikums bekommen würden.
Seit 2009 sind die Umsätze der Verlage und Buchhandlungen allerdings stetig bergab gegangen – genaue Zahlen wurden nicht genannt. Lediglich Kinderbücher haben dem Trend widerstanden.
Litauen ist kein besonders großes Land und hat auch nicht besonders viele Einwohner – die Kennziffern der großen Verlage sind deshalb in Relation dazu zu sehen. Die unumstrittene Nummer eins ist Alma Littera, das mit senem Verlag und 31 Buchhandlungen einen Jahresumsatz von 29 Millionen Euro erwirtschaftet. Erstaunlich: Das Unternehmen beschäftigt 540 Leute (!) und produziert knapp 400 Titel pro Jahr. An Nummer zwei positioniert sich Baltos Lankos, das etwa 120 Titel pro Jahr verlegt, danach folgt Versus Aureus mit etwa 100 Titeln. Die meisten Verlage produzieren Titel quer durch die Warengruppen, von Belletristik bis Koch- und Gartenbüchern – für eine Spezialisierung sei der Markt einfach zu klein, heißt es.

Sie wissen ja, dass ich große Hochachtung für James Daunt hege, den Chef der britischen Buchhandelskette Waterstones. Kennengelernt habe ich ihn vor vielen Jahren über seine wunderbare eigene kleine Buchhandelskette Daunt Books, die sechs Filialen in London unterhält – wenn Sie tolle Buchhandlungen suchen, sind Sie dort richtig! Bei Management Today ist ein längeres Portrait von Daunt erschienen, das ich Ihnen sehr zur Lektüre empfehle.

Im Inselkönigreich scheint es nicht besonders gut um die Schulbuchkultur bestellt zu sein, jedenfalls in England und Wales (Schottland regelt sein Erziehungssystem selbst), wo der konservative DailyTelegraph die Schulaufsichtsbehörde Ofsted beschuldigt, das gute alte Schulbuch durch intensives Googeln ersetzen zu wollen. Die ehemalige Erziehungs-Staatssekretärin Liz Truss hatte schon vor beinahe zwei Jahren festgestellt, dass nur 10 Prozent der Mathelehrer in England Schulbücher für ihre Vorbereitung nutzen – in Korea seien das hingegen 99 Prozent, in Finnland 95 Prozent und in Schweden 89 Prozent. Noch schlechter sieht es aus bei den Schülern: In Taiwan nutzen 92 Prozent von Ihnen Schulbücher für den Unterricht in den Naturwissenschaften, in Korea 88 Prozent, in Hongkong 87 Prozent – in England sind es dagegen nur 8 Prozent. Dass all die genannten Länder deutlich besser bei den PISA-Messungen zu den Schülerleistungen in Mathematik, Naturwissenschaften und Leseverständnis abschneiden, erklärt sich möglicherweise von selbst.
Als Schuldiger wurde die Schulaufsicht Ofsted ausgemacht, deren Inspektoren die Nutzung von Schulbüchern im Unterricht seit Jahrzehnten als Ausweis der handwerklichen Unfähigkeit der Lehrer ansehen. Woher das kommt? Außer dem Hinweis auf ideologische Verhärtungen in der Behörde wird nichts Greifbares benannt, außer allgemein „niedrigen Erwartungen“ an die Leistungen von Schülern in öffentlichen Schulen.
Immerhin: Die Frage, ob das nicht vielleicht auch daran liegt, dass die Verlage ein wenig den Bedürfnissen von Lehrern und Schülern hinterher hinken, wird nicht gestellt – die Schulbücher an sich scheinen also durchaus in Ordnung zu sein.

Wir bleiben bei Schulbüchern. Der US-amerikanische Bestsellerfabrikant James Patterson hatte ja bereits im vergangenen Jahr fast zwei Millionen US-Dollar aus seinem Privatvermögen locker gemacht, um unabhängige Buchhändler in den USA und Großbritannien zu unterstützen. Jetzt setzt er noch einen drauf: Gemeinsam mit dem US-Verlag Scholastic will er jetzt Schulbüchereien in den USA unterstützen, und er setzt 1,25 Millionen US-Dollar ein. Bewerben können sich die 62.000 Schulbibliotheken und 800.000 Lehrer, die Mitglied im Scholastic Reading Club sind. Das Unternehmen vergibt für jeden Patterson-Dollar einen Bonus-Punkt an erfolgreiche Bewerber, diese Punkte können dann zum Bezug von Büchern eingesetzt werden.
Das ist, jedenfalls von Seiten des Verlags, vielleicht nicht ganz uneigennützig. Aber die Initiative an sich ist gut. Und ganz egal, was man von den Patterson-Produkten hält: Der Einsatz ist vorbildlich.

Ich habe Ihnen ja schon einige Male von Chris Grayling erzählt, dem britischen Minister für Justiz und Chefentdecker von Fettnäpfchen, dem der Oberste Gerichtshof des Königreichs seine Idee, Gefängnisinsassen den Bezug von Büchern zu verbieten, mit Karacho um die Ohren gehauen hat. Der englische PEN hatte zu denen gehört, die sich lautstark über die regierungsamtliche Dümmelei beschwert hatten. Der Schreiberverband ist seit 14 Jahren in den Gefängnissen aktiv, und zwar mit einem Schreibwettbewerb: Unlängst wurde das Ergebnis des jüngsten Wettbewerbs veröffentlicht, In A Parallel Universe, eine Anthologie mit 37 Geschichten, die aus 500 Einreichungen ausgewählt wurden.

hge (c) 2013 ehlingmediaSo, das war’s für diese Woche, ich hoffe, Ihnen hat mein Rückblick gefallen. Morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende, wir bleiben dabei in der Renaissance. Am Montag gibt es wieder das Interview der Woche, am nächsten Donnerstag Amazon Watch.

Bleibt mir der Hinweis darauf, dass Sie meine Monatskolumnen regelmäßig im BuchMarkt und im Schweizer Buchhandel lesen können.

Mit den allerbesten Grüßen zum Frühlingsbeginn,

Ihr und Euer

Holger Ehling

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