AmazonIn der vergangenen Woche tobte die Leipziger Buchmesse – falls Sie dort waren hoffe ich, Sie hatten viel Spaß und Erfolg. Falls nicht: Besuchen Sie im Oktober die große Schwester in Frankfurt und kommen Sie nächstes Jahr auf jeden Fall auch in die schöne Stadt im Osten.
Nachrichten hat Amazon aber wieder zuverlässig geliefert.

Bauchplatscher: Wir beginnen mit der Spürnase Johannes Haupt, dessen Blog lesen.net ich Ihnen grundsätzlich und wärmstens ans Herz lege. Johannes hat entdeckt, dass die Superhirne bei Weltbild beim Relaunch ihrer Website vermehrt auf Leseproben und dabei Kauflinks auf fünf verschiedene Webshops setzen. An Nummer eins: amazon.de. An Nummer fünf: weltbild.de. Dümmer geht’s wohl nimmer. Stellen wir uns jetzt wirklich noch die Frage, warum Weltbild bei der verehrten Kundschaft nicht auf die Füße kommt?
Immerhin: Nach der eher traurigen als lustigen Enthüllung des Kasus wurden die Weblinks korrigiert, jetzt wird nur noch auf Weltbild.de verwiesen. Vorbildlich. Aber den Screenshot, den Johannes gemacht hat, enthalte ich Ihnen natürlich nicht vor.

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 Bonjour, et Adieu: Bei Amazon in Frankreich blieben in dieser Woche die Klinken blank, weil gleich zwei wichtige Personalien vermeldet wurden. Einerseits wurde die lang ersehnte Nachricht verkündet, wer denn Amazon Publishing in Frankreich zur Glorie führen soll: Es ist Clément Monjou, bisher als Blogger hervorgetreten und seit zwei Jahren bei Amazon als App-Entwickler. Wer erwartet hatte, dass ein(e) verlagsschwergewichtige(r) Dame oder Herr aus einem der großen Häuser, oder wenigstens ein hoffnungsvolles Nachwuchstalent, den Job beim Rohrkrepierer antreten würde, sah sich getäuscht.
Ob der Abgang von Romain Voog damit zu tun hatte, dass ein bisher in der Verlagsszene unbeleckter interner Kandidat benannt werden musste, wissen wir nicht. Voog war seit 2008 an Bord, seit 2012 als Président von Amazon France. Angeblich wird er bei Rocket Internet anheuern. Die Samwer-Brüder dürften sich über seine einzelhändlerische Kampferfahrung freuen.

Billig-Kindle: Wir bleiben in Frankreich, wo Amazon ausgerechnet Vendredi treize zum Anlass nahm, seinen billigsten Kindle noch billiger anzubieten. Für 39 Euro geht das Gerät über den virtuellen Ladentisch. Allerdings ist das Ding nur in Frankreich zu haben. Das sei übrigens nicht gerade die frischeste Geräte-Version, nölen die Kollegen bei ActuaLitté. Das ist prima, dann muss ich das nicht tun.

Lese-Shatzkin: Auch wenn ich häufig nicht ganz einverstanden bin mit seinen Thesen, gebe ich doch ebenso gerne wie neidlos zu, dass der Kollege Mike Shatzkin aus New York zu den einflussreichsten und witzigsten Vordenkern des Buchs im Lande Digitalien gehört. Das stellt er wieder einmal unter Beweis mit einem lesenswerten Stück zur Frage, ob Amazon nun Freund oder Feind ist.

Although just about every publisher has headaches dealing with Amazon, very few could deny that Amazon is their most profitable account, if they take sales volume, returns, and the cost of servicing into consideration. This fact is almost never acknowledged and therefore qualifies as one of the industry’s dirty little secrets.

Sinkflug: Dass vor allem die Self Publisher durch Kindle Unlimited kräftig eins auf die Nase bekommen haben, wissen wir ja. Jetzt berichtet Publishers Lunch, dass der monatliche Honorarpool für KDP-Autoren im Februar deutlich geschrumpft ist, und zwar von 8,5 Millionen US-Dollar im Januar auf nur noch 8 Millionen US-Dollar. Zwar ist das Honorar pro Ausleihe ganz leicht angestiegen, aber insgesamt deutet das darauf hin, dass sich das verehrte Publikum wohl nicht mehr zufrieden gibt mit der Masse an Billigangeboten im Angebot, das sich vornehmlich aus Selbstverlegtem und den Produkten von Amazon Publishing speist.

Go India: Besonders dolle läuft das Indien-Geschäft von Amazon noch nicht, trotzdem vertrauen die Freunde aus Seattle in das Potential des Markts. Jetzt wurde bekannt, dass rund 180 Millionen US-Dollar in den Ausbau der Präsenz gesteckt werden sollen. Dabei hat man wohl vor allem das Nicht-Media-Geschäft im Auge. Bereits im vergangenen Jahr hatte Amazon angekündigt, bis zu 2 Milliarden US-Dollar investieren zu wollen, 400 Millionen US-Dollar sind bereits geflossen. Ob das hinreicht, um die lokalen Player wie Flipkart anzugreifen, beurteilen wir vorerst mit einem Beckenbauer’schen „Schau’n mer mal…“

„Wes Bild ich nutz…: …ist sch…egal“, jedenfalls wenn es nach dem OLG Köln geht (Az. 6 U 51/14). Das hat bereits Ende vergangenen Jahres entschieden, dass Amazon-Händler sich problemlos zur Bebilderung ihrer Angebote bei den Fotos bedienen dürfen, die andere Händler ins Netz gestellt haben. Grund: Die AGBs von Amazon geben das her – dort sichert sich nämlich der Riese aus Seattle vorsorglich die Nutzungsrechte an allen Bildern, Texten etc., die auf seinen Shop-Seiten eingestellt werden. Und erlaubt den Anbietern im Marketplace, an diesen Nutzungsrechten teilzuhaben. Auch schön.

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Hot Stuff: Sie kennen das ja: „Kunden, die blabla gekauft haben, interessierten sich auch für ladida …“ Demnächst könnten Sie dann dort eine Empfehlung für eine Rolex finden oder für irgendwelche Edelklamotten, die wir mit unseren Buchbrancheneinkünften in der Regel nur mit platter Nase durchs Schaufenster betrachten können. Mit Amazon Exclusives haben unsere Freunde jetzt ein Programm gestartet, in dem Artikel zu finden sein sollen, die bisher von den großen Markenartiklern zurück gehalten worden sind. Mal sehen, wann ich die erste Empfehlung für eine Rolex kriege. Bisher langt’s höchstens für eine Roxxel. Wie die Zigarrendealer in Veracruz sagen: „100% Pirata“.

Zum Schluss noch eine Einladung für Kurzentschlossene:

Amazon ausgeliefert – Podiumsdiskussion

Ein Gespenst geht um in Deutschland ‒ das Gespenst Amazon.
Buchhändler klagen, Amazon sei durch sein aggressives Verhalten am Markt verantwortlich für die Schließung von Buchläden.
Verlage befürchten, Amazons Rabattforderungen langfristig nicht mehr schultern zu können und sehen sich bei Weigerung mit Lieferverzögerungen konfrontiert.
Zudem bietet sich Amazon Autoren als neue Publikationsplattform an ‒ kurzum, Skeptiker befürchten bereits ein Monopol, das Kultur und Bildung in Deutschland aushöhlen könnte.
Ist die Buchkultur Amazon tatsächlich ausgeliefert?
Diese Frage diskutieren:

  • Hilke-Gesa Bußmann, Autorin im Eigenverlag
  • Barbara Determann, Buchhändlerin (Autorenbuchhandlung Marx & Co.)
  • Dr. Joachim Unseld, Verleger und bis 2014 Vorsitzender der AG Publikumsverlage im Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Frankfurter Verlagsanstalt).

Die Diskussionsleitung übernimmt Holger Ehling, Journalist, ausgewiesener Kenner der Buchbranche und ehemaliger Pressesprecher der Frankfurter Buchmesse (Ehling Media).

Wo: Stadtteilbibliothek Rödelheim, Radilostraße 17-19, Frankfurt am Main
Wann: 19.30 Uhr
Eintritt: 5 Euro