In dieser Serie stelle ich Ihnen in lockerer Folge die wichtigsten Buchmessen der Welt vor. Heute: Die Leipziger Buchmesse.

LBM_Logo_2015_4CBraucht Deutschland wirklich zwei Buchmessen? Publikum, Medien und Verlage sagen deutlich “Ja”. Dabei sah es lange Zeit nicht gut aus für den Fortbestand der Leipziger Buchmesse. Zum Glück konnten sich die Messemacher an der Pleiße aber durchsetzen mit Optimismus und guten Konzepten. Heute ist die Leipziger Buchmesse mit gut 2200 Ausstellern aus 42 Ländern (2014), hinter Frankfurt, aber (zumindest) gleichauf mit Bologna, Peking und Guadalajara, eine der größten und erfolgreichsten Buchmessen der Welt.

Leipzig und Bücher, das passt schon immer gut zusammen. Über Jahrhunderte hinweg bildete dieses Begriffspaar eine Einheit für die Buchmärkte in Deutschland und Zentraleuropa. Hier trafen sich Buchhändler, Drucker und Verleger zu ihren Jahrestagungen, hier wurde 1825 der “Börsenverein des Deutschen Buchhandels” gegründet, der Branchenverband der Verleger und Buchhändler, der bis heute mit seinem Namen Verwirrung unter denen stiftet, die nicht der Buchbranche angehören. Hier schlug das Herz der deutschen Büchermacher.

Die Geschichte der Leipziger Buchmesse ist eng verbunden mit der Geschichte der Konkurrenz in Frankfurt: Nachdem im Zuge der Gegenreformation das Handeln mit Büchern in Frankfurt durch massive Zensur schwierig wurde, blühte dieses Geschäft im protestantischen Leipzig im 16. Jahrhundert auf. Spätestens seit Mitte des 17. Jahrhunderts lief die Messestadt in Sachsen der Konkurrenz in Frankfurt endgültig den Rang ab. Und während die Buchmesse in Leipzig für e nächsten drei Jahrhunderte blühte, schlief das Buchgeschäft in Frankfurt irgendwann im 18. Jahrhundert ganz ein.

Erst die deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg ließ Leipzig in den Hintergrund treten. Ab 1949 begann der erstaunliche Siegeszug der Frankfurter Buchmesse. Als dann 1990 Deutschland vereinigt wurde, gab es einen lauten Chor der Branchenstimmen, die forderten, auf Leipzig als Buchmesse-Standort zu verzichten: Zu teuer sei die Teilnahme an zwei Großevents, zumal der direkte Kontakt zum Buchhandel für die Verlage eine immer geringere Rolle spielte.

buch2014_2180_R190X0Glücklicherweise – so muss man heute sagen – fanden diese Stimmen kein Gehör: Weder bei der Stadt Leipzig und dem Land Sachsen, die erkannten, dass die Buchmesse der wichtigste verbliebene Imageträger für den Wirtschaftsstandort Leipzig war, noch beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der die “ideelle Trägerschaft” der Leipziger Buchmesse übernahm und gegen den Willen eines großen Teils seiner Mitglieder an der Veranstaltung festhielt.

Doch was sollte diese Buchmesse bieten, wodurch sollte sie sich unterscheiden vom Frankfurter Giganten? “Ostkontakte” hieß die Lösung in den frühen 90er Jahren: Leipzig sollte eine Drehscheibe für das internationale Buchhandels- und Lizenzgeschäft mit Mittel- und Osteuropa werden. Das hörte sich aufgrund der vermuteten alten Bekanntschaften aus Zeiten des Warschauer Pakts vernünftig an – in der Praxis wurde dieses Ansinnen aber zum Flop: Für den geschäftlichen Austausch mit Mittel- und Osteuropa waren seinerzeit die Buchmessen in Frankfurt, Warschau oder Moskau sehr viel bedeutender geworden. Niemand brauchte, niemand wollte Leipzig in dieser Funktion. Zum gütlichen Auskommen zwischen Frankfurt und Leipzig trug damals auch die Leipziger Geschäftsführung nicht unbedingt bei, die den Begriff „Ost-Ausrichtung“ als einmal rund um den Globus bis kurz hinter der Stadtgrenze von Eschborn zu definieren schien. Tempi passati – ich war damals als Pressechef in Frankfurt mittenmang im Getümmel, lustig war das nicht unbedingt.

Wieder kam das Glück der Leipziger Buchmesse zu Hilfe, diesmal in Form der Werbestrategen des Bertelsmann-Buchclubs. Dort hatte man schon länger von einem riesigen öffentlichen Lesefest geträumt, das im Rahmen der Frankfurter Buchmesse partout nicht gelingen wollte. Hierdurch kam der Anstoß zu “Leipzig liest”. Mit zuletzt 3200 Veranstaltungen an 410 Orten in der Buchmesse-Woche ist dies heute das größte Lesefestival in Europa.

Über die Arbeit an “Leipzig liest” veränderten die Messemacher im Laufe der Jahre die Konzeption der Veranstaltung: Leipzig definierte sich bewusst als Marketingveranstaltung für neue Bücher. Und dies mit Erfolg: Die Teilnahme der Medien explodierte. Heute steht Leipzig der Frankfurter Konkurrenz kaum nach, was die Intensität der Berichterstattung angeht – auch wenn sich diese vor allem auf den deutschsprachigen Raum konzentriert. Aber: Eine ganze Reihe von internationalen Ausstellern hat auch den Weg hierher gefunden und mit ihnen auch eine Handvoll internationaler Berichterstatter.

Der Zwang zur Innovation hat die Leipziger Buchmesse zu einem Motor für die Messeentwicklung werden lassen. Vieles wurde später auch von Frankfurt übernommen: Sei es das Hörbuchforum, die Hinwendung zu Manga und Comics, die zahlreichen Fachkonferenzen im Rahmenprogramm, seien es die dezentralen Veranstaltungsorte, die über die Messehallen verstreut sind und das Publikum in Massen anziehen – als ich 2002 mit dem neuen Buchmessechef Volker Neumann nach Frankfurt zurückgekehrt bin, haben wir uns ungeniert bedient bei den Ideen, die dort erfolgreich waren. Und: Die Innovationskraft der Leipziger Messemacher, allen voran Oliver Zille, hat dafür gesorgt, dass die Buchmesse an der Pleiße, im Gegensatz zur großen Schwester am Main, in den vergangenen Jahren ihre Ausstellerzahlen ausbauen und bei der vermieteten Fläche kräftig zulegen konnte.

 

 

 

In dieser Serie bereits erschienen:

Die großen Buchmessen der Welt (III): Cairo International Book Fair – ein Riese bröckelt

Die großen Buchmessen der Welt (II): Guadalajara – la Fiesta de los libros

Die großen Buchmessen der Welt (I): Frankfurt – größer (und besser) geht’s nicht