Liebe Gemeinde,

im Rückblick geht es heute um Justitia, Elektrolesen, Mord, Buchläden und mehr.

#thisisnotabook (c) ehlingmedia 2013

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Die möglicherweise folgenschwerste Nachricht der Woche kommt diesmal als Luxemburg, wo der Europäische Gerichtshof wieder einmal nachwies, dass die Blindheit der Dame Justitia nicht immer nur von Vorteil sein muss: Er untersagte es den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, E-Books zum reduzierten Mehrwertsteuersatz anzubieten, wie er für gedruckte Bücher gilt.

In dem Verfahren ging es konkret um Luxemburg und Frankreich, die schon vor einiger Zeit den niedrigeren Steuersatz eingeführt hatten. Dass sie damit gegen geltendes EU-Recht verstoßen haben, war dabei klar – die weisen Menschen in Brüssel betrachten E-Books als Software-Dienstleistungen, auf die der volle Steuersatz anzuwenden ist. Gedruckte Bücher gelten dagegen als Kulturgüter und dürfen niedriger besteuert werden.
Die Frage, wo denn bitte der Unterschied zwischen einem Text in elektronischer Form einerseits und als Druckerfarbe auf Papier andererseits liegt, stand dabei nicht zur Debatte. Weshalb der EuGH wohl auch gar nicht anders entscheiden konnte. Dämlich ist die Geschichte trotzdem.

Der Börsenverein, der französische Verlegerverband SNE und andere Branchenverbände in Europa starten jetzt eine Kampagne auf Facebook-Twitter-Tralala, um durch die vermeintliche Wucht der empörten Öffentlichkeit die Regierungen der Mitgliedsländer dazu zu bringen, die bisherige EU-Richtlinie zu verändern. Außerdem wurden Briefe an diverse Regierungen und die Chefs der EU-Institutionen verschickt. Zumindest in Deutschland sollte man sich da aber nicht allzu große Hoffnungen machen – hier ist der reduzierte Mehrwertsteuersatz auf E-Books zwar im Koalitionsvertrag festgeschrieben, aber erstens ist Papier geduldig und zweitens ist das Thema Frau Merkel herzlich egal. Immerhin rumort es auch in Italien und Österreich, wo sich die Regierungen für eine Änderung ausgesprochen haben. Wir werden sehen, was kommt.
Aber: Die Sache gibt mir die Gelegenheit, wieder einmal eines meiner Lieblingszitate aus Politikermund anzubringen.

Jede Steuer auf Bücher ist ein Beitrag zur Förderung der Dummheit
(Robert Mugabe, 1992)

Ja, Herr Mugabe ist jetzt nicht die sympathischste Quelle. Und gleich nachdem er bei der Eröffnung der Zimbabwe International Book Fair diesen Satz gesagt hatte, erhöhte seine Regierung die Importzölle auf Bücher und alle Materialien, die man zur Buchproduktion benötigt. Aber ein schönes Zitat ist es doch, oder?

boersenverein-ebook-wachstum-verlangsamt-sich-300x290Wir haben mit E-Books angefangen, also bleiben wir erst einmal dabei. Auch wenn wir nach der Luxemburger Entscheidung erst einmal wenig haben, was Sie aufheitern könnte. Es sei denn, Sie sind eisenharter Verfechter der Druckkultur. Denn in Deutschland hat das Jahr 2014 wieder einmal keinen wirklichen Schritt nach vorne gebracht für die elektronischen Bücher: Der Marktanteil kletterte in vergangenen Jahr auf magere 4,3 Prozent, das sind gerade einmal 0,4 Pünktchen mehr als im Vorjahr. Das Wachstum betrug 7,6 Prozent – was zwar deutlich mehr ist als das Wachstum des Buchmarkts insgesamt, aber nicht wirklich ein Anlass für die Verlage, die Papierbestellungen zu stornieren. 2013 hatte das Umsatzwachstum noch bei gut 60 Prozent gelegen.
Da muss man die Frage stellen, ob der Sache auf diesem niedrigen Niveau bereits der Dampf ausgegangen ist. Wo sollen neue Umsatztreiber herkommen? Die neuen Harry Potters oder 50 Shades sind nicht in Sicht. Dieter Bohlen hat schon länger nicht mehr autobiografiert, Boris Becker hat dagegen gerade eben; Sebastian Vettel wird wohl zunächst mehr Zeit in der Werkstatt verbringen als einem Buchprojekt zuträglich wäre, und der Allmächtige möge bitteschön verhüten, dass Herr Sarrazin irgendwas zusammenschmiert.

Auch in Frankreich ist das E-Book noch kein Kassenschlager. Die Kollegen von ActuaLitté berichten von einer neuen Studie, die für das Jahr 2017 einen Elektroumsatz von 269 Millionen Euro bei unseren Nachbarn veranschlagt, das wäre dann ein Marktanteil von etwa 6,5 Prozent. Obwohl diese Zahlen keinen Freudentaumel hervorrufen können, werden sie in Frankreich doch als Zeichen für eine stabile Entwicklung gedeutet. Übrigens soll vor allem das elektrische Lesen mit Tablets und Smartphones die E-Books in den kommenden Jahren halbwegs populär halten. Womit auch dort ganz allmählich die „dummen“ Reader ans Ende ihrer Nützlichkeit gelangen.
Nicht berücksichtigt in der Studie ist die Frage, wie sich der E-Book-Markt entwickeln wird, falls die reduzierte Mehrwertsteuer in Frankreich wieder aufgehoben werden muss.

Falls Ihnen das Schicksal der E-Books an so manchem Körperteil vorbeigeht, dann dürfte sie ein Beitrag, den ich in der Huffington Post gefunden habe, in ihrer Meinung bestätigen: Neun Studien aus den USA und Großbritannien, also den Ländern wo für E-Books doch  die Honigbäume blühen, werden vorgestellt, deren gemeinsamer Tenor darin besteht, dass E-Books nicht wirklich zur Herzensangelegenheit geworden sind:

  1. Junge Leute vertrauen Offline-Informationen mehr als Online-Informationen – 62 Prozent der Unter-30-jährigen sind dieser Meinung. Kids, die seit dem Jahr 2000 geboren sind, gehen übrigens auch wieder öfter in die Bibliothek.
  2. Schüler und Studenten kaufen vor allem gedruckte Lehrbücher, was dazu führt, dass 87 Prozent der Umsätze in diesem Segment mit Print gemacht wird.
  3. Selbst wenn kostenlose digitale Versionen von Lehrbüchern vorliegen, kaufen 25 Prozent der Studenten der Geisteswissenschaften die Versionen aus Papier.
  4. Auch für den PrivatgebrauchBevorzugen Teenies gedruckte Bücher. Wichtige Gründe für den Kauf war das Herumstöbern in Buchhandlungen und Bibliothelen. Das geht digital nicht so gut, und auch Social Reading kann das bislang nicht ersetzen.
  5. Schüler und Studentenvermissen beim Lesen am Schirm die emotionale Bindung an den Text.
  6. Das Gelesene wird zudem sehr viel schlechter memoriert, auch weil Animationen bisweilen die Konzentration stören; in der Lernsituation ermöglicht das gemeinsame Lesen eine neuen Seite in einem gedruckten Buch zudem bessere Interaktionen in den Lerngruppen.
  7. Auch Eltern ziehen Gedrucktes vor: . ccording to Digital Book World and literacy nonprofit Sesame Workshop
  8. Weniger als 10 Prozent der Eltern bevorzugen E-Books für ihre Kinder, weil viele meinen, dass integrierte Elemente wie Videos und Interaktive Spiele vor allem eine Ablenkung darstellen.
  9.  Auch nicht zu unterschätzen: Die Lichtemmissionen eines Lesegeräts stören das Einschlafen. Testpersonen, die elektronisch lasen, schliefen durchschnittlich zehn Minuten später ein als ihre Papierbuchlesende Vergleichsgruppe.

 

Weg von den E-Books, hin zur realen Welt, wo das Leben für diejenigen, die kritische Dinge schreiben und sagen, vielerorts in größter Gefahr ist. Das zeigte das Schicksal des Bloggers Avijit Roy, der Anfang der Woche in Dhaka, der Haupstadt von Bangla Desh, auf offener Straße ermordet wurde. Roy, der für eine Trennung von Staat und Religion eintrat, war schon vor längerer Zeit aus Bangla Desh in die USA ausgewandert. Roy wurde nach einem Besuch bei der Buchmesse in Dhaka ermordet, als Täter werden radikale Islamisten vermutet, die Roy schon seit längerer Zeit mit dem Tod bedroht hatten.

In China geht es derzeit zwar wohl etwas weniger blutig, dafür aber umso regierungsamtlicher zu, wenn es um die Unterdrückung von Kritik geht. Jetzt wurde 81-jährige Schriftsteller Huang Zerong (Pseudonym Tieliu) zu einer Haftstrafe auf Bewährung und einer Geldbuße von 5000 US-Dollar verurteilt, weil er mehrfach die zunehmenden Gleichschaltungs- und Repressionsmaßnahmen der Regierung kritisiert hatte. Huang hatte bereits seit den 1960er Jahren eine Lagerhaft von 20 Jahren erduldet, weil er dem Mao-Regime unliebsam aufgefallen war.

Wo wir schon bei Sympathieträgern sind: Die aktuelle britische Regierung hat seit 2010 mit großem Vergnügen zugesehen, wie Preise für lebensnotwendige Sachen wie Mieten und Lebensmittel galoppiert sind, hat selbst noch die Studiengebühren auf 9000 Pfund pro Semester angehoben und dafür im Gegenzug Sozialleistungen gekappt und denjenigen, die kein Geld haben, um gegen Ungerechtigkeiten zu klagen, die bis dato üblichen staatlichen Rechtshilfe-Zuschüsse gestrichen. Dank knauseriger Zuweisung der Mittel für kommunale Institutionen wurden hunderte Bibliotheken geschlossen; viele der früheren Mitarbeiter erhielten das Angebot, ihren Job als Freiwillige weiter zu machen. Natürlich ohne Bezahlung.
Da muss es den Strategen von Tory-Chef David Cameron, der sich am 7. Mai den Wählern stellt, doch den Freudenschweiss auf die Stirn treiben, wenn jetzt das britische Statistikamt ONS feststellt, dass Bücher sich in den vergangenen Monaten um 7,4 Prozent verteuert haben. Das ist der höchste Anstieg der Bücherpreise seit dem Beginn der Beobachtungen des Segments durch das ONS im Jahr 1997.
Schuld daran ist zum einen die Tatsache, dass viele Eltern ihren Kindern wieder gedruckte Bücher in die Hand drücken, statt sie mit einem Tablet herumdaddeln zu lassen. Zum anderen haben Ketten wie Waterstones oder Blackwell’s in den vergangenen Monaten nicht mehr jede Preisdumping-Aktion der Supermärkte (denen es insgesamt wirtschaftlich schlecht geht) mitgemacht und dadurch die durchschnittlichen Verkaufspreise auch für Bestseller auf einem höheren Niveau gehalten als in den vergangenen Jahren. Wenig hilfreich war allerdings weiterhin Amazon: Top-Titel werden dort weiter mit Top-Rabatten angeboten, was sich vor allem im Weihnachtsgeschäft deutlich machte. Dabei greifen die Freunde aus Seattle auch zum guten, alten Dumping: Laut Waterstones-Chef James Daunt wurde so mancher Titel bei Amazon dem Publikum zu einem Preis offeriert, der deutlich unter dem lag, zu dem sich der Buchhändler mit diesen Titeln hätte eindecken können.

Wenn wir von den notleidenden britischen Supermärkten reden, dann dürfen wir natürlich den tränenreichen Blick in Richtung Tesco nicht vergessen. Der umsatzstärkste Einzelhändler des Königreichs hatte ja seit 2013 Anstalten gemacht, auch zum Medienvetriebsriesen zu werden und hatte dazu den Ableger Blinkbox aufgemacht. Im Januar und Februar wurde die Sache dann verkauft oder, wie das E-Book-Portal, eingestellt – Kobo übernimmt die Kunden. Jetzt wissen wir auch ungefähr, was dieser Griff in die Grube gekostet hat: Deutlich nördlich von 40 Millionen Pfund. Tja, das muss man auch erst einmal haben, um es verlieren zu können.

Dass es dem unabhängigen Buchhandel in den USA seit einigen Jahren gar nicht schlecht geht, habe ich hier ja schon einige Male erzählt. Tatsächlich trauen sich immer mehr Leute, einen Buchladen zu veröffentlichen, vor allem in solchen Gemeinden und Stadtteilen, in denen die Borders-Pleite und der Preisdruck durch Amazon, Ketten und Supermärkte für tabula rasa gesorgt hatten. Da freut es, wenn jemand mit sehr bekanntem Namen zu den Buchhandels-Startups gehört: Jeff Kinney, der Erfinder des schlurfigen „Greg“, eröffnet in Plainville bei Bosten demnächst seinen Laden. Und in diesem lesenswerten Interview erzählt er, warum er das macht.

Über mangelnde Aufmerksamkeit für seinen Buchladen kann sich Kinney also nicht beklagen. Vielleicht schafft er es ja, seinen neuen Kollegen ein paar gute Ideen zu präsentieren. Das haben die fünf Finalisten des Wettbewerbs um den US-Buchladen des Jahres getan, und hier werden sie vorgestellt. Möglicherweise gibt das ja auch ein paar Ideen für unseren Hausgebrauch her.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Nächste Woche steht die Leipziger Buchmesse an – vielleicht sehen wir uns dort? Sie erreichen mich meistens am Stand des BuchMarkt, oder über den Stand des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands. Morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende, diesmal gehen wir weit in die Vergangenheit und denken über ein treues Grautier nach. Am Montag steht wieder das Interview an, Donnerstag erwartet Sie Amazon Watch.

Bleibt mir, mich von Ihnen zu verabschieden und darauf hinzuweisen, dass meine monatlichen Kolumnen aus der bunten Bücherwelt in den gedruckten Ausgaben des BuchMarkts und des Schweizer Buchhandels erscheinen.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

 

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