Robert Merkel ist Vorstand der Life Media AG und Verleger des Startups frankly, das zur kommenden Leipziger Buchmesse startet. Als langjähriger Manager in der Entertainment-Industrie setzt Merkel auf Konzeptionen, die für die Buchbranche ungewohnt klingen – so ist frankly kein typischer Verlag, sondern verbindet die verlegerischen Arbeiten auch mit E-Book-Store und Netzwerkbildung.
Das Interview wurde geführt von Susanne Tenzler-Heusler.

Merkel 68 v2 (portrait)Die E-Book-Verkäufe im deutschsprachigen Markt stagnieren. 95 Prozent des Umsatzes machen Verlage nach wie vor mit gedruckten Büchern. Wie kommt man in diesen Zeiten auf die Idee, einen Digitalverlag zu eröffnen?

Nimmt man Schul- und Fachbücher dazu, sind es sicher schon 10 Prozent. Sei‘s drum: Vom Konsumenten aus betrachtet ist der E-Book-Markt schon längst ein Massenmarkt. Immerhin werden schon über 20 Millionen E-Books pro Jahr verkauft, Tendenz steigend. Jeder vierte Deutsche, so eine BITKOM-Umfrage, liest mittlerweile E-Books. Dazu kommt: Neue Technologien und nachwachsende Generationen, die „digital natives“, werden das Lese- bzw. Nutzungsverhalten und damit auch den Buchmarkt weiter in Richtung E-Book verändern. Ein abgeschwächtes Wachstum sagt nur, dass der erste Hype vorüber ist, und der E-Book-Markt vor einer Phase der Konsolidierung und endgültigen Durchsetzung steht.
Ich bin überzeugt, Print wird es auch in Zukunft geben. Es wird immer Bücher geben, die eine sehr persönliche Bedeutung für einen persönlich haben und diese möchten viele Menschen besitzen, anfassen. Aber der große Markt an Konsumliteratur eignet sich wunderbar für das E-Book. Ohne Risiken, mit geringen Kosten in der Herstellung. Auch Bücher, die einen sehr großen Umfang besitzen. Und natürlich Genreliteratur, die ja eine riesige Nachfrage hat.
Alles in allem, beste Voraussetzungen für einen Digitalverlag wie frankly.

Was genau ist frankly? Ein E-Book-Store, eine Selfpublishing-Plattform, ein neues Facebook?

Im Grunde ein guter Mix von allem. Mit frankly wollen wir eine Brücke schlagen zwischen der alten und der neuen Welt. frankly ist der erste reine Digitalverlag, der ausschließlich via Web und App arbeitet. Unser Anspruch ist es, eine echte und effiziente Vermarktungsplattform für Inhalte und AutorInnen aufbauen. Wir bieten auf der einen Seite klassische Verlagsleistungen wie Marketing, Distribution, Editierung an und vertreiben die Inhalte über alle Online-Vertriebsportale. Gleichzeitig sorgen wir über eine spezielle Software dafür, dass unsere Texte und AutorInnen tatsächlich „gefunden“ werden, über die sozialen Medien in Kontakt mit den Lesern bzw. Nutzern kommen und so echte Verdienstmöglichkeiten entstehen. Am Ende soll eine frankly-Welt entstehen, ein soziales Netzwerk für alle Literaturbegeisterten, das eine breite soziale Vernetzung, Hilfestellungen und Dienstleistungen für AutorInnen, Wissenstransfer und eine engagierte Community vereint.
Das steht im krassen Gegensatz zu dem, was aktuell in der deutschen Verlagslandschaft praktiziert wird. Zwar haben laut Umfragen 65 Prozent der Verlage E-Books im Angebot, aber nur, so mein Eindruck, weil man irgendwie muss.

Wie funktioniert frankly?

Es gibt bei uns drei Modelle. Autoren können im Standardmodell als Dienstleistung die reine Distribution wählen. Da sind wir noch ähnlich wie existierende Angebote, bieten aber bessere und transparente Honorare. Bei „franklyPlus“ kommen u.a. noch individuelle Marketingkampagnen dazu. Im exklusiven Bereich „franklyPremium“ wählen wir gemeinsam mit einem literarischen Expertenkreis die Werke aus. Und das unter ganz verschiedenen Gesichtspunkten: einerseits anhand des Potenzials aber eben auch, wenn wir überzeugt sind, dass das Werk unbedingt veröffentlicht gehört.

Wen wollen Sie ansprechen?

Alle Autoren! Zunächst einmal die, die ihr erstes Buch, ihren ersten Text bei uns veröffentlichen wollen, und denen es vor allem wichtig ist, mit dem Leser in Kontakt zu kommen. Wir wollen aber auch Autoren ansprechen, die schon Bücher veröffentlicht haben und entweder eine Alternative zum klassischen Verlagsmarkt suchen oder die ein Buch geschrieben haben, das nicht in ihren Verlag passt, aus welchen Gründen auch immer.
Wir setzen dabei auch genretechnisch keine Grenzen, ob Prosa, Lyrik, Krimi, Essays oder Kunstbücher: alles ist möglich.
Auf der Nutzerseite suchen wir natürlich die E-Book-affinen, der Digitalisierung gegenüber aufgeschlossenen Leser. Im Grunde haben wir Millionen Kunden im Blick, nämlich all jene, die via Tablet oder eBook-Reader lesen

Sie selbst kommen nicht aus der Buchbranche. Was macht Sie so mutig und sicher, ohne Verlagserfahrungen in dieser Branche bestehen zu können?

Literatur, der Umgang mit Sprache und Texten interessiert mich schon seit meiner frühesten Jugend. Dabei war ich nie nur als Rezipient an Inhalten interessiert, sondern wollte ihn gestalten, und zwar so, dass er wirklich mit Interesse wahrgenommen wird. Ich glaube an guten Content, bin aber fundamental von einer Sache überzeugt: Die Entscheidung, ob etwas „guter Content“ ist, obliegt nicht mir, sondern das überlasse ich einzig und allein dem Leser. Und ich bin mir sicher, dass da draußen noch viele Schätze an Kreativität liegen, die von den traditionellen Verlagen nicht gehoben werden können.
Außerdem haben wir uns ein Team ausgewiesenen Experten aus der Finanz-, IT-, Verlags- und Entertainmentbranche aus dem In- und Ausland zusammengestellt, die seit Jahren aktiv und erfolgreich im internationalen Mediengeschäft unterwegs sind. Außerdem: haben uns die letzten Jahre nicht gelehrt, dass der unverstellte Blick eines Quereinsteigers durchaus für Bewegung im Markt sorgen kann – gerade im Buchbereich?

Sie bezeichnen sich selbst als Marketingprofi; Sie haben u.a. bei Disney und 20th Century Fox gearbeitet. Kann man Bücher mit den gleichen Konzepten und Kriterien verkaufen wie Comics, Filme, DVDs?

Auch die großen Entertainment-Konzerne mussten sich der Digitalisierung stellen, sich dem veränderten Konsumverhalten anpassen, neue Zielgruppen erschließen. Bei den Big Playern lernt man effizientes Zielgruppenmarketing, d.h. mit wenig Mitteln die richtige Zielgruppe zu finden. Das ist auch unser Anspruch bei frankly, nämlich die Autoren mit „ihren“ Lesern zusammen zu bringen. Denn für jede Art von Literatur gibt es einen Markt. Dafür haben wir mit unserem Technologie-Partner IT Sonix Software-Tools entwickelt, die das Veröffentlichen für Autoren professioneller gestalten und ertragreicher machen sowie den Nutzer mit Gleichgesinnten vernetzen und aktiv in die kreativen Prozesse einbeziehen. Basis ist eine Textanalyse-Software, die zum ersten Mal in der Verlagsbranche Anwendung findet.

Wo sehen Sie sich mit frankly in fünf Jahren?

frankly_logoJeder, der ein Buch veröffentlichen möchte, wird sich gern mit uns beschäftigen und im besten Fall sein Werk bei uns veröffentlichen. Autoren und Leser werden frankly gleichermaßen schätzen – vor allem den Austausch untereinander. Und wir bereiten gerade die Erschließung von anderen Märkten vor. Dabei spielt das Tempo von Expansion und Innovation eine herausragende Rolle. Wenn wir uns in fünf Jahren wiedersehen, wird sich frankly fundamental weiterentwickelt haben. In welche Richtung kann ich nicht vorhersagen. Aber wir arbeiten an einer ganzen Reihe von Themen und Funktionalitäten, um frankly zu verbessern.

Können Sie ein Beispiel geben?

Ohne zu konkret werden zu wollen, hier ein Beispiel: Jeder größere Verlag in Deutschland erhält unverlangt bis zu 2.000 Manuskripte pro Jahr. Und aus der Erfahrung heraus wissen wir, dass sich unter diesem Berg der nächste Bestseller verbirgt – die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Nur weiß keiner, welcher Text das ist. Dieses Problem haben wir gelöst: Mit einer völlig neuartigen Software, die wir bei frankly einsetzen werden.