Liebe Gemeinde,

heute geht es um Brechreiz in Italien, Irak und Amerika, Furcht in Portugal, Elektrisches in Kuba, Hoffnung in Kolumbien und mehr.

Libreria El Puente, Arrecife (c) ehlingmedia 2015

Libreria El Puente, Arrecife (c) ehlingmedia 2015

Ich hatte Ihnen bereits in der vergangenen Woche davon erzählt, dass Silvio Berlusconi mit seinem Verlag Mondadori den Konkurrenten RCS Libri schlucken will. Dagegen haben jetzt 48 italienische Schriftsteller protestiert, darunter auch Umberto Eco. Selbst der italienische Kulturminister Dario Franceschini schüttelte das weise Haupt und verkündete, er sähe seine schriftstellerische Freiheit in Gefahr. So wie Franceschini befürchten die Protestierer, dass durch den Zusammenschluss, aus dem der nach De Agostini zweitgrößte italienische Verlagskonzern entstehen würde, nicht eben wohltuend wäre für die kulturelle Vielfalt. Gut, es ist niemandem zu verdenken, wenn ihn beim Gedanken daran, in irgendeiner Weise auch nur in die Nähe von Berlusconi zu kommen, ein Brechreiz überkommt. Aber: Sowohl RCS Libri als auch Mondadori sind möglicherweise gleichzeitig zu groß und zu klein, um in Zukunft erfolgreich sein zu können. Zu groß, weil beide einen immensen Bestand an Büchern und Autoren haben und diesen bearbeiten und verwalten müssen – samt entsprechendem personellen Aufwand – und möglicherweise zu klein, weil beide, mit einem bisherigen Jahresumsatz von ca. 340 Millionen Euro (Mondadori) bzw. ca. 250 Millionen Euro (RCS) im internationalen Vergleich weit hinterher hinken. Um RCS im laufenden Geschäft liquide zu halten, wurde vor gar nicht langer Zeit eine Kapitalerhöhung fällig, und es scheint als sei die Geduld der Anteilseigner am Ende. Ob sie allerdings den Stecker ziehen würden, falls Berlusconi nicht zum Zuge kommt, ist nicht ausgemacht. Noch ist also Zeit für ein Nachdenken über finanzielle Hygiene.

Auch erfolgreich in Sachen Brechreiz sind die Menschenschlächter von der ISIS. Aus Mossul wird berichtet, dass die dortigen Bibliotheken von den Schlagetots heimgesucht wurden. Angeblich wurden mehr als 100.000 Manuskripte und Dokumente zerstört, die teilweise mehrere hundert Jahre alt waren. Die Bibliothek der Universität sei außerdem völlig zerstört worden.

Wir kommen zu einer anderen Sorte Gotteskrieger und fragen, wie „christlich“ die religiösen Verlage in den USA eigentlich sind? „Sehr“ lautet die Antwort. Oder, mit ebensolcher Berechtigung: „gar nicht“. Der Umgang mit Brandon Robertson, einem offen homosexuellen christlichen Aktivisten, lässt beide Urteile zu. Denn nachdem er in einem Beitrag im Time Magazine seine Position deutlich gemacht hatte, zog der Verlag Destiny Image einen mit Robertson geschlossenen Buchvertrag zurück. Aus „finanziellen Gründen“, wie es heißt. Die Befürchtung des Verlags ist wohl, dass die umsatzstarken evangelikalen Buchhandlungen den Titel nicht führen würden. Es könnte ja sein, dass die glaubensstarke Leserschaft sich beim Blättern im Buch mit dem virus queerus infiziert. Oder, dass besorgte Schäfchen den Verlag auf Unterlassung und Schadenersatz verklagen, weil die gläubigen Seelen die Pein nicht ertragen, dass ein Homosexueller an denselben Gott glaubt wie sie selbst. Sie merken, mir sind die Schleichwege, auf denen diese Leute zu Gott finden, unergründlich.
Um sicher zu gehen, dass Robertson weiß, mit was für einem Laden er sich eingelassen hatte, bekam er das offizielle Statement von Destiny Image zum Thema Homosexualität zugestellt. Ich enthalte es Ihnen natürlich nicht vor:

Destiny Image accepts the Holy Scriptures as the infallible word of God and answers all questions concerning life and godliness. We do not condone, encourage or accept the homosexual lifestyle. Destiny Image renounces this lifestyle as ungodly and completely contrary to the Kingdom of God.

Nchdem man Robertson vom Hof gejagt hat, versichert man natürlich, die Gebete des Hauses seien mit ihm.
Da fragt man sich doch, ob der Herrgott sich solche Frechheiten eigentlich gefallen lassen muss? Und auch, ob er, nachdem er bei den Leuten von Destiny Image offensichtlich bisher mit der Erleuchtung geknausert hat, es demnächst noch einmal versucht mit dem Lampenanknipsen? Falls nicht, erinnern wir gerne an diesen Trick, den er damals in Sodom angewandt hat: Salzsäulen in die Landschaft stellen. Hat was.

Zwar nicht wie erstarrte Salzsäulen, aber doch wie ein Kaninchen auf die Schlange hat so mancher portugiesische Verleger auf die Meldung gestarrt, wonach die Companhia das Letras aus Brasilien demnächst im schönen Land am Atlantik aufschlagen wird. Tatsächlich kam bereits im Februar ein erster Roman von Chico Buarque heraus und es wird wohl nicht lange dauern, bis noch einiges folgt.
Der Grund für den Schock der portugiesischen Verleger ist einfach benannt: Der neue Konkurrent hat nicht nur ein tolles Programm, sondern auch Geld. Denn er ist Teil von Penguin Random House, das ja spätestens seit der Übernahme der Publikumssparte von Santillana die iberische Halbinsel und Lateinamerika zum Wachstumsgebiet erklärt hat.
Luiz Schwarcz, Gründer und immer noch Chef der Companhia das Letras, wiegelt allerdings in einem Gespräch mit Público ab: Man wolle niemanden aus dem Feld schlagen. Interessant wird es aber vor allem, wenn er kurz darauf eingeht, wie viel Mühe man damit haben wird, brasilianische Texte für Portugiesen lesbar zu machen. Denn die Iberer sehen zwar Telenovelas aus Brasilien und hören die neueste Musik aus der ehemaligen Kolonie. Aber fürs Textverständnis ist bisweilen durchaus Vokabelpauken angesagt. Naja, die Glossare in den Romanen wird sich Bertelsmann dann wohl noch leisten können.

Alles Neu in Kuba: Seit die Regierung Obama und das Castro-Regime vereinbart haben, künftig nicht mehr so blödsinning wie bisher miteinander umzugehen, werden auf beiden Seiten die Vorbereitungen für die Zukunft getroffen. In Kuba soll jetzt sogar das Internet so ausgebaut werden, dass es tatsächlich genutzt werden kann. Und zwar vor allem auch, um E-Books verbreiten zu können, denn die erfreuen sich, trotz mangelnder Lesegeräte, durchaus schon einiger Beliebtheit, sind sie doch eine Möglichkeit, die notorischen Lieferschwierigkeiten für begehrte Bücher zu umgehen. Ob es ideologisch Anrüchiges ist wie die „50 Shades“ oder einfach nur Beliebtes wie die Romane von Leonardo Padura – was immer in gedruckter Form, als DVD oder CD-ROM (ja, das gibt es dort noch) verlegt wird, ist ratzfatz ausverkauft. Da hilft dann halt die Besinnung auf die gute karibische Tradition der Piraterie, und wenn neben der Rumbuddel dann auch noch der knackvoll beladene Leseknecht auf dem Tisch ist, schreiten wir voran zum Sieg.
Wobei das mit der kubanischen Piraterie derzeit noch nicht solch ein riesiges Problem darstellt: Ende 2013 hatten gerade einmal 3,4 Prozent der Einwohner Zugang zum Internet. Viele der Downloads kommen übrigens mit halbstaatlichem Segen, wenn etwa monatliche Download-Pakete mit Musik, Videos und Texten zur Verfügung gestellt werden, ohne dass da jemand nach Lizenzgebühren fragt.
Derzeit können die meisten Kubaner kaum an legale Downloads kommen, auch wenn sie Internet-Zugang haben: Zur Bezahlung braucht es zumeist Kreditkarten. Und wo bitteschön sind Visa, MasterCard oder American Express zuhause? Jawohl, in den USA. Und da galt bisher ein Embargo. Mal sehen, wann sich das ändert und die Zahlmeister auch in Kuba antreten. Aber auch wenn die Kubaner Zugang zu Kreditkarten hätten, gäbe es noch eine Kleinigkeit zu bedenken: Der Durchschnittslohn liegt derzeit bei unter 20 Euro pro Monat. Das reicht nicht für besonders viele Bücher…

Ich bin dieser Tage in Spanien unterwegs, und hier beherrscht „Arco“ die Kulturschlagzeilen, die jährliche Messe für zeitgenössische Kunst in Madrid, die am Mittwoch eröffnet wurde. Gastland ist in diesem Jahr Kolumbien, und ich habe mich sehr gefreut, dass Mariana Garcés Córdoba, die Kulturministerin des Landes, diese Kunstmesse zum Anlass genommen hat, auf die überragende Bedeutung von Büchern und Lesen für die Entwicklung zu einer friedlichen und zukunftsfähigen Gesellschaft hinzuweisen. Und das sind nicht nur schöne Worte: im laufenden Haushalt des Ministeriums gehen rund 156 Millionen Euro in die Lese- und Literaturförderung, das sind immerhin 37 Prozent des gesamten Budgets. Damit werden u.a. Bibliotheken ausgebaut und ausgestattet, bislang sind es mehr als 1400 im ganzen Land, und das besondere Augenmerk gilt dem Versuch, schon kleine Kinder – und mit ihnen auch deren Eltern – für das Lesen zu begeistern. Der Effekt ist tatsächlich sichtbar, so die Ministerin: Während alle Kolumbianer im Schnitt nur 1,3 Bücher pro Jahr lesen, steigt diese Zahl bei den Menschen, die man fürs Lesen begeistert hat, auf 4,3 Bücher pro Jahr. Das hört sich vielleicht nicht überragend an – für ein Land, in dem der Großteil der Menschen bitterarm ist und in dem es außerhalb der Metropolen praktisch keine Versorgung mit Büchern gibt, ist das ein echter Hoffnungsschimmer.

Und zum Schluss die Meldung, dass der US-Buchhändler Barnes & Noble seine College-Buchhandlungen in eine separate Firma auslagern wird, Barnes & Noble Education. Zur Begründung wurde gesagt, dass man damit bessere strategische Möglichkeiten für die beiden neuen Gesellschaften sieht. Für den College-Bereich mag das zutreffen, war dieser doch eigentlich stets profitabel, wenn auch in bescheidenem Rahmen. Im Geschäftsjahr 2014 (das im Mai abgeschlossen wurde) wurden dort gut 1,75 Milliarden US-Dollar umgesetzt und ein Gewinn von rund 35 Millionen US-Dollar erzielt. Allerdings sehen die beiden verbleibenden Teile der zweiten neuen BN-Firma, nämlich Nook Media und das klassische Buchhandelsgeschäft, seit Jahren recht blass aus: Im Buchhandel wurden im Geschäftsjahr 2014 noch 4,3 Milliarden US-Dollar umgesetzt (minus 6 Prozent), der Gewinn (EBITDA) sank auf 350 Millionen US-Dollar (minus 5,9 Prozent); bei Nook ging der Umsatz um satte 35 Prozent auf 505 Millionen US-Dollar zurück. Der Sinkflug ging in den seither vergangenen Monaten in beiden Bereichen weiter und das Konzernergebnis dürfte nicht eben in freudvolle Regionen gedreht sein durch das Geld, das man an Microsoft und Pearson gezahlt hat, um sie aus Nook herauskaufen zu können.
Da ist die Frage nicht unberechtigt, ob da möglicherweise ein Ausweg in Richtung Chapter 11 vorbereitet wird, nachdem man den gesunden Bereich wegstrukturiert hat? Damit könnte man so manche Altlast aus den Bilanzen kehren und möglicherweise einen gnadenvollen Exitus für Nook durchziehen, ohne dafür in die Ecke wandern zu müssen. Es wird spannend. Ab August soll es die beiden neuen Firmen geben.

hge (c) 2013 ehlingmediaSo, das war’s für diese Woche. Ich hoffe, mein Rundblick hat Ihnen gefallen. Morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende, am Montag folgt das Interview zum Wochenstart. Und dass Donnerstag der Tag für Amazon Watch ist, dass wissen inzwischen sehr viele von Ihnen, wenn ich mir ansehe, was da so an Seitenbesuchen zusammenkommt.

Bleibt mir, Sie wie üblich darauf hinzuweisen, dass meine monatlichen Kolumnen in den Druckausgaben des BuchMarkts und des Schweizer Buchhandels erscheinen.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling

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