Liebe Gemeinde,

es bleibt spannend in Amazonien, jedenfalls für unsereinen, der sich für die Kleinigkeiten interessiert. Ich hoffe, auch Sie finden das interessant, was mir in den vergangenen Tagen aufgefallen ist.

AmazonDa geht an erster Stelle unserer Aufmerksamkeit wieder einmal über den Rhein hinweg, wo unsere französischen Nachbarn ja seit Jahren eifrig dabei sind, Amazon das Dasein ein bisschen weniger lustig zu gestalten. Ich hatte Ihnen ja bereits erzählt, dass der Verlegerverband SNE das französische Buchpreisbindungsgesetz angestrengt hat, um Kindle Unlimited auszuhebeln. Das scheint vorerst erfolgreich zu sein: Die zuständige Medien-Ombudsfrau Laurence Engel hat in der vergangenen Woche eine Stellungnahme veröffentlicht, der zu entnehmen ist, dass sie es für möglich hält, dass das Angebot nicht gesetzeskonform sein könnte:

Les dispositions législatives et réglementaires comme l’intention explicite du législateur conduisent à affirmer que la loi de 2011 s’applique aux abonnements. Il s’ensuit que les offres d’abonnement dont le prix n’est pas fixé par l’éditeur contreviennent aux dispositions législatives et devront, le cas échéant, être mises en conformité avec la loi.

Das heißt letztlich: Amazon (und wer sonst noch E-Books ausleihen will) muss die Konditionen für Kindle Unlimited ändern. Ob es das tun wird, steht in den Sternen. In einer ersten Stellungnahme stammelte der Riese aus Seattle lediglich davon, dass Kindle Unlimited doch etwas Tolles sei und dass diese Interpretation des Gesetzes den Lesern ihren Lesestoff unzugänglich macht. Gut, irgendwas Substantielles hat man nicht wirklich erwartet. Jetzt warten wir mal ab, welche Hebel Amazon in Bewegung setzen wird. Einen Monat Zeit haben die Beteiligten für Stellungnahmen zu dieser Rechtsmeinung, innerhalb drei Monaten muss die Sache an das geltende Recht angepasst werden. Ich nehme an, dass diverse Anwaltsfirmen bereits die Gauloises auf die Seite gelegt und das Telefon in die Hand genommen haben, um die Sache durchzuklagen.

Kindle-Scout-ebook-authors-300x168Während der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr erzählte mir ein US-amerikanischer Verleger von einem neuen Verlagsprojekt bei Amazon – was uns beide nicht eben zu großen Erwartungen antrieb. Aber: Amazon hat sein Kindle Scout-Projekt tatsächlich durchgezogen, in dem es letztlich darum geht, die liebe Crowd zum Verleger zu machen. Angeblich haben sich 29.000 Amazon-Kunden an der Auswahl von Manuskripten beteiligt, 21 Titel wurden ausgesucht, und am kommenden Dienstag sollen die ersten zehn Titel erscheinen. Für die ausgewählten Texte gibt es einen Vorschuss von 1500 US-Dollar, ausgewählte Marketing-Aktivitäten und das Versprechen, dass der Autor innerhalb von fünf Jahren mit seinem Buch wenigsten 25.000 US-Dollar Umsatz machen wird – ansonsten fallen alle Rechte zurück.
Gut, jetzt mögen Sie sagen, dass die Verlegerei per Crowd einen der edelsten Berufe der Menscheitsgeschichte wieder ein Stück weit zum Abgrund führt. Allerdings gibt es wenige verlegerische Abgründe, die man sich nicht selbst geschaufelt hätte.

Dass Amazon Prime sich in den vergangenen zehn Jahren zur Cash Cow für das Reich von Jeff Bezos entwickelt hat, haben wir hier ja schon einige Male erwähnt. Und dass Amazon alles daran setzt, den Service weiter zu entwickeln, ebenfalls. In New York bekommen Prime-Kunden jetzt einen Großteil der Bestellungen innerhalb einer Stunde geliefert, wobei man sich des wunderbaren Hi-Tech-Instruments des Fahrrad-Kurierdiensts bedient, den es im Big Apple schon seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt. Aber wenn es funktioniert und die Kunden sich freuen, ist das ja alles ganz prima. Ob die anderen Buchhandlungen nachziehen werden? Zumindest den Indies ist das zuzutrauen. Der Riesenrollmops Barnes & Noble wird wahrscheinlich erst einmal recherchieren müssen, was ein Fahrrad ist.
Übrigens: Schon vor zwölf Jahren berichtete mir der damalige Chef des Moskauer Buchhandels-Riesen Biblio Globus sehr stolz davon, dass seine Firma alle Bestellungen innerhalb des Stadtgebiets innerhalb drei Stunden ausliefere. Dank Fahrradkurieren.

Wo wir schon beim Liefern sind: Noch besser als Dinge im Lager aufzubewahren und sie dann auf Bestellung zu den Leuten zu karren ist es, die Sachen erst auf Bestellung zu produzieren. Das denkt wohl auch Amazon, denn das Unternehmen hat jetzt einen Patentantrag eingereicht, bei dem es darum geht, eine Maschine für eine Art „3D-Printing-On-Demand“ zu schützen. Das Ding wird in einem Lieferwagen installiert und produziert die bestellte Ware auf dem Weg zum Kunden.

Für diejenigen unter Ihnen, die immer noch mit Blackberry-Telefonen umgehen (müssen), gibt es ebenfalls Neuigkeiten: Falls Sie ein Blackberry 10-Gerät haben, können Sie seit der vergangenen Woche den App-Shop von Amazon nutzen, was Ihnen viele schöne Android-Apps aufs Telefon zaubert, die Sie bisher wahrscheinlich noch gar nicht vermisst haben.
Und wo wir schon bei den digitalen Helferlein sind: Dank des kolossalen Bauchklatschers, den Amazon im vergangenen Jahr mit seinem Fire Phone hingelegt hat, gehen jetzt die App-Entwickler von der Fahne: Jene Leute also, die im blinden Glauben an die Regenmacher-Qualitäten von Bezos zum Teil hunderte Stunden in die Entwicklung von Programmen investiert haben und auf veritablen Verlusten sitzen geblieben sind – jene Leute aber auch, von deren weiterem Engagement der Erfolg weiterer Generationen des Fire Phone, die es ja geben soll, abhängig ist. Eine Ausweg wäre es wohl, die technischen Sonderwege zu vergessen und einfach ein funktionierendes Telefon anzubieten. Aber das wäre wohl zu banal.

Das war’s für diese Woche, ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und verweise darauf, dass es am morgigen Freitag wieder den Wochenrückblick gibt.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling