Liebe Gemeinde,

heute geht’s um überraschende Lieblingsjobs, die Bertelsmänner, Schreiberfrust, Brasilien, Pakistan und mehr.

Biblioteca Joanina, Universidade de Coimbra (c) Domecio Dupra CC BY-SA 3.0

Biblioteca Joanina, Universidade de Coimbra (c) Domecio Dupra CC BY-SA 3.0

Dass wir in unserer Branche auch bei der Entlohnung weitestgehend ein Paralleluniversum bewohnen, sollte uns klar sein: Elektriker, Maurer und sogar so manche Reinigungskraft hat am Ende des Monats mehr auf dem Konto als so mancher Schriftsteller, Buchhändler oder Verlagsmensch. Aber dafür machen wir ja tolle Sachen, mit Büchern und so, oder? Irgendwie ist alles wie Wowereits Berlin: „Arm aber sexy“, nur mit Büchern.
Ob das der Grund ist, warum meine alten Landsleute im britischen Königreich ziemlich scharf sind auf Bücherberufe, weiß ich nicht. Sind sie aber: Schriftsteller, Bibliothekar und Akademiker sind die Jobs, die am verlockendsten erscheinen, jedenfalls wenn man einer aktuellen Umfrage glaubt. 60 Prozent der Briten wären gerne Schriftsteller, das ist die häufigste Nennung, und mit 32 Prozent ist es der Job, den wenigsten NICHT haben wollen. Mit 54 Prozent und 51 Prozent Zuspruch landen Bibliothekar und Akademiker ebenfalls auf dem Podest – diese drei sind auch die einzigen Berufe die mehr als die Hälfte der Befragten gerne ausüben würde.

Womit wir aus der Welt als Wunsch und Vorstellung nach Gütersloh kommen, was ja für die Bücherwelt (und Küchengeräte) so etwas wie der Nabel ist. Von dort ist zu hören, dass die Bertelsmänner jetzt so richtig investieren wollen in Brasilien, China und Indien. Dabei geht es vor allem um Schulbücher und Digitales. Bertelsmann-Chef Thomas Rabe wird zitiert mit der mutigen Ansage, die Umsätze dort in den nächsten Jahren auf eine Milliarde Euro steigern zu wollen. In Indien hatte Bertelsmann im vergangenen Jahr iNurture Education Solutions übernommen, in Brasilien wurde ein 30 Millionen US-Dollar schwerer Fonds zur Entwicklung digitaler Lehr- und Lerntechnik aufgelegt.
Gut, ich habe mit Gütersloh ein wenig gemogelt: Die Ansage stammt aus einem Treffen von 60 Top-Managern, das in Neu Delhi stattgefunden hat.

Dabei merken wir pflichtschuldigst an, dass man es als Riese heutzutage auch nicht immer leicht hat. Besonders diese renitenten Schreibknechte mäkeln ständig herum, dass man vor lauter Kümmern um den großen Wald das einzelne Bäumchen aus dem Blick verliert. Der britische Autor Harry Bingham hat dazu ein schönes Stück geschrieben, in dem er es schafft, die Qualitäten der „Big Five“ (Penguin Random House, HarperCollins, Hachette, Macmillan, Simon & Schuster) der Publikumsverlage zu würdigen und trotzdem ordentlich abzulästern. Einiges davon habe ich schon vor einiger Zeit hier unter dem Titel „Verlage ohne Leselust“ beschrieben – das Stück gehört zu den am meisten gelesenen auf dem Blog – aber Bingham ist natürlich aktueller.
Interessant ist, dass Bingham in diesen 15 Jahren als professioneller Schreiber mehrere deutlich unterschiedliche „Perioden“ ausmacht, in denen sich das Verhältnis von Verlag zu Autor deutlich verändert hat.
Periode 1: Bingham veröffentlichte sein erstes Buch bei HarperCollins im Jahr 2000 und er berichtet, dass der Verlag damals satte 50.000 Pfund für Marketing und Werbung ausgab. Das war eine Zeit, als Amazon noch als Marginalie angesehen wurde und die großen Buchhändler noch nicht Haus und Hof verwetteten auf irrsinnige Rabattaktionen.
Periode 2: Die Monsterbuchhändler wie Borders, Barnes & Noble, Waterstones und andere rabattierten um die Wette und baten die Verlage mit allerlei Zwangsabgaben dazu, das zu finanzieren. Das bedeutete vor allem, dass die Werbegroschen vom eigentlichen Zweck, nämlich der Promotion der Verlagsproduktion, abwanderten in die Taschen der großen Buchhändler. Und der Autor schaute bedröppelt aus der Wäsche.
Periode 3: Mit Amazon tauchte ein Handelspartner auf, der den Verkauf von gedruckten und elektronischen Büchern fast perfekt organisierte – im Gegenzug sank natürlich auch die Neigung der Verlage, allzu forschen Forderungen der Buchhandelsketten nachzugeben. Die Folge: Die Großbuchhändler fuhren mit ihrer Preispolitik vor die Wand – Borders ging in den USA, Großbritannien und Australien Pleite; Barnes & Noble und auch Waterstones segeln bis heute in schwerer See. Aber: Durch den neu entstandenen Markt für E-Books, den Amazon praktisch eigenhändig geschaffen hat, schafften es die Verlage, deutlich mehr zu verdienen als vorher.
Die Autoren blieben dabei allerdings weitgehend auf der Strecke, ihre Honorare gehen seit Jahren in Richtung Keller. Bingham führt das zum großen Teil zurück auf die Tatsache, dass E-Books den Verkauf von gedruckten Büchern wenigstens teilweise kannibalisieren – er schreibt Krimis, und wir wissen ja, dass im Bereich der Genre-Fiction die E-Book-Anteile extrem hoch sind (sogar in Deutschland) – und dass die großen Verlage (er war inzwischen bei Random House gelandet) schlicht zu unflexibel sind, um dieser Entwicklung intelligent zu begegnen. Und dass die Verlage nicht erkennen, dass die angebotenen Honorare bei E-Books schlichtweg ein Witz sind im Vergleich zu dem, was ein Selfpublisher bei Amazon erzieln kann.
Jetzt ist Bingham Selfpublisher und ist gespannt auf den Ausgang des Experiments. Ich wünsche ihm alles Gute.

Wir haben ja eben gehört, dass Bertelsmann heftig expandieren will. Ein Unternehmen, mit dem die Gütersloher lange Zeit sehr gut kooperiert haben, ist die italienische Mondadori-Gruppe, die zum Imperium von Silvio Berlusconi gehört. Bis Ende 2013 machte man in Spanien und Lateinamerika mit dem Joint Venture Random House Mondadori gemeinsame Sache, dann übernahm Bertelsmann den Berlusconi-Anteil.
Jetzt will Mondadori den Konkurrenten RCS Libri übernehmen, für 120 bis 150 Millionen Euro. Mondadori hatte zuletzt einen Umsatz von 334 Millionen Euro, RCS Libri kam auf 252 Millionen Euro. Das neue Unternehmen wäre in Italien die Nummer zwei, deutlich hinter dem Marktführer De Agostini, der zuletzt etwa 1,2 Milliarden Euro Umsatz verbuchte.

In welchem Land werden die meisten Bücher pro Einwohner produziert? In Großbritannien. Und zwar nicht zuletzt, weil Harry Potter, die „Fifty Shades“ und die Kochbücher von Jamie Oliver so beliebt sind. Das berichtet die BBC – und wer würde „Aunty“ nicht glauben wollen?
Im Jahr 2014 kamen in Großbritannien 184.000 Titel heraus, doppelt soviele wie in Deutschland. Damit hinkt das Königreich zwar China (444.000 Titel) und den USA (305.000 Titel) hinterher, allerdings sind die 2870 Titel pro Million Einwohner einsame Weltspitze. Eines dürfen wie aber nicht vergessen: Wissenschaftliche und akademische Werke, die ein Drittel der Buchproduktion ausmachen, werden zwar von britischen Verlagen herausgebracht, allerdings sieht ein großer Teil davon niemals die weißen Klippen von Dover: Auch die Produktion der internationalen Ableger der Verlage wird großzüg der britischen Produktion zugerechnet.

Weiter geht es in Richtung E-Books: Die Beratungsfirma Civic Agendahat gemeinsam mit den belgischen und niederländischen Bibliotheksverbänden eine Studie zur öffentlichen Ausleihe in Europa durchgeführt. Ergebnis: Deutschland liegt an der Spitze, sowohl bei den Ausleihen als auch bei der Zahl der verfügbaren Titel. Das verwundert nicht: Seit 2007 gibt es bei uns die Onleihe der öffentlichen Bibliotheken, die meisten anderen Länder haben erst in den vergangenen Jahren nachgezogen. Eine ausführliche Analyse präsentiert lesen.net, ich empfehle die Lektüre.

Gott ist mit den Amerikanern, jedenfalls meinen das die Amerikaner. Und sie kaufen auch fleißig christlich-erbauliche Werke, neben den islamischen Ländern gibt es kein Land, in dem der Anteil dieses Segments am Markt so bedeutend ist. Aber das schützt nicht vor Pleiten: Family Christian Stores (FCS), die größte christliche Buchhandelskette, hat jetzt Insolvenzschutz nach Chapter 11 beantragt. Das bedeutet nicht, dass die Firma vor dem Aus steht: Die 266 Filialen sollen erhalten bleiben, und man will auch niemanden entlassen. FCS-Chef Chuck Bengochea sagte: „We have carefully and prayerfully considered every option.“ Das kann man nicht übersetzen. Aber es heißt wohl, dass die Gläubiger auf nicht viel mehr hoffen können als auf tröstliche Worte und den Einschluss ins Abendgebet. Am stärksten gekniffen ist wohl HarperCollins, bei dem FCS mit gut 7,5 Millionen US-Dollar in der Kreide steht.
FCS machte zuletzt einen Umsatz von 216 Millionen US-Dollar und spendet großzügig für gute Zwecke. Bis 2012 gehörte das Unternehmen einem Finanzinvestor, dann wurde es zurück gekauft. Jetzt will das Unternehmen sich selbst aus der Insolvenz kaufen und hat dafür eine eigene Firma gegründet. Nach dem Kauf sei man „Cash Flow positive“ sagte Bengochea. Das ist schön für FCS und hört sich an wie ein reichlich unappetitliches Winkeladvokatenstück. Das ist es auch. Friede sei mit Euch…

Wir bleiben jenseits des Atlantiks und kommen nach Brasilien, wo Canal dos Livros erstaunliche Erfolge als gemeinsamer Vertreter verschiedener Klein- und Mittelverlage verzeichnen kann und neuerdings sogar von den großen der Branche bei den Verhandlungen mit den Buchhandelsketten genutzt wird. Das Problem für die Verlage kennen wir auch aus Deutschland: Viele große Buchhandlungen lassen die Vertreter kleinerer Verlage gar nicht mehr durch die Tür. Als Gemeinschaftsvertreter schleppt Canal dos Livros natürlich eine ganz andere Umsatzgröße im Koffer. Ergebnis: Den Kleinen stehen plötzlich auch die Türen bei Saraiva, Fnac oder Cultura offen und der Verlag Veneta erzählt fröhlich, dass sich die Abrechnungssumme innerhalb weniger Monate von 4 Millionen Real auf 200 Millionen Real erhöht hat.

Auch aus Brasilien berichte ich gerne von einer schönen Spielerei: Poetweet heißt die Website, auf der man seine – doch meist recht prosaischen – Twitterbotschaften lyrisch verwandeln lassen kann. Dass die Ergebnisse bisweilen an real existierenden Dadaismus erinnern, tut da nichts zur Sache – die Zeitung O Globo ist jedenfalls ganz begeistert.

Begeistert bin ich auch über die Berichte vom diesjährigen Karachi Literature Festival, zu dem mehr als 100.000 Leute gekommen sind und sich auch nicht haben stören lassen von den vielfältigen Drohungen, die in Pakistan immer wieder gegen den Frevel der Freude an der Literatur ausgestoßen werden. Dank der innigen Zuwendung der Taliban, die vor einiger Zeit den Flughafen der 20-Millionen-Metropolen überfallen haben, trauen sich im Allgemeinen nicht viele Leute auf die Straße, um an solchen Veranstaltungen teilzunehmen. Natürlich kann so etwas nur unter massivem Polizeischutz passieren, aber nach das Festival, das es seit sechs Jahren gibt, ist sicherlich ein Hoffnungsschimmer in dem Land.

Weniger schön ist die Nachricht aus dem Sudan, wonach der dortige Schriftstellerverband (SWU) von der Regierung Ende Januar aufgelöst worden ist. Der Verband war 1989 schon einmal aufgelöst worden und hatte sich 2006 neu gegründet. Ein Grund für die neuerliche Auflösung wurde nicht gegeben. In seiner Stellungnahme verweist der SWU darauf, dass die sudanesische Regierung in den vergangenen Monaten eine Reihe von Kulturorganisationen verboten hat. Aber: Man hofft auf eine neuerliche „Wiedergeburt“, wenn denn die Regierung irgendwann wieder einmal bei Sinnen ist.

Alte Fahrensleute bei der Frankfurter Buchmesse kennen die alte Weisheit, wonach die Buchmesse die einzige Messe ist, bei der die Frankfurter Prostituierten in die Röhre schauen – weil die Buchleute allzu geschäftsschädigenden Gefallen finden aneinander.
Warum ich das erzähle? Die Bibliothek der Wellcome Foundation hat jetzt einen Führer zu den Sexarbeiterinnen Londons erworben. Allerdings stammt der aus dem späten 18. Jahrhundert und ist damit für den Besuch bei der Londoner Buchmesse nicht wirklich von Nutzen. Harris’s List of Covent Garden Ladies wurde zuerst 1757 veröffentlich und dann über 30 Jahre hinweg aktualisiert, wahrscheinlich wurden um die 250.000 Exemplare abgesetzt. Die Informationen darin sind erschöpfend: Von den Dienstleistungen der Damen bis zu Sondertalenten wie das Spielen der Flöte wird erläutert, was den zahlenden Kunden erwartet. Wenn Sie einen Blick riskieren wollen: die digitale Version finden Sie hier.

Und zum Schluss: Wenn Sie auf Reisen eine ordentlich eingerichtete Hotelbibliothek vermissen, dann finden Sie hier Tipps für die schönstenBibliotheken in Hotels, von Koh Samui bis Schottland.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, die Tour durch Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika hat Ihnen gefallen. Nächste Woche geht es weiter. Morgen habe ich wieder ein Gedicht für Sie parat – es wird romantisch. Am Montag gibt es das übliche Interview, Donnerstags präsentiere ich Ihnen Amazon Watch.

 

Dies für heute,

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

 

Meine monatlichen Kolumnen über die bunte Bücherwelt erscheinen im BuchMarkt und im Schweizer Buchhandel.

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