Liebe Gemeinde,

heute geht es um Buchpreiskäse, amerikanische Kellerzahlen, lesefaule Völker und mehr.

bookWir fangen an mit einem Besuch bei unseren niederländischen Nachbarn. Die atmen gerade tief durch, denn das Parlament hat die aktuell gültigen Buchpreisbindungsregelungen für zunächst vier weitere Jahre bestätigt. Sorgen müssen sich die Kollegen trotzdem machen, seit im vergangenen Jahr die Wettbewerbsaufsicht das System als altmodisch und ineffizient beschrieben hatte. Tatsächlich kann man nicht so einfach über die Skepsis der Wettbewerbshüter hinweggehen, die anmerkten, dass es nicht unbedingt ersichtlich sei, dass dir Buchpreisbindung die Verlage dazu bewegt, mehr „wertvolle“ Literatur zu produzieren und weniger auf Bestseller zu setzen. Ähnliches Rumoren hatte es vor mehr als einem Jahrzehnt auch in der Schweiz gegeben, mit dem Ergebnis, dass die Buchpreisbindung dort inzwischen Geschichte ist.

In den vergangenen beiden Jahren hat der US-amerikanische Buchhändlerverband ABA viel Lärm darum gemacht, dass die Indie-Buchhändler sich im Aufwind befinden. Das ist auch richtig und, glaubt man den ABA-Zahlen, so haben die Indies in den vergangenen drei Jahren jeweils um die 8 Prozent Umsatz zugelegt, außerdem werden es monatlich mehr, die den Sprung zur Geschäftseröffnung wagen.
Die schönen Nachrichten von den Indies sollten aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es mit den Buchverkäufen im stationären Buchhandel seit Jahren bergab geht. Jetzt hat das Cenus Bureau, das US-Statistikamt, die vorläufigen Zahlen für 2014 veröffentlicht: Minus 4,5 Prozent Buchhandelsumsatz steht dabei zu Buche, von 11,9 Milliarden US-Dollar in 2013 auf knapp 11,4 Milliarden US-Dollar. Das ist ein deftiger Einschnitt, leider aber kein Einzelfall: Schon 2013 ging es um gut 4,5 Prozent in den Keller, in den Jahren vorher war es auch nicht besser.

Dazu passt das Ergebnis einer aktuellen Studie des National Endowment for the Arts (NEA), wonach fast die Hälfte der US-Amerikaner im vergangenen Jahr nicht ein einziges Buch gelesen hat, egal ob gedruckt oder elektronisch. Besonders stark waren die Rückgänge bei der Belletristik: Hier wurden 11 Prozent weniger Bücher gekauft als noch im Jahr davor. Für die Studie wurden 37.000 Menschen befragt – das dürfte also durchaus stimmig sein.
In dem Zusammenhang wollen wir auch auf den schönen Streich hinweisen, den unbekannte Hacker den Verkehrsbehörden in Los Angeles gespielt haben. Die erstaunten Autofahrer konnten dort nämlich einem Leuchtschild die subtile Aufforderung entnehmen: „Read a Fucking Book“. Das Bild dazu sehen Sie oben.
Oh, Yeah!

Ähnlich lesefaul wie die US-Amerikaner zeigten sich auch unsere italienischen Freunde: Hier haben sogar fast 60 Prozent der Menschen im vergangenen Jahr kein einziges Buch gelesen. Tröstlich ist aber, dass bei den Teenager im Alter zwischen 11 und 19 Jahren durchwegs mehr als 50 Prozentzu den Lesern gehören.
Die italienischen Verlage reagieren darauf u.a. mit der Aktion #IoLeggoPerché die versucht, die Menschen davon zu überzeigen, dass Lesen eine tolle Sache ist. Dazu wurden u.a. per BookCrossing an die 240.000 Bücher im ganzen Land verteilt, und demnächst wird es, aus Anlass des Welttags des Buches, in vielen Städten Aktionen wie Lesemarathons geben.

Möglicherweise kommt den Leseförderern in den USA und Italien (aber sicher auch bei uns) eine Meldung gelegen, wonach eine Studie der Universität Liverpool herausgefunden hat, dass regelmäßiges Lesen das Selbstbewusstsein fördert, Stress mildert und Depressionen verhindern kann. Kurz gesagt: Lesen ist gesund. Gut zu wissen.

Wie viele Begräbnisse braucht eine Buchmesse? Im Falle der Messe im kanadischen Toronto wird jetzt bereits zum zweiten Mal ein Grab geschaufelt. Schon 2011 hatte Reed Exhibitions den Vorgänger BookExpo Canada mangels Ausstellerinteresse aufgegeben. Und jetzt läutet das Glöckchen für den Nachfolger „INSPIRE! Toronto International Book Fair“, die erst im vergangenen November Premiere gefeiert hatte. Rund 400 Autoren waren damals dabei, darunter auch die Hohepriesterin der kanadischen Literatur, Margaret Atwood. Mehr als 20.000 Besucher kamen – was für ein Literaturfestival nicht schlecht ist. Für die ausstellenden Verlage, die wohl vor allem des Buchverkaufs wegen präsent waren, ging die Rechnung allerdings wohl nicht auf. Sie hatten keine Lust auf einen zweiten Versuch, so jedenfalls die Veranstalter, die für 2015 die Veranstaltung abgesagt haben. Vielleicht gibt es ja im Jahr 2016 einen neuen Anlauf – zu wünschen wäre es. Allerdings verdienen manche Leichen auch ihre Ruhe.

Aus der Rubrik „dumm gelaufen“: Der Besitzer der Buchhandlung El Azhar im französischen Lille wurde jetzt zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er islamistischen Terror gerechtfertigt habe. Außerdem darf sich der Mann ein Jahr lang nicht kaufännisch betätigen. Anlass für die Anzeige und Verurteilung: Der Mann hatte in seinem Schaufenster ein Banner aufgehängt, das dem der Steinzeitterroristen des „Islamischen Staat“ (IS) nachempfunden war.

Wir nähern uns der Abteilung „Leichtes zum Wochenende“. Auf Ihrem Wunschzettel zu Weihnachten oder zum Geburtstag stehen fast nur Bücher? Wenn Freunde über einen Film reden, sagen Sie meistens „Das Buch war besser“? Ihre Bücher haben das Gefängnis des Regals überwunden und übernehmen allmählich Ihre Wohnung? Tja, dann sind Sie eindeutig ein bookaholic, was absolut nicht ehrenrührig ist. Im Guardian finden Sie noch eine Reihe von weiteren Anzeichen, die Ihnen bestätigen können, dass Sie buchlesetechnisch schwer an der Nadel hängen.

Und zum Abschluss: Den Literaturnobelpreis gibt es seit mehr als 100 Jahren, die Zahl der weiblichen Preisträgerinnen liegt bei einem Dutzend. Hier finden Sie die so geehrten Ladies – wenigstens als Tipp für die nöchste Schaufensterdekoration sollte das nützlich sein.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, der Rückblick hat Ihnen gefallen. Morgen gibt es wieder ein Gedicht, immer Donnerstags präsentiere ich Ihnen Amazon Watch – seit gestern auf Deutsch – und Montags gibt es das Monday Interview mit Schriftstellern und Verlagsleuten aus aller Welt.

 

Herzliche Grüße
Ihr und Euer

Holger Ehling

 

 

 

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