Liebe Gemeinde,

heute geht es um Buchmessen und Verbandsmüll, Verkaufsschilder, Afrika und mehr.

Clementinum Bibliothek, Prag (c) Bruno Delzant CC BY 20Unserer Welt mangelt es an vielen Dingen, aber sicherlich nicht an Buchmessen – oder Veranstaltungen, die sich so nennen. Die Bezeichnung ist nirgends definiert, und so schmücken sich denn Monstershows wie die Frankfurter Buchmesse und die Campingzeltgroße Feria de Libro de Remate in Mexiko-Stadt mit dem gleichen Titel. Das ist den kleineren Veranstaltungen gerne gegönnt. Aber ein wenig Licht im Dschungel dieser vielen Buchmessen wäre eine schöne Sache, weshalb ich mich sehr gefreut habe, dass die Internationale Verleger-Union (IPA) jetzt eine Studie über die internationalen Buchmessen vorgestellt hat.

Als ich die Studie heruntergeladen und gelesen habe, ist mir die Freude allerdings schnell vergangen: Da wurden 14 Seiten zusammengeschmiert, von denen der größte Teil mit einem unvollständigen Buchmessekalender sowie drei Interviews mit den Chefs der Buchmessen in London, New York und Sharjah gefüllt ist. Auf ein paar Zeilen werden Zufriedenheitsdaten von Ausstellern mit den Messeveranstaltern dargeboten. Ergebnis: Alles ganz okay, mit Ausnahme der WLAN-Anbindungen. Aha.
Aber: Es gibt keinerlei Erläuterungen zu irgendeiner Methodologie, keinen Hinweis darauf, wie man Daten erhoben hat, wer das gemacht hat, wen man befragt hat.
Die London Book Fair und die BEA in New York werden von Reed Exhibitions, dem größten Messeveranstalter der Welt, ausgerichtet. Sharjah ist eine staatliche Veranstaltung, die Freunde von Reed leisten dort allerdings freundliche Unterstützung. Wieso nicht wenigstens auch die Veranstalter in Frankfurt, Guadalajara und Bologna befragt wurden, ist ein Rätsel. Es sei denn, die IPA hat sich zum Werbeknecht von Reed Exhibitions gemacht. Wenn dem so ist, dann ist der Schuss kräftig nach hinten losgegangen.
Erkenntnisgewinn der „Studie“: Null. Werblicher Nutzen für Reed: Äußerst zweifelhaft.
Die IPA könnte nützliche Arbeit leisten, mit dem Freedom to Publish Prize tut sie das auch. Es gibt genügend Verlegerverbände, die den Nutzen ihrer internationalen Dachorganisation seit langem anzweifeln. Mit solchem Müll werden diese Stimmen sicherlich nicht zum Verstummen gebracht. Aber wohl in der Erkenntnis bestätigt, dass es auf der Welt neben Buchmessen auch mehr als genügend Verlegerorganisationen gibt.

Source / (c): Roy Morgan Single Source (Australia)

Source / (c): Roy Morgan Single Source (Australia)

Wer ordentlich E-Books verkaufen will, der sollte sich einen Wechsel nach Down Under überlegen: In Australien wächst und gedeiht der Markt jedenfalls recht kräftig. Die Marktforscher von Roy Morgan berichten, dass in den zwölf Monaten bis September vergangenen Jahres 7 Prozent der über-14-jährigen mindestens ein E-Book gekauft haben. Dabei haben die 35 bis 49-jährigen die Nase vorn: 9,1 Prozent von ihnen haben mindestens ein E-Book gekauft. In fast allen Altersgruppen gibt es Steigerungen der Kaufbereitschaft, lediglich die Teenies und die 50 bis 64-jährigen zeigten sich unlustiger. Auch interessant: 15 Prozent der Haushalte in Australien haben ein Lesegerät – eine ganze Menge E-Books werden also mit Tablets oder Smartphones gelesen. Die nebenstehende Grafik zeigt die Details.

Barnes & Noble kennen sicher die meisten Buchleute bei uns, von Books-A-Million (BAM) haben wohl deutlich weniger gehört. Das ist schade, denn BAM ist nach dem Borders-Exitus der zweitgrößte Buchfilialist in den USA und betreibt unter verschiedenen Namen 256 Läden in 33 Staaten. Mich selbst haben de BAM-Läden nie vom Hocker gerissen – viele haben die Atmosphäre einer Resterampe. Aber mein Geschmack ist ja nicht entscheidend. So richtig toll sind auch die Ergebnisse nicht: Für das Geschäftsjahr 2014 wurden bei einem Umsatz von ca. 470 Millionen US-Dollar Verlust von knapp 8 Millionen US-Dollar verbucht.

Jetzt hat die Familie Anderson, die bereits 58,2 Prozent der Anteile besitzt, angekündigt, auch den Rest übernehmen zu wollen, für rund 17,3 Millionen US-Dollar. Damit wäre die Kette etwas mehr als 41 Millionen US-Dollar wert, was in etwa dem Amazon-Cashflow von vier Stunden entspricht. Immerhin: Nachdem die Offerte bekannt wurde, stieg der Aktienkurs von BAM um 50 Prozent.

Wo wir schon bei Übernahmen sind: Der führende polnische Online-Buchhändler Merlin steht zum Verkauf. Merlin ist seit15 Jahren aktiv und vermeldet 13 Millionen Kunden, die dem Unternehmen zuletzt rund 100 Millionen Złoty Umsatz beschert haben. 2013 war das Unternehmen von der Einzelhandelsgruppe Czerwona Torebka für 51 Millionen Złoty übernommen worden. Jetzt drücken den Konzern finanzielle Probleme und offensichtlich geht es darum, mit einem schnellen Deal an frisches Geld zu kommen. Als möglicher Käufer wird die Buchhandelskette Empik genannt, die bereits 2013 für Merlin geboten hatte. Seinerzeit hatte die polnische Wettbewerbsaufsicht einen Deal verhindert. Es ist wenig wahrscheinlich, dass so kurz nach dieser Entscheidung plötzlich die Bahn frei gemacht würde.

Dass die gegenwärtige britische Regierung nicht unbedingt mit den schärfsten Messern im Besteckkasten gesegnet ist, habe ich ja schon öfters beklagt. Eine der dämlichsten Ideen, nämlich Gefängnisinsassen den Bezug von Büchern zu untersagen, wurde glücklicherweise im vergangenen Dezember vom Obersten Gerichtshof Ihrer Majestät kassiert. Jetzt dürfen die Knastis also wieder Bücher beziehen, allerdings nur, wenn diese über Waterstones, Blackwell’s, Foyles oder WH Smith geliefert werden. Der unabhängige Buchhandel wird sich über diese warme Zuwendung der Regierung sicher erfreut zeigen. Begründet wird die Präferenz für die großen Filialisten mit Sicherheitsüberlegungen. Ob Justizminister Grayling mal von seinem Buchhändler an der Ecke Dresche bezogen hat, weiß ich nicht. Eine ganz schlechte Idee wäre das aber auch nicht…

Dass ich etwas übrig habe für Gedichte, wissen Sie ja. Weshalb ich auch fröhlich vermelde, dass es jetzt die Badilisha Poetry X-Change für Lyrik aus Afrika und der Karibik gibt. Die Sache ist noch im Aufbau, aber es gibt jetzt schon sehr schöne Clips zu sehen und zu hören, in denen Schriftsteller/innen aus Afrika und der Diaspora ihre Texte lesen. Mir macht so etwas Spaß, Ihnen hoffentlich auch.

Dass die Buchverlegerei in Afrika kein leichtes Unterfangen ist, wissen wir schon lange. Korruption, Kaufkraftmangel, Analphabetismus – das sind nur einige der vielen unschönen Stichwörter, die man immer wieder aus der Schublade ziehen muss, um die Situation zu beschreiben. Sonja Matheson hat dazu vor einiger Zeit hier im Blog einen lesenswerten Beitrag geschrieben.
Aber es gibt auch Hoffnung, denn allüberall in Afrika gibt es Leute, die sich nicht klein kriegen lassen von den Problemen. Hier ist eine kurze Liste von Verlagsleuten, die wirklich einen Unterschied machen und dabei auch noch tolle Bücher produzieren und spannende Autoren entdecken.

Und zum Abschluss wieder was Schönes: 50 Bibliotheken zum Dahinschmelzen. Ja, die Clementinum Bibliothek aus Prag, die sie am Anfang des Beitrags gesehen haben, ist auch dabei. Klicken Sie mal durch, Sie werden es genießen!

hge (c) 2013 ehlingmediaSo, das war’s für diese Woche. Ich hoffe, Ihnen hat meine kleine Rundschau durch die bunte Bücherwelt gefallen. Morgen gibt es wieder das übliche Gedicht, am Montag das „Monday Interview“, am Donnerstag wartet dann wieder „Amazon Watch“ auf Sie. Und am Freitag schaue ich wieder auf die Woche zurück.
Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

 

 

 

 

 

Meine Monatskolumnen aus der bunten Bücherwelt finden Sie in der gedruckten Ausgabe des BuchMarkt und im Schweizer Buchhandel.

buchmarkt_logo08