Liebe Gemeinde,

heute geht es um arme Dichter, einen Schakal, Argentinien, Zahlensalat, Piratengesänge und mehr.

Rund ein Drittel der publizierten Autoren in den USA hat im vergangenen Jahr nur 500 US-Dollar oder weniger verdient. Zu diesem Ergebnis kommt Digital Book World. Reine „Verlagsautoren“ (13 Prozent der Befragten) erzielten durchschnittlich zwischen 3000 und 4999 US-Dollar, Selfpublisher (56 Prozent) kamen auf 500 bis 999 US-Dollar. Autoren, die über beide Varianten publizieren (31 Prozent), kamen auf 7.500 bis 9.999 US-Dollar. Insgesamt machten 1879 veröffentliche Autoren bei der Befragung mit. Immerhin: 10 Prozent der Teilnehmer gaben an, mehr als 250.000 US-Dollar eingenommen zu haben.

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Aboudi Bookstore, Luxor (c) ehlingmedia

In Portugal und Brasilien war er ein literarisches Politikum, in Deutschland wurde er wenig beachtet: der jüngste Coup des Literaturagenten-Schakals Andrew Wiley. Er hat sich die Rechte am Werk des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago gesichert. Zeit seines Lebens hatte Saramago eng zusammengearbeitet mit der Literarischen Agentur Mertin in Frankfurt, die weltweit die Rechte an seinem Werk vertrat. Und auch nach seinem Tod ging die Zusammenarbeit mit den Erben sehr gedeihlich weiter. Nicole Witt, Inhaberin der Agentur Mertin, reagierte denn auch geschockt auf die plötzliche Aufkündigung dieser Zusammenarbeit. Ob die Saramago-Erben wirklich gut beraten sind, sein Werk einer Agentur anzuvertrauen, die mehr als 1000 Autoren vertritt, inklusive Hochkarätern wie Salman Rushdie oder Orhan Pamuk, darf man anzweifeln. Denn Wiley ist berüchtigt für seine Gnadenlosigkeit im Umgang sowohl mit Verlagen wie auch mit Autoren (und deren Erben), die seine Renditeerwartungen nicht erfüllen können. Saramago selbst hatte über Wiley nichts, aber auch gar nichts Gutes zu sagen.

Auch aus Lateinamerika hören wir, dass die Regierung des Bundesstaats Buenos Aires ihre Unterstützung für den Export von Büchern aus Verlagen der Region intensivieren will. Das Programm „Opcion libros“ gibt Unterstützung zur Teilnahme an internationalen Messen und hilft bei der Kontaktanbahnung. Rund 70 Prozent der argentinischen Buchproduktion stammt aus dem Großraum Buenos Aires, weshalb der Bundesstaat die Verlagsbranche zur Schlüsselindustrie erklärt hat.
Die Hilfe beim Export ist dringend nötig, viel wichtiger wäre es allerdings, die nationale Regierung dazu zu bringen, ihre restriktiven Importregeln zu modifizieren – grundsätzlich muss für den Import aller Güter ein gleichwertiges Exportvolumen nachgewiesen werden. Das hat zur Folge, dass Unternehmen wie Porsche oder Adidas in großem Stil mit Wein, Leder und anderen Gütern handeln, um den Auflagen gerecht zu werden. Die Ausfuhr von Agrarprodukten wie Fleisch oder Weizen unterliegt zudem deftigen Exportsteuern.
Für die Buchbranche bedeutet das u.a. Probleme bei der Einfuhr von Hilfsmitteln für die Druckindustrie wie Papier und Druckfarbe – der Schutz der lokalen Klein- und Mittelindustrie gegen Dumping-Exporte, so löblich er auch als Anliegen sein mag, hat deshalb direkte Auswirkungen auf die Konkurrenzfähigkeit der Betriebe, die für ihre Importprodukte zur Erstellung ihrer eigenen Waren benötigen.
Ob das Ausweichen auf digitale Bücher hierfür eine Lösung ist, kann derzeit noch nicht gesagt werden. Zwar ist der Ausstoß von elektronischen Büchern auf fast 18 Prozent der produzierten Exemplare gestiegen, angesichts der weiterhin sehr geringen – und vor allem extrem preissensitiven – Nachfrage nach elektronischen Büchern in Argentinien und im Rest Lateinamerikas ist auf die Schnelle keine wirklich bedeutender Beitrag zu den Umsätzen der Verlage zu erwarten.

Die Import-Export-Probleme der Argentinier sind nur ein Teil dessen, was die Entwicklung der Buchbranche in Lateinamerika hemmt. Bei der Buchmesse im mexikanischen Guadalajara haben sich deshalb eine Reihe von unabhängigen Verlagen gegenseitige Hilfestellung versprochen – was angesichts der derzeitigen Schwäche der spanischen Verlagsindustrie sicher kein schlechter Schritt ist.
Eines der wesentlichen Themen dabei ist die gegenseitige Information: Leonardo Djament von Eterna Cadencia aus Buenos Aires brachte das Beispiel, dass ein Autor aus Venezuela in der Regel erst dann in anderen lateinamerikanischen Ländern verlegt wird, wenn seine Bücher vorher in Spanien „entdeckt“ wurden.
So etwas ist sicherlich zu beheben durch eine von allen intensiv betriebene Vernetzung. Sehr viel schwieriger dürfte es sein, die infrastrukturellen Probleme anzugehen: Handelshemmnisse, Umsatzsteuer, hohe Transportkosten, disfunktionale Postsysteme, Kaufkraftprobleme, Mangel an Buchläden außerhalb der Metropolen – und dies sind nur ein paar Stichwörter.
Mehr Koproduktionen könnten Handelshemmnisse und Vertriebsprobleme angehen, insgesamt wurde die Notwendigkeit von strategischen Allianzen betont. Aber: Auch die Haltung gegenüber Büchern und Lesen insgesamt muss neu definiert werden. Bücher sind mehr als nur Handelsware, ein neo-liberaler Ansatz wie in den USA und Großbritannien würde den Bemühungen um Bildung und Entwicklung in Lateinamerika massiven Schaden zufügen.

Allmählich kommen die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr zusammen. Ich habe ja schon berichtet, dass der unabhängige Buchhandel in den USA und in Großbritannien durchaus zufrieden ist mit 2014. Für diejenigen unter ihnen, die neben ihren Läden auch noch E-Book-Shops betreiben, waren die Ergebnisse durchwachsen.

In den USA hatte der dortige Buchhandelsverband ABA für seine Mitglieder zunächst eine Kooperation mit Google ausgehandelt, die bis 2012 Bestand hatte. Seither ist Kobo Partner der Indies. Das Prinzip ist einfach: die teilnehmenden Buchhändler verkaufen Kobo-Geräte und erhalten für Verkäufe über den Kobo-Shop Provisionen.
Soweit, so gut. Aber das Geschäft mit den E-Books lässt zu wünschen übrig. Der Reisebuchhändler Hudson, der 65 Läden betreibt, meldete einen Umsatzrückgang von 20 Prozent, allerdings werde man die Kooperation aus strategischen Gründen weiter verfolgen. Andere Buchhändler berichten von ähnlichen Umsatzeinbrüchen. Aber es gibt praktisch keinen Buchhändler, der auf E-Books verzichten will: Bei Umsatzanteilen von 1 bis 5 Prozent am Gesamtgeschäft werden die E-Book-Angebote zwar unter der Rubrik Kundendienst abgeheftet, aber die Sache dient nun einmal der Kundenbindung. Und: Jeder Kunde, der nicht bei Amazon kaufen muss, sondern bei den Indies bleibt, ist ein guter Kunde.

Zu den größten Gefährdern des unabhängigen Buchhandels in den USA und Großbritannien gehören die Supermärkte. Auf der Insel hatten vor allem Tesco und Sainsburys sich nicht besonders viele Freunde geschaffen durch ständge Billigangebote, die of auch unter Einstandspreis abgegeben wurden, nach dem Motto: Billige Bücher verkaufen Seife und Tomaten. Tesco hatte seit Anfang vergangenen Jahres auch sein elektronisches Medienangebot massiv ausgebaut und promotet: Blinkbox bot Musik, Filme und E-Books an.
Aus die Maus: Tesco ist im vergangenen Jahr so sehr in Schieflage geraten, dass dutzende Filialen geschlossen und tausende Mitarbeiter entlassen werden mussten. Und jetzt ist es auch Blinkbox an den Kragen gegangen: Die Musik- und Filmplattformen wurden verkauft. Und: Nach ergebnislosen Gesprächen über eine Übernahme durch Waterstones wurde das Aus für den Dienst für Ende Februar angekündigt.
Immerhin: Kunden, die über Blinkbox E-Books erworben haben, können ihr Konto zu Kobo überführen. Amazon hat übrigens bei E-Books in Großbritannien einen Marktanteil von gut 90 Prozent. Blinkbox hätte da durchaus ein wenig Entlastung für die Verlage schaffen können. Aber bei lausigen 100.000 Kunden, die man zusammenkratzen konnte, hat sich Tesco wohl einfach zu heftig verrechnet.

Wir schauen nach Osten, wo wir aus China hören, dass der dortige stationäre Buchhandel sich im Jahr 2013 stabilisiert hat, was vor allem auf den Wegfall der Mehrwertsteuer zurückgeführt wird. Genaue Zahlen werden nicht genannt, aber wir freuen uns mit den Kollegen, auch wenn wir nicht genau wissen, wie sehr wir uns freuen können.
Aber der eigentlich positive Bericht steckt auch voller Unkereien: Vor allem junge Leute sehen stationäre Buchhandlungen vor allem als Orte, wo man kostenlos lesen kann. Mieten und Personalkosten, vor allem in den Metropolen, gehen durch die Decke. Und der wachsende E-Book-Markt ist auch kein Quell der Freude. Die Empfehlung, zur Steigerung des Interesses der verehrten Leserschaft Bücher von Leuten wie dem Staatspräsidenten Xi Jinping besonders zu promoten, kommentiere ich lieber nicht. Wir sind ja familienfreundlich.

Bei den Nachbarn in Japan fiel das Jahr 2014 nicht besonders gut aus: Gedruckte Bücher und Magazine verzeichneten einen Umsatzrückgang um 4,5 Prozent. Mit Büchern wurden 754,4 Milliarden Yen umgesetzt, das ist ein Minus von 4 Prozent. Der Rückgang ist nicht einmalig: Schon seit 10 Jahren gibt es die Erosion beim Gedruckten. Digitale Bücher und Magazine hüpften dagegen um 31,9 Prozent auf 101,3 Milliarden Yen Umsatz.

Weiter im Reich der Zahlen, und wir schauen nach Indien, von wo uns die erstaunliche Nachricht erreicht, dass der dortige Buchmarkt satte 20 Milliarden US-Dollar schwer sei, und dass E-Book-Verkäufe um 20 Prozent geschrumpft seien.
Ich habe mir erstaunt die Augen gerieben und dann allerdings festgestellt, dass ich nicht in einem Bollywood-Film gelandet war. Meine verfügbaren Quellen nennen zumeist Zahlen von 1 bis 2 Milliarden US-Dollar Umsatz pro Jahr für den indischen Markt, wirklich zuverlässig sind die Angaben allerdings nicht. Ich hatte ja auch schon mehrfach auf die Probleme des indischen E-Book-Markts hingewiesen, der auf einen Marktanteil von etwa 2 Prozent beziffert wird. Sollte bei einer solch niedrigen Basis tatsächlich ein solch heftiger Rückgang eingetreten sein, wäre das ebenfalls mehr als erstaunlich.

Wir kommen zurück nach Italien. Dort sagt eine neue Studie ein goldenes Jahr für E-Books voraus: Um 30 bis 40 Prozent werde der Umsatz steigen und sich auf einen Wert von 60 Millionen Euro bewegen, was einem Marktanteil von 5 Prozent entsprechen würde. Die Hälfte des Umsatzes würde auf Amazon entfallen, den Rest teilen sich die üblichen Verdächtigen wie Apple, Kobo, Google und lokale Anbieter, zu denen wohl auch Tolino gezählt wird, das seit dem vergangenen Jahr dort unterwegs ist. Angetrieben wird das Wachstum von Smartphones; E-Reader sind in Italien eher unbeliebt, im Gegensatz zu den „Telefoninos“, von denen jeder ordentliche Italiener ja gerne einmal drei Stück im Betrieb hat.

Aus dem Land mit den blühenden Zitronen hören wir auch von einem saftigen Crack-Down gegen Piratenseiten: Gleich 120 Websites, von denen geschützte Inhalte heruntergeladen werden können, wurden von nationalen ISPs gesperrt. Die Aktion erfolgte auf Betreiben der Murdoch-Tochter Sky Italia, die durch kostenloses Streaming ihr Pay-TV-Geschäft in Gefahr sieht.

Gleiches Thema, anderes Land: In Spanien wurde jetzt die Seite von Pirate Bay geblockt – und gleich darauf wieder freigeschaltet. Hintergrund dieser Aktion aus Schilda: Die spanische Regierung hatte zu Beginn des neuen Jahres drastische Anti-Piraterie-Gesetze eingeführt, die Strafen von bis zu 600.000 Euro gegen Missetäter vorsehen. Daraufhin hatte eine ganze Reihe von Anbietern fluchtartig die Dienste für Spanien eingestellt. Nutzer von Pirate Bay waren seit Anfang des Jahres auf eine Vodafone-URL umgeleitet worden und Vodafone bestätigte zunächst, dass der Zugang dazu geblockt worden sei. Zwei Tage später kam der Purzelbaum zurück: Da die spanischen Behörden keinen offiziellen Sperrantrag gestellt haben, schaltete Vodafone die Zugänge wieder frei. Olé! Und ’ne Buddel voll Rum!

Und zum Abschluss noch ein wenig Schmunzelfutter. Dass unsere lieben Kollegen von der Literaturkritik meist recht meinungsfreudig, aber oft nicht besonders urteilssicher sind, wissen wir ja. Hier sind ein paar besonders schöne Peinlichkeiten, mit denen Werke der Weltliteratur von Atwood bis Vonnegut verrissen wurden. Sie haben weder der Bedeutung noch dem Verkaufserfolg der Werke geschadet.
Etwas mehr Weisheit habe ich aber auch zu bieten. Nein, nicht von mir, sondern von einer Schar von Schreibern, die sehr schöne Zitate geliefert haben über die Freude an Büchern und am Lesen. Viel Spaß beim Lesen und selbst Verwenden!

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, Sie fanden den Rückblick erhellend. Morgen gibt es wieder ein Gedicht, diesmal von dem in Saudi-Arabien inhaftierten palästinensischen Dichter Ashraf Fayadh. Am Mittwoch hatte ich hier auch ein Gedicht von Shaimaa El-Sabbagh gepostet, das ist die junge Journalistin, die am vergangenen Sonnabend auf dem Tahrir-Platz in Kairo von der Polizei getötet wurde. Lesen Sie es. Und schauen Sie dieses kurze Video an.

Mit besten Grüßen

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

 

 

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