Lese- und Informationskompetenzen tragen erheblich dazu bei, Horizonte zu eröffnen und Chancen zu verbessern. In Mittelamerika bzw. der Karibik stellen Lesen, Bücher und Literatur nur für Wenige Werte dar und werden kaum als wirksames Mittel gegen soziale Benachteiligung eingesetzt. Es fehlt oft an Geld, mehr aber noch am Austausch von Ideen und an politischem Gestaltungswillen.
Das Goethe-Institut Mexiko gehört zu den Projektpartnern des Red de promoción lectora in Zentralamerika. Mit dieser Plattform hat das Netzwerk ein Instrument geschaffen, welches zum einen die Situation in den verschiedenen Ländern sowie deren Akteure im Bereich der Leseförderung beschreibt, zum anderen den Erfahrungsaustausch fördert, in dem man sich über Best Practice-Beispiele informieren und diese dann auch selbst vor Ort ausprobieren und auch jederzeit neue “Leserezepte” vorschlagen kann.

In lockerer Folge präsentieren wir ihnen Berichte und Erkenntnisse zum Thema Leseförderung in der Region. Heute stellt Evelyn Ugalde vom Club de Libros die Bemühungen zur Leseförderung in Costa Rica vor.

Jóven lector de la Escuela Barrio en San JoséNur wenige Menschen in Costa Rica genießen das Lesen. Viele glauben jedoch, dass es notwendig und unterhaltsam ist. Das zentralamerikanische Land mit fast fünf Millionen Einwohnern belegt in der letzten PISA Studie einen der ersten Plätzen in den Ranglisten des Leseverständnisses, knapp gefolgt von Chile mit 441 Punkten, aber auch mit einem durchschnittlichen Leseverhalten von 2,3 Büchern pro Jahr.

Viele in diesem kleinem Land sind der Überzeugung, dass es hier mehr Schreiber als Leser gibt. Das rührt daher, weil vor wenigen Jahren der an das Programm vom Kulturministerium SICultura angeschlossene Bücherrat von Costa Rica festgestellt hat, dass im Jahr 2012 eine Gesamtzahl von 2.726.370 Büchern publiziert wurde und davon 1.797 von nationalen Autoren geschrieben wurden.

Außerdem gibt es ungefähr 500 Schulbibliotheken, 57 öffentliche Bibliotheken und ungefähr 30 große Bibliotheken im ganzen Land.
Es stellt sich daher die Frage, woher das niedrige Leseniveau kommt.

Fangen wir beim Elternhaus an

Ich kann mich erinnern, dass mich, als ich Kind war, meine Mutter in die Bibliothek des Zentralparks mitgenommen hat. Eine Bibliothek mit dem Namen Carmen Lyra. Für mich waren dies unvergessliche Momente, weil es ein Ort war, an dem es Theater für Kinder und generell Kunst gab”, erinnert sich Laura Contreras.
Die Studie, die vor wenigen Monaten vom Kulturministerium Costa Rica unter dem Namen Erhebung über die Kulturpraktiken in Costa Rica (Encuesta sobre las prácticas culturales en Costa Rica) durchgeführt wurde, legt dar, dass sich 76 Prozent der Einwohner daran erinnern, dass sie von ihren Eltern zum Lesen animiert wurden. Aber wenn man dann weiter fragt, welche Art von Büchern die Eltern empfohlen haben, ist die häufigste Antwort, dass dies Bücher über Wertvorstellungen waren, gefolgt von Fachbüchern und an letzter Stelle Geschichten und Legenden.

“Heutzutage gibt es nur mehr wenige Freizeitorte, die mit Lektüre in Verbind stehen und die Regierung hat diesen Sektor gänzlich vernachlässigt“, stellt Aurelia Umaña, ein Mitglied des sozialen Netzwerks Bücherclub (Clubdelibros), fest.
Die Regierung hat weder ein Buchgesetz noch eine Antwort auf die Frage der Leseförderung. Das vor wenigen Monaten gegründete Kolleg von Costa Rica begegnet dieser Herausforderung, die von vielen als “alles, außer Lesemotivation” zusammengefasst wird.
“Das Kolleg von Costa Rica bewirbt Schreibtätigkeit, und das ist gut so, aber das Lesen wird vernachlässigt”, sagt Mariana Murillo, eifrige Besucherin von dort abgehaltenen Buchpräsentationen und Workshops.
Das Kulturministerium erwähnt außerdem die Bibliotheken als Orte, wo das Lesen beworben werden soll. Die Direktorin von SINABI verteidigt dort erfolgreich ihre Projekte.

  • „Ich bin ein Baby das gerne liest“ (Soy bebé y me gusta leer) für Kinder von null bis fünf Jahren;
  • “Leseregenbogen für Kinder” (Arcoiris de lectura para niños y niñas), entwickelt für Schulkinder;
  • “Reines Leben, Jugendliche lesen” (Pura vida, jóvenes a leer), für Jugendliche der Mittelschule;
  • “In der öffentlichen Bibliothek an der Seite eines Erwachsenen” (La Biblioteca Pública de la mano con la persona adulta), für junge Erwachsene;
  • “Goldene Abdrücke” (Huellas de oro) für Personen fortgeschrittenen Alters.

Laut der Direktorin sind dies die Werkzeuge um Literatur zu bewerben, aber genau hier fangen die Probleme an, wie zum Beispiel die ungeeigneten Öffnungszeiten der Bibliotheken. Als Regierungsinstitutionen schließen diese um vier oder fünf Uhr am Nachmittag, manche öffnen Samstags nicht und noch viel weniger an Sonntagen, also zu den Tageszeiten, an denen Studierende und das arbeitende Publikum anwesend sein könnte.
“Ich lese gerne und mir reicht das Geld nicht aus um Bücher zu kaufen, aber bei diesen Öffnungszeiten in die öffentlichen Bibliotheken zu gehen ist unmöglich. Sie sollten zwischen vier am Nachmittag und neun am Abend und an den Wochenenden offen haben“, sagt Lucrecia Arias, welche in San Pedro wohnt und noch nie eine Bibliothek in ihrem Stadtteil besuchen konnte.

Die Bewohner von Costa Rica lesen gerne. Die Schlussfolgerung geht aus der Tatsache hervor, dass es im Land 30 große Bibliotheken gibt und jedes Jahr drei weitere eröffnet werden. Wenn es sich nicht um eine ständig steigende Nachfrage handeln würde, gäbe es keine Eröffnungen, sondern Schließungen. Außerdem geht aus dieser Studie der Regierung hervor, dass 78,7 Prozent der Befragten versichern, schon einmal eine Bibliothek besucht zu haben.
Ergänzend dazu ist zu erwähnen, dass bei der vergangenen internationalen Buchmesse 65.000 Besucher gezählt wurden, viel mehr als ein Jahr zuvor. Einige versichern, dass dies aufgrund des freien Eintritts zustande gekommen ist, aber es wurde auch festgestellt, dass der Großteil mit Büchern in der Hand die Messe verließ.

Wie kommt es nun aber dazu, dass 51 Prozent der Bevölkerung Costa Ricas im vergangenen Jahr kein Buch gelesen und 59 Prozent kein Buch gekauft hat? Wenn auch Costa Rica eines der Länder mit der höchsten Alphabetisierungsrate ist, in dem 98 Prozent lesen können.

Viele schieben der Regierung die Schuld in die Schuhe …

Der Kultursektor erhält 1,4 Prozent des BIPs, was in etwa 1,3 Milliarden US-Dollar entspricht. Rund 15 Prozent davon fließen in Publikationen. Das bedeutet, dass es 205 Verlage gibt, in denen 2.960 Personen angestellt sind. Ungeachtet dessen hat der Kultursektor unter den vergangenen neoliberalen Regierungen gerade einmal 0,5 und 0,6 Prozent vom Regierungsbudget bekommen.
Deswegen gibt es wenig Unterstützung für die Leseförderung und, wie bereits weiter oben erwähnt wurde, wenig Mittel, wenig Fantasie und Mystik. Die nationalen Autoren sind praktisch auf sich alleine gestellt.
Gerade hier ist es, wo der Privatsektor Projekte auf die Beine gestellt hat, wie zum Beispiel den Bücherclub (Clubdelibros), der seit über 12 Jahren versucht, ein Land der lesenden Menschen zu formen. Dieser Versuch wurde mit dem höchsten Orden für Kulturpromotion, dem Preis Joaquín García Monge, ausgezeichnet. Der Bücherclub (Clubdelibros) realisiert Bücherflohmärkte, Buchmessen, Lesefestivals, die Kinderbuchmesse, Projekte für Mütter und Neugeborene, Film- und Lesekreise, Ausbildungen für Erzieher aller Bildungsstufen, Bücherspenden für Gruppen mit wenig ökonomischen Möglichkeiten, einen Verlag spezialisiert auf Bücher der Literaturbewerbung und vieles mehr.
Außerdem existiert ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Alianza Francesa, “Lesen ist ein Fest” (Leer es una fiesta) genannt, literarische Zeitschriften wie Literofilia und Buen Salvaje, das Projekt “Lesen ist Reines Leben” (Leer es pura vida), das “Literarische Programm der Leseförderung” (Programa Literario de Fomento a la Lectura), “Eine Geschichte für Dich” (Un Cuento Para Ti) von der Autorin Irene Castro, Projekte wie die “Geschichtenerzählstunde” (Cuentaquetecuento) von Teresita Borges, Unterstützung für Erzieher wie die Asociación amigos del aprendizaje, Projekte der Tageszeitung La Nación “Lesen Zum Genießen” (Leer para disfrutar) und vieles mehr.

Und die Schule?

Maritza Rojas Leitón berichtet, dass “die Schüler das Lesen hassen, weil die Lehrer das Lesen hassen. Sie verpflichten die Kinder, Texte zu lesen, lehren ihnen aber weder die Bücher noch die Geschichten darin zu lieben. Außerdem müssen sie langweilige Sachen lesen. Ich schätze Klassiker durchaus, aber die Jungen müssen auf die Jungen hören, im besten Fall auf nationale Autoren.”
Im vergangenen Jahr realisierte das Ministerio de Educación (MEP) eine Tournee, deren Weg über die Schulen der Region führte. Dabei waren mehrere junge Autoren unter 35 Jahren dabei, die fantastische Literatur schreiben. Dies war ein Projekt, das erfolgreich gemeinsam mit dem Bücherclub (Clubdelibros) durchgeführt wurde. “Die Jugendlichen sind mit Lust aufs Lesen aus den Veranstaltungen herausgegangen. Es ist nicht so, dass sie nicht gerne lesen, was ihnen nicht gefällt sind langweilige und ihnen fremde Sachen. Ihnen gefallen Vampire, Romantik und Science Fiction. Als sie gekommen sind, waren sie so motiviert, dass sie sogar noch länger dageblieben sind um sich einen Bibliotheksausweis zu besorgen”, erzählt Mayra Rodríguez, Bibliothekarin in einem von uns besuchten Literaturzentrum.

Zuerst die Lesequalitäten der Lehrer verbessern, dann diejenige ihrer Schüler war die Prämisse des Programms PROMEPJORA, welches vom MEP initiiert wurde. Außerdem haben sie auf dem Festival Estudiantil de las Artes mitgewirkt, welches unter anderen Disziplinen, die Schaffung von Geschichten und Poesie bewirbt. Außerdem wurde der 23. April, der Welttag des Buches, zum Anlass genommen, um eine Woche zu organisieren, in der die Aufmerksamkeit in allen Erziehungsinstitutionen auf das Lesen und die Poesie gerichtet wird.

Trotz allem ist das noch sehr wenig

Nur 20 Prozent der Bevölkerung in Costa Rica lesen, weil es für sie eine genüssliche Tätigkeit darstellt, nur 15 Prozent lesen um zu lernen. Ungefähr 30 Prozent lesen für das Studium, elf Prozent sagen aus, kein Interesse am Lesen zu haben und nur 50 Prozent lesen in ihrer Freizeit.
Mit solchen Ziffern haben wir Lesebewerber noch einen langen Weg vor uns. Glücklicherweise gibt es jedoch auch Lesesüchtige, die dazu einladen, viele weitere mit ihren Lesegewohnheiten anzustecken.

Quellen:

  • PISA Studie 2012 (Program for International Student Assesment)
  • “Umfrage zu den kulturellen Praktiken in Costa Rica” (Encuesta sobre las prácticas culturales en Costa Rica), durchgeführt vom Ministerium für Kultur.

Evelyn Ugalde
Club de Libros