Liebe Gemeinde,

heute geht es um Charlie, nützliche Kreativlinge, lange Gesichter, Nimbies und mehr.

707192-une-charlie-png.jpgWie geht es weiter nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo? Die weltweiten Proteste sind gelaufen, die Toten sind unter der Erde, ein neuer Chefredakteur ist bestellt. Aus Hanau hören wir, dass eine Ausstellung mit den Karikaturen von Greser & Lenz kurz vor der Absage stand. Diagnose: Hosen voll.
In Japan hat dagegen der Verlag Daisan Shokan angekündigt, ein ganzes Buch mit Charlie-Karikaturen zu veröffentlichen. Diagnose: Dicke Hose?
Wir werden in den nächsten Monaten noch so einiges an Debatten zu ertragen haben, bei denen der Anschlag als argumentative Waffe eingesetzt werden wird. Und Publikationen, die sich kommerziellen Erfolg vom Dranhängen versprechen. Vieles wird nur im Suff erträglich sein. Bleiben wir nüchtern…

Dass Kultur etwas Feines ist, sollte unter uns ja kein Streitpunkt sein. Dass wir Kreativlinge aber nicht nur dem Schönen, Guten und Wahren verpflichtet sind, sondern auch schöne gute Waren liefern, wird gerne vergessen. Dabei haben wir durchaus Grund, selbstbewusst aus unseren Schreibkämmerchen hervorzuschauen, jedenfalls dann, wenn wir den allfälligen Untersuchungen zu unserem wirtschaftlichen Wert Glauben schenken. In Großbritannien wurde jetzt ermittelt, das die „Creative Industries“ im Jahr 2014 einen Wert von 76,9 Milliarden Pfund für die britische Wirtschaft hatten, das entspricht 5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Auf die Stunde heruntergebrochen ergibt das 8,8 Millionen Pfund, die mit Musik, Film, Büchern usw. erzeugt werden. Am Export des Königreichs hat Kreatives sogar einen Anteil von fast 9 Prozent. Sauber!

Der Buchhandel im Königreich tut das Seinige, um so schöne Zahlen herzustellen. Allerdings gibt es immer weniger unabhängige Buchhändler – ich habe über die Sache ja schon vor längerer Zeit  berichtet. Meine Unkerei von damals hat sich leider bewahrheitet: Anfang 2014 waren laut Booksellers‘ Association gerade noch 987 aktiv. Immerhin war das Weihnachtsgeschäft für die Indies wohl das Beste seit Erfindung des Toastbrots, wenn ich die Analyse der Kollegen vom Bookseller so zusammenfassen darf. 79 Prozent der Teilnehmer eine Befragung sprachen von deutlichen Umsatzsteigerungen gegenüber dem Vorjahr und gut die Hälfte findet E-Books inzwischen keine Bedrohung mehr.
Wie immer, wenn es bei meinen ehemaligen Landsleuten darum geht, dringende Dinge – wie beispielsweise die Belieferung im Weihnachtsgeschäft – zu organisieren, ging natürlich viel schief: Da stellte der Logistikdienstleister CityLink pünktlich in der Weihnachtswoche das Geschäft ein, andere Paketdienste kamen mit dem Auftragsvolumen nicht zurecht und Auslieferer Gardner’s leistete sich einen Computerfehler, der für sehr lange Gesichter sorgte. Vielleicht sollten die Enttäuschten auf der Insel sich zur Klassenfahrt nach Erfurt begeben, wo KNV im Weihnachtsgeschäft ja ganz prima funktioniert hat…

Wenn wir schon einmal Station machen bei den Briten, schauen wir doch auch einmal außerhalb Londons nach dem Rechten. In Schottland. Genauer gesagt in Wigtown, einem Städtchen an der Westküste, ungefähr auf gleicher Höhe von Belfast gelegen. Dazwischen ist aber die irische See. Von dieser kommt ein ständiger, manchmal kräftiger Wind herüber, weshalb dort eine Windfarm errichtet werden soll, mit Anlagen von 110 Metern Höhe.
Was das mit Büchern zu tun hat? Wigtown hat sich vor gut 15 Jahren als „Book Town“ neu erfunden, veranstaltet eine Reihe von literarischen Veranstaltungen und beherbergt an die 20 Buchläden und Antiquariate. So eine Art Hay-on-Wye im Norden, nur ohne die Champagner-Cliquen. Diese Idylle sehen die 1000 Einwohner des Örtchens durch die Windverstromer bedroht. Eigentlich ist man aber sehr für alles Grüne. Nur bitte nicht hier. Womit ich wieder einmal Gelegenheit habe, Ihren englischen Wortschatz anzureichern. Oder wussten Sie, dass man solche Leute „Nimby“ nennt? Abgeleitet von  „Not In My Back Yard“. Sehen Sie, dieser Blog ist doch zu was nutze.
Und ja: Wigtown wäre auf Deutsch “Perückenstadt”.

Lange Gesichter gab es auch in den Niederlanden zu besichtigen, wo das Oberste Gericht dem Gebraucht-E-Book-Handel von Tom Kabinet den Garaus gemacht hat. Grund war nicht ein allgemeines Verbot des Handels mit gebrauchten E-Books, sondern die Tatsache, dass Tom Kabinet nicht nachweisen konnte, dass die weiterverkauften E-Books tatsächlich vom Computer des Erstkäufers verschwunden sind. Hier können Sie Ihr Niederländisch üben mit dem Entscheid im Original.

Und wo wir schon bei den Leuten mit den Saure-Gurken-Gesichtern sind, wollen wir auch die Kollegen von Egmont nicht vergessen, die derzeit Dänentränen vergießen. Die haben sich seit Oktober bemüht, einen Käufer für den US-Ableger zu finden. Jetzt ist Schluss mit Smørrebrød: Der Laden wird dichtgemacht. Begründung: Man habe keine marktführende Stellung erreichen können. Ist ja schön, wenn man Ambitionen hat, aber manch einem reicht auch einfach nur eine knackige Umsatzrendite. Wie auch immer: Das Frühjahrsprogramm 2015 wird noch von Random House ausgeliefert, dann ist lag i pit.

Abdullah bin Abdul Aziz Al Saud /  Raif Badawi

Der Dichter Raif Badawi (re) und sein Peiniger Abdullah bin Abdul Aziz Al Saud

Man soll ja den Toten nichts Schlechtes hinterher sagen. Bei König King Abdullah bin Abdulaziz von Saudi Arabien, der am Donnerstag im Alter von 91 Jahren gestorben ist, gilt dies ebenso. Abgesehen davon, dass mit ihm der Protagonist des menschenverachtenden Wahhabismus seinen Weg in die besser beheizten Gefilde der Ewigkeit angetreten hat.
Ich spekuliere nicht über die saudischen Sponsoringmaßnahmen zum islamistischen Terrorismus. Es reicht, darauf hinzuweisen, dass im Reich Abdullahs Menschenrechte einen Dreck wert sind. Wer zählt die Oppositionellen, die aus nichtigsten Gründen im saudischen Knast sitzen? Ich nenne hier nur den Lyriker Raif Badawi, der wegen Nichts zu 10 Jahren Haft und 1000 Peitschenschlägen verurteilt ist – am vergangenen Freitag wurden ihm die zweiten 50 Hiebe nur erspart, weil die Wunden der ersten Prügelei aus der Vorwoche nicht verheilt waren. Oder Ashraf Fayad, der wegen angeblicher Unsittlichkeit und Tragens von langen Haaren seit einem Jahr ohne Prozess eingekerkert ist – in der kommenden Woche erfahren Sie darüber mehr.
Einen Abschiedsgruß für Abdullah habe ich aber doch noch:

قد يكون الشيطان الفرح معه.

Zum Schluss noch ein Buchtipp: Ich empfehle dringend Books that Matter von Marie Philip. Dort erzählt sie die Geschichte von David Philip Publishers, dem wichtigsten literarischen Verlag Südafrikas, der seit 1971, also in der grimmigen Zeit der Apartheid, mit viel Mut und Chuzpe gegen das Rassistenregime publiziert hat. Ich habe diese Woche hier einen Auszug gepostet. Lesen!

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, mein Wochenblick hat Ihnen Gefallen. Morgen gibt es natürlich wieder ein Gedicht – diesmal eines meiner absoluten Lieblinge, mit Grüßen an die Whiskyschlucker im Norden Britanniens, die ein hartes Wochenende vor sich haben.
À propos Gedichte: Da hat sich eine kleine, feine Fangemeinde etabliert, die sich täglich gut 20 (!) verschiedene Gedichte auf dem Blog zu Gemüte führt. Die Auswahl ist ja inzwischen auch groß genug…

 

Beste Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

P.S.: Meine Kolumne aus der bunten Bücherwelt finden Sie allmonatlich in der Druckausgabe des BuchMarkt. Und ab Februar auch im Schweizer Buchhandel.

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