Liebe Gemeinde

heute geht es um eine Megafusion, Zuckerberg, Bücher in den USA und Indien, Oxforder Eseleien, Bücherschwemme, Selfpublisher und mehr.
Cuspide, Buenos Aires (c) ehlingmedia 2010Nachricht der Woche war natürlich der Zusammenschluss der Wissenschaftsriesen Macmillan und Springer, durch den ein neues Unternehmen mit einem weltweiten Umsatz von 1,5 Milliarden Euro und 13.000 Mitarbeitern entsteht. Macmillan-Eigner Holtzbrinck hält 53 Prozent der Anteile, der Finanzinvestor BCP den Rest. Damit steht die Gruppe an vierter Stelle im Ranking der Großverlage der Welt. Allerdings muss die Sache noch von den Kartellbehörden genehmigt werden – ehe Springer also wieder in Baden-Württemberg heimisch wird, dürfte es noch ein Weilchen dauern.
Die Großfusion wird den Bereich des wissenschaftlichen Publizierens aufwirbeln, wo beide Partner auch zusammen noch deutlich hinter den Marktführern Reed Elsevier und ThomsonReuters liegen. Weniger deutlich wird die Sache sich bei den Schulbüchern auswirken, wo Springer wenig zum bestehenden Macmillan-Portfolio beisteuern kann. Hier muss sich Branchenriese Pearson also vorerst wenig Sorgen machen.

Für Riesenfurore sorgte die Ankündigung von Mark Zuckerberg, alle zwei Wochen eine Buchempfehlung aussprechen zu wollen. Wobei die Zahlen für den ersten Titel von zwei Seiten betrachtet werden können: The End of Power von Moises Naim wurde in der vergangenen Woche in den USA gut 13.000 mal verkauft, davon waren rund 10.000 E-Books, wie man wohl erwarten konnte. Das scheint jetzt keine so ganz tolle Zahl zu sein. Aber – in der Vorwoche fand der Titel ganze 29 Käufer. So etwas nennt wohl einen Umsatzsprung. Allerdings hat Zuckerberg noch Luft nach oben, wenn man Oprah Winfrey oder Richard & Judy in Großbritannien anschaut. Aber wir wollen hier ja nicht nur meckern.

Beim US-Riesenfilialisten Barnes & Noble gab es im Weihnachtsgeschäft gequältes Lächeln zu besichtigen. In den neun Wochen bis zum 3. Januar gab es in den Filialen ein Umsatzplus von gerade einmal 0,2 Prozent zu bestaunen – kaum Grund, den Champagner aus dem Kühlfach zu holen. Insgesamt wurde in der Zeit ein Umsatz von 1,1 Milliarden US-Dollar verzeichnet. BN profitierte dabei von der stabileren Nachfrage nach gedruckten Büchern, außerdem fanden Lernspielzeuge und Spiele insgesamt ihre Kunden.
Rechnet man die marode Elektroabteilung um den Nook dazu, steht allerdings mal wieder ein Minus von 1,7 Prozent in den Büchern. Beim Nook ging der Umsatz um satte 55,4 Prozent in den Keller, auf gerade noch 56 Millionen US-Dollar. Dank der verhunzten Lese-App-Strategie ging dort auch der Verkauf von digitalen Inhalten um ein Viertel zurück, auf nur noch 27,4 Millionen US-Dollar.
Wie dämlich sich die Nook-Manager anstellen, erlebe ich übrigens gerade selbst: Aus dem Vergleich mit Apple steht mir ein hübsches Sümmchen zu. Leider kann ich das weder im US-Shop einlösen, weil BN mich dort nicht einkaufen lässt, noch kann ich damit beim deutschen Ableger shoppen gehen, weil das technisch nicht vorgesehen ist. So pflegt man die Kundschaft…
Eigentlich will BN die Nook-Abteilung loswerden und hat deshalb in den vergangenen Monaten sowohl Microsoft als auch Pearson aus dem Unternehmen herausgekauft. Ob der Spin—off aber wie geplant bis zum August über die Bühne gehen kann, ist nach diesen Ergebnissen mehr als fraglich.

Beim Konkurrenten Books-A-Million ging der Umsatz übrigens in der gleichen Periode um 1 Prozent nach oben, auf 129,2 Millionen US-Dollar. Dabei, so das Unternehmen, schnitten besonders die Online-Verkäufe sehr gut ab und verdoppelten sich.

Allüberall hören wir dieser Tage, dass gedruckte Bücher sich im vergangenen Jahr wieder mehr in die Gunst der verehrten Leserschaft geschummelt haben. Wobei die Wachstumsraten, die berichtet werden, eher im Bereich einer schwarzen Null rangieren. Wie sehr sich die Situation verändert hat, wird deutlich bei einem Blick auf Daten, die Nielsen BookScan für Großbritannien ermittelt hat. Dort sind die Umsätze mit gedruckten Büchern seit 2009 um satte 150 Millionen Pfund nach Süden gegangen. Für 2014 offenbaren die Zahlen teils dramatische Einbrüche in einzelnen Segmenten des Publikumsmarkts: Adult Fiction verzeichnete ein Minus von 5,3 Prozent auf einen Umsatz von gut 321 Millionen Pfund; Hardcover schlitterten sogar um 11,6 Prozent nach unten auf knapp 68 Millionen Pfund. Das lag wohl auch an einem eher schwächlichen Angebot: nur drei Titel wurden mehr als 100.000mal verkauft. Sachbücher stellten zwar weiterhin den größten Posten im Publikumsmarkt mit einem Umsatz von 585,7 Millionen Pfund, aber auch dies stellt ein Minus von 4 Prozent dar.
Immerhin: Nach Ansicht von Branchenkennern bedeuten die Rückgänge im Print nicht, dass die Briten weniger leselustig sind; der größte Teil der Rückgänge wird begründet mit der Migration der Leserschaft zu elektronischen Büchern.

Mit E-Books und der Explosion des Selfpublishing-Segments kommen unvermeidlich die Fragen nach der Überschwemmung des Markts mit Publikationen, deren Wert durchaus in Frage gestellt werden darf. Sie wissen ja, dass ich dem Thema Selfpublishing durchaus freundlich gesinnt bin, aber wenn ich dann von einer Selbstverlegerin lese, die seit 2012 stolze 44 Titel in den Markt geprügelt hat, stellen sich mir doch die Nackenhaare auf. Wir alle denken ja, dass Qualität sich doch irgendwie durchsetzt – aber wie sollen die Leser eigentlich die Qualität finden, wenn ihnen jedes Jahr abertausende Neuerscheinungen vor die Nase gesetzt werden. Kindle Unlimited, der Ausleihdienst von Amazon, zeigt das deutlich: Der Löwenanteil der mehr als 700.000 Titel, die dort verfügbar sind, stammt von Selfpublishern. Masse ist also da. Aber Klasse?
Für die Verlage entsteht durch die Selbstverlegerei ein ungeheurer Preisdruck – woher soll der Leser wissen, dass ein Verlagstitel für 7,99 Euro besser ist als ein selbst verlegter für 0,99 Euro? Und für die Leser stellt die Intransparenz des Angebots auch ein Problem in Sachen Lebenszeit dar: Ein Buch zu lesen ist nun einmal zeitaufwändiger als ein Lied anzuhören.
Wie das weitergehen soll, wie es möglich sein wird, dass Verlage und Autoren weiterhin ein überlebensfähiges Geschäftsmodell haben können, ist derzeit schwer zu sagen. Mike Shatzkin hat dazu ein nachdenkliches Stück verfasst, dessen Lektüre ich empfehle.
Der unvermeidliche Hugh Howey kommt natürlich mit der Gegenposition. Sein Argument: In den USA setzen Verlage und Buchhandel gut 30 Milliarden US-Dollar im Jahr um, obwohl es nur so wimmelt von sehr billigen oder kostenlosen Angeboten. Denn Bücher seien nun einmal nicht einfach austauschbar, eine größere Auswahl an Titeln sei aber für den Leser eine Chance, genau das zu finden, was ihn wirklich interessiert. Letztlich, so Howey, gehe es den Verlagen auch gar nicht um die zu hohe Zahl an neuen Titeln sondern um die begrenzte Zahl an Geldbeuteln. Womit er wohl längst nicht so daneben liegt wie bei seinen üblichen Einlassungen zum Buchmarkt.

Dass Indien ein völlig zerrissenes Land ist, in dem die Mehrheit der Milliardenbevölkerung in schreiender Armut lebt, sollte einigermaßen wachen Mitteleuropäern geläufig sein. Trotzdem wird immer wieder das angebliche Potential des Landes beschworen, vor allem für die Buchbranche und den E-Commerce. Wobei die Realität hinter dem Hype ziemlich ernüchternd ist, wie jetzt die Times of India berichtet. Vom Marktführer Penguin Random House ist zu hören, dass E-Books gerade einmal 1 Prozent des Umsatzes ausmachen und Amazon, das seit knapp zwei Jahren dem Branchenführer Flipkart hinterher hechelt, gibt die schmallippige Auskunft, der Markt sei noch im Entstehen.
Die Hindernisse, die sich Amazon und Konsorten in den Weg stellen, sind typisch für ein Entwicklungsland: Geringe Verbreitung des Internets, geringe Verbreitung und Nutzung von Kreditkarten und elektronischen Zahlungssystemen, geringe Kaufkraft, hohe Analphabetenrate. Dazu kommen relativ hohe Preise für Lesegeräte und E-Books, ein großes Angebot von kostenlosen Downloads und eifrige Raubkopiererei.
Bis das was wird mit dem Elektrogeschäft in Indien wird es also wohl noch dauern.

Wir bleiben in Asien, schauen aber weiter nach Osten. In Japan wurde das Copyright jetzt den Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts angepasst: Neben gedruckten Büchern sind künftig auch elektronische Publikationen geschützt. Bisher konnten elektronische Raubkopien nicht strafrechtlich verfolgt werden, was den Piraten ordentlich Wind in die Segel blies. Den dadurch entstandenen Schaden bezifferte das japanische Patent Office allein für das Jahr 2013 auf 100 Milliarden Yen. Gleichzeitig hatten sich die japanischen Verlage deutlich zurück gehalten bei der Publikation von E-Books, was wiederum zur Folge hatte, dass sich deren Marktanteil bisher im homöopathischen Bereich von etwa 2 Prozent bewegte.

In der Rubrik  „Good News from Africa“ schauen wir heute nach Gambia, wo am vergangenen Wochenende die „African Poetry Library“ eröffnet wurde. Dank der braven Leute bei der Literaturzeitschrift Sable und in der University of Nebraska sollen auf diese Bibliothek vier weitere folgen, nämlich in Kenia, Uganda, Botswana und Ghana.
Gambia ist ein guter Ort, um das Projekt zu starten: Die Leute dort lieben Gedichte. In den Tageszeitungen gibt es regelmäßige Gedichte-Kolumnen, und bei Gedichtvorträgen kommen die Menschen in hellen Scharen.

Gar nicht schön dagegen ist eine Nachricht aus dem nordenglischen Blackpool: Dort wurde am Montag die Buchhändlerin Margaret Sheridan (68) vom herabfallenden Ladenschild ihrer Waterstones-Filiale erschlagen. Warum das passiert ist, untersucht jetzt die Polizei. Es war wohl recht stürmisch an dem Tag. Das ist in Blackpool öfters der Fall.

Erinnern Sie sich an Shakespeares Sommernachtstraum und den braven Handwerker Zettel? Das ist der Bursche, der von Puck einen Eselskopf aufgesetzt bekommt. So ähnlich laufen derzeit wohl die Chefs von Oxford University Press herum, nachdem sie verfügt haben, dass in Kinderbüchern nichts mehr geschrieben werden darf, das mit Wurst oder Schweinen zu tun hat. Die Daily Mail, die scheinheilige Verfechterin des wahren Britentums, spießte das natürlich genüsslich auf. Und Vertreter der jüdischen und muslimischen Gemeinden im Königreich erklärten die Sache für völlig hirnrissig. Was sie auch ist.

Jammern Sie auch manchmal über die böse neue Zeit in unserer Branche und darüber, dass die „Romantik“ aus dem Büchermachen verschwunden ist? Fall ja, dann empfehle ich Ihnen ein Büchlein, das gerade im Königreich erschienen ist: Did We Meet on Grub Street? heißt es und es erzählt von legendären Parties, Fehden und sonstigen Dingen, die das Völkchen in unserem kleinen Paralleluniversum beschäftigt haben. Und die bösen E-Books, die Bestsellergier der Großverlage, die feigen Verleger und boshaften Buchhändler, die sich auf keine Wagnisse mehr einlassen, bekommen auch ihr Fett weg. Ganz ohne Larmoyanz, mit viel boshaftem Witz. Very British.

Das war’s für diese Woche, ich hoffe, mein Ausflug in die bunte Bücherwelt hat Ihnen gefallen.

hge (c) 2013 ehlingmediaAm vergangenen Montag hat das Interview mit Samson Kambalu aus Malawi viele Leser gefunden, er selbst twitterte dazu, er sei in keinem anderen Interview so persönlich gewesen. Stimmt. Am kommenden Montag gibt es dann auch wieder das „Monday Interview“ – lassen Sie sich überraschen!
Donnerstags präsentiere ich Ihnen ja neuerdings Amazon Watch, auch diese Rubrik wird von Ihnen gerne gelesen. Bislang schreibe ich die Sache auf Englisch. Was meinen Sie: Würden Sie Deutsch bevorzugen?
Und zum Schluss darf natürlich der Hinweis darauf nicht fehlen, dass es morgen wieder „Poetry Please“ heißt. Viel Spaß damit.

Bis demnächst
Ihr und Euer

Holger Ehling

 

Meine monatlichen Kolumnen zur bunten Bücherwelt finden Sie im gedruckten BuchMarkt. Und ab Februar im Schweizer Buchhandel.

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