Ana María Shua, Buenos Aires, (c) ehlingmedia 2010

Ana María Shua, Buenos Aires, (c) ehlingmedia 2010

EHLING: Sie haben Ihr erstes Buch veröffentlicht, als Sie gerade 16 Jahre alt waren – eine Sammlung von Gedichten. Was bringt ein so junges Mädchen dazu, Gedichte zu schreiben und diese dann auch zu veröffentlichen?

ANA MARÍA SHUA: Ich glaube, dass die meisten Schriftsteller zuerst Gedichte schreiben. Es ist leichter, schlechte Gedichte zu schreiben, als schlechte Romane zu schreiben, einfach weil sie kürzer sind. Ich habe angefangen, Gedichte zu schreiben, als ich noch in der Grundschule war. Und ich war recht schnell die berühmteste Dichterin der Schule. Als ich 14 Jahre alt war, wollte ich unbedingt zum Theater. Eine Schauspiellehrerin kam zu uns nach Hause und wir erkannten schnell, dass ich nicht zur Schauspielerin taugte. Stattdessen hat sie mich ermutigt, viel zu schreiben, und ich bekam die Aufgabe, in jeder Woche ein Gedicht zu verfassen. Nach zwei Jahren hatten wir dann genügend Material für eine Auswahl. Wir haben ein Buch zusammengestellt und bei einem Wettbewerb eingereicht. Ich habe dann einen kleinen Preis beim Fondo de las Artes gewonnen und so kam dann mein erstes Buch heraus, “Die Sonne und ich.”

EHLING: Wie hat das Publikum reagiert?

ANA MARÍA SHUA: Nun, das Buch hat nie wirklich das große Publikum erreicht, es war eine bescheidene Ausgabe, die praktisch keinen Vertrieb hatte. Ich war ja auch noch recht naiv, wie man das mit 16 Jahren ja ist. Ich dachte, weil ich Gedichte lese würden alle anderen das auch tun. Ich war ganz erstaunt als ich dann in die Buchhandlungen ging, um das Buch anzubieten, und überall auf Ablehnung stieß. Ich fragte natürlich, warum das so ist und fand heraus, dass die Buchhändler keine Gedichtbände anbieten wollten, weil sie meinen, dass Gedichte sich nicht verkaufen lassen. Nun ja, mein Verlust…

EHLING: … Gedichte verkaufen sich nicht, weil Gedichte sich nicht verkaufen! Aber Sie wurden dann doch noch eine erfolgreiche Autorin von vielen Büchern für Jugendliche und Erwachsene, Sie haben als Journalistin gearbeitet für die Zeitschrift „Cambio 16“ und andere. Ein Leben mit Büchern und Buchstaben also. Hatten Sie nie eine andere Idee, was Sie machen könnten, es gibt ja in Argentinien viele interessante Dinge? Kühe zum Beispiel?

ANA MARÍA SHUA: Ich war sehr jung und eine sehr, sehr leidenschaftliche Leserin. Ich lese praktisch seit ich mich erinnern kann. Mir wurde erzählt dass, als ich 3 oder 4 Jahre alt war, für mich der Tag an dem das neue „Donald Duck“-Heft erschien der Höhepunkt jeder Woche war. Wie alle Kinder meiner Generation habe ich die Robin-Hood-Geschichten gelesen, das war eine gute Übung: Darin sind alle Genres der klassischen Abenteuergeschichten enthalten. Und natürlich die klassischen Mädchengeschichten von Louisa May Alcott. Ein Buch, das besonders wichtig für mich war, ist eine Sammlung mit dem Titel „La Antología del cuento estrano“, eine Sammlung der besten Fantasy-Geschichten aus allen Epochen, die Raoul Walsh zusammengestellt hatte. Ich bekam das Buch in Hände, als ich neun oder zehn Jahre alt war, und es war für die wirkliche Einführung in die Welt der großen Literatur. Das hat auch mein Schreiben beeinflusst. Mir ist es mit dem Schreiben gut gegangen, obwohl ich mir auch hätte vorstellen können, etwas anderes zu machen. Ich habe immer gerne Gitarre gespielt und gesungen. Aber wenn ich gespielt habe, hat niemand wirklich zugehört, und die Leute sind zwischendurch aufgestanden und gegangen. Das fand ich furchtbar. Wenn ich aber schrieb, dann passierte etwas: Die Leute waren aufmerksam und sagten „Wau! – Ana María, das ist toll, was Du da machst“, und es wurde herumgereicht und weiterempfohlen. Das zeigte mir, dass ich mit dem Schreiben besser aufgehoben war, und das habe ich dann getan und werde es weiterhin tun..

EHLING: Kann man hier in Argentinien seinen Lebensunterhalt als Schriftstellerin verdienen?

ANA MARÍA SHUA: Ja. Ich kann wirklich nicht klagen, allerdings bin ich da sicher sehr privilegiert. Ich arbeite viel, ich schreibe für Erwachsene und Kinder. Ich habe mehrere Romane veröffentlicht und ich habe Bücher aller Art geschrieben: Humor, Kochbücher, Märchenbücher. Wenn man die Kinderbücher mit zählt, habe ich bis heute sicherlich um die 100 Bücher veröffentlicht.

EHLING: Was ist der größte Unterschied zwischen dem Schreiben für Erwachsene und für Kinder?

ANA MARÍA SHUA: Ich glaube, es gibt weniger Unterschiede als man denkt. Viele meiner Erzählungen für Jugendliche drehen sich um die gleichen Dinge wie die Erzählungen für Erwachsene und umgekehrt. Manchmal reicht es, einfach die Namen zu ändern und man hat ein Buch, das auch für die andere Gruppe funktioniert. Es gibt da eine fließende Grenze, jedenfalls wenn man für etwas ältere Kinder schreibt, sagen wir ab 11, 12 Jahren. Bei Geschichten für kleinere Kinder ist das natürlich anders. Kinderliteratur definiert sich durch die Leser. Bei den Jugendlichen kann man eine gewisse Lebenserfahrung voraussetzen und einen angemessenen Wortschatz. Bei kleineren Kindern ist man diesbezüglich ein wenig eingeschränkt und es kommt letztlich auf die Fähigkeiten des Autors an.
Für mich sind diese Grenzen weniger wichtig. Wenn ich glaube, an einer Grenze angelangt zu sein, springe ich drüber. Man kann sagen, dass Kinder mit experimenteller Literatur nichts anfangen können. Aber woher kommt dann der Erfolg von Lewis Carroll? Oder man kann sagen, dass Jungen keine langen Romane lesen – und dann kommt Harry Potter. Also: Eigentlich gibt es keine Regeln, glücklicherweise.

EHLING: Der Einfluss von Harry Potter auf der ganzen Welt ist sehr groß. Gab es den auch in Argentinien, haben sich die Jugendbücher durch ihn verändert?

ANA MARÍA SHUA: Ich glaube, dass Harry Potter für die argentinischen Autoren nicht so bedeutsam ist. Wir müssen da vielleicht auch noch eine Weile warten. Ich denke, dass die Argentinier eigentlich eher Geschichtenerzähler sind als Romanciers. Wir haben auch keine bedeutenden Autoren von Romanen für Jugendliche. Das ist vielleicht eine Eigenart, vielleicht müssen wir das auch noch lernen. Unsere literarischen Meister waren ja vor allem Meister des Geschichtenerzählens: Borges, Cortázar, Bioy Casares, Silvina Ocampo. Für mich ist Manuel Puig der bedeutendste Romanschriftsteller Argentiniens, und der ist ja noch relativ zeitnah.
Ich glaube also, dass Harry Potter bislang noch wenig Einfluss gehabt hat. Allerdings ist es interessant zu sehen, dass dadurch die Verlage, die Schulbücher produzieren, beeinflusst wurden. Dieser Markt hat sich geöffnet und heute produzieren viele Autoren, viele Verlage, Kinder- und Jugendbücher, die in den Schulen eingesetzt werden. Das bringt aber gleichzeitig eine neue Art von Zensur, weil die Schulbehörden kontrollieren, was in diesen Büchern erzählt wird. Ich finde das allerdings gar nicht so schlimm. Die Haltung hat sich verändert: In meiner Jugend dienten Kinderbücher nur dem Vergnügen, heute haben sie eine wichtige Funktion in der Schule.
Trotzdem werden die meisten Kinder- und Jugendbücher immer noch während der Schulferien verkauft. Bücher wie Harry Potter zeigen, dass die Jugendlichen gerne und freiwillig lesen, und sie haben ja diese Bücher gelesen, bevor die Lehrer sie für sie aussuchten. Und diese Bücher waren ja nicht von den Verlagen geplant, sondern sie wurden geschrieben und sind durch das intensive Marketing zum weltweiten Phänomen geworden. Wenn die Verlage so etwas planen könnten, dann hätten wir ständig solche Bücher.

EHLING: Es wird öfters gesagt, dass es in Argentinien, keine Kultur des Lesens bei jungen Menschen gibt. Ist dem so?

ANA MARÍA SHUA: Ehrlich gesagt, das weiß ich nicht. Ich habe das Gefühl, dass Lesen nicht mehr das Ansehen hat, das es noch in den 60er und 70er Jahren hatte. Damals konnte man noch damit angeben, was man gelesen hatte. Wenn damals ein Model oder junger Fernsehstar nach seiner Lektüre gefragt wurde, kamen sofort Namen wie Borges, Cortázar und Sabato. Wenn Sie heute fragen, bekommen sie wahrscheinlich Namen wie Bucay oder Paolo Coelho als Antwort. Die Literatur für den Massenmarkt ist ein großer Rückschlag für das Ansehen der Literatur gewesen und für die Bedeutung die ihr von den Medien zugestanden wird. In Argentinien haben die Medien die Kommunikation zwischen Literatur und Lesern abgeschnitten. Die Argentinier wissen sehr wenig darüber, was veröffentlicht wird. Früher haben die Medien die argentinische Literatur begleitet, nicht nur die Superstars wie Borges und Cortázar, sondern auch neue Autoren, die zu dieser Zeit gelesen und diskutiert wurden. Literatur war damals wirklich wichtig für Jugendliche. Das ist heute nicht mehr so.

Bücher von Ana María Shua in deutscher, englischer und spanischer Sprache.

Entrevista con Ana María Shua (espanol): ANA MARIA SHUA

Homepage von Ana Maria Shua