Liebe Gemeinde,

der furchtbare Anschlag auf die Kollegen von Charlie Hebdo in Paris lässt mir die fröhlichen Grüße zum neuen Bücherjahr im Halse steckenbleiben. Ich bin traurig, weil ich die unverschämte Boshaftigkeit von Charlie immer sehr gemocht habe und jetzt viele Leute, die das möglich gemacht haben, tot sind. Und ich fürchte, dass wir in Europa in den nächsten Monaten einen Aufschwung des Dumpfsinns à la Pegida erleben werden – die ersten rechtsgestrickten Opportunisten von AfD & Co. haben sich ja bereits zu Wort gemeldet. Genau diesen fremdenfeindlichen Speichelleckern hätten die Toten von Charlie Hebdo einen herzhaften Mittelfinger entgegen gestreckt; der Front national in Frankreich hat das oft genug erfahren.
Da ist es auch wenig tröstlich, wenn ich sehe, dass (noch) die Mehrheit der Stimmen vor dumpfer Islamophobie warnt. Denn es fehlt den meisten dieser besonnenen Stimmen die Radikalität, für die die toten Kollegen standen. Mit ihren Cartoons und Beiträgen haben sie das getan, was Aufgabe der Satire ist: die Zeitläufte und ihre Protagonisten unbarmherzig ihrer Prätentionen zu berauben und sie auf die kleiderlosen Kaiser zu reduzieren, die sie in der Regel sind. Wir brauchen solche Köpfe, um selbst einen klaren Kopf zu behalten.
Der Börsenverein hat eine Solidaritätsaktion gestartet und ein Spendenkonto für die Hinterbliebenen eingerichtet. Machen Sie mit!

Zurück zu unserer kleinen Bücherwelt. Es geht heute um gedruckte Bücher, Waterstones, Blödsinn, China und mehr.

Charlie Wir wissen ja schon seit längerem, dass die Totenklagen für das gedruckte Buch reichlich verfrüht waren. Jetzt wird unser Wissen gestützt durch Daten für den US-Buchmarkt im Jahr 2014. Das Fazit: E-Books stagnieren, gedruckte Bücher legen zu, und zwar um ordentliche 2,4 Prozent. Insgesamt wurden dort mehr als 635 Millionen Bücher verkauft, wobei klassische Kanäle wie der stationäre Buchhandel, Online-Shops und Buchclubs mit einem Plus von 3,4 Prozent das Schwächeln von Supermärkten ausgleichen konnten. Die Zahlen sind einigermaßen zuverlässig, sie kommen von Nielsen BookScan, das die tatsächlich über die Ladenkasse abgerechneten Exemplare erfasst.
Besonders erfolgreich schnitten Bücher für Jugendliche ab: Bei Sachbüchern wurde ein Plus von 15,6 Prozent verzeichnet, bei Fiction ein Plus von 12 Prozent gegenüber 2013. Dagegen hatten die Massenmarkt-Taschenbücher ein lausiges Geschäftsjahr, mit einem Minus von 10,3 Prozent. Hier setzt sich offensichtlich die Substitution durch E-Books fort.

Nicht nur in den USA erlebte das gedruckte Buch eine Renaissance: Auch in Großbritannien verzeichneten die Buchhändler eine weitaus bessere Nachfrage. Waterstones, der Marktführer, berichtet von einem Plus von 5 Prozent im Dezember, wohingegen die Nachfrage nach Kindles, die das Unternehmen seit 2012 verkauft, praktisch verschwunden sei.
Das sind keine schlechten Nachrichten für die Bücherkette, die derzeit 290 Filialen betreibt und im kommenden Jahr mindestens ein Dutzend neuer Läden eröffnen will. Das Erfolgsrezept: Man hat sich auf buchhändlerische Tugenden besonnen – was James Daunt, der das Unternehmen seit zwei Jahren leitet, auch schon gleich zu Beginn angekündigt hat. In einem Interview sagte er, was vor seiner Zeit schiefgelaufen war: „Wir wollten überall die gleichen Läden betreiben, ob in Blackpool oder Hampstead. Sogar meine jüngste Tochter würde Ihnen sagen, dass das wohl nicht so sinnvoll ist.“
Kluges Kind.

Womit wir zu Borders kommen. Ja, Borders: Im Gegensatz zum ewigen Konkurrenten Barnes & Noble war das Unternehmen ja auch im Ausland (Großbritannien, Australien, Singapur, Malaysia) unterwegs, zumeist gemeinsam mit lokalen Investoren. Dass die Pleite 2011 heute noch traumatische Erinnerungen bei Verlagen und ehemaligen Mitarbeitern hervorruft, dürfte auch feststehen. In den USA, Großbritannien und Australien jedenfalls ist der Name Borders verschwunden.
Nicht so allerdings in Malaysia, wo der seinerzeitige Partner bis heute eine Reihe von Läden unter dem alten Namen betreibt, und das durchaus mit Erfolg. Jetzt hören wir, dass sich Nik Raina, die Leiterin einer der Filialen nach jahrelangem Rechtsstreit gegen die Sharia-Behörden des Landes durchgesetzt hat. Die hatten 2012 den Laden gestürmt und das Buch Allah, Liberty, & Love des Kanadiers Irshad Manji beschlagnahmt. Und Raina war wegen Beleidigung des Islam angeklagt und von einem Sharia-Gericht verurteilt worden. Allerdings war die Razzia gelaufen, bevor das Buch offiziell verboten wurde – das Verbot ist inzwischen wieder aufgehoben. Die zivile Gerichtsbarkeit hat nun endgültig entschieden, dass die Aktion deshalb ungesetzlich war. Gut so!

Aus der Abteilung „dumm gelaufen“ lächelt uns dieser Tage HarperCollins verlegen entgegen. Der britisch-amerikanische Verlagsriese, stets bemüht, sein internationales Geschäft auszubauen, hatte einen Atlas verlegt, der speziell in der arabischen Welt verkauft werden sollte. Ob es nun pure Dummheit war oder aber der Versuch, sich einzuschleimen: Israel wurde auf den Landkarten nicht verzeichnet, im Gegensatz zu Syrien, Jordanien und Gaza. Mich erinnert das an die Landkarten, die man in Südafrika zur Zeit der Apartheid bekam: Dort waren selbst Ansiedlungen mit Millionen Menschen wie das Township Soweto nicht verzeichnet. HarperCollins wird das Ding jetzt einstampfen.

Sage keiner, mit Büchern ließe sich außerhalb der USA kein Geld verdienen: Jetzt wird gemeldet, dass der erfolgreichste Schriftsteller Chinas im vergangenen Jahr 19,5 Millionen Yuan eingenommen hat, das sind etwa 3,7 Millionen Euro. Der Glückliche heißt Zhang Jiajia, und er schreibt Romane und Theaterstücke. Seinen Erfolg verdankt er einer Sammlung von Kurzgeschichten für Teenager, die offiziell 4 Millionenmal verkauft wurde. Daneben seien wohl auch noch 4 Millionen Raubdrucke des Buches abgesetzt worden, meint Zhang.
Nobelpreisträger Mo Yan kommt übrigens gerade mal auf ein Drittel der Einnahmen Zhangs. Womit er allerdings auch nicht am Hungertuch nagen muss.

Bleibt mir, Ihnen für das Wochenende noch etwas für das Auge zu bieten: 18 Bibliotheken, die man gesehen haben muss, zwischen Stuttgart, Wien, Rio de Janeiro und Tokio zeigt Business Insider. Viel Spaß beim Anschauen!

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Ich danke für die Lektüre und hoffe, dass Sie mir treu bleiben. Wie Sie vielleicht schon gesehen haben, habe ich mir für das neue Jahr ein paar Neuerungen ausgedacht. Sonnabends finden Sie weiterhin das Gedicht zum Wochenende, das den Namen geändert hat. Montags gibt es jetzt regelmäßig ein Interview, den Anfang hat der große arabische Dichter Adonis gemacht. Und Donnerstags warte ich mit Amazon Watch auf und liefere Ihnen Nachrichten aus der Welt unseres liebsten Buchhandelmonsters.

Beste Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling