Lese- und Informationskompetenzen tragen erheblich dazu bei, Horizonte zu eröffnen und Chancen zu verbessern. In Mittelamerika bzw. der Karibik stellen Lesen, Bücher und Literatur nur für Wenige Werte dar und werden kaum als wirksames Mittel gegen soziale Benachteiligung eingesetzt. Es fehlt oft an Geld, mehr aber noch am Austausch von Ideen und an politischem Gestaltungswillen.

Das Goethe-Institut Mexiko gehört zu den Projektpartnern des Red de promoción lectora in Zentralamerika. Mit dieser Plattform hat das Netzwerk ein Instrument geschaffen, welches zum einen die Situation in den verschiedenen Ländern sowie deren Akteure im Bereich der Leseförderung beschreibt, zum anderen den Erfahrungsaustausch fördert, in dem man sich über Best Practice-Beispiele informieren und diese dann auch selbst vor Ort ausprobieren und auch jederzeit neue “Leserezepte” vorschlagen kann.
In lockerer Folge präsentieren wir ihnen Berichte und Erkenntnisse zum Thema Leseförderung in der Region. Den Anfang macht Karina Gutiérrez vom Goethe-Institut Mexiko, mit einem Überblick über die verschiedenen Programme zur Entwicklung einer Lesekultur im bevölkerungsreichsten Land der spanischsprachigen Welt.

LesförderungDas Panorama der Leseförderung in Mexiko ist so umfangreich und voll von Kontrasten wie die Geographie des Landes selbst. Es treffen hier Aktionen der Regierungsinstitutionen, als auch diejenigen von internationalen Organisationen, zivilen Vereinen, individuellen oder Gruppenprojekten aufeinander. Dieses aus Initiativen und Organisationen zusammengesetzte Mosaik erreicht das Land in seinen unterschiedlichen Dimensionen. Mit einer Gesamtbevölkerung von über 112 Millionen Einwohnern liegt die Abdeckung der bibliothekarischen Einrichtungen bei geschätzt 14.748 Einwohnern pro öffentlicher Bibliothek. Der prozentuale Anteil von Analphabeten wurde in der letzten Volkszählung im Jahr 2010 erhoben und errechnet sich aus der absoluten Anzahl von 5,4 Millionen Analphabeten und 3,4 Millionen funktionellen Analphabeten, welches zusammen einem Anteil von 7,8 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Dies ist insofern alarmierend, da in Mexiko Kindergarten- und Grundschulbesuch verpflichtend sind. Die aktuelle durchschnittliche Schulbesuchszeit beträgt elf Jahre.

Die offizielle Landessprache in Mexiko ist Spanisch, wobei ein bedeutender Teil der Bevölkerung unterschiedlichen Ethnien oder indigenen Bevölkerungsgruppen angehört. Der Volkszählung von 2010 zufolge sind dies 6,7 Millionen Einwohner mit einem Spektrum von insgesamt 89 indigenen Sprachen. Dieser Umstand konstituiert eine historische und soziale Realität, welche nicht nur die Förderung des zweisprachigen Lesens in den indigenen Gemeinden zwingend notwendig macht, sondern auch die Förderung der literarischen und kulturellen Produktion dieser Gruppen.

Mexiko verfügt sowohl über ein Buch- und Leseförderungsgesetz (Ley de Fomento para la Lectura y el Libro) als auch ein Bibliotheksgesetz (Ley General de Bibliotecas) und verschiedene Gesetze für öffentliche Bibliotheken, welche von den einzelnen Bundesstaaten vorgegeben werden. In der politischen Sphäre ist diese Aufgabe verschiedenen Institutionen zugeteilt, die parallel arbeiten und beispielsweise Festivals, Buchpräsentationen, Vortrags- und Konferenzreihen, Lesungen, Kongresse, Buchmessen, Workshops, Literaturwettbewerbe und Kurse veranstalten.

Die Hauptbeteiligten in diesem Bereich sind: Das Nationale Netz Öffentlicher Bibliotheken (Red Nacional de Bibliotecas Públicas), welches aktuell aus 7.298 Bibliotheken besteht. Unter diesen finden sich die kleinsten mit Beständen von 500 Titeln, angesiedelt hauptsächlich in den Gemeinden, die ausschließ‎lich mit Sekundarschulen ausgestattet sind, bis hin zu den großen staatlichen Bibliotheken oder Bibliotheken mit langer Tradition, wie beispielsweise die Bibliothek von Mexiko (Biblioteca de México), welche einen Bestand von 220.000 Medien beherbergt.

Ein weiterer Protagonist in Bezug auf das Thema Leseförderung ist das Nationale Programm für Lesesäle (Programa Nacional de Salas de Lectura), welches sich auf ein über das ganze Land ausgedehntes Netzwerk von freiwilligen Mitarbeitern stützt. Weiters hat Mexiko eine Reihe von Schul- und Klassenbibliotheken (Bibliotecas Escolares y de Aula), deren Bestände sich aus literarischen Werken und Sachbüchern zusammensetzen. Diese Bibliotheken sind speziell für die Schüler der öffentlichen Grund-, Primar- und Sekundarschulen zugeschnitten. Letztendlich sollen an dieser Stelle die Abteilungen für Literatur in den verschiedenen kulturellen Institutionen und höheren Schulen erwähnt werden, sowie die Bestrebungen des Verlegerverbandes (CANIEM), welcher beispielsweise Auszeichnungen für literarische Produktionen und Illustrationen verleiht.

In diesem Sinne konzentriert sich die Arbeit der staatlichen Instanzen auf Publikationen von Büchern und deren Verteilung auf die öffentlichen Bibliotheken, Lesesäle und Schulen. Dem Mangel an Literaturvermittlern, also derjenigen Personen, die Lesestoff vervielfachen oder bewerben, wird durch die Ausbildung von Freiwilligen in Kursen und Seminaren, aber auch durch die Verleihung von Preisen und anderen Anreizen begegnet. Dennoch sind die Ergebnisse nicht so ermutigend, wie es zu erwarten wäre: Spezialisten haben herausgefunden, dass in Mexiko das höchste Niveau des Leseverständnisses bei Jugendlichen zwischen 18 und 22 Jahren liegt. Weiters ist das Lesen in seiner räumlichen Dimension hauptsächlich auf öffentliche und akademische Bibliotheken beschränkt. Die Tätigkeit des Lesens wird somit hauptsächlich als eine Aktivität von Studierenden betrachtet und somit dem schulischen oder professionellen Umfeld überlassen. Das Lesen als genüssliche Beschäftigung wird als ein kultureller Habitus begriffen, ähnlich wie das Besuchen von Kinos, Museen oder archäologischen Augrabungsstätten, aber nicht als eine Kompetenz, die es erlaubt berufliche, individuelle und soziale Aspekte des Lebens zu verbessern. Dies wird durch die Zahlen der Nationalen Umfrage über Praktische Gewohnheiten und Kulturellen Konsum (Encuesta Nacional de Hábitos Prácticas y Consumo Cultural) aus dem Jahr 2010 deutlich. Der Großteil der Bevölkerung ist der Meinung, dass Lesen keinen spürbaren Vorteil im praktischen Leben bringt. Anhand dieser Studie wurde des Weiteren festgestellt, dass nur 27 Prozent der Befragten in ihrem Leben mehr als ein Buch gelesen haben; 38 Prozent durchschnittlich zwischen einem und zehn Bücher besitzen und 24 Prozent kein einziges. Außerdem haben 28 Prozent der Bevölkerung offen angegeben, dass sie nicht gerne lesen und aus diesem Grund keine Bibliotheken besuchen.

Der Großteil der Bevölkerung ist der Meinung, dass Lesen keinen spürbaren Vorteil im praktischen Leben bringt.

Die wesentlichen Schwierigkeiten eine lesende Bevölkerung zu formen, ergeben sich in unterschiedlichen Umfeldern. Von der literarischen und verlagstechnischen Produktion angefangen, über die Verteilung von Büchern, bis hin zu internen Schwierigkeiten, wie zum Beispiel der Tatsache, dass der Großteil der Bibliothekare nicht professionell ausgebildet ist. Das Netz der Öffentlichen Bibliotheken (Red Nacional de Bibliotecas Públicas) gewährleistet die Ausbildung von Personal, während die lokalen Regierungen und Verwaltungen die benötigten Räume, das Mobiliar, Ausrüstung und Einkommen für diejenigen Personen zur Verfügung stellen, welche die öffentlichen Leseeinrichtungen betreuen. Daraus resultiert eine Abhängigkeit der kulturellen Aktivitäten und der Leseförderung von der staatlichen Administration auf Gemeinde- und bundesstaatlicher Ebene und in letzter Instanz, von jeder einzelnen Bibliothek. Die fehlende Kontinuität und Evaluation der Programme ist eines der größten Hindernisse der Leseförderung, vor allem auch deswegen, weil diese auf die Dauer einer Regierungsperiode und nicht langfristig genug geplant werden. In Zusammenhang mit der Leseförderung stellen die direkte und transversale Zusammenarbeit zwischen Schulen und dem System der öffentlichen Bibliotheken, so wie Allianzen zwischen der Verlagsindustrie und den Beständen diverser Institutionen, Mechanismen dar, die bis jetzt wenig erkundet wurden, obwohl sie potentiell große Fortschritte mit sich bringen könnten.

Mexiko sieht sich mit einer durchgreifenden ökonomischen und sozialen Krise konfrontiert. Vor diesem Hintergrund drängt sich vor allem eine Frage auf, über die es sich lohnen würde nachzudenken, noch bevor man dazu schreitet Programme zu implementieren: Lesen? Wozu? Die Antwort impliziert die Verbindung vom Akt des Lesens nicht nur mit der Erziehung und professioneller Ausbildung, sondern auch mit dem sozialen Umfeld, dem Genuss und der Freude an der Literatur, der Selbstbestätigung des Individuums durch den kulturellen Akt des Schreibens, sowie mit dem Zugang zu Information und der Identifikation mit der Lektüre in Zusammenhang mit den unmittelbaren Bedürfnissen der Gemeinde. Daraus kann folgende Grundrezeptur abgeleitet werden: Je breiter das Spektrum der Aktivitäten in Bezug auf die Leseförderung, desto extensiver die Fortschritte und Auswirkungen in der Gesellschaft.

Mehr Informationen zur Leseförderung in Zentralamerika finden Sie hier.