Liebe Gemeinde,

heute geht es um E-Book-Zahlen, rote Ohren, Merkwürdigkeiten in Nigeria und mehr. Der Blick nach Amazonien fehlt natürlich auch nicht.

Libreria Herder, México D.F. (c) ehlingmedia 2014

Libreria Herder, México D.F. (c) ehlingmedia 2014

Was ist von positiven Bewertungen des weltweiten E-Book-Markts zu halten, wenn die Zahlen von einem der wichtigsten Anbieter vorgelegt werden? Ich überlasse Ihnen gerne die Entscheidung und erzähle Ihnen einfach, dass Kobo derzeit einen weltweiten E-Book-Markt im Wert von 14,5 Milliarden US-Dollar sieht. So steht es jedenfalls im ersten Kobo Book Report, den das Unternehmen vorgelegt hat. Bis zum Jahr 2017 soll der Wert auf 22 Milliarden US-Dollar wachsen, heißt es.

Nicht besonders überraschen ist die Aussage, dass die verehrte Leserschaft besonders gerne zu Liebesromanen, Fantasy und Krimis greifen.
Kobo, urpsrünglich ein Ableger des kanadischen Medienhändlers Indigo, gehört seit 2013 zum japanischen Onlineriesen Rakuten. Anders als Amazon, Apple oder Google, die ihre Shops in Eigenregie betreiben, sucht Kobo in der Regel nach Partnern im Buchhandel der Länder, in denen das Unternehmen agiert – ähnlich, wie es auch bei den Tolino-Auftritten in den Niederlanden, Belgien und Italien geschieht.

Deshalb passt hierher auch die Nachricht, dass Kobo jetzt auch in Saudi-Arabien und in den Golfstaaten an den Start gegangen ist und dort gleich einmal 4,2 Millionen Titel anbietet. Wie viele davon allerdings in arabischer Sprache sind, wurde nicht gesagt – es dürfte sich um keine besonder überwältigende Zahl handeln. Wenn Sie mehr wissen wollen über E-Books in den arabischen Ländern kann ich Ihnen das Interview mit Ashraf Maklad empfehlen, das ich vor einiger Zeit hier gepostet habe. Ob die recht einfach gestrickten Kobo-Geräte allerdings auf großes Interesse stoßen werden, wage ich zu bezweifeln: In der arabischen Welt, wie auch in Afrika, Lateinamerika und weiten Teilen Asiens, ist das Smartphone mit Abstand das beliebteste Gerät zum Lesen.

Wir bleiben bei den Elektrobüchern, schwenken aber nach Europa. Erster Halt ist Brüssel: Dort hat die Lobbyorganisation EDiMA die europäische Kommission und den Rat der Finanzminister aufgefordert, endlich die Mehrwertsteuer für gedruckte und elektronische Bücher zu vereinheitlichen und auf den in den jeweiligen Ländern gültigen niedriegen Satz für Papierbücher zu senken. Mit der einheitlichen Absenkung würde die Politik einen wichtigen Beitrag zu Bildung und Lesekultur leisten. Nach Angaben der EDiMA belastet der höhere Satz auf E-Bücher Verbraucher und Verleger mit 1,8 Milliarden Euro pro Jahr. Die Besteuerung von E-Books nach den Maßgaben der Länder, in denen die Kunden wohnen, die Anfang 2015 in Kraft tritt, werde in einigen Staaten zu deutlichen Preissteigerungen führen – vor allem dort, wo es, wie etwa in Großbtitannien, keine Buchpreisbindung gibt.
Bislang hatten lediglich Frankreich und Luxemburg (seit 2012) die Mehrwertsteuer für E-Books auf den Satz von gedruckten Büchern abgesenkt. Jetzt haben auch Italien und Malta angekündigt dies tun zu wollen. Gegen Luxemburg und Frankreich hatte die EU-Kommission Klage vor dem Europäischen Gerichtshof eingereicht, bislang aber noch keine weiteren Schritte eingeleitet.
Die EDiMA ist der Lobbyverband der großen europäischen Online-Plattformen. Das sind vor allem Firmen wie Amazon, Apple, eBay, Expedia, Facebook, Google, LinkedIn, Microsoft und Yahoo. Deren europäische Wollefärbung wollen wir hier aber nicht erörtern.

„What are the Welsh for?“, fragte dereinst die englische TV-Moderatorin Anne Robinson. Weder sie noch das Publikum hatten eine brauchbare Antwort parat. Was einmal wieder die fröhliche Fremdenfeindlichkeit meiner früheren Landsleute unter Beweis stellte. Aber ich schweife ab: Zum Ende des Jahres haben die Chefs der walisischen Literaturförderung geradezu enthusiastisch Bilanz gezogen. Denn die vielen Aktivitäten aus Anlass des 100jährigen Geburtstags von Dylan Thomas hätten die „Augen der Welt auf Wales gerichtet“.
Nun ja, meine Augen haben in den vergangenen Jahren durchaus auch andere Dinge wahrgenommen, aber wer wollte die Freudentänze stören? Es gab Marahon-Lesungen seiner Werke, Theateraufführungen und sogar eine Dylan-Thomas-App – allerdings bietet die eine Führung durch Greenwich Village in New York, wo Thomas lange wohnte. Am besten gefällt mir aber, dass die eifrigen Organisatoren es geschafft haben, mehr als 8.000 Kinder und Jugendliche zum Mitmachen bei einem Schreibwettbewerb zu bewegen. Im kommenden Jahr soll mit dem Wettbewerb „Slam Cymru“ (Cymru – sprich: „Kamri“ ist der walisische Name für Wales) der Impetus aufgenommen werden.
Schön wär’s, wenn das gelänge. Es muss ja nicht jeder Waliser gleich ein Dylan Thomas werden. Obwohl viele sich wenigstens in Sachen Quartalssaufen eifrig an ihrem Vorbild orientieren. Mit Guto (sprich: Gita) Dafydd steht ein hoffnungsvoller 17jähriger in den Startlöchern, er ist der zweitjüngste Gewinner des Gedichtwettbewerbs beim jährlichen Kulturfestival „Eisteddfod“.

Dem wackeren Guto Dafydd zollen wir gerne Lob und schließen uns gleichzeitig mit höhnischem Gelächter der Schadenfreude an, die im Inselkönigreich angesichts der Causa Zoella ausgebrochen ist. „Zoella“ sagt Ihnen nichts? Was nur zeigt, dass Sie hoffnungslos uncool sind. Jedenfalls haben Sie kein Interesse an dem hohlbrotigen Geplapper, mit dem die Britin Zoe Suggs auf ihrem Youtube-Kanal einige Millionen Freundinnen gesammelt hat. Und weil solche Leistungen nirgendwo ungestraft bleiben dürfen, haben die Londoner Statthalter von Penguin Random House die Dame ein Büchlein schreiben lassen: Girl Online wurde pünktlich zum Weihnachtsgeschäft präsentiert. Mit fast 80.000 verkauften Exemplaren in der Startwoche stellte das Werk sogar die Performance von Joanne Rowling in den Schatten. Jubel, Faszination, ein neuer Star am Literaturhimmel!
Und jetzt kam raus: Die ach so gescheite Zoella hat einen Geist schreiben lassen. Was natürlich weder verwerflich noch unüblich ist – angesichts der vielen Bücher von Z-Listen-Promis, die nach Entblödung oder Entblößung in irgendeinem Trash-TV-Format die Bestsellerlisten stürmen, wissen wir ja schon längst, dass der Herrgott das Schreibtalent denn doch nicht so freigiebig verteilt hat. Die gute Zoella war immerhin klug genug, erst einmal eine Internet-Pause einzulegen.
Rote Ohren haben aber die Kulturgutverwahrer von Bertelsmann, die ihren neuen Star als neues Multitalent verkauft haben. Und die Zeitungsschreiber, die das Buch zum Leitstern für Teenie-Literatur verklärt haben, kontemplieren jetzt wohl ihren verdienten Platz in der speziellen Höllenabteilung für Trottelrezensenten.
Noch einmal: Gegen Ghostwriter ist wirklich nichts einzuwenden. Gegen die aktuellen Gesetzmäßigkeiten des Literaturgeschäfts allerdings sehr wohl. Wie mein Latein-Pauker an der Uni gesagt hätte: Cum cotcen!

Womit wir in Amazonien wären. Von dort hören wir, dass der freundliche Riese aus Seattle ein Gebäude in der Nähe des Empire State Building in Manhattan beziehen wird. Dort soll die verehrte Kundschaft die bestellte Ware abholen können. So weit, so gut. Weniger lustig ist aber die Tatsache, dass Amazon dafür Steuervergünstigungen in Höhe von fünf Millionen US-Dollar erhalten haben soll. Zwar schafft Amazon dem Vernehmen nach 500 Arbeitsplätze, was zu loben ist. Aber das Programm, aus dem die Steuergroschen fließen, ist ausdrücklich zur Förderung von Unternehmen bestimmt, die bereits am Ort agieren und soll dabei helfen, die astronomischen Mieten in der Metropolis zu stemmen. Wir wissen zwar, dass Amazon finanziell nicht besonders frischgewaschen in die Welt schaut, aber sooo bedürftig ist Herr Bezos dann doch wohl noch nicht. Oder wissen wir da mal wieder etwas nicht?

Vielleicht wird in dem New Yorker Gebäude ja auch eine Buchhandlung eingerichtet – auf diese Weise würden die Werke der 14 Imprints von Amazon Publishing wenigstens an einem Ort der Leserschaft dargeboten. Der unabhängige Buchhandel, wie auch die Kettenläden, zeigen Amazon Publishing ja seit Jahren die kalte Schulter. Für Daphne Durham kommt das aber zu spät: Die bisherige Chefin steigt zum Jahresende aus, nach 15 Jahren im Dienst des Onliners. Erst Anfang des Jahres hatte sie den Job übernommen, nachdem der Vertrag von Larry Kirshbaum nicht verlängert worden war.

Mit dem Gebäude in New York setzt Amazon ein deutliches Zeichen in Sachen Zukunftsstrategie: Man will noch näher an den Kunden heran. Das will man ja auch mit dem angedrohten Drohneneinsatz erreichen. Wobei die US-amerikanische Flugsicherheitsbehörde FAA bisher die Genehmigung zum Testeinsatz standhaft verweigert: Drohnen sind kein Spielzeug, was am Himmel rumfliegt muss kontrolliert werden. Im Umkreis von 150 Metern um ein Wohngebiet herum geht gar nichts. Kein ganz unverständlicher Standpunkt.
Für Amazon ist das allerdings mal wieder ein Grund, die Rassel aus dem Kinderwagen zu schmeißen: Man werde alle Tests außerhalb der USA durchführen, wurde jetzt gedroht. Für das firmeneigene Forschungszentrum in Cambridge wurden bereits Stellen für entsprechende Spezialisten ausgeschrieben. Das Problem beim Drohen ist allerdings, dass der Bedrohte dadurch eingeschüchtert wird. Bei der FAA kann ich mir als Reaktion wenig mehr als ein gelangweiltes Schulterzucken vorstellen.

Und wieder gelingt die elegante Überleitung: Sicherheit ist ein Thema sowohl in der Luftfahrt wie auch im Internet-Geschäft. Und dort hat sich bei Kindle wohl eine Lücke aufgetan: KDP-Autoren in den USA haben jetzt das Konto eines Pseudo-Autoren namens Jay Cute entdeckt, der 37 Bücher als die seinen anbietet. Allerdings stammen die alle von anderen Schreibern. Wie üblich hat Amazon auf die Autorenproteste mit Schweigen reagiert.
Ergänzung: Alfons Theodor Seeboth merkt dazu an: “Als wenn das was neues wäre, das bei Amazon Fremdwerke als die eigenen verkauft werden. Es gibt auf Facebook sogar eine Autorenhilfsgruppe, die aktiv alle Neuerscheinungen genau unter die Lupe nimmt. Keine Plagiate! Leser und Autoren decken auf“.
Ich danke herzlich für diesen Hinweis.

Bevor wir zum Schluss kommen, noch eine traurige Nachricht: Der griechische Schriftsteller Menis Koumandareas(83) wurde am vergangenen Sonnabend in seiner Athener Wohnung tot aufgefunden. Er wurde wahrscheinlich Opfer eines Raubmords. In den Jahren der Militärdiktatur gehörte er zu den entschiedendsten Oppositionellen; einige seiner Werke wurde auch in Deutsche übersetzt.

Zum Schluss noch etwas Merkwürdiges aus dem an Merkwürdigkeiten wahrlich nicht armen Nigeria: Dort hat ein Bundesgericht jetzt die Veröffentlichung der Memoiren des ehemaligen Präsidenten (und früheren Militärdiktators) Olusegun Obasanjo blockiert. Bereits vorab hatte das Werk Aufsehen erregt, nachdem die Website NewsDay Reporters eine Vorabkopie lesen durfte und „11 Shocking Things“ augzählte, die einen „politischen Tsunami“ hervorrufen würden. Obasanjo hatte unter anderem dem amtierenden Präsidenten Goodluck Johnatahn attestiert, er sei paranoid und für sein Amt völlig ungeeignet – womit er nicht viel mehr sagt als dass, was in Nigeria sowieso herrschender Konsens ist. Die Entscheidung des Gerichts bezog sich jetzt auf eine gegen Obasanjo anhängige Verleumdungsklage mit einer aufgerufenen Schadensersatzsumme von 100 Millionen US-Dollar. Der Klageführer, Mitglied der Präsidenten-Partei PDP, beschwert sich, dass Obasanjo ihm vorwerfe, dass in den USA wegen Drogendelikten gegen ihn ermittelt wird. Dies sei unwahr. Allerdings gibt es diese Ermittlungen tatsächlich, samt Haftbefehl und Auslieferungsersuchen. Wodurch die Gerichtsentscheidung einen recht strengen Geruch bekommt.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, mein Rundblick hat Ihnen gefallen. Und: Das war’s auch für dieses Jahr. Ich bedanke mich für Ihre Treue und Ihre Anregungen. Vor kurzem hat der Blog die Marke von 50.000 Lesern geknackt, in diesem Jahr haben täglich rund 100 von Ihnen hier nach Informationen gesucht und hoffentlich auch gefunden.
Bis zum Jahresende gibt es noch den einen oder anderen thematischen Post, und natürlich die Gedichte zum Wochenende.
Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage und einen guten Start ins Neue Jahr. Dann geht es weiter mit den Wochenblicken und ein paar Neuerungen.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

Und natürlich fehlt auch nicht der Hinweis darauf, dass Sie meine monatliche Kolumne zur bunten Bücherwelt im BuchMarkt lesen können.

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