Liebe Gemeinde,

in dieser Woche treiben wir uns in Gerichtssälen herum, besuchen Italien und China, bemitleiden Selfpublisher und mehr. Aber zuerst geht es nach Mexiko.

Erinnerung an die 43 verschwundenen Studenten auf der FIL (c) ehlingmedia 2014

Erinnerung an die 43 verschwundenen Studenten auf der FIL (c) ehlingmedia 2014

Noch bis zum Sonntag tobt in Guadalajara die Feria Internacional del Libro, bis gestern war ich auch dort. Schön war’s und vor allem interessant. Alle wichtigen Verlage aus Lateinamerika sind hier und der Handel mit Übersetzungs- und Koproduktionsrechten läuft ziemlich munter.

Viel beeindruckender als der übliche Messetrubel war aber die „43“.
43, das ist die Zahl der Lehramtsstudenten, die vor einigen Wochen in der Nähe von Iguala im südlichen Bundesstaat Guerrero entführt und vermutlich ermordet worden sind. An vielen Messeständen gab es Solidaritätsbekundungen; im internationalen Bereich der Messe wurde eine Präsentationsbühne dazu benutzt, die Namen der Verschwundenen vorzulesen – und bei jedem Namen antwortete das Publikum mit „İpresente!“. Viele Leute liefen mit einem schwarzen Anstecker mit der Zahl 43 herum. Am 1. Dezember, dem Datum, an dem der Präsident Pena Nieto vor zwei Jahren in sein Amt eingeführt wurde, zogen tausende Menschen vom Messegelände aus zu einem zentralen Platz in der Stadt, um eine Kundgebung abzuhalten.
Das Schicksal der 43 Studenten ist in Mexiko eher Alltag als Ausnahme. Seit dem Amtsantritt von Pena Nieto vor zwei Jahren, so schrieb die Zeitung „Informador“, sind mindestens 10,000 Menschen verschwunden. Bei der Suche nach den 43 Studenten wurden allein in der Nähe der Stadt Iguala mehr als ein Dutzend Massengräber gefunden. Wer die Leute waren, deren Leichen in den Massengräbern liegen, ist unklar. Es ist auch nicht so, als wenn in der Bevölkerung allzu großes Entsetzen herrschen würde über die Funde. Es ist Alltag.
Die Bedeutung des Falls der 43 verschwundenen Studenten ist deshalb vor allem symbolischer Art. Ihr Schicksal steht für alles, was in Mexiko schief läuft: Die Korruption und die Gewalt, das völlige Desinteresse der Mächtigen in Politik und Wirtschaft am Wohlergehen der Bevölkerung. Bisher ist es den Mächtigen nicht gelungen, mit den üblichen Mechanismen für Ruhe zu sorgen: Totschweigen – es dauerte 12 Tage bis der Präsident sich zu dem Fall äußerte – hat nicht funktioniert. Kriminalisierung der Proteste durch Einsatz von Provokateuren hat nicht funktioniert. Schweigegeld – die Eltern der Verschwundenen sollten jeweils eine Million Pesos, das sind etwa 60.000 Euro, erhalten – wurde abgelehnt. Jetzt solidarisiert sich der Präsident öffentlich mit den Eltern der Verschwundenen – die aber lehnen das brüsk ab.
Mal sehen, wie die Sache weitergeht. Die Wut im Land ist ungeheuerlich. Aber bislang hat immer noch lethargische Hoffnungslosigkeit Einzug gehalten.

Wenn man von Herrn Berlusconi hört, bedeutet das selten etwas Gutes. Ob die Idee, beim Berlusconi-Verlagskonzern Mondadori die Verlags- und Vertriebsaktivtäten in jeweils eigene Firmen umzugründen eine gute ist, wird sich weisen. Möglicherweise ist dies aber auch die Vorbereitung auf den Verkauf wenigstens von Teilen der Gruppe. Mit einem Umsatz von knapp 240 Millionen Euro in den ersten neun Monaten des Jahres steht das Unternehmen derzeit sehr ordentlich da, und auch der operative Gewinn von knapp 34 Millionen Euro für diesen Zeitraum lässt sich sehen.
Mondadori hatte viele Jahre lang ein Joint Venture mit der Bertelsmann-Gruppe in den spanischsprachigen Märkten unterhalten; der 50-Prozent-Anteil ging vor knapp zwei Jahren an die Gütersloher, die seitdem ihre Position in Spanien und Lateinamerika durch die Teilübernahme des Verlagsriesen Santillana noch deutlich ausgebaut haben.

Wo wir schon bei den großen Sympathieträgern der internationalen Politik sind, nutzen wir die Gelegenheit und blicken nach China: Dort hat die Regierung jetzt dem ständigen Rumgewitzel der Untertanen einen Riegel vorgeschoben. Doppeldeutige Wortspiele sollen aus Radio, Fernsehen und Büchern verschwinden. Recht hat die Regierung: Wie kommen die Leute dazu, ihre Sprache dafür zu missbrauchen, sich einen Spaß mit ihr zu machen? Immerhin: Schon der englische Universalgelehrte Samuel Johnson ließ die Welt im 18. Jahrhundert wissen, „Puns“ (doppeldeutige Wortspiele) seien die niedrigste Form des Humors.

Weiter mit den Sympathieträgern: Amazon-Chef Jeff Bezos hat wieder einmal die Investoren in sein Unternehmen mit Anlauf vor den Kopf geschlagen. Bei einer Konferenz, die er über seinen Infodienst Business Insider organisieren ließ, mochte er wieder einmal nicht zugestehen, dass seine Geldgeber nach 20 Jahren der Geldverbrennung bei Amazon nicht ganz im Unrecht sind, wenn sie ob der weiterhin steigenden Umsätze allmählich auch einmal so etwas wie einen Gewinn sehen wollen. Am Tag vorher hatte die Ratingagentur Moody’s den Ausblick für Amazon von „stabil“ auf „negativ“ gedreht und dafür vor allem den Mangel an Transparenz in Finanzdingen als Grund genannt. Auch die zahllosen neuen Projekte von Amazon werden von Moody’s eher langzähnig kommentiert; Applaus für Management-Leistungen sieht anders aus.
Neben dem Flop-Telefon Amazon Fire ist Kindle Unlimited sicher eines der wichtigsten neuen Projekte des Riesen aus Seattle. Nach fünf Monaten ist die wirtschaftliche Bilanz dort recht durchwachsen; für Selfpublisher, die exklusiv über KDP bei Amazon publiziert haben, sieht es sogar zappenduster aus, obwohl diese Gruppe einen sehr großen Anteil an den 750.000 Titeln hat, die KU derzeit in den USA anbietet. Um mehr als die Hälfte sind die Einkünfte dieser Autoren seit dem KU-Start gefallen, betroffen sind auch solche Autoren, deren Bücher gar nicht bei KU ausgeliehen werden können. Möglicherweise rächt sich hier die Niedrigpreisstrategie, mit der viele Selfpublisher sich in den Markt gedrückt haben: Damit erzieht man sich die Leser zu eifrigen Schnäppchenjägern.

Wer Bücherschnäppchen suchte, musste bislang auf Antiquariate zurückgreifen; gebrauchte E-Books sind nicht im Handel. Stimmt, dachten sich die Leute bei der niederländischen Plattform Tom Kabinet und starteten einen Handel für gebrauchte E-Books. Die Sache landete natürlich vor Gericht, und jetzt wird am Tag vor Heiligabend die Entscheidung fallen, ob man künftig seine gelesenen E-Books weiterverkaufen darf, wie das für gedruckte Bücher ja problemlos möglich ist. Der niederländische Verlegerverband wirft in der Auseinandersetzung Tom Kabinet vor allem vor, dass der allergrößte Teil der angebotenen Titel raubkopiert ist. Sollte das stimmen, wäre die Entscheidung für das Gericht recht einfach: Hehlerei wird wohl kaum offiziell sanktioniert werden. Die Entscheidung des niederländischen Gerichts hätte durchaus auch eine Bedeutung für die deutschsprachigen Märkte, insofern sich Anbieter digitaler Produkte auf die niederländische Praxis berufen und vor den Europäischen Gerichtshof ziehen könnten.

Im kalten Winter sind Gerichtssäle willkommene Orte zum Aufwärmen, deshalb bleiben wir noch ein Weilchen. Apple schreibt am 15. Dezember die Endlos-Saga um den angeblichen Bruch des US-Kartellrechts durch die Zusammenarbeit mit den größten US-Verlagen im E-Book-Geschäft weiter. Dann steht Apple vor dem Berufungsgericht, um die Kartellstrafe, die eine New Yorker Richterin verhängt hatte, vom Tisch zu bekommen. Die Sache ist kompliziert, ich empfehle meinen Artikel dazu. Sollte Apple durchkommen mit der Berufung wäre der Weg frei für Verlage und Händler, feste Preise für E-Books zu setzen. Sollte Apple nicht durchkommen, muss das Unternehmen stolze 450 Millionen US-Dollar zahlen.
Wie auch das Resultat aussehen mag: Vor der Kooperation zwischen Apple und den Verlagen lag der E-Book-Marktanteil von Amazon in den USA bei gut 90 Prozent. Danach sank er auf gut 60 Prozent.

Ob sich die US-amerikanische Autorenvereinigung auch heimelig fühlt vor Gericht, darf man derzeit bezweifeln. Denn die Anhörungen im Berufungsprozess des Verbands gegen die Entscheidung, Google Books als legitimes Projekt anzuerkennen, laufen recht schwierig. In dieser Entscheidung wird das millionenfache Scannen von Büchern, auch ohne Einwilligung der Rechteinhaber, als eine Art Weltverbesserungsveranstaltung betrachtet. Und ob man gegen eine bessere Welt in Berufung gehen kann, scheint mir fraglich.

 

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, Ihnen hat der Rundblick gefallen.

Morgen gibt es natürlich wieder das Gedicht zum Wochenende, viel Spaß dabei!

 

Con saludos cordiales desde México

 

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

P.S.: Einen monatlichen Rundblick durch die bunte Bücherwelt finden Sie jeweils in der gedruckten Ausgabe des BuchMarkt.

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