Liebe Gemeinde,

heute geht es natürlich um Neues aus Amazonien, gute und nicht so gute Selfpublisher, Afrika, Ägypten, Griechenland, alte Männer mit viel Geld und mehr.

(c) Börsenverein

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Amazons Umsatz dürfte sich in diesem Jahr auf die Marke von 90 Milliarden US-Dollar zu bewegen, was angesichts der heftigen Verluste, die das Unternehmen auf seinem Weg zur Weltherrschaft einfährt, noch kein Grund zum Jubel ist. Von den vielen Projekten, die in diesem Jahr an den Start gebracht wurden, hat keines wirklich Jubelstürme ausgelöst. Kindle Unlimited ist zwar jetzt in den USA, Großbritannien, Deutschland, Spanien und Italien unterwegs, aber das Angebot überzeugt bislang nicht wirklich. Ich habe selbst einen Account und bin, wie man auf Englisch sagt, „underwhelmed“. Mal abgesehen davon, dass ich die englischen und spanischen Titel, die ich wirklich lesen möchte, nicht im Ausleihangebot finde (die großen Verlage machen flächendeckend nicht mit) bin ich einigermaßen verwirrt darüber, dass von den Titeln aus meiner eigenen Fleet Street Press nur die Hälfte entleihbar sind, obwohl alle Titel verfügbar gemacht wurden. Versuchen Sie mal, so etwas bei Amazon telefonisch zu klären – dagegen sind die Warteschleifen bei der Deutschen Bahn ein Zuckerschlecken!

Da hilft es auch nicht weiter, dass bei einem Test der c’t Amazon als bester Online-Shop ausgemacht wurde, wobei ich die Testkriterien nicht besonders einleuchtend finde: Dass ein US-amerikanischer Anbieter beim Angebot englischsprachiger Bücher besser abschneidet als Tolino, ist jetzt wirklich keine Überraschung. Und ob die Nachricht, dass Amazon im kommenden Jahr auch noch als Reisevermittler auftreten will, den Investoren ein Lächeln auf die Lippen zaubert, wage ich auch zu bezweifeln.

Wir bleiben zunächst einmal bei den E-Books. Dort hören wir, dass sich der Zuwachs in Deutschland deutlich abgeflacht hat. Nach den ersten drei Quartalen steht ein mageres Plus von 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu Buche. Wenn wir in diesem Jahr auf einen Marktanteil von 5 Prozent kommen würden, wäre das schon fast als Erfolg zu werten. Ansgar Warner ist den Gründen für diese Bremse nachgegangen, ich empfehle den Artikel zur Lektüre. Immerhin zeigt sich an dieser Entwicklung wieder einmal, welchen Müll die Prognosen der großen Beratungsunternehmen mitunter darstellen: PwC hatte kürzlich für die USA und Großbritannien für das Jahr 2018 einen 50-Prozent-Anteil vorhergesagt; für Deutschland spuckte die Glaskugel für 2018 einen Wert von 800 Millionen US-Dollar für elektronische Bücher aus. Bei den Prognosen für die Anglos hatte man wohl nicht zur Kenntnis genommen, dass sich dort im Publikumsmarkt beim Wert von 30 Prozent Marktanteil schon negatives Wachstum eingeschlichen hat. Ob auf dieser Basis wirklich in den kommenden drei Jahren im englischsprachigen Markt ein Elektrowachstum von noch einmal fast 100 Prozent ergeben wird, wage ich füglichst anzuzweifeln.
Anders sieht es in den Niederlanden aus: Dort kommen wir im dritten Quartal auf 7 Prozent Elektro-Anteil, nach nicht ganz 5 Prozent in den Vormonaten. Immerhin ist dieses Wachstum erklärlich. Neben bol.com (Kobo) sind jetzt auch Amazon und Tolino am Start, dazu die eher fußkranken Stores von Apple und Google. Mal sehen, was da noch kommt.

Dass ich dem Thema Selfpublishing mit sympathisierender Distanz verbunden bin, wissen Sie ja inzwischen. Was ich aus diesem Segment gelesen habe, hat mir sehr unterschiedliche Erfahrungen beschert und mir sowohl Respekt als auch ungläubiges Kopfschütteln entlockt. Aber ganz allgemein wird das Thema inzwischen ja beinahe schon euphorisch diskutiert – wobei natürlich die Selfpublisher selbst die größten Enthusiasten sind. Das ist gerne gegönnt. Für den ganz normalen Leser an sich bieten die SP-Titel natürlich eine preisgünstige Alternative zu Büchern aus Verlagen, die – zumal in der Genre-Fiction – nun auch nicht durchwegs der wahre Jakob sind. Der wackere Michael Koszlowski hat jetzt einen kleinen Führer zum Vermeiden von SP-Titeln veröffentlicht, von dem ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht ganz sicher bin, ob er wirklich ernst gemeint ist. Lesen Sie’s mal selbst und lassen Sie mich wissen, was Sie davon halten. Ich bin gespannt.

Africa39Wir bewegen uns hinein in die reale Welt und schauen nach Afrika. Dort fand kürzlich das Port Harcourt Literature Festival statt, ein Teil der Festivitäten aus Anlass des Jahres als World Book Capital, das die Stadt im Nigerdelta derzeit absolviert. Ellah Wakatama Allfrey berichtet davon, dass die gut zwei Dutzend afrikanischen Autoren, die dort teilnahmen, sich wohl endlich frei machen von der seit Jahrzehnten auf ihnen lastenden Erwartung, so etwas wie Sprachrohre für den Kontinent sein zu sollen. Man schreibt einfach, was man persönlich des Schreibens wert befindet. Das hat sicherlich damit zu tun, dass viele der „neuen“ Generation afrikanischer Schreiber ihre Wurzeln zwar durchaus auf dem Kontinent haben mögen, dass sie ihren Alltag aber in Europa oder in den USA verbringen. Helon Habila oder Tayie Selasie, Chimamanda Nogzi Adichie oder Alain Mabanckou bedienen in ihren Roman sehr geschickt sowohl die Leserschaft in Afrika als auch die im „Westen“. Vorbei ist auch die Zeit, wo Romane afrikanischer Autoren sehr deutlich geprägt waren von Eigenheiten des afrikanischen Englisch oder Französisch – die heute erfolgreichen Autorinnen und Autoren setzen sprachliche Idiosynkrasien sehr geschickt ein, um ihren Figuren Authentizität zu verleihen, ohne sie dadurch als der Sprache ohnmächtige Halbgebildete zu zeichnen.
Wenn Sie Interesse an Literatur aus Afrika haben, schauen Sie einmal in den „Quellenkatalog“ der Gesellschaft zur Förderung aus Afrika, Asien und Lateinamerika – der ist auf der Website zwar nicht ganz leicht zu finden, aber es lohnt sich!

Nördlich der Sahara lassen derzeit die ägyptischen Behörden kaum eine Möglichkeit aus, sich zum Idioten zu machen. Vor ein paar Tagen nahm die Polizei einen Studenten an der Cairo University fest. Sein Vergehen: Er hatte eine Ausgabe von George Orwells „1984“ bei sich. Zur Entschuldigung ließ die Polizei verkünden, keiner der an der Festnahme Beteiligten habe auch nur die geringste Ahnung, was es mit dem Buch auf sich hat. Das kann man als stolzen Beweis kultureller Eigenständigkeit werten. Oder als ziemlich bescheuerte Ausrede. Immerhin: Die Susi-Regierung betont ja bei allen sich bietenden Gelegenheiten, dass sie nur deshalb so heftig gegen Oppositionelle vorgeht, weil sie damit die Demokratie retten will. Was verdammt so klingt wie das, was Orwell in seinem Buch beschreibt. Hunderte von Oppositionellen (bei weitem nicht nur Islamisten) sitzen inzwischen in Ägypten im Knast, selbst minimale Kritik wird mit drakonischen Maßnahmen beantwortet.

So, jetzt reicht es aber mit den schlechten Nachrichten. Etwas Nettes habe ich nämlich auch zu berichten: Eleftheroudakis, der älteste griechische Buchhändler (seit 1898), ist wieder auf die Füße gekommen, hat restrukturiert und tut wieder das, was er kann: Bücher verkaufen. Während der Frankfurter Buchmesse hatte mir eine Kollegin aus Griechenland erzählt, dass es dort schlecht aussieht – was nicht verwunderlich wäre angesichts der riesigen Flurschäden, die die Schuldenkrise dort angerichtet hat. Vier Läden hat Eleftheroudakis in Athen, alle sollen weiter geführt werden. Schön!

Fast so alt wie Eleftheroudakis sind ja die Rolling Stones, und wenn die Herren nicht damit beschäftigt sind, sich das Gras, das ihnen aus den Knien wächst zu zupfen, dann verdienen sie Geld. Bei Taschen ist jetzt – pünktlich zum Weihnachtsgeschäft – ein 500-Seiten-Backstein erschienen mit Bildern und Dokumenten aus der 50jährigen Band-Geschichte. 1150 Exemplare haben die vier Stones persönlich signiert, man kann sie zum Schnäppchenpreis von 5000 US-Dollar erwerben. Nun ja….

Wo wir schon bei Promis sind: Mir hat eine kleine Boshaftigkeit gefallen, die DailyMash online gestellt hat: Eine attraktive Frau aus guter Familie hat kein Kochbuch geschrieben. Ja, das ist inzwischen durchaus eine Meldung wert.

hge (c) 2013 ehlingmediaUnd damit wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende, ich hoffe, meine kleine Tour durch die Bücherwelt hat Ihnen gefallen. Morgen gibt es natürlich wieder das Gedicht zum Wochenende, es wird romantisch…

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

 

 

P.S.: Meine monatliche Kolumne zur bunten Bücherwelt finden Sie zuverlässig im BuchMarkt.

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