Liebe Gemeinde,

heute geht es um Steuergeschichten, Amazonien, E-Books und mehr. Und am Ende wird es kulinarisch.

Japanese-book-teaches-cooking-with-condomsBeim Bild links geht es übrigens um ein Buch. Nur, falls Sie gedacht haben, Sie wären auf der falschen Seite gelandet.

In der abgelaufenen Woche hatte Herr Juncker ja ein paar schwierige Minuten vor dem Europaparlament zu überstehen. Die vielen Steuertricks, mit denen in den 18 Jahren seiner Regierung Luxemburg zur liebevollen Heimat für Steuersparer wurde, standen da zur Debatte. Ich fand seine Verteidigungsrede sehr schön: Er habe als Regierungschef und Finanzminister (das war er in Personalunion) mit dem Vorgehen der Finanzbehörden nix zu tun gehabt. „Hä?“, werden Sie wohl jetzt sagen, und diese Äußerung wäre intellektuell jedenfalls gehaltvoller als Junckers Unschuldsbehauptung.
Aber das wollte ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen. Sondern ausnahmsweise einmal Partei ergreifen für Amazon. Ja, Sie haben richtig gelesen. Die Kollegen bei Teleread haben nämlich jetzt eine Geschichte, in der es um als Luxemburger Riesensteuersparer geht, mit dem Hinweis überschrieben, Amazon sei als ebensolcher entlarvt worden. Entgegen dieser schönen Überschrift wird dann im Bericht selbst erwähnt, dass es bei einer Riesenzahl von Dokumenten über Luxemburger Steuerdeals, die die Journalistenvereinigung ICIJ gesichtet hat, bislang KEINEN Hinweis auf Amazon gebe. Leute: So geht das nicht. Bei allem Verständnis dafür, dass Amazon in der Überschrift die Klicks nach oben treibt. Nö. Nicht schön.

Wobei wir wieder einmal bei der Rubrik „Neues aus Amazonien“ sind. Und da fang ich wieder einmal an, mit den Zähnen zu knirschen, denn Amazon hat sich die Rechte an der Domain „.book“ gesichert, die jetzt von ICANN versteigert wurde. Wieviel Amazon dafür bezahlt hat, wurde nicht bekannt, spekuliert wird mit einem Betrag zwischen fünf und zehn Millionen US-Dollar. Angeblich hatten sich acht Firmen an der Versteigerung beteiligt, Bowker sei als letzter Mitbieter ausgestiegen, heißt es.
Und weiter geht’s mit Amazon: Im Königreich Ihrer Majestätet Elisabeth II. startet das Unternehmen jetzt wirklich in die ernsthafte Testphase mit seiner Drohnen-Auslieferung. Für das firmeneigene Entwicklungszentrum in Cambridge werden jedenfalls jetzt Spezialisten gesucht, die solche Dinger steuern können und den gesamten Vertriebsprozess managen. Ich setze ja immer noch darauf, dass die Amazon-Drohnen vor allem eine Talentförderung für die edle Sportart des Tontaubenschießens sein werden. In Deutschland, so höre ich, werden die Dinger übrigens in meiner alten, kalten Heimat getestet: auf einem alten Militärflugplatz der US-Armee in Bad Hersfeld. Schießereien wurden mir von meinen dort verbliebenen Kumpels allerdings noch nicht gemeldet. Kann ja noch kommen.
Immerhin gibt mir die Sache die Gelegenheit, Ihnen noch einmal den Videoclip zu empfehlen, mit dem Waterstones seinerzeit auf die erste Ankündigung des Drohnendienst reagiert hat.

Dass der E-Book-Markt weltweit nur allmählich in die Gänge kommt, haben wir hier ja schon öfters angesprochen, und der wackere Rüdiger Wischenbart, dessen aktuellen Global E-Book Report ich hier noch einmal wärmstens empfehle, liefert ja auch brav die entsprechenden Daten. Und eine neue Studie von Strategy Analytics macht jetzt auch nicht besonders große Hoffnungen auf eine ganz große Veränderung. Bis 2020, so heißt es, komme der Markt weltweit auf einen Umsatz von etwa 16,7 Milliarden US-Dollar, das wäre etwas mehr als doppelt so viel wie 2013. Vor allem China werde die Umsätze antreiben, so die Studie, und vor allem der Wechsel zu Tablets und Smartphones als Lesegeräten sei dafür verantwortlich. Neue Geschäftsmodelle wie Ausleihe-Flatrates werden ebenfalls als potentielle Umsatztreiber ausgemacht.
Ja, eine Verdoppelung innerhalb von sechs Jahren ist nicht schlecht. Aber die Zahlen deuten eben auch darauf hin, dass in den „entwickelten“ Buchmärkten außerhalb des englischen Sprachgebiets auch weiterhin das Fortkommen nicht in Riesenschritten erfolgen wird.

Wir haben ja schon zwei Stippvisiten im Inselkönigreich gemacht, eine dritte wird also nicht schaden. Sehr erfreulich finde ich die Nachricht, dass die britische Regierung sich jetzt dazu bequemt hat, Gefängnisinsassen nicht mehr vorschreiben zu wollen, wie viele Bücher sie in ihren Zellen haben dürfen. Bisher war bei 12 Stück Schluss. Aber: Das idiotische Verbot, Strafgefangenen Bücher von außerhalb zuzuschicken, bleibt weiter bestehen. Der britische PEN und eigentlich alles, was in der Literaturszene Rang und Namen hat, läuft seit Monaten gegen diesen Quatsch Sturm. Aber die regierenden Tories bleiben bislang hartleibig. Warum der liebe Gott beim Verteilen von Hirnmasse ausgerechnet die derzeitige britische Regierung ausgespart hat, bleibt wohl sein Geheimnis.

Regierungsamtlichen Hirnmassenmangel haben wir aber auch anderswo des Öfteren beobachtet. Besonders hübsch ist das sichtbar bei der Liste der Bücher, die im US-Gefangenenlager Guantánamo verboten sind. Der Guardian hatte das Ende vergangenen Jahres öffentlich gemacht. Tatsächlich sind die Geschichten vom gestiefelten Kater (Puss in Boots) oder Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ ja wohl als echte Sicherheitsrisiken einzustufen.
Jetzt gibt es eine sehr lesenswerte Serie dazu bei Vice.com. Ich empfehle die Lektüre.

Ein gutes hat unser kleines Paralleluniversum der Bücherwelt: Wir behaupten fröhlich, dass Bücher etwas Wichtiges sind. World Literature Today hat jetzt eine Liste von 25 Büchern veröffentlich, die die Welt inspiriert haben. Von Arundhati Roy bis José Saramago finden sich darauf eine Menge meiner Favoriten. Vielleicht inspiriert sie die Sache ja auch? Es schadet jedenfalls nichts, sich die Liste anzuschauen.

Und zum Schluss blicken wir nach Japan. Mit Staunen haben wir – verspätet – vernommen, dass im September der wackere Kyosuke Kagami die Bestsellerlisten gestürmt hat. Der textet eigentlich Mangas, aber richtig durchgestartet ist er mit einem Kondom-Kochbuch. Äääh, ja. Das war jetzt kein Tippfehler. „Condom Dishes I Want to Make for You“ heiße das Werk, berichtet die Nachrichtenagentur UPI am 24. September. Es bietet auf 100 Seiten elf Gerichte an, mit vielen Illustrationen und kostet 250 Yen, also knapp 2 Euro. Für Kondom-Sushi, Kondom-Kekse, Kondom-Curry und andere Leckereien gibt es Rezepte und, so wird Kagami an anderer Stelle zitiert, nach einem romantischen Mahl könne man die Kondome auswaschen und ihrer wahren Bestimmung zuführen.

hge (c) 2013 ehlingmediaMit diesem Gedanken entlasse ich Sie ins Wochenende. Ich hoffe, mein Rückblick hat Ihnen Gefallen. Morgen gibt es natürlich wieder das Gedicht zum Wochenende.

Herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

P.S.: Meine monatliche Kolumne aus der bunten Bücherwelt finden Sie im BuchMarkt.

 

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