Liebe Gemeinde,

 

heute besuchen wir Amazonien und Brasilien, fahren U-Bahn in Moskau und loben einen Kollegen.

 

Der Penguin Book Truck für Indie-Buchhändler im ganzen Land (c) ehlingmedia 2014

Der Penguin Book Truck für Indie-Buchhändler im ganzen Land (c) ehlingmedia 2014

Gute Nachrichten bei Amazon sind dieser Tage ein rares Gut. Da dürfte es Jeff Bezos und sein Team doch wenigstens zum Cola-Automaten gedrängt haben, als sie die Ergebnisse der neuesten Umfrage zu den bliebtesten Marken bei jungen Leuten in Großbritannien erfahren haben: Dort ist Amazon an die Spitze gesprungen. Verdrängt wurde kein Geringerer als Youtube, und auch dessen Konzernmutter Google kam nur auf Platz drei bei der Umfrage. 3000 Personen zwischen 18 und 24 Jahren wurden befragt, und 65 Prozent gaben an, dass sie auf den „Wert“, den eine Marke ihnen verspricht, besonderen – eben – Wert legen. Nur drei Prozent finden es prima, wenn ein Promi für die Marke wirbt – was durchaus für die Intelligenz der Befragten spricht. Fünf der Top-Ten-Marken waren übrigens Techno-Unternehmen, außer den genannten Spitzenreitern kamen auch Wikipedia und Microsoft auf die Liste.
Ob die Amazonier mit solchen Erfolgen etwas anfangen können, steht af einem anderen Blatt; dazu würde ja eine zielgerichtete Kommunikationsarbeit gehören, und das ist ein Beritt, auf den man in Seattle erstaunlich wenig Wert legt. Weshalb wir auch die Nachricht, das Kindle Unlimited jetzt auch in Spanien und Italien an den Start geht, eher der Chronistenpflicht halber vermelden. Immerhin ist der Leih-Dienst damit jetzt in fünf Ländern unterwegs. In Italien und Spanien kommt der Dienst mit jeweils gut 700.000 Titeln daher, wobei, so wie in Deutschland, weit über 600.000 aus dem englischsprachigen Vorrat des Onliners stammen: viel Selfpublishing und massenhaft Titel aus dem beinahe unverkäuflichen Programm der Amazon Publishing-Imprints. Schau’n wir mal, wie das weitergeht.

À propos Selfpublisher: Larry Jaffee hat jetzt in der Huffington Post eine volle Breitseite gegen Amazon abgefeuert, nachdem der Preis für sein Buch Walford State of Mind auf 2,05 Pfund gesenkt wurde. Der Listenpreis liegt bei 15,99 Pfund. Jaffees Rechnung ist simpel: Bei dem Kampfpreis kann er sich die Produktion und den Versand des Buchs nicht mehr leisten. Sein Fazit: Wenn jemand zu diesem Preis sein Buch bestellt, bezahlt er letztlich Amazon dafür, dass dort jemand etwas kauft. Womit seine Überschrift: „Amazon’s F-you To Indie Authors“ nicht ganz unberechtigt erscheint.
Besonders erzürnt ist Jaffee über die Unmöglichkeit, mit Amazon in der Sache zu kommunizieren: Automatisierte Antworten mit Hinweise auf den Account Manager sind schon deshalb nicht hilfreich, weil es für Selpfpublisher wie ihn keine persönlichen Account Manager gibt. Und eine Möglichkeit, seinen Titel vorübergehend aus dem Angebot zu entfernen, offeriert die Amazon-Website auch nicht.

Ärger mit Kleinverlagen und Selbstverlegern dürfte bei Amazon nicht zu den Szenarien gehören, die man als krisenhaft einschätzt. Wenn aber die Gesetzeshüter in Märkten wie Indien plötzlich anfangen, auf die Einhaltung von Richtlinien zu pochen, sieht das anders aus. Jetzt hat Amazon der US-Börsenaufsicht mitgeteilt, dass das Indiengeschäft auf der Kippe stehen könnte, und auch in China gibt es demnach Probleme.
In Indien geht es – wieder einmal – um die vermaledeiten Steuern: Der Bundesstaat Karnataka, wo Amazon (in Bangalore) seinen Sitz hat und auch ein Lager betreibt, wift dem Unternehmen vor, sich steuerlich nicht als Händler, sondern nur als Logistik-Dienstleister aufzustellen. Das sei Amazon mitgeteilt worden, aber offensichtlich sei man dort entweder unwillig oder unfähig, sich an die Regeln zu halten.
Indien gestattet ausländischen Unternehmen keine direkten Aktivitäten als Online-Händler; entsprechend kompliziert ist die rechtliche Struktur, die sich Amazon verpasst hat, um dennoch in dem potentiell riesigen Markt zu agieren. Diese wird jetzt von den Behörden auseinandergenommen – ob Amazon dann weiterhin bleiben darf, steht in den Sternen.

Womit wir Amazonien verlassen und nach Brasilien schauen. Dort wird Online-Piraterie zum Thema: Der Verlegerverband schätzt, dass pro Monat rund 800.000 Bücher illegal heruntergeladen werden, das entspricht etwa 3 Prozent der Downloads. Mir scheinen diese Zahlen zwar nicht ganz nachvollziehbar, das aber ändert nichts daran, dass die Verlage vor einem echten Problem stehen. Dies wird befeuert durch die massive Inflation in dem Land, die besonders die in den vergangenen Jahren entstandene untere Mittelklasse trifft. Dort finden sich auch besonders eifrige Leser, die Bücher als Schlüssel zum eigenen Fortkommen nutzen. Diese Gruppe, deren Einkommen rapide an Kaufkraft verliert, mag auf Bücher nicht verzichten und sieht illegale Downloads wohl vor allem als Notwehr.

Ganz anders sieht die Sache in Moskau aus: Dort hat die Metro jetzt eine virtuelle Bibliothek mit 100 russischen Klassikern eröffnet: Alle Nutzer des U-Bahn-Systems können kostenlos E-Books mit Texten von Tolstoj, Dostojewskij, Tshechov und anderen herunterladen. Bei knapp 2,5 Milliarden Passagieren pro Jahr ist dort ein schönes Potential für die literarische Ertüchtigung des Volks.

Sie wissen ja, dass ich hier mit Buchempfehlungen sehr zurückhaltend umgehe. Jetzt kommt wieder einmal eine Ausnahme: Ich empfehle ausdrücklich das Große E-Book & E-Reader abc, das der wackere Ansgar Warner jetzt vorgelegt hat. Gut 200 Begriffe erklärt er dort, und nicht nur die technologisch Fußkranken unter uns können viel lernen.

Und zum Schluss: Die Schriftstellerin Karen Karbo hat ebenso prägnant wie präzise die Veränderungen aufgelistet, die das Leben eines professionellen Schreibers in den vergangenen 20 Jahren ereilt haben:

In 1991, this is what could prevent you from having a successful writing career:

  • You fail to finish your novel.
  • Your novels don’t sell.

In 2014, this is what could prevent you from having a successful writing career:

  • You think platforms are shoes.
  • You think branding is best left to cattle.
  • You look like a basset hound on Skype and thus shun the all-important Skype book club appearances.
  • You have less than 3,000 Twitter followers.
  • Your Facebook author page has less than 1,000 followers.
  • Your LinkedIn… f*&k, you don’t even know what that is.
  • You are too moody, and thus lack the ability to express the amount of gratitude and enthusiasm required by social media.
  • You are slightly homely, and not in a geek chic sort of way, and thus avoid having your picture taken.
  • The food you eat is not photogenic.
  • You never go on vacation.
  • You lack the proper amount of guile to promote yourself at all hours of the day and night without seeming to promote yourself.
  • Your website is always three years out of date.
  • You fail to finish your novel.
  • Your novels don’t sell.

 

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, mein Rückblick hat Ihnen gefallen. Morgen gibt es natürlich wieder das Gedicht zum Wochenende, ich wünsche Ihnen viel Spaß damit.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

P.S.: Meine monatliche Kolumne über die bunte Bücherwelt finden Sie im BuchMarkt.

 

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