Liebe Gemeinde, heute geht es um harte Worte für Selbstverleger, Bücher in den USA, Vorteile von E-Books und mehr.

arthur-attwell-u3a-greyton_2014050112-1024x576Es gibt viele Gründe, Andrew Wylie nicht zu mögen. Der „Schakal“ unter den Literaturagenten ist schließlich ebenso berühmt wie berüchtigt für seine knallharten Verhandlungen, mit denen er seinen Autoren Top-Honorare sichert. Jetzt hat er bei einer Konferenz in Toronto den Selfpublishern die Meinung gegeigt: Mit dem süffisanten Verdikt „Selfpublishing verhält sich zu großer Literatur in etwa so, als würde man jedem, der einmal unter der Dusche gesungen hat, empfehlen, in der Mailänder Scala aufzutreten“, ging die Sache los und mit dem Urteil „Selfpublishing hat nichts mit unserer Kultur zu tun, und es wird keinerlei Konsequenzen haben, außer für ein paar neurotische Menschen, die für ihre Inkompetenz beglückwünscht werden wollen,“ war seine Tirade noch nicht am Ende. Und nein, auch die aus dem SP-Bereich kommenden Bestseller ändern nichts an seiner Haltung: „Seien wir ehrlich – 50 Shades of Grey ist der peinlichste Moment in der westlichen Kulturgeschichte.“ Womit er sicherlich nicht ganz daneben liegt. Und ich bedanke mich bei der lieben Kollegin Kathrin Grün von der Frankfurter Buchmesse, die davon berichtet hat.

Interessant waren auch Wylies Beobachtungen zum E-Book-Markt, wo er erwartet, dass sich der Marktanteil bei etwa 30 Prozent der verkauften Exemplare einpendeln wird. In den englischsprachigen Märkten ist das ja bereits zu beobachten: Im Königreich wird diese Marke wohl spätestens im kommenden Jahr erreicht werden, in den USA ist sie bereits erreicht, seither hat sich das E-Book-Wachstum dort deutlich verlangsamt. Das deckt sich auch mit den aktuellen Zahlen des US-Verlegerverbands AAP, der für die ersten sieben Monate des Jahres ein ordentliches Umsatzwachstum des Gesamtmarkts um 4,1 Prozent vermeldet. Insgesamt haben die Verlage bis Ende Juli 3,72 Milliarden US-Dollar eingespielt. Dabei haben besonders Kinder- und Jugendbücher deutlich zugelegt: Hier betrug das Plus satte 25,8 Prozent bei insgesamt 957 Millionen US-Dollar Umsatz. Dort ist der E-Book-Anteil um fast 60 Prozent angestiegen – wie hoch die Umsätze dort waren, wurde allerdings nicht angegeben. Insgesamt wurden mit E-Books 937 Millionen US-Dollar umgesetzt, das entspricht einem Plus von 7,5 Prozent. Damit rücken E-Books allmählich in die Größenordnung vor, die für Hardcover (1,15 Milliarden US-Dollar) und Taschenbücher (1,14 Milliarden US-Dollar) verzeichnet werden.
Die AAP-Zahlen beziehen sich auf die Angaben von rund 1200 Verlagen, sind also die Umsätze der Buchproduzenten – nicht berücksichtigt sind dementsprechend die Umsätze der Händler.

„Seien wir ehrlich – 50 Shades of Grey ist der peinlichste Moment in der westlichen Kulturgeschichte.“
(Andrew Wiley)

Womit wir wieder einmal zur Frage kommen, welche Darreichungsform für Bücher eigentlich „besser“ ist – gedruckt oder elektronisch? Michael Koszlowski hat sich die Mühe gemacht, die Vorteile von E-Books aufzuzählen. Man muss dem nicht zustimmen, aber darüber nachzudenken kann auch nicht schaden:

  1. Aktives Inhaltsverzeichnis, mit dem man im Buch ohne Blätterei hin- und herspringen kann.
  2. Synchronisierung in der Cloud: Auf jedem angemeldeten Lesegerät ist der jeweilige Leserfortschritt erhalten.
  3. Notiz-Funktion: Selbst bei E-Books, die nur ausgeliehen sind, bleiben die Annotationen in der Cloud erhalten.
  4. Wörterbücher und Übersetzungsfunktionen: Wenn ein Begriff unbekannt ist, sorgt ein mit dem E-Book verbundenes Wörterbuch für Klarheit. Und bei einigen Geräten ist auch die Übersetzung in andere Sprachen möglich.
  5. Unterschiedliche Schriftgrößen: Kleinere oder größere Schrift, je nach Sehvermögen – kein Problem bei E-Books.
  6. Ausleihfunktion: Amazon und Barnes & Noble haben Ausleihmöglichkeiten entwickelt, mit dem man ein E-Book für einen begrenzten Zeitraum an einen Freund weitergeben kann. Vorteil: Im Gegensatz zu gedruckten Büchern bekommt man die elektronischen Dinger tatsächlich garantiert zurück.
  7. Kauf zu jeder Zeit, an jedem Ort: Ob spätnachts im Bett oder fernab der Zivilisation mit ihren Buchläden: E-Books kann man immer und überall erwerben.
  8. Fan Fiction: Gerade bei den Harry Potters der Welt und anderen ähnlich populären Charakteren hat sich eine enorme Szene entwickelt, in der Fans die Geschichten um ihre Lieblingshelden weiterspinnen. Das muss man nicht mögen – über Wattpad und andere gibt es aber hunderttausendfach Stoff für Hard Core-Fans, in der Regel kostenlos.
  9. X-Ray: Das Tool von Amazon gibt jederzeit einen Überblick über die einzelnen Charaktere und Handlungsorte in einem Buch.
  10. Umweltfreundlichkeit: Wer mehr als 30 E-Books auf seinem Reader hat, ist in Sachen Umwelt im grünen Bereich.
  11. Anonymität: Mit E-Books kann man prima verbergen, was man da eigentlich gerade liest – 50 Shades of Grey wären in gedruckter Form wohl nicht so oft in der U-Bahn gelesen worden.

Womit wir zurückkehren in die reale Bücherwelt und mit hochgezogenen Augenbrauen berichten, dass in Spanien ein heftiger Streit um die neueste Ausgabe des höchst respektablen Wörterbuchs der Königlichen Akademie den Begriff „gitano“ (Zigeuner) erneut damit erklärt, dies sei ein Schwindler oder Betrüger. Roma-Aktivisten hatten schon jahrelang darauf gedrungen, diese Definition zu eliminieren und reagierten dementsprechend wütend. Woraufhin die Akademie darauf hinwies, sie könne den Sprachgebrauch lediglich reflektieren, aber nicht ändern. Trotzdem: Das kann man auch anders machen.

Sehr viel netter finde ich dagegen die Aktion „Love Letter to Your Library“, mit der die Schotten aufgefordert werden, ihrer Bibliothek einen Liebesbrief zu schreiben. Anlass ist die Book Week Scotland, die am 24. November beginnt. Vielleicht ist das ja auch einmal eine Aktion für Buchhandlungen und/oder Bibliotheken bei uns?

Die Kollegen beim australischen Kartenverlag Millennium House haben sich die Mühe gemacht, ihre Frankfurt-Erfahrungen aufzuschreiben:

  1. You worry you’ll be THE person sitting behind an empty table with no books for 5 days
  2. You worry the best book dummy gets stolen on the first day
  3. You worry that your worst book dummy won’t be stolen on the first day
  4. You start thinking after queuing for 15 mins a sausage on a dry bread roll is gourmet food
  5. You think staying in a shoe box at 400 euro per night represe<nts good value
  6. As you walk down the isles on day 1, you see your 2 best ideas, Never Before Seen Photos – How Princess Di Was Misunderstood, and Never Before Seen Photos- Why The Elvis Memory Is Still Alive are also on display on 4 other stands. Thank God your editions have blue covers
  7. You think there is NO decent new title that hasn’t already been published
  8. You make sure you leave 1 hour to walk from hall 2 to hall 8
  9. It’s the morning of the last day and, you present A Guide to 1001 Cats, by describing each spread in detail. Your customer agrees its a good book, and says they will order thousands. Only to discover after they leave, that you were actually showing them A Guide to 1001 Dogs. No one noticed, so you write up the order
  10. After a week at home while eating dinner with your family, you still look around it see if there is someone more important you should be talking to

What time is my next appointment?

hge (c) 2013 ehlingmediaNachdem ich mittlerweile auch die Marke von 30 Frankfurter Buchmessen deutlich hinter mich gebracht habe, kann ich nur sagen: Ja, so isses.

Das war’s für diese Woche, ich hoffe, mein Rückblick hat Ihnen Spaß gemacht. Morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende, ich wünsche Ihnen ein schönes selbiges.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling

 

P.S.: Jeden Monat finden Sie meine Ein- und Aussichten aus der bunten Bücherwelt im gedruckten BuchMarkt.

 

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