Liebe Gemeinde,

diese Woche geht es um Amazon als Börsengift, Übernachten im Buchhandel und mehr.

Stanfords London 10 (c) ehlingmedia 2011

Stanfords London 10 (c) ehlingmedia 2011

So allmählich entwickelt sich die Amazon-Aktie zum Börsengift: Nachdem das Unternehmen seine erschreckenden Ergebnisse für das dritte Quartal veröffentlich hatte, ging der Kurs um mehr als 10 Prozent in den Keller. Allein in dem abgelaufenen Quartal wurden 437 Millionen US-Dollar Verlust verbucht, dazu kam eine Sonderabschreibung in Höhe von 170 Millionen US-Dollar für den Ladenhüter Fire Phone. Immerhin, der Umsatz stieg in dem Quartal um 20 Prozent auf 20,6 Milliarden US-Dollar, aber der alleinige Blick auf die Umsätze, mit dem Jeff Bezos in den vergangenen 20 Jahren sämtliche Verluste überspielen konnte, scheint nicht mehr zu verfangen.
Ich hatte ja schon mehrfach auf die wirtschaftliche Klemme bei Amazon hingewiesen, die ich durchaus als Motivation für das berserkerhafte Auftreten des Unternehmens in den Konditionenverhandlungen verstehe. Kindle Unlimited, mit großem Getöse gestartet, ist in den USA bis heute kein wirklicher Renner, vor allem dank des limitierten Angebots von Spitzentiteln der Großverlage. Auch das deutsche Angebot, das pünktlich zur Buchmesse gestartet wurde, kommt mit einer recht spärlichen Auswahl daher – so wird man keine Disruption hinbekommen.
Insgesamt scheint Amazon mit seinen neuen Projekten in den vergangenen Jahren wenig Freude zu haben: Das Fire Phone, Kindle Unlimited, die verlegerischen Bemühungen – das sind, bei Lichte besehen, bislang ziemliche Rohrkrepierer. Auch die internationale Expansion gelingt nur noch mit Mühen: Im wichtigen spanischsprachigen Markt ist man bislang nur in Spanien und Mexiko mit lokalen Shops vertreten, in China, Korea oder Japan geht wenig. Und auch in Indien wird Amazon das Leben nicht leicht gemacht: Dort bläst der lokale Platzhirsch Flipkart zu Offensive. In Bangalore wurden gerade 300.000 Quadratmeter neue Bürofläche angemietet, mehr als 12.000 Leute sollen eingestellt werden. Da will offensichtlich jemand die Konkurrenz aus den USA gar nicht erst richtig auf die Füße kommen lassen.

Wenden wir uns netteren Geschichten zu. In der vergangenen Woche musste ein Kunde, der sich nach Ladenschluss in der Waterstones-Filiale am Londoner Trafalgar Square eingesperrt fand, des nachts aus dem Laden befreit werden. Waterstones nimmt die Sache zum Anlass für einen netten PR-Gag: Am heutigen Freitag werden Sleepovers im Waterstones-Laden am Piccadilly Square für 10 Gäste verlost. Ab 21 Uhr bekommen die Gewinner (plus jeweils ein Gast) eine geführte Tour durch die sechsstöckige Filiale und dürfen sich jeweils ein Buch aussuchen. Für die Gäste stehen Luftmatratzen, Getränke und ein Frühstück bereit.
Diese souveräne Reaktion auf den Vorfall passt ins Bild, das Waterstones derzeit präsentiert: In den vergangenen Jahren ist der Buchhändler zu einer der beliebtesten Marken im Königreich aufgestiegen. In den wesentlichen Bereichen, nämlich der Wert der Marke, die Bereitschaft der Kunden, sie zu empfehlen, die Qualität er Dienstleistung und die Kundenzufriedenheit, schneidet Waterstones glänzend ab.
Das hat wesentlich zu tun mit den Veränderungen, die es gegeben hat, seitdem der Filialist im Jahr 2011 für 53 Millionen Pfund von HMV an den russischen Oligarchen Aleksandr Mamut verkauft wurde. Mamut installierte James Daunt als neuen Chef, ein Glücksfall: Daunt, ein ehemaliger Investmentbanker, hatte seit den 1990er Jahren eine eigene Kette mit sechs exquisiten Läden in London aufgebaut. Seitdem wird buchhändlerisch gedacht und gehandelt: Bücher werden längst nicht mehr so aggressiv rabattiert wie früher, es gibt mehr Veranstaltungen für Bücherwürmer und auch die Zahl der Filialen wurde ausgedünnt und konzentriert.

Wir bleiben auf der Insel. Dort hat der Marktforscher Mintel die Verleihung des Booker-Preises zum Anlass genommen, Kunden nach ihrer Einschätzung der Bücherpreise zu befragen. Das Ergebnis ist wenig überraschend: Ein Großteil der Befragten findet gedruckte Bücher zu teuer. Weshalb das Fazit auch wenig überraschend ist: Niedrigere Preise für gedruckte Bücher würden einen Kauf- und Leseanreiz darstellen.
Die Preis-Frage dürfte in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen bei der Entscheidung zwischen dem Kauf der elektronischen und gedruckten Variante eines Buchs. Vor allem in Märkten ohne Buchpreisbindung, wie Großbritannien und die USA, kosten E-Books zuweilen nur die Hälfte oder noch weniger des Preises, der für eine Hardback-Ausgabe aufgerufen wird. Ein Drittel der Befragten gab an, des Preises wegen E-Books zu kaufen, obwohl sie selbst lieber gedruckte Bücher lesen.
Seit 2009 sind die Verkäufe von gedruckten Büchern in Großbritannien um knapp 30 Prozent gefallen. E-Books haben dort einen Marktanteil von fast 30 Prozent. Zufall?

Dass Bücher nicht immer nur Freude bereiten, ist wohl bekannt, die Zensurbehörden in aller Welt verzeichnen glänzende Geschäfte. Der Daily Telegraph zeigt 20 Top-Titel, von Lady Chatterley’s Lover bis zu den Satanischen Versen und 1984, die irgendwo und irgendwann unliebsam geworden sind und deshalb auf Indizes rutschten.

Auch wichtig: Das neue Update von Rüdiger Wischenbarts Global eBook Report ist verfügbar – für kurze Zeit kostenlos. Ich empfehle das sehr, es ist mit Abstand die beste Übersicht zu den weltweiten Märkten für elektronische Bücher.

Zum Abschluss noch etwas zum Gucken: Nachdem die Geschichte des eingeschlossenen Touristen bei Waterstones für Furore gesorgt hat, liefern die Freunde von Bustle ihre Vorschläge für die elf Buchläden, in denen sie am liebsten über Nacht eingeschlossen wären. Ja. Da wäre ich dabei.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, mein Rückblick hat Ihnen gefallen. Morgen gibt es natürlich wieder das Gedicht zum Wochenende – für Wünsche und Anregungen bin ich stets offen.

Herzlichst

Ihr und Euer

Holge Ehling

 

P.S.: Meinen monatlichen Blick auf die Geschehnisse in den internationalen Buchmärkten finden Sie in der gedruckten Ausgabe des BuchMarkt.

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