in der vergangenen Woche musste der Wochenblick ausfallen – während der Frankfurter Buchmesse bleibt keine Zeit zum Schreiben. Nachrichten gab es in den vergangenen beiden Wochen natürlich in Fülle, auch abseits vom Messerummel. Einige erzähle ich Ihnen.
Heute geht’s um französischen Ärger und Piraterie, Forza Tolino!, Selfpublishing, Hugh Howey und verdorbene Wurst, die Gastländer in Frankfurt und mehr.

Frankfurter Buchmesse 2014 (c) Michael von Hassel

Frankfurter Buchmesse 2014 (c) Michael von Hassel

Scribd versucht schon seit einiger Zeit, wenigsten halbwegs frei zu werden von Raubkopien und hat ja sogar einen Flatrate-Dienst im Angebot, der Kindle Unlimited in den USA mehr als nur Paroli bietet: Im Gegensatz zu dem Amazon-Ableger stellen dort auch Großverlage wie Simon & Schuster ihre Bücher zur Verfügung. Nach eigenen Angaben hat Scribd 80 Millionen Nutzer pro Monat und gehört sowohl bei Apple wie auch bei Android-Geräten zu den populärsten Leseangeboten. Jetzt gibt es Ärger in Frankreich, wo der Groupement pour le développement de la lecture numérique (GLN) dem Dienst vorwirft, hunderte französischer E-Books anzubieten, ohne mit Verlagen oder Autoren ein Abkommen darüber geschossen zu haben. Betroffen sei unter anderem der Großverlag Bragelonne mit seinem Ableger Albin Michel.

Für Scribd liegt der Teufel im gewohnten Procedere: Jeder Nutzer kann elektronische Dokumente auf die Plattform hochladen, ohne dass vorher von Scribd geprüft würde, ob die Nutzer das Recht dazu haben. Der GLN hat jetzt einen Musterbrief für die Aufforderung zum Takedown entworfen, in dem auf das in Frankreich gültige Strafmaß von bis zu 300.000 Euro sowie drei Jahre Haft für Piraten hingewiesen wird. Und die Adressen der Verantwortlichen bei Apple werden auch geliefert.

Die Büchermenschen, die zur Buchmesse eingeflogen sind, werden wohl zum großen Teil während des Flugs mit ihren Tablets und Lesegeräten zugange gewesen sein. Seit dem vergangenen Jahr ist das bei einigen Fluglinien sogar während der Starts und Landungen gestattet – schließlich gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass die Mikrostrahlung, die von den Geräten ausgeht, in irgendeiner Weise Einfluss hat auf die Flugsicherung. Deshalb hatte auch die US-amerikanische Flugaufsicht FAA die Sache gestattet. Das ist schön für unsereinen.
Gar nicht schön finden das aber die US-amerikanischen Flugbegleiter, die jetzt eine Klage dagegen angestrengt haben. Ihre Argumente: Die Passagiere beachten die Sicherheitshinweise nicht, wenn sie mit ihren Spielzeugen rumdaddeln. Und zweitens können die Dinger bei plötzlichen Wackeleien zu üblen Flugobjekten werden. Tatsächlich möchte ich auch nicht den Schädel gespalten bekommen von einem herumfliegenden iPad. Ob die Klage aber überhaupt zugelassen wird, scheint derzeit noch recht unwahrscheinlich.

Ich hatte Ihnen ja schon vor ein paar Wochen erzählt, dass die Tolino-Allianz sich auch international gegen Amazon positioniert und in Belgien und in den Niederlanden Shops eröffnet hat in Kooperation mit dortigen Buchhandelsketten. Im November geht der Tolino auch in Italien an den Start, und zwar gemeinsam mit dem Filialisten IBS, der 44 Läden unterhält. Gut, 44 Läden als Basis sind deutlich weniger als das, was die Konkurrenz aufbietet: Kobo arbeitet mit den 350 Mondadori-Läden, Amazon mit den 140 Läden von Giunti a punto. Aber so allmählich wird da etwas zusammengebaut, was tatsächlich ein europäischer E-Book-Champion werden könnte: Mehr als 1500 Filialen in Deutschland bieten den Tolino an, dazu kommt die neue Kooperation mit Libri. Und im Ausland sind es jetzt auch schon 300 Tolino-Partner. Also: Forza Tolino! Ich drücke die Daumen!

Denken Sie noch manchmal daran, dass sich Amazon nach wie vor in diversen Ländern mit diversen Verlagen um Konditionen kloppt? Ich habe während der Buchmesse jedenfalls keinen Gedanken daran verschwendet – aber wir haben ja den ubiqitären Selfpublishing-Helden Hugh Howey, der uns daran erinnert, dass da ja noch so etwas in der Luft hängt, das seinem geliebten Riesen aus Seattle Unbehagen bereitet. Immer wieder erinnert er daran, dass die US-Buchhändler sich beharrlich weigern, Titel aus den 14 Imprints von Amazon Publishing ins Sortiment zu nehmen: Das, so der Meister, sei Zensur.
So wie Howey argumentieren viele Selfpublisher. Diese Klientel verdankt Amazon tatsächlich viel: Ohne Kindle Direct Publishing wäre die Szene längst nicht dort, wo sie heute ist, in den USA und auch bei uns. Jetzt streckt auch der Börsenverein die väterliche Hand aus nach dieser Klientel – da fällt es leicht, dankbar zu sein und die traditionellen Verlags- und Buchhandelsstrukturen zum Teufel zu wünschen. Zuweilen werden mir die pro-Amazon-Argumente aber allzu schrill und die ergebene Liebe zu Amazon lässt mich immer öfter recht verwirrt zurück. Mag sein, dass ich langsam alt werde: Wenn es um Firmen und Produkte geht, sind mir zärtliche Regungen völlig fremd (mal abgesehen von meiner eigenen Fleet Street Press, deren Produkte und Dienstleistungen ich zärtlichst empfehle. Ende der Werbung).
Umso schöner fand ich es, dass jetzt Rob Spillman bei Salon den Versuch unternommen hat, Hugh Howey und seine kurzsichtige Amazon-Verehrung nach allen Regeln der Kunst zu schlachten. Das liest sich mit Genuss und man möchte des öfteren „Hurra!“ brüllen. Aber, und daran ist Wolf Schneider schuld, ich habe mir angewöhnt bei solchen Geschichten die Fußnoten, oder besser: die Links, anzuschauen. Und da wendet sich das Publikum mit Grausen: Howey habe in der New York Times gesagt, die Vorbringungen der Amazon-Kritikerin Ursula Le Guen seien „mostly lying“, sagt Spillman und veräppelt ihn – das sei ja wohl so ähnlich wie „a little pregnant“. Schöne Pointe. Aber: Wenn man den Artikel liest, sieht man, dass das Zitat nicht von Howey stammt. Später sagt Spillman, dass 25 Prozent der Buchverkäufe bei amazon.com auf Selfpublisher entfallen und verweist auf Slate. In dem gelinkten Artikel geht es aber um den Erfolg von Wool, dem SciFi-Roman von Howey.
Solche Schlamperei macht den gesamten Beitrag von Spillman unglaubwürdig. Als Junge vom Lande, der in direkter Nachbarschaft zu vier Bauernhöfen aufgewachsen ist, auf denen selbst geschlachtet wurde, weiß ich, dass man beim Schlachten sehr sauber arbeiten muss. Das gilt für Metzger wie für Journalisten – bei den einen wird die Wurst schlecht, bei den anderen das Geschreibsel. Oder, um es mit den Worten meines Latein-Paukers an der Uni auszudrücken: Ich finde Spillmans Machwerk, so schön es sich auch liest, „cum cotcen“.

Zum Abschluss noch einmal Buchmesse: Die Finnen zeigten sich entzückt über den Erfolg ihres Auftritts. Das dürfen sie auch, sie haben einen prima Job gemacht und die lieben Kollegen des Feuilletons haben quadratkilometerweise Zeitungsseiten mit Geschichten über finnische Autorinnen und Autoren gefüllt. Ob das Interesse anhält, wird sich weisen. In den vergangenen Jahren gab es nach den Buchmesse-Auftritten jeweils einen gewissen Kater-Effekt. Neuseeland, 2012 Gastland der Messe, ist jedenfalls wieder zurück beim Business-as-Usual, wie sich aus einem kurzen Überblick des Verlegerverbands erkennen lässt. Interessant: Der Umzug der Anglos von Halle 8 in Halle 6, der im kommenden Jahr ansteht, wird dort positiv bewertet.

Im komhge (c) 2013 ehlingmediamenden Jahr ist Indonesien gefordert. Von dort ist bislang nichts besonders Gutes zu hören: Auf der Messe wurde mir berichtet, dass zwar ordentlich Geld für Übersetzungsförderung bereitgestellt worden ist, dass aber die zuständigen Beamten sich bislang weigern, die Gelder frei zu geben. Immerhin hat die Lontar Foundation, die dort für die Literaturförderung zuständig ist, sich mit professionellen Agenturen zusammengetan, um die Sache voranzutreiben. AmpiMargini aus Italien ist zwar bislang nur ein Nebendarsteller in der Szene, aber Pontas aus Barcelona, mit denen die Stiftung schon seit dem vergangenen Jahr zusammen arbeitet, ist ein echtes Schwergewicht: Die Chefin Anna Soler Pont setzt seit mehr als 20 Jahren auf „Weltliteratur“ und hat mehr bewegt, um die Literaturen aus Afrika, Asien und Lateinamerika bekannt zu machen als die meisten staatlichen Förderprogramme.

So, das war’s für diese Woche. Ich hoffe, meine Ein- und Ausfälle haben Ihnen gefallen. Morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende, diesmal kommt es liebevoll daher, aus den USA. Viel Spaß!

Herzlichst
Ihr und Euer

Holger Ehling

P.S.: Über die bunte Bücherwelt berichte ich jeden Monat im gedruckten BuchMarkt.

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