Liebe Gemeinde,

heute sind wir, dank des für morgen anstehenden Fahnenwedelns, früher als sonst. Und es geht um Krimis im Wüstensand, Homeland-Quark, Murmeltiere, russische Amazon-Konkurrenz und Panik Downunder. Viel Spaß damit!

 

Waterstones Bradford (c) ehlingmedia 2009

Waterstones Bradford (c) ehlingmedia 2009

Das Königreich Ihrer Majestät Elisabeth II. mag zwar gerade an der Spaltung vorbei geschrammt sein, aber ein Problem hat das Referendum der Schotten nicht ändern können: Das weiterhin Vereinigte Königreich ist ein ziemlich blutiges Pflaster. Wenn es um die Produktion von Krimis geht, ist das Inselreich ungeschlagen, Städte wie Oxford wären, wenn all die Morde, die dort von skrupellosen Schreibern begangen werden der Realität entsprächen, schon längst entvölkert. Und im weiterhin großbritischen Edinburgh ist ja mit Ian Rankin ein Schreiber dabei, eigenhändig ein Großteil der Einwohnerschaft um die Ecke zu bringen. Die echte Verbrechensquote ist übrigens eine der niedrigsten in Europa.
Womit wir uns in wärmere Gefilde begeben: Unsere arabischen Freunde erleben gerade eine literarische Welle des Verbrechens, vor allem in Algerien, Ägypten und im Libanon. Autoren wie Elias Khoury, Ahmed Mourad und vor allem Yasmina Khadra haben in den vergangenen Jahren das Genre neu belebt, das schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts in der Region höchst populär war, in den Jahren ab etwa 1970 ein Außenseiterdasein führte. Figuren wie Sherlock Holmes oder Arsène Lupin wirkten lange Zeit stilbildend, beide nicht eben blutrünsig. In den arabischen Krimis von heute ist die Gewalt teilweise schockierend – möglicherweise als literarische Verarbeitung der ungeheuren Gewalt, mit denen Bürgerkriege und andere Auseinandersetzungen in den vergangenen Jahrzehnten in der Region ausgetragen worden sind.
So wie Ian Rankins Edinburgh-Krimis weit mehr sind als Spannungsliteratur, so sind auch die Texte von Yasmina Khadra und seinen arabischen Kollegen häufig darauf angelegt, über die spannende Handlung zur brutalen Ausleuchtung der gesellschaftlichen Verhältnisse vorzustoßen. Es wäre schön, wenn man mehr davon auch in Übersetzung lesen könnte. Einen Überblick zu Übersetzungen aus dem Arabischen ins Deutsche erhalten Sie übrigens im Quellenkatalog (er ist auf der Website ein wenig versteckt, aber die Suche lohnt sich).

Vielleicht haben ja auch die Genies bei der US-amerikanischen Homeland Security ordentlich Krimis gelesen. Anders kann man sich die sinnlosen Einreiseverbote kaum erklären, mit denen immer wieder völlig unbescholtene Leute überzogen werden. Im Herbst 2013 traf es Ilija Trojanow, jetzt erwischte es den britisch-jordanischen Dichter Amjad Nasser: Am vergangenen Dienstag sollte er die “Gallatin Global Writers”-Reihe an der New York University eröffnen. Irgendjemand hatte allerdings etwas dagegen – Einreiseverbot. Man könnte jetzt hoffen, dass diejenigen, die damals bei Trojanow und jetzt bei Nasser den Daumen senkten, dies taten, weil sie belesen sind und bei den beiden Heinesche Hinterhältigkeit vermuteten, sie wissen schon: „Die Konterbande, die mit mir reist,/Die hab ich im Kopfe stecken” (Wintermärchen). Könnte man hoffen. Und der Papst ist Muslim…

Wobei wir bei einer weiteren Aktion Murmeltier wären. Im Konditionenstreit zwischen Amazon und dem Rest der Welt kommen jetzt schwere Geschütze ins Feld: In den USA haben sich literarische Schwergewichte wie Philip Roth, Salman Rushdie, V.S. Naipaul oder Orhan Pamuk dem Protest von Authors United gegen die Geschäftsmethoden von Amazon angeschlossen. Kaum einer dieser „Löwen“, wie die New York Times sie nennt, ist übrigens bei Hachette verlegt. Und es geht ihnen nicht mehr nur darum, dass Amazon die Bücher von Hachette wieder so anbietet und ausliefert, wie es sich gehört – jetzt wird auch eine Beschwerde beim US-Justizministerium vorbereitet, das in Kartellangelegenheiten die Zügel in der Hand hat. Natürlich hat Amazon kein Kartell gebildet, dazu gehören immer mehrere Mitspieler. Aber, und dort könnte die Sache schmerzlich werden für den Riesen aus Seattle, der Vorwurf des Missbrauchs seiner beherrschenden Marktstellung wird man nicht so leicht vom Tisch wischen können.

Manchmal könnte man den Eindruck haben, als sei Amazon weltweit der große Dominator im Buchgeschäft. Das hat sicherlich damit zu tun, dass wir die große, böse Schlange zunehmend aus der Perspektive des ängstlichen Mäuschens betrachten. Dabei ist Amazon bei seiner internationalen Expansion vorsichtig, manchmal sogar zögerlich. Märkte mit riesigem Potential wie etwa Brasilen oder Indien sind erst seit einigen Monaten mit lokalen Amazon-Shops gesegnet, in ganz Lateinamerika gibt es gerade einmal einen Shop in Mexiko. Und auch in Russland hat Amazon zwar einen Statthalter angeheuert, wann das Unternehmen dort aber an den Start geht, steht in den Sternen.
Auf Amazon zu warten, ist allerdings nicht die Sache der großen russischen Online-Händler: Jetzt hat der Marktführer Ulmart, der im Juni beim E-Book-Anbieter Bookmate eingestiegen ist, einen Abo-Dienst gestartet: Für 150 Rubel im Monat (ca. 3 Euro) kann sich die geneigte Kundschaft nach Herzenslust bedienen. Der taktische Vorsprung könnte hilfreich sein: Überall dort, wo nationale Anbieter überzeugende Angebote machen – siehe Flipkart in Indien – tut sich der Riese aus Seattle schwer. Weshalb wir an dieser Stelle noch einmal lautstark Applaus spenden für genialokal, mit dem die eBuch endlich auch bei uns eine von Buchhändlern gesteuerte Alternative an den Start bringt. Der russische E-Book-Markt, der lange Zeit durch die epidemische Piraterie behindert wurde, soll in diesem Jahr auf etwa eine Milliarde Rubel wachsen, das sind knapp 20 Millionen Euro. Das ist zwar nicht überwältigend, aber auch kleine Brötchen können satt machen.

Wir bleiben weit weg von daheim: In Australien kratzen sich die Buchhändler und Verleger am Kopf, weil ihnen die liberalisierungsfreundliche Regierung das Leben deutlich schwerer machen will als bisher. Denn in dem schönen Land schauten die Leser bislang oft in die Röhre, wenn sie irgendeinen aktuellen Titel haben wollten, der vielleicht in den USA oder im britischen Mutterland Furore machte, dessen australische Ausgabe aber noch nicht zu haben war, aus welchen Gründen auch immer. „Parallele Importe“ solcher Titel – dass also die Leser sich mit Ausgaben aus anderen Ländern versorgen konnten – wurden durch allerlei Restriktionen gestört, was der Buchbranche den Genuss des Barbecues am Strand sicherlich erleichtert hat. Das soll jetzt wegfallen, und das sorgt für Kopfschmerzen. Denn einerseits können die Buchhändler zukünftig ebenso wie Online-affine Leser sich demnächst problemlos mit nicht-australischen Ausgaben versorgen, andererseits geraten damit die Preise auch für die heimischen Ausgaben unter Druck. Und die Verlage schieben Panik, weil sie befürchten, dass ihre bislang bewährte Methode, nämlich abzuwarten, ob ein Titel anderswo erfolgreich ist, künftig nicht mehr so recht funktionieren wird. Als warnendes Beispiel mag aber auch Neuseeland dienen, wo Parallelimporte seit Jahren gestattet sind: Dort sind viele Verlage in echte Schwierigkeiten geraten.

hge (c) 2013 ehlingmediaSo, das war’s für diese Woche. Auf geht’s zur alljährlichen Ruhestörung am Main, an deren Ende unser Stimmen verschwunden und unsere Füße breit wie Bratpfannen sein werden. Ich hoffe, dass wir uns sehen, Sie finden mich zumeist am Stand des BuchMarkt (4.1 H37).

  • Aus meiner Werkstatt habe ich einen Text zur Einigung zwischen Amazon und deutschen Verlagen anzubieten, den ich für die WELT geschrieben habe. Kleiner Schönheitsfehler: Meine Quelle war etwas voreilig, was die Einigung mit Bonnier angeht – man kabbelt sich immer noch.

Am Sonnabend erwartet Sie wie gewohnt das Gedicht zum Wochenende – ich nehme weiterhin auch gerne Wünsche entgegen!

Mit herzlichen Grüßen

Ihr und Euer

Holger Ehling

P.S.: Über die bunte Bücherwelt berichte ich jeden Monat im gedruckten BuchMarkt.

buchmarkt_logo08