Liebe Gemeinde,

kaum habe ich mich aus der Blogpause zurück gemeldet, meldet die Technik Urlaubsansprüche an. Deshalb gibt es den Wochenblick erst heute, am Sonnabend. Ich hoffe, Sie sehen mir das nach.
Im Rückblick geht es heute um Zensur, eine Pleite und viel Unsinn – in Nigeria, bei uns und mehr.

abffelogo4Zensuren sind immer heikel, dass wissen wir aus leidvoller Erfahrung in der Schule. Und dass es auch im Alltag der Büchermacherei mehr von diesen Zensurenerteilern gibt als erträglich, ist uns auch hinlänglich bekannt. Ich rede jetzt nicht von den allfälligen Übeltätern, die beim Thema Zensur immer wieder auftauchen (im Blog finden Sie hinlänglich viele Texte zum Thema), sondern vom „Land of the Free“, den USA. Dort schwingen sich ständig irgendwelche Jacks und Jills zu Tugendwächtern auf und machen Verlegern und Autoren, Bibliothekaren und Lehrern das Leben schwer. Meinungsfreiheit gilt nun einmal auch für diejenigen, die einen Horizont mit dem Radius Null haben. Das nennen sie „Standpunkt“.

Die US-Buchbranche grimassiert ob dieser alltäglichen Belästigung vor sich hin – und macht das Beste daraus. Seit einigen Jahren gibt es die „Banned Books Week“, bei der vor allem Buchhandlungen und Bibliotheken mit trotziger Geste und rotzigen Sprüchen genau die Bücher besonders herausstellen, die von den nach eigener Meinung rechtgeleiteten Wächtern der Tugend besonders verabscheut werden. Und diese Aktionswoche findet gerade in dieser Woche statt. Schauen Sie mal in dieses Video einer Buchhandlung in San Franciso hinein oder hören Sie diesen Radioclip an (ab Minute 34:56).  Unterstützt wird die Sache u.a. von Ingram und von der American Booksellers Foundation for Free Expression (ABFFE). Ich finde das prima.

Weniger prima fand ich die Meldung, dass Swets Insolvenz angemeldet hat. Wie das einem Unternehmen passieren kann, das höchstpreisige Wissenschaftspublikationen mit festen Margen von Verlagen bezieht und an Bibliotheken weitergibt, ist mir durchaus schleierhaft. Es ist ja nicht so, dass das Abogeschäft täglich überraschende Volten bereithält. Aber wo ein Wille ist…
Gerüchte um Swets gibt es schon seit längerer Zeit, und hartnäckig hielt sich die Gewissheit, dass das Unternehmen im Laufe des Jahres verkauft werden sollte. Offensichtlich fand sich aber bisher kein potenter Käufer, was nicht verwunderlich ist: Bei einem Umsatz von 550 Millionen Euro (-8 Prozent) ist ein Nettoverlust von 51 Millionen Euro für das Jahr 2013 eine gepflegte Ansage gewesen. Seinerzeit hieß es, die Transformation des Unternehmens benötige mehr Geld als vermutet. Dahinter steckt nichts Sinistres, sondern einfach die reale Welt: Die Budgets der Bibliotheken schrumpfen und besonders die teuersten Publikationen wandern immer stärker ins Digitale ab. Open Access ist auch keine wirklich gute Nachricht für Aboverwalter wie Swets.
Insolvenzen sind nicht das Ende eines Unternehmens und gerade dieses scheint eigentlich gut aufgestellt: Von der Zentrale im niederländischen Leyden wird das Geschäft in 160 Ländern koordiniert, angeblich besteht ein fester Stamm von 8.000 Kunden. Für Swets könnte die Insolvenz aber durchaus fatal sein: Springer SBM und Elsevier haben ihre Abnehmer bereits davor gewarnt, weiterhin Zahlungen an Swets zu leisten, andere wissenschaftliche Großverlage dürften folgen.

Und damit verlassen wir zunächst einmal Europa und schauen nach Nigeria: Dort gab es in den vergangenen Wochen heftigen Ärger um Pläne der Regierung, importierte Schulbücher mit Steuern von insgesamt 50 Prozent zu belegen. Damit sollten die nigerianischen Druckereien vor der Konkurrenz, vor allem aus Asien geschützt werden. Der Verband der Drucker fand das klasse, die Verleger jaulten lauthals auf, und das mit einiger Berechtigung. Denn, bei aller Liebe zum Druckereigewerbe und besonders zu dem in Afrika: Buchdruck in Nigeria, wie in den meisten Ländern in Afrika, ist eine Farce. Ich habe das selbst erfahren, als ich für eine in Westafrika tätige Entwicklungshilfeorganisation eine regionale Druckerei suchte, die allfällige Handbücher, Studien und Tätigkeitsberichte produzieren sollte. Ja, hieß es da, drucken könne man alles, aber ob ich denn bitte auch das Papier besorgen könne. Und Druckfarbe. Und wenn ich schon einmal beim Bestellen sei, da gäbe es auch noch eine Liste mit Ersatzteilen, ohne die man die Presse nicht werde anwerfen können. Und die Rechnung solle ich bitteschön im Voraus zahlen. Die hätte übrigens etwa das Doppelte von dem betragen, was man in China oder Indien bezahlen würde. Mein Auftraggeber hat verzichtet.
Wenn Sie meinen, das sei eine Einzelerfahrung, täuschen Sie sich – fragen Sie einfach mal einen afrikanischen Verleger nach seinen Erfahrungen, bei der Frankfurter Buchmesse wird es einige davon geben (Halle 5.0). Deren Litanei wird allerdings sicher nicht so schnell beendet sein wie meine.
Aber wir schweifen ab: 50 Prozent Importzoll für Schulbücher sollte es also geben in Nigeria, damit die lieben Verleger von der Übeltat der Produktion im Ausland Abstand nehmen. Nachdem sich Drucker und Verleger in aller Öffentlichkeit einige auserwählt schöne Bosheiten um die Ohren gehauen hatten, wurde das Gesetz jetzt erst einmal für ein Jahr ausgesetzt. Denn tatsächlich hätte das Gesetz nur bewirkt, dass die Bücher teurer werden – keine einzige Druckerei in Nigeria kann die hohen Schulbuchauflagen so zuverlässig und termingerecht produzieren, dass die lieben Kinderlein zu Schuljahresbeginn auch wirklich ihre Bücher in Händen halten können. Weshalb der Druck sowieso weiterhin im Ausland stattfinden würde. Die derart teuren Bücher wären dann fast zwangsläufig zur Beute der Raubkopierer geworden: Bücher sind in Afrika ein Luxusgegenstand, Raubkopieren ist an der Tagesordnung und beinahe so etwas wie Notwehr von Seiten der Abnehmer.
Ein Akt der Leseförderung sind hohe Bücherpreise auch nicht wirklich. Die aber wäre in Nigeria dringend nötig: Kürzlich berichtete die Zeitung Vanguard, dass 35 Prozent der 160 Millionen Nigerianer als Analphabeten einzustufen sind. Nach Ende der Grundschulzeit können 44 Prozent der Schüler keinen ganzen Satz lesen. Nur ein Drittel der Bewerber für einen Studienplatz wird angenommen, die meisten scheitern an mangelnden Lesekenntnissen.
An Sonntagsreden und Schaufensteraktionen zur Buchförderung mangelt es in Nigeria nicht: Vor kurzem noch hatte der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan eine Kampagne mit dem schönen Namen „Bring Back the Book“ losgetreten, mit vielen Nairas ausgestattet, die in irgendwelchen Taschen landeten, aber bei Verlagen oder Autoren noch nicht viel bewirkt haben. Die Ölmetropole Port Harcourt im Südosten des Landes ist übrigens die aktuelle Welthauptstadt des Buches. Auch von dort, so erzählte mir jüngst eine nigerianische Schriftstellerin, gehen Null Impulse aus für die Entwicklung einer Lesekultur. Weshalb ich Ihnen ein nettes Liedchen empfehle, dessen Musik und Text aus der Feder von Wole Soyinka stammt: „I love my country“.

Zu Wochenbeginn erschütterte die FAZ die kleine Gemeinde der Arabien-Interessierten mit der Meldung, dass das Außenministerium das Portal Qantara dichtmachen wolle. Seit mehr als 10 Jahren stellt Qantara einen der wichtigsten Brückenköpfe für den Dialog mit der Arabischen Welt dar. Das Thema ist dem Amt wichtig, wie dieses schöne Stückchen Sonntagsrede belegt:

Das Verhältnis zwischen westlichen und islamisch geprägten Gesellschaften ist vielfach von Missverständnissen geprägt. Gleichzeitig ist in den meisten islamisch geprägten Gesellschaften in den vergangenen Jahren die Popularität des Islamismus gestiegen – einer Ideologie, die darauf zielt, Staat und Gesellschaft nach den Vorschriften des Islam einzurichten. Die politischen Konzepte von Demokratie, universellen Menschenrechten und Pluralismus werden dabei häufig als “westlich” und damit “unislamisch” abgelehnt.
Vor diesem Hintergrund pflegt Deutschland das Gespräch mit der islamisch geprägten Welt und führt damit eine Traditionslinie fort, die bereits im 19. Jahrhundert mit Goethe und Rückert beginnt. Ziel des Dialogs ist es, die Verständigung zwischen dem “Westen” und der islamischen Welt sowie innergesellschaftlichen Pluralismus zu fördern, Stereotypen und Feindbilder abzubauen. Deutschland hat daher als erstes westliches Land bereits 2002 einen Politikschwerpunkt “Dialog mit der islamischen Welt” im Auswärtigen Amt geschaffen.

Angeblich sieht das Außenamt die 300.000 Euro Zuschuss, die pro Jahr für Qantara fällig sind, als viel zu hoch an und will beim so hochgepriesenen Dialog jetzt sparen. 300.000 Euro pro Jahr sind für Sie und mich ein ganzer Haufen Geld. Im Budget der Bundesregierung ist das allerdings nicht mehr als das Seufzen eines Schmetterlings vor der Geräuschkulisse eines startenden Düsenjets. Eine gut funktionierende Plattform für den Dialog mit der Arabischen Welt ausgerechnet jetzt dicht zu machen, wo uns die Arabische Welt um die Ohren fliegt, wäre strunzdumm.
Weshalb das Auswärtige Amt auch deutlich macht, dass von einer Einstellung der Förderung keine Rede sein kann: Gemeinsam mit der Deutschen Welle soll Qantara weiter entwickelt werden, was immer das konkret heißen mag. Wir atmen tief durch und wenden uns anderen Dingen zu.

Nachdem die Schotten dafür gestimmt haben, auch weiterhin von ihrer britischen Majestät regiert zu werden, versuchte sich die regierende Tory-Partei in Sachen Reparaturarbeit: Vor ein paar Wochen hatte ich Ihnen ja erzählt, dass der britische Justizminister Chris Grayling den Häftlingen im Königreich den Bezug von Büchern per Post verboten hat. Ein braver Hinterbänkler hat jetzt den Job übernommen, den ministerialen Bücherfreund aus der Schusslinie zu nehmen: Die Bibliotheken in den britischen Gefängnissen hätten deutlich größere Bestände pro Insasse als die normalen öffentlichen Bibliotheken: Mehr als 10 Bücher pro Häftling seien üblich, hieß es. Öffentliche Bibliotheken bieten in der Regel nur ein Buch pro Einwohner ihres Bezirks an.
Der Minister nahm die Hilfe dankend an. Vergessen haben unsere beiden Helden aber, dass die schlechte Versorgung durch öffentliche Bibliotheken ausschließlich Folge der eigenen Politik ist: Seit Amtsantritt der Tories vor vier Jahren wurden hunderte Bibliotheken dicht gemacht, weil die Regierung die Mittel dafür drastisch gekürzt hat. Viele Bibliothekare bekamen zeitgleich mit ihren Entlassungspapieren die Anfrage, ob sie nicht ihren Job auf freiwilliger Basis weiter machen wollen – natürlich ohne Bezahlung.

Zum Abschluss eine wirklich schöne Nachricht: Frankreich wird Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2017, zum zweiten Mal nach 1989. Nach Indien (1986/2006), Brasilien (1994/2013) und den Niederlanden und Flandern (1992/2016) ist das bereits der vierte Ehrengast, der ein zweites Mal auftritt.
China-Lesungen FBM 2014À propos Buchmesse: Ich habe diesmal ein sehr schönes China-Programm zu moderieren, mit drei Veranstaltungen. Ich würde mich freuen, wenn wir uns dort sehen würden.

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich hoffe, sie bleiben mir weiterhin treu. Das Gedicht zum Wochenende bejubelt diesmal den Herbst. Er hat es verdient.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr und Euer

Holger Ehling