Liebe Gemeinde,

 

Sie alle haben sicherlich fieberhaft darauf gewartet, dass der Blog wieder aus der Sommerpause auftaucht. Jetzt ist es soweit, pünktlich zum Herbstbeginn geht es weiter, und zwar mit Orakeln in Luxemburg, E-Books in der Nachbarschaft, Schwänglish, Blogtipps … und mehr.

Buchhandlung Rosta, Münster (c) ehlingmedia 2014

Buchhandlung Rosta, Münster (c) ehlingmedia 2014

Und da schauen wir zunächst einmal mit hochgezogenen Augenbrauen nach Luxemburg, wo der Europäische Gerichtshof die Rolle der Pythia eingenommen hat, und zwar mit einer Entscheidung in Sachen Mehrwertsteuer auf gedruckte und elektronische Bücher. Da heißt es nämlich, dass die EU-Mitgliedsländer unterschiedliche Steuersätze verlangen dürfen. Was das soll, wissen allein die Orakel in den Richterroben: Schon bisher ist es ja so, dass die Mehrwertsteuer auf Bücher und E-Books nicht nur unterschiedlich sein darf, sondern unterschiedlich sein muss. Nicht zu entnehmen ist dieser Entscheidung jedenfalls, dass es den Mitgliedsländern endlich gestattet wird, den vergünstigten Mehrwertsteuersatz auch auf E-Books anzuwenden. Frankreich und Luxemburg tun dies bereits und finden sich dank der EU-Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof wieder, weil sie gegen die Direktive verstoßen, die E-Books als Dienstleistung kategorisiert, die mit dem vollen Satz zu besteuern ist. Mal sehen, wie das weitergeht…

Wir bleiben bei der EU: Dort haben wir mit grimmigem Vergnügen vernommen, dass der unvergleichliche Günther Oettinger neuer Digitalkommissar werden soll. Damit der Abstieg vom Energiekommissar nicht ganz so hart ist, wurde ihm auch die Zuständigkeit für Copyright zugeschustert. Will sagen: Die EU nimmt Copyright als Thema in der digitalen Welt endlich wahr. Ob das ein Grund zum Jubeln ist, wird sich zeigen. Vorgängerin Neelie Kroess hatte ja vor allem für die Lobbyisten der Großfirmen stets ein freundliches Lächeln bereit. Die werden jetzt wohl zunächst einmal Schwäbisch-Kurse machen: Mit Hochdeutsch ist dem Schwaben Oettinger kaum beizukommen, und was sein English angeht, nun ja, machen Sie sich selbst ein Bild.

Und wir bleiben weiter in Benelux – dort ist einige Bewegung in den Markt für elektronische Bücher gekommen, der bislang noch dümpeliger vor sich hin schwappt als bei uns. Tolino hatte ja bereits im Juli eine Allianz mit dem belgischen Filialisten Standaard Boekhandel gestartet, jetzt machte man in den Niederlanden den Buchhändler Libris der Konkurrenz von Kobo abspenstig. Damit verfügt Tolino in den Niederlanden und Flandern jetzt über ein Vertriebsnetz von 245 Filialen, das ist mehr als nur ordentlich. Kobo trauerte dem Abgang von Libris übrigens nicht lange nach und stieg zum Branchenführer bol.com ins Boot, der damit einen Ersatzpartner für Sony gefunden hat, das sich aus dem Readergeschäft komplett zurückzieht.
Amazon ist zwar in Luxemburg ansässig, in den Niederlanden und Flandern gibt es allerdings keinen eigenen Shop. Der Markteintritt dürfte durch die kräftig gewachsene Konkurrenz nicht einfacher werden.

Jenseits des großen Teichs wundern und freuen sich die Beobachter über eine Erfolgsstory, die weitgehend im Verborgenen spielt: Die unabhängigen Buchhändler in den USA verzeichnen seit Jahren kräftige Zuwächse – in den vergangenen drei Jahren stieg der Umsatz jedes Jahr um rund 8 Prozent, während der Markt insgesamt schwächelte. Auch die Zahl der unabhängigen Buchhandlungen in den USA seit 2009 um gut 20 Prozent angestiegen, nämlich von 1651 auf beachtliche 2094 im Jahr 2014. Und das trotz Amazon, das seinen Anteil nach wie vor kräftig ausbaut. Das Erfolgsrezept: unerbittliche Kundenfreundlichkeit – genau das, was die Riesenfilialisten wie Barnes & Noble und Books-A-Million, oder auch die Supermärkte wie Costco und Walmart nicht mehr oder noch niemals bieten konnten und wollten. Diese Kundenfreundlichkeit zeigt sich vor allem im Sortiment: Anders als die Massenverkäufer, die ihr Inventar ständig erneuern müssen, können die Indies auf Backlist-Titel und Nischen setzen, wenn das den Wünschen ihrer Kunden entspricht. Im Jargon der Einzelhandelsberater ist dies der „USP“, der den Besuch beim Buchhändler zur echten „Shopping Experience“ macht.
Der Unterschied zwischen diesen Qualitätshändlern und den Massenverkäufern zeigt sich beim Blick darauf, was eigentlich verkauft wird: Amazon, Barnes & Noble und die Supermärkte sind unschlagbar bei billigen Massenmarkt-Genres wie Krimi oder Fantasy. Bei den Indies machen hochpreisige Hardcover-Sachbücher, hochwertige illustrierte Kinderbücher oder Kochbücher den größten Batzen aus – genau jene Bücher also, die in Amazons Preisrechnung, wonach ein Buch, wenn es nur 9,99 US-Dollar kostet, durch höhere Abverkäufe höhere Erlöse für Verlage und Autoren einbrächte, nicht vorkommen, weil für sie das Preisargument keine Verkaufshilfe darstellt.

Ich weiß, dass eine Reihe von Ihnen regelmäßig über Bücher bloggen, mit mehr oder weniger Erfolg. Der (meist wenig nützlichen) Tipps, wie man das besser machen kann, gibt es zur Genüge. „Vicky“, die Bloggerin hinter Books, Biscuits and Tea, hat sich die Mühe gemacht, die ihrer Meinung nach sinnvollsten Empfehlungen in einer Liste zusammenzustellen. Das ist eine bemerkenswerte Fleißarbeit und fordert dem Informationssuchern eine Menge Klickerei ab. Es könnte trotzdem hilfreich sein.

Zu guter Letzt eine schöne Nachricht aus meiner alten Heimat: Im schönen Bath sind 550 Jane-Austen-Fans im Regency-Kostüm zum Austen-Festival erschienen: Weltrekord. Ein paar Bilder davon gibt es hier.

Das war’s für diese Woche. Wenn Sie wollen, können Sie noch einen Blick in meine Werkstatt werfen:

hge (c) 2013 ehlingmedia

  • Zum Hintergrund der Proteste gegen Amazon beim SWR.
  • Zu neuen E-Book-Projekten in Deutschland in der WELT.

Und morgen gibt’s natürlich wieder das Gedicht zum Wochenende. Es wird bajuwarisch, ich wünsche viel Spaß!

Bleiben Sie mir treu,

herzlichst

Ihr und Euer

Holger Ehling