amazonNein, “kaputt” ist Amazon wohl nicht, und über Seattle kreisen auch nicht die Geier. Allerdings scheint das Unternehmen derzeit mehr als nur verzweifelt zu sein. Wie anders kann man es bewerten, wenn das Unternehmen um Unterstützung bettelt in seinem Konditionenstreit mit dem US-Großverlag Hachette? Die Adressaten: Sämtliche Autoren, die über das “Kindle Direct Publishing”-Programm (KDP) ihre Bücher im Selbstverlag veröffentlichen. All diese Autoren fanden am vergangenen Wochenenden in ihren Mail-Eingängen ein Schreiben vor, in dem sie, nach langem Lamento über die raffgierigen Verlage und ausführlichen Lobpreisungen des eigenen heldenhaften Kampfes gegen die Gier, dazu aufgefordert werden, sich an den Chef von Hachette zu wenden und diesen aufzufordern, auf die von Amazon geforderten Konditionen (Rabatte, Zahlungsziele etc.) einzugehen.

Hier das Anschreiben im Wortlaut, mit einigen Anmerkungen zur Argumentation.

Dear KDP Author,

Just ahead of World War II, there was a radical invention that shook the foundations of book publishing. It was the paperback book. This was a time when movie tickets cost 10 or 20 cents, and books cost $2.50. The new paperback cost 25 cents – it was ten times cheaper. Readers loved the paperback and millions of copies were sold in just the first year.
With it being so inexpensive and with so many more people able to afford to buy and read books, you would think the literary establishment of the day would have celebrated the invention of the paperback, yes? Nope. Instead, they dug in and circled the wagons. They believed low cost paperbacks would destroy literary culture and harm the industry (not to mention their own bank accounts). Many bookstores refused to stock them, and the early paperback publishers had to use unconventional methods of distribution – places like newsstands and drugstores. The famous author George Orwell came out publicly and said about the new paperback format, if “publishers had any sense, they would combine against them and suppress them.” Yes, George Orwell was suggesting collusion.
Well… history doesn’t repeat itself, but it does rhyme.

Verlagshistorie, so scheint es, gehört nicht zu den ganz starken Seiten der PR-Leute bei Amazon. Bereits 1905 startete der Verlag J.M. Dent in London seine “Everyman’s Library”, die das Ziel hatte, 1000 Werke der klassischen Literatur in sehr preisgünstigen (und wunderschön gestalteten) Ausgaben auf den Markt zu bringen. Zwischen 1905 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs liegen 34 Jahre und zusätzlich noch ein Erster Weltkrieg. Das muss man nicht wissen, allerdings sollte man sein Unwissen auch nicht ganz so laut herausposaunen.
Das Taschenbuch, wie wir es kennen, startete seinen Siegeszug in Großbritannien im Jahr 1935 mit Penguin – eine Revolution war dies aber auch nicht:  In Papier gebundene Bücher gab es schon lange vorher. Der Widerstand des Buchhandels war nicht unberechtigt: Bei einem Preis von 6 Pence für die Penguin-Titel war das Bestellen, Auspacken, Eintrag in Eingangsverzeichnis, Aufstellen im Regal, Verkauf und Abrechnung betriebswirtschaftlich kaum darstellbar. Durch die Unterstützung von Woolworth und dem Bahnhofsbuchhändler WH Smith gelang der Durchbruch, andere Verlage zogen bald nach. Wichtig: Penguin brachte zunächst nur wenige eigene Titel auf den Markt, sondern kaufte anderen Verlagen Lizenzen ab und setzte auf urheberrechtsfreie Klassiker. Die Billigbücher eroberten ordentliche Marktanteile, zu Lasten der auch damals nicht überbezahlten Schriftsteller. Und das war es, was die Buchhändler, Orwell und andere Autoren befürchteten: an den Rand der Existenz gedrängt zu werden von diesen Billigangeboten.

Weiter im Text:

Fast forward to today, and it’s the e-book’s turn to be opposed by the literary establishment. Amazon and Hachette – a big US publisher and part of a $10 billion media conglomerate – are in the middle of a business dispute about e-books.

Schön gesagt, aber: Bei 30 Prozent Anteil an den verkauften Titeln und 12-13 Prozent Umsatzanteil in Dollars ist der Widerstand der US-Verlage gegen E-Books wohl nicht so dramatisch zu nennen.
Auch schön: Hachette wird als Mega-Unternehmen dargestellt. Die 10 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz der Konzernmutter Lagardère (davon knapp 3 Milliarden im Buchbereich) verblassen allerdings ein wenig im Vergleich zu den 75 Milliarden US-Dollar, die Amazon umsetzt. Erstaunlicherweise vergisst Amazon, dies im Brief an die Autoren zu erwähnen.

We want lower e-book prices. Hachette does not. Many e-books are being released at $14.99 and even $19.99. That is unjustifiably high for an e-book. With an e-book, there’s no printing, no over-printing, no need to forecast, no returns, no lost sales due to out of stock, no warehousing costs, no transportation costs, and there is no secondary market – e-books cannot be resold as used books. E-books can and should be less expensive.

Wer möchte nicht gerne billigere Bücher haben? Aber: Bücher haben ihren Wert UND ihren Preis. Die Rechnung von Amazon inkludiert Herstellung und Vertrieb. Ja, dort bieten E-Books Ersparnisse. Die Kalkulation darauf zu beschränken offenbart allerdings entweder völlige Unkenntnis der verlegerischen Prozesse oder aber den Versuch, die Adressaten zu belügen. Lektorat, Design, Satz, Marketing, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, aber auch Overheads wie Verwaltungskosten, Miete oder Strom  - all das und mehr will in der Preiskalkulation eines Verlags berücksichtigt werden, wenn es denn richtig gemacht werden soll.
In den USA kommt der Umstand hinzu, dass durch die fehlende Preisbindung die Verlage mit Netto-Abgabepreisen kalkulieren müssen, die in der Regel etwa 40 bis 50 Prozent des empfohlenen Verkaufspreises betragen. Wieviel das Buch tatsächlich im Laden kostet, entscheidet der Händler.
Übrigens macht sich auch Amazon nicht die Mühe, außerhalb des Bestsellerbereichs die Bücher besonders günstig zu verkaufen.
Es bleibt auch noch die Frage: Wenn denn Versand und Lagerhaltung dank E-Books “nichts” kosten (was auch eine Milchmädchenrechnung ist), wieso will dann Amazon von Hachette künftig nicht mehr 30 Prozent, sondern 50 Prozent Rabatt haben? Logisch wäre es doch wohl, die Händlermarge von 30 Prozent auf 10 bis 15 Prozent zu senken? Kostet ja alles nix?

Perhaps channeling Orwell’s decades old suggestion, Hachette has already been caught illegally colluding with its competitors to raise e-book prices. So far those parties have paid $166 million in penalties and restitution. Colluding with its competitors to raise prices wasn’t only illegal, it was also highly disrespectful to Hachette’s readers.

Hier geht es um den Prozess gegen das Agency Model. Die damals existierenden “Big Six” der US-Publikumsverlage – Random House, Penguin, Macmillan, Hachette, HarperCollins und Simon & Schuster – hatten 2009 mit Apple ein “Agency Model” vereinbart, das vorsah, dass Apple in seinem iBooks-Store die E-Books zum vom Verlag angegebenen Preis anbietet und dafür eine fixe Marge von 30 Prozent erhält. Gleichzeitig untersagten die Verlage anderen Anbietern, die E-Books günstiger als Apple anzubieten.
Veranlasst wurde die Sache von Apple. Die Verlage gingen seinerzeit darauf ein, weil Amazon bei E-Books auf einen Marktanteil von 90 Prozent zusteuerte und erheblichen Druck bei den Konditionenverhandlungen ausübte: Einseitig legte Amazon fest, dass E-Books künftig maximal 9,99 US-Dollar kosten sollten. Gleichzeitig hielt Amazon durch Billigangebote die Konkurrenz vom Markt fern.
Das Agency Model bot Schutz vor Dumpingpreisen, nur dadurch war es möglich, dass E-Book-Anbieter wie Apple, Barnes & Noble (Nook), Kobo und andere in den Markt überhaupt erst eintreten konnten und so etwas ähnliches wie ein funktionierender Markt entstand. Der Marktanteil von Amazon schrumpfte auf gut 60 Prozent.
Das US-Justizministerium, die meisten Bundesstaaten und private Kläger sahen darin unerlaubte Preisabsprachen. Aus Angst vor drakonischen Strafzahlungen verglichen sich die Verlage und zahlten 166 Millionen US-Dollar Schadensersatz. Apple wurde im Juli 2013 verurteilt, die Berufung gegen das Urteil wird wohl im kommenden Jahr verhandelt werden.
Wichtig: Die Verlage hatten jeweils einzelne Verträge mit Apple. Dass sie sich untereinander abgesprochen hätten (“Hachette has already been caught illegally colluding with its competitors”), wie Amazon hier sagt, wurde nicht festgestellt. In dem Punkt verbreitet Amazon eine saftige Lüge.
Auch nicht uninteressant: Amazon nahm seinerzeit die Macmillan-Titel aus dem Angebot, knickte allerdings nach kurzer Zeit ein, weil alle großen Verlage plötzlich mit ähnlichen Bedingungen auftraten. Marktmacht ist schön und gut, aber wenn es im Gemüseladen kein Gemüse gibt, bleibt die Kundschaft weg. Und ohne die attraktiven Blockbuster aus den Großverlagen hat Amazon kein Geschäftsmodell im Buchmarkt.

The fact is many established incumbents in the industry have taken the position that lower e-book prices will “devalue books” and hurt “Arts and Letters.” They’re wrong. Just as paperbacks did not destroy book culture despite being ten times cheaper, neither will e-books. On the contrary, paperbacks ended up rejuvenating the book industry and making it stronger. The same will happen with e-books.
Many inside the echo-chamber of the industry often draw the box too small. They think books only compete against books. But in reality, books compete against mobile games, television, movies, Facebook, blogs, free news sites and more. If we want a healthy reading culture, we have to work hard to be sure books actually are competitive against these other media types, and a big part of that is working hard to make books less expensive.

Amazon kennt den Preis von allem, aber den Wert von nichts. Bücher sind nicht zu teuer, die Preisentwicklung von Büchern hinkt seit Jahren deutlich hinter der Preisentwicklung der Gesamtwirtschaft hinterher, auch in den USA. Inflationsbereinigt sind Bücher in den vergangen 10 Jahren um fast 20 Prozent BILLIGER geworden.
Ja, preisgünstige Taschenbücher und E-Books hatten und haben einen positiven Effekt für die Branche und für das allgemeine Leseverhalten. Und ja, Bücher konkurrieren mit einer Vielzahl anderen Angebote zu Unterhaltung und Bildung um die Zeit des “Nutzers” und ja, viele Verleger haben das noch nicht kapiert. Aber meint denn ernsthaft jemand, man könnte massenweise Teenager von Smartphone-Daddelern zur Leseratten bekehren, wenn man E-Books nur billig genug verschleudert?

Moreover, e-books are highly price elastic. This means that when the price goes down, customers buy much more. We’ve quantified the price elasticity of e-books from repeated measurements across many titles. For every copy an e-book would sell at $14.99, it would sell 1.74 copies if priced at $9.99. So, for example, if customers would buy 100,000 copies of a particular e-book at $14.99, then customers would buy 174,000 copies of that same e-book at $9.99. Total revenue at $14.99 would be $1,499,000. Total revenue at $9.99 is $1,738,000. The important thing to note here is that the lower price is good for all parties involved: the customer is paying 33% less and the author is getting a royalty check 16% larger and being read by an audience that’s 74% larger. The pie is simply bigger.

Ob diese Rechnung wirklich stimmt, kann ich nicht nachvollziehen. Aber: Die Argumentation ist einfach nur Quatsch. Auch in den USA sind Verkaufszahlen von 100.000 Exemplaren für 99 Prozent der Verlagsproduktion nicht zu erreichen. Die Realität pendelt irgendwo zwischen 500 und 5000 Exemplaren, egal ob es sich um Romane, Sachbücher, Ratgeber, Kinderbücher oder sonstwas handelt. Ob tatsächlich jemand einen neuen Roman von Frantzen, Auster, Hustvedt, Irving und dergleichen (ja, die verkaufen tatsächlich sehr viel) nur deshalb kauft, weil das Ding billig ist, wage ich zu bezweifeln
Amazon zeigt bei dieser Argumentation, dass das Unternehmen ausschließlich in der Kategorie Bestseller denkt. Die sind aber nur ein winziger Teil dessen, was den Buchmarkt ausmacht und auch mit Kultur hat das meist wenig zu tun.

But when a thing has been done a certain way for a long time, resisting change can be a reflexive instinct, and the powerful interests of the status quo are hard to move. It was never in George Orwell’s interest to suppress paperback books – he was wrong about that.

Die Verlage als das dunkle Imperium von Darth Vader, Amazon als Luke Skywalker. Ein schönes Bild. Jetzt warten wir nur noch auf den Wookie.

And despite what some would have you believe, authors are not united on this issue. When the Authors Guild recently wrote on this, they titled their post: “Amazon-Hachette Debate Yields Diverse Opinions Among Authors” (the comments to this post are worth a read). A petition started by another group of authors and aimed at Hachette, titled “Stop Fighting Low Prices and Fair Wages,” garnered over 7,600 signatures. And there are myriad articles and posts, by authors and readers alike, supporting us in our effort to keep prices low and build a healthy reading culture. Author David Gaughran’s recent interview is another piece worth reading.

Das ist eine direkte Reaktion auf eine Schriftsteller-Aktion: 909 Autoren protestierten am gestrigen Sonntag mit einem ganzseitigen offenen Brief in der New York Times gegen das Vorgehen von Amazon, darunter Größen wie Stephen King, Paul Auster, James Patterson oder John Grisham. 
Dagegen bietet Amazon seine treu ergebenen Truppen aus der Selbstverleger-Szene auf: Bei change.org wurde eine Petition gestartet. Mir bereitet das Unbehagen: Zum einen wird die Sache angeführt von den notorischen Amazon-Jubelpersern um Hugh Howey, die derzeit wohl einen Vollzeit-Job damit haben, die Hand, die sie füttert, zu liebkosen. Zum anderen, und grundsätzlicher: Petitionen macht man, um auf Unrecht hinzuweisen – nicht um das Geschäftsmodell eines Milliardenkonzerns durchzudrücken. Oder ist Jeff Bezos plötzlich so etwas wie ein Robbenbaby, das mit feuchten Augen den bösen Pelzjäger auf sich zukommen sieht?
Allerdings verfängt die Sache: Gerade bei Selfpublishern äußert sich oft ein geradezu biblisch anmutender Zorn auf  “die Verlage”, die allesamt den gierigen Schlund nicht voll genug bekommen und ständig irgendwelche Manuskripte ablehnen, die natürlich vor innerer Genialität nur so strotzen. Die erfolgreiche SP-Autorin Monika von Ramin, die als “Nika Lubitsch” veröffentlicht, hat sich denn auch dem Amazon-Aufruf voller Herzenswärme angeschlossen. In ihrem Blog weist sie darauf hin, dass kein Verlag ihr Manuskript haben wollte und dass sie über Amazon mehr als 250.000 Exemplare zum Preis von 2,99 Euro verkauft habe. Glückwunsch.
Unbestritten ist, dass viele Verlage sich schon vor langer Zeit aus ihrer Verantwortung gestohlen haben, dass beim Lektorat eingespart wurde und dass Werbung und Öffentlichkeitsarbeit für Autoren der zweiten und dritten Reihe nicht mehr stattfindet. Dafür haben sie jeden Tritt vors Schienbein und auch andere Körperregionen verdient.
Statt 5 bis 10 Prozent Honorar pro verkauftem Exemplar bietet Amazon seinen Selfpublishern 70 Prozent – das hat in den vergangenen Jahren zu einer Professionalisierung der Selfpublisher geführt, die nur zu begrüßen ist. Muss man Amazon dafür dankbar sein? Das Unternehmen macht damit glänzende Geschäfte! Jeff Bezos wäre wohl der erste, der “Dankbarkeit” befremdlich fände.
Leider scheinen viele der Petitionsunterschreiber so gar keine Ahnung zu haben, was eigentlich mit ihnen passiert, wenn Amazon irgendwann sein Ziel der kompletten Kontrolle des Markts erreichen sollte. Dabei hat Amazon selbst im März 2014 schon sehr deutlich gemacht, wie das Vorgehen sein wird: Die Hörbuchtochter Audible betreibt seit 2011 die Plattform ACX, die sich an Selfpublisher richtet. Dort gab es satte 50 bis 90 Prozent Honorar, abhängig vom Verkaufserfolg. Das lockte vor allem diejenigen Autoren und ihre Agenten an, deren Verlage sich bei der Vermarktung von Hörbuchrechten uninteressiert, unwillig oder unfähig gezeigt hatten. Ab 12. März werden allerdings nur noch 40 Prozent gezahlt. Amazon kann sich das leisten, weil ACX eine übermächtige Stellung erreicht hat; ohne die Plattform können selbstverlegende Hörbuch-Autoren die Hoffnung auf ordentliche Verkaufszahlen in den Wind schreiben.
Meinen die Amazon-Bejubler ernsthaft, dass Amazon ausgerechnet sie besser behandeln wird, wenn KDP dereinst eine ähnlich dominante Stellung erreichen sollte?

Weiter im Text:

We recognize that writers reasonably want to be left out of a dispute between large companies.

Dann, verdammich, soll Amazon doch bitteschön seine Autoren nicht belabern!

Some have suggested that we “just talk.” We tried that. Hachette spent three months stonewalling and only grudgingly began to even acknowledge our concerns when we took action to reduce sales of their titles in our store. Since then Amazon has made three separate offers to Hachette to take authors out of the middle. We first suggested that we (Amazon and Hachette) jointly make author royalties whole during the term of the dispute. Then we suggested that authors receive 100% of all sales of their titles until this dispute is resolved. Then we suggested that we would return to normal business operations if Amazon and Hachette’s normal share of revenue went to a literacy charity. But Hachette, and their parent company Lagardere, have quickly and repeatedly dismissed these offers even though e-books represent 1% of their revenues and they could easily agree to do so. They believe they get leverage from keeping their authors in the middle.

Hmmm, es ist schon eine heroische Geste, wenn man dem Verhandlungspartner vorschlägt, er solle doch gefälligst auf das ihm zustehende Geld verzichten, bis man selbst vom hohen Ross gestiegen ist.
Die Argumentation von Amazon bedient sich einer strategischen Falschinformation: Hachette erzielt mit E-Books nicht, wie Amazon behauptet, 1 Prozent seines Umsatzes, sondern deutlich mehr: 2013 entfielen 33 Prozent auf “Digital Sales”, worin E-Books und Hörbücher enthalten sind. Vielleicht  liest Amazon ja keine Wirtschaftsnachrichten. Oder man will die eigenen Autoren beim Anbetteln auch gleich noch belügen.
Hachette macht 60 Prozent seines E-Book-Umsatzes mit Amazon, wir reden von 250 bis 300 Millionen US-Dollar pro Jahr, das entspricht etwa 10 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes im Buchsegment des Konzerns. Das ist tatsächlich “systemrelevant” für den Verlag.
Für Amazon geht es um nicht ganz 100 Millionen US-Dollar pro Jahr, die mit Hachette-Produkten erzielt werden. Das entspricht nicht einmal einem halben Tagesumsatz. Dieses Ungleichgewicht wird den Autoren, die da jetzt zu Hilfe kommen sollen, verschwiegen.

Zum Abschluss wirft man sich noch einmal auf zum erlösenden Ritter für die Buchkultur und regt an, Hachette-Chef Michael Pietsch ein bisserl zu mobben:

We will never give up our fight for reasonable e-book prices. We know making books more affordable is good for book culture. We’d like your help. Please email Hachette and copy us.
Hachette CEO, Michael Pietsch: Michael.Pietsch@hbgusa.com
Copy us at: readers-united@amazon.com
Please consider including these points:
- We have noted your illegal collusion. Please stop working so hard to overcharge for ebooks. They can and should be less expensive.
- Lowering e-book prices will help – not hurt – the reading culture, just like paperbacks did.
- Stop using your authors as leverage and accept one of Amazon’s offers to take them out of the middle.
- Especially if you’re an author yourself: Remind them that authors are not united on this issue.

Thanks for your support.

The Amazon Books Team

P.S. You can also find this letter at www.readersunited.com

Soweit also das Amazon-Schreiben. Es ist eine gelungene Demontage des Images als selbstbewusstes Unternehmen, das ziemlich genau weiß, was es tut. Möglicherweise liegt das daran, dass Amazon schlichtweg keine Übung darin hat, sich selbst zu erklären. Nicht im Guten, nicht im Harmlosen und erst recht nicht in einer Krise. Krisenkommunikation will gelernt sein: Eigenlob und Verunglimpfung der Gegenseite sind die denkbar ungeeignetsten Mittel, Angstbeißen beeindruckt niemanden.  Sollte Amazon irgendeine Agentur bezahlt haben, um diesen Schrieb aufzusetzen, dürften Schadensersatzansprüche bei Gericht durchkommen.

Das erklärt aber noch nicht, was Amazon eigentlich reitet, sich derart als Jammerlappen zu gebärden. Um sein öffentliches Ansehen hat sich Amazon noch nie sonderlich geschert, Kritik ließ man ungerührt abperlen. Das können wir als Grund also ausschließen.
Offensichtlich sieht sich Amazon im Konditionenstreit durch den massiven öffentlichen Gegenwind an die Wand gedrückt, und ebenso offensichtlich hat die Sache für Amazon eine Bedeutung angenommen, von der das Wohl und Wehe des Konzerns abhängt. Ich kann das nicht mit Zahlen belegen, aber diese Aktion verströmt das beißende Aroma von Angstschweiß. Sollte Hachette sich wirklich den Forderungen widersetzen, wäre auch keiner der anderen Großverlage bereit, nachzugeben. Das Ohnmachtsszenario, das Amazon im Streit um das Agency Model erlebt hat, will das Unternehmen wohl um jeden Preis vermeiden.
Sollten sich Bezos und sein Management an die Wand gedrückt fühlen, gäbe es gute Gründe dafür. Nach 20 Jahren, in denen Amazon zwar ungeheures Wachstum und beneidenswertes Innovationstempo vorgelegt hat, ist die Geduld der Anteilseigner spätestens seit Anfang 2014 an einem kritischen Punkt angelangt: Ja, auch 2013 wuchs Amazon gewaltig, aber wieder stand unter dem Strich ein saftiger Verlust. Im 1. Halbjahr des Jahres kamen weitere Verluste dazu, und für das 3. Quartal prognostiziert das Unternehmen ein Minus von etwa 400 Millionen US-Dollar. Amazon hat das Geschäftsgebaren seiner Anfangsjahre nie abgelegt, als im Zuge der Internet-Blase jeder Furz, der sich digital äußerte, mit Millionengeldern überschwemmt wurde. Wachstum bleibt der Heilige Gral, die Aktionäre, die das alles finanzieren, werden als freche Bittsteller angesehen. Der Amazon-Börsenkurs fiel seit Jahresbeginn zeitweise um 30 Prozent und es dürfte mehr als nur eine deutliche Ansage an Bezos gegeben haben, einige Schraubarbeiten zu verrichten. Der Konditionenstreit ist eine solche Schraubarbeit.
Wer auf die 20-jährige Gewinndurststrecke von Amazon verweist, wird gerne abgekanzelt mit dem Hinweis, das ganze Geld fließe in den beständigen Ausbau von Dienstleistungen und die Entwicklung von Innovationen. Ja, Amazon wurde zum Synonym für den Onlinehandel; mit dem Kindle hat Amazon einen Markt für E-Books überhaupt erst möglich gemacht; mit KDP wurde das Selbstverlegen zu einer marktrelevanten Veranstaltung. Und weiterhin folgt Idee auf Idee. In einem Aktionärsbrief im April stellte Bezos seinen Geldgebern mehr als 20 Innovationsprojekte vor. So bewundernswert dieses rastlose “weiter, immer weiter” auch sein mag, so macht es doch allmählich den Eindruck, als sei aus Rastlosigkeit inzwischen Atemlosigkeit geworden. Matthias Koeffler fragte kürzlich, ob Amazon allmählich überhitzt – die Frage ist berechtigt, wenn man sich einzelne Projekte anschaut.
Nehmen wir Amazon Publishing, vor vier Jahren mit lautem Trara und Millionenaufwand gestartet, um die Verlagswelt aufzumischen. 14 Imprints gibt es mittlerweile. Sie alle sind Rohrkrepierer, sogar Bezos’ Ehefrau machte mit ihren Schreibarbeiten einen weiten Bogen um diesen Friedhof der Ambitionen. Gründungsboss Larry Kirshbaum verließ Ende 2013 das sinkende Schiff, weder seine Augen noch die von Jeff Bezos waren darob von Tränen benetzt.
Oder nehmen wir Kindle Unlimited, den neuen Leihservice für E-Books, der im Juli das Licht der Welt erblickte. Aus 600.000 Titeln kann man da auswählen, für 9,99 US-Dollar pro Monat. Ob das Ding erfolgreich wird, steht auf einem anderen Blatt: Der Löwenanteil der angebotenen Bücher rekrutiert sich aus Selfpublishing-Titeln, gemeinfreien Klassikern und den Büchern von Amazon Publishing. Von den großen US-Verlagen macht kein einziger mit bei Kindle Unlimited. Ob die geneigten Kunden Lust haben auf eine solche Resterampe, ist mehr als fraglich.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich halte die unternehmerische Leistung von Jeff Bezos für phänomenal. Ohne Amazon stünden weite Teile des Buchmarkts heute sehr viel schlechter da, ohne Amazon hätten wir weder einen E-Book-Markt noch eine lebendige SP-Szene.
Vielleicht ist aber nach 20 Jahren die Zeit reif für neue Ideen an der Spitze des Unternehmens, für eine Strategie, die weniger disruptiv, weniger aggressiv und wesentlich mehr kooperativ ist? Bezos ist angeschlagen, dieser Brief ist dafür ein deutlicher Beleg.
Das mag Herrn Bezos nicht gefallen. Aber auch für ihn habe ich einen Rat, der ganz in seinem Sinne sein dürfte:

HeulDoch