Liebe Gemeinde,

heute geht es um Urheberrecht, gebrauchte E-Books, Amazon als Klassenkämpfer, alte Bücher in China und mehr.

Oxfam, Islington (c) ehlingmedia 2014

Oxfam, Islington (c) ehlingmedia 2014

Im Reich Ihrer britischen Majestät hat man eine ziemliche Panik hat vor EU-getriebener Gleichschalterei. Da kommt dann auch gerne einmal einem albernen Zeitgenossen, der sich weigert, die vorgeschriebenen europäischen Maßeinheiten von Gramm und Meter zu verwenden, der heldenhafte Kriegername „Metric Martyr“ zu. Aber darüber will ich eigentlich gar nicht räsonieren. Wer im Internet unterwegs ist, bekommt des Öfteren die absurde Kleinstaaterei mit, die in Sachen Urheberrecht noch herrscht. Manchmal liegt es an der Deppenhaftigkeit von Anbietern: Dass Nook es immer noch nicht schafft, meinen US-Account mit meinem deutschen zu verknüpfen ist so ein Fall. Manches hat auch Methode: Wenn etwa ganze Playlists bei Youtube zerhackt werden, nur weil man von Deutschland nach England fährt, dann grüßen die Verwertungsgesellschaften.

Das alles bedarf dringend der Renovierung, und eigentlich hatte sich die ausscheidende EU-Kommission vorgenommen, wenigstens brauchbare Ansätze für ein modernes Urheberrecht zu entwickeln. Darüber, dass daraus nichts geworden ist, habe ich schon in der vergangenen Woche gemault. Immerhin gab es eine Konsultation zum Urheberrecht, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. Immerhin haben gut 11.000 Leute dabei mitgemacht, davon mehr als die Hälfte „Endnutzer“.
Die Kollegen von Netzpolitik haben die Sache gesichtet und sind alles andere als begeistert: Urheber und Verwerter sind sich einig darin, dass alles beim Alten bleiben sollte; Nutzer und deren Zulieferer wie etwa die Bibliotheken, hätten lieber heute als morgen Veränderungen. Ob es um den Weiterverkauf von digitalen Inhalten geht, die Einrichtung von Registrierungsinfrastrukturen, die Massendigitalisierung von Inhalten oder die Dauer von Schutzfristen, nutzergenerierte Inhalte oder Forschung: Überall sind die Blöcke aus Endnutzern und Sammeleinrichtungen bzw. Produzenten, Verwertern und Urhebern strikt auf Kollisionskurs.
So schnell wird das also wohl nichts werden.

Ich hatte Ihnen ja bereits von der niederländischen E-Book-Resterampe Tom Kabinet erzählt und davon, dass die Verlage in unserem Nachbarland die Sache recht humorlos vor Gericht gebracht haben. Jetzt hat das Gericht erst einmal entschieden, dass die Website zunächst einmal weiterhin ihren Geschäften nachgehen darf. Dabei haben die Richter in Amsterdam sich auf eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2012 berufen, die den Verkauf von Software-Lizenzen nach der Nutzung durch den Kunden für rechtens erklärt hatte. Tom Kabinet hatte argumentiert, dass seine Vorkehrungen zum Schutz vor illegaler Nutzung wirksam sind: Wenn ein gebrauchtes E-Book verkauft wird, erhält es ein digitales Wasserzeichen, das angeblich den Upload auf Piratenseinten verhindert. Der niederländische Verlegerverband findet das nicht unbedingt lustig; jetzt wird geprüft, wie man nachweisen kann, dass Tom Kabinet zumindest Beihilfe zur Urheberrechtsverletzung begeht.

Wir bleiben bei den E-Books. Dort hat Herr Bezos in der vergangenen Woche mit dem Start von Kindle Unlimited wieder einmal für Wirbel gesorgt und mal wieder die Enthusiasten auf den Plan gerufen, die ihn als genialen „Gamechanger“ anbeten. Spöttische Kommentatoren merkten an, dass man also jetzt für 120 US-Dollar im Jahr einen Bibliotheksausweis erhält.
Ob Kindle Unlimited wirklich funktionieren wird, ist nocht nicht ausgemacht. Derzeit hakt es nämlich beim Angebot: Das ist nämlich mit rund 650.000 Titeln nicht entscheidend viel größer als das der Konkurrenz bei Oyster oder Scribd, und auch der monatliche Abo-Preis von 9,99 US-Dollar bewegt sich auf deren Niveau. Aber: Keiner der „Big Five“-Verlage – Penguin Random House, Machmillan, Hachette, Simon & Schuster und HarperCollins – stellen ihre Bücher zur Verfügung. Was sicherlich ob des Gefechts um Konditionen, das Amazon angezettelt hat, nicht verwunderlich ist.
Digital Book World hat sich die Sache genau angeschaut und berichtet, dass der weitaus größte Teil des Angebots aus dem „Select“-Sortiment von Kindle Direct Publishing (KDP) stammt, das vor allem aus selbstverlegten Titeln besteht – ein paar Kleinstverlage sind auch bei KDP vertreten, spielen aber zahlenmäßig keine Rolle. Der Haken bei KDP Select: Wer dort verlegt, darf seine Bücher nirgendwo anders verkaufen – ob Kobo, iBooks oder Nook: Konkurrenzshops sind tabu. Dank der enormen Marktstellung von Amazon nehmen das die Selbstverleger in aller Regel aber in Kauf.
Die zweite große Gruppe machen Titel aus, die in einem der mittlerweile 14 Imprints von Amazon Publishing herausgekommen sind. Das ist nur richtig so: Keines der Imprints hat in den USA oder sonstwo bislang einen Fuß auf die Erde bekommen, die Umsätze außerhalb des Amazon-Shops sind jämmerlich. Mit der Verleiherei kommt jetzt wenigstens ein wenig Kleingeld herein.
Weil man aber mit solcher Durchschnittskost nicht wirklich Kunden anzieht, sind die Freunde aus Seattle auch zum Foulspiel übergegangen: So mancher Verlag fand gut gehende Titel bei Kindle Unlimited, ohne dafür die Zustimmung gegeben zu haben. So berichtet Publisher’s Lunch, dass die Hunger Games von Suzanne Collins im Angebot sind, ohne dass der Verlag Scholastic dies genehmigt hätte. Freundliche Grüße aus dem Justiziariat dürften wohl bereits unterwegs sein.
So weit, so mittelprächtig.
Richtige Freude dürfte demnächst bei den Selbstverlegern aufkommen, wenn sie herausbekommen, dass sie bei Kindle Unlimited die Verlage subventionieren. Und das geht so: Die Verlage bekommen bei der Entleihe den gleichen Betrag gutgeschrieben, der bei einem Verkauf fällig würde. Selbstverleger werden aus einem Topf entlohnt, der in jedem Monat neu gebildet wird: Der Gesamtumsatz wird ermittelt und durch die Zahl der entliehenen Einheiten geteilt. Dann bekommt der Selbstverleger pro Entleihe seines Buchs den ermittelten Durchschnittspreis ausgezahlt, aber nur, wenn der entliehene Titel zu jeweils mindestens 10 Prozent gelesen wurde. Dank dieser Einschränkung sowie einer Vielzahl von extrem niedrigpreisigen und kostenlosen Titeln im Angebot werden die ausgeworfenen Durchschnittspreise für die meisten Selbstverleger deutlich unter ihren eigentlichen Verkaufspreisen rangieren. Jeff Bezos kehrt das Robin-Hood-Prinzip auf den Kopf: Von den Armen nehmen und den Reichen geben – beste Tradition US-amerikanischen Klassenkampfs also. Warum Amazon seine Selbstverleger, die zumeist in eiserner Verbundheit zum Unternehmen stehen, derart über die Ohren haut, ist mir schleierhaft.
Aber Jeff Bezos ist sowieso nicht auf der Suche nach Freunden. Das könnte zum Bumerang werden: Gerade wurden die Wirtschaftszahlen für das 2. Quartal bekannt und die sind, milde ausgedrückt, enttäuschend. Der Umsatz ging natürlich nach oben, zwischen April und Juni waren das 19,34 Milliarden US-Dollar,  ein Anstieg von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Aber: Der Verlust, der im Vorjahr noch bei 7 Millionen US-Dollar lag, krachte jetzt auf satte 126 Millionen US-Dollar. Krachen tat dann auch prompt der Börsenkurs.
Noch ist Kindle Unlimited nicht im deutschsprachigen Markt unterwegs, aber die Sache wirft natürlich ihre Schatten voraus. Matthias Ulmer jedenfalls erhofft sich von dem Vorstoß aus Seattle, dass die festgefahrene Diskussion um Abo- und Mietmodelle bei uns endlich wieder in Gang kommt und zwar mit der Ernsthaftigkeit, die dem Thema zukommt.

Ich finde es wichtig, dass man Erfahrungen sammelt mit der E-Book-Miete. Mit den Flatrate-Modellen bieten sich den Verlagen ganz neue Chancen…. Dadurch werden auch die Karten gegenüber Piraterie, Schrankenregelungen oder der Marktdominanz einzelner Einzelhändler neu gemischt. (Matthias Ulmer)

Ich hoffe, dass er damit recht behält.

China hat sich in den schlimmsten Zeiten seines kommunistischen Regimes alle Mühe gegeben, die Erinnerung an seine kulturelle Tradition zu vernichten. Seither hat sich viel geändert – nein, die Korruption und Machtversessenheit der Parteikader ist ungebrochen, und Andersdenkende werden weiterhin ebenso perfide und brutal verfolgt. Aber man hat dann doch ein paar Sachen beim Klassenfeind gelernt, und dazu gehört der schöne Schein. Jetzt hat die Nationalbibliothek in Peking ein beeindruckendes Museum der klassischen Bücher eröffnet. Insgesamt 2,75 Millionen Bücher und Texte aus der Zeit vor 1911 sind in dem Museum versammelt, und zum Start im August werden gleich die kostbarsten dieser Schätze ausgepackt.

Nur weil es jetzt ein solch schönes Büchermuseum gibt, sollte man aber nicht glauben, dass China seine lebenden Autoren mit weniger harten Bandagen angeht. Gerade wurde eine große Säuberungsaktion für das Internet angekündigt, das man von bösen Sachen wie Pornographie und Gerüchten befreien will, weil das ja die zarten Seelchen schädigt und vielleicht auch den einen oder anderen Kader zu Schweißausbrüchen treibt. Mehr als 630 Millionen Chinesen nutzen das Internet, vor allem mit Smartphones. Damit sie dort auch keinen Unsinn erfahren, droht Bloggern, die „Gerüchte“ verbreiten, eine Haftstrafe von drei Jahren. Mehr als 100 von ihnen sollen bereits hinter Gittern sitzen.

Zu guter Letzt: Dass gerade die kleinen und unabhängigen Buchläden jede Reklame nötig haben, die sie bekommen können, wissen wir ja. Deshalb find ich dieses Videoprojekt von Alex Chapell ganz prima: Sie stellt in kleinen Youtube-Clips hübsche Buchläden in England vor. Ihre Begründung: „I am a nerd, and they are dying out and we need them.“ Los geht es mit dem Little Apple Bookshop in York. Viel Spaß mit dem Video!

 

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche, ich danke für die freundliche Lektüre. Noch mehr aktuelle Nachrichten, vor allem mit Blick auf Elektrothemen und den deutschsprachigen Raum, finden Sie bei publishernews, den der wackere Andy Artmann und seine Getreuen zusammenstellen. Ich empfehle die Lektüre. Und morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende. Viel Spaß damit.

Herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling