amazonErinnern Sie sich noch? Am 10. April hat Jeff Bezos seinen bis dahin längsten Brief an die Aktionäre geschrieben. Damals vermutete Langendorfs Dienst bereits, dass Bezos eine Ahnung hatte, dass offensichtlich der herauf dräuende Quartalsbericht die Anleger nicht zufrieden stellen könnte. Bezos nahm damals den Leser mit auf eine Reise durch 21 Amazon-Projekte.

Genutzt hat es ihm nichts. Die Meute der Aktionäre waren auf Gewinne aus. Die Amazon-Aktie stürzte ab: Von ihrem Hochpunkt Mitte Januar mit etwas über 300 Euro auf nur noch 215 Euro im Mai, seitdem hat sich der Kurs langsam erholt..

Aber: Seitdem tobt eine atemberaubende PR-Schlacht: Es begann mit dem Streit um die Konditionen bei Hachette und Bonnier im  Mai, es folgte ein kostenloser Musik-Streaming Dienst in den USA, eine Woche später das Fire Phone. Dann wurden britische Verleger  unter Druck gesetzt: Sie sollen die Nachdruck-Rechte nicht lieferbarer Titel an Amazon abtreten. Es folgte die Prime Video App und die Diskussion darum, die E-Book-Erlöse von Hachette auf Amazon.com zu 100 Prozent den Autoren zu überlassen. In Frankreich umgeht Amazon mit PR-Erfolg ein Gesetz, das den kostenlosen Versand verbietet, das kostest jetzt 1 Cent.

Über all dem hängt Bezos das Dauerthema Auslieferung mit Drohnen, indem er nicht nur über technische Neuerungen spricht, sondern auch konkret einen Antrag bei der amerikanischen Flugbehörde stellt.

Bezos gibt ein bisschen Zuckerbrot und lenkt vor allem ab: Die Investoren wollten Gewinne sehen, doch sie bekommen viel öffentlichkeitswirksamen Kampf um die Gewinne und noch mehr Philosophie. Ein Zwischenziel wurde erreicht: Laut Börse online hat sich der Kurs ein wenig erholt.

Nun steht Ende des Monats ein neuer Quartalsbericht an. Ja, die vielen Neuerungen, die Amazon ins Gespräch bringt, sind atemberaubend. Aber: Was hat von der ganzen Aufregung um Amazon am Ende wirklich Gewinn gebracht? Es könnte durchaus mager aussehen. Das einzig wirklich lukrative Aktion ging nur halblaut durch die Presse: Ein 500 Millionen-Dollar-Deal mit einer Server-Plattform für die 17 amerikanischen Geheimdienste.

Die Fragen sind: Was passiert dann im nächsten Quartal? Wie lange kann man so ein Rad drehen und immer neue Nachrichten produzieren, die die ins Unermessliche gestiegenen Gewinnerwartungen wie bisher durch Aktionismus schön reden? Wie lange können Mitarbeiter und Organisation so ein Tempo durchhalten? Droht da die Überhitzung?

Sicher ist aber auch: Der gute Gedanke Kundenservice ist zum Wasserträger für die Aktionäre geworden. Sollte Amazon die Kundenzufriedenheit für die Gewinnmaximierung opfern, werden sich die Kunden getäuscht fühlen.

Das kann nicht ohne Folgen bleiben.

Matthias KoefflerMatthias Koeffler ist Inhaber und Chefredakteur von „Langendorfs Dienst“, dem täglichen Nachrichtendienst für die Buchbranche.