„Nadine Gordimer 2010“ von Vogler - Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0

„Nadine Gordimer 2010“ von Vogler – Eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0

Am 13. Juli ist in Johannesburg die Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer gestorben. Ihre literarische Bedeutung ist weltbekannt und unbestritten. Noch beeindruckender war aber ihr eisernes Eintreten gegen das barbarische System der Apartheid.

Nachstehend ein Text, den ich 1997 für Die Literatur Schwarzafrikas: Ein Lexikon der Autorinnen und Autoren (C.H. Beck) verfasst habe.

Nadine Gordimer

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer gehört zu den populärsten Schriftstellerinnen unserer Zeit – vor allem außerhalb ihres Heimatlands Südafrika, wo sie wegen ihrer vehementen Opposition gegen das Apartheid-Regime immer noch nicht die Anerkennung und Verbreitung gefunden hat, die ihr zusteht.

Nadine Gordimer wurde 1923 in der Minenstadt Springs geboren, als Tochter jüdischer Immigranten. Bereits als 16jährige begann sie, Geschichten in Tageszeitungen und Literaturzeitschriften zu publizieren; ihre erste Anthologie von Kurzgeschichten erschien 1949. Die Anerkennung, die ihr zuteil wurde, ließ sie sich ganz der Literatur widmen; seit 1953 lebt sie als freie Schriftstellerin in Johannesburg, sie hat mehr als 20 Romane, Erzählungen und Sammlungen von Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Neben dem Literatur-Nobelpreis, der ihr 1991 verliehen wurde, hat sie zahlreiche weitere literarische Auszeichnungen erhalten, darunter auch den Commonwealth Award und den englischen Booker Prize.

In den fünfziger Jahren begann Gordimer, sich politisch zu engagieren, veranlaßt durch ihre Bekanntschaft mit dem damaligen ANC-Präsidenten Albert Luthuli. Sie begleitete die Prozesse gegen die Aktivisten der Anti-Apartheid-Bewegung und nahm dezidiert Stellung gegen Rassismus und Unterdrückung. Diese politische Haltung fließt ein in ihr literarisches Schaffen: immer wieder betont sie die Unmenschlichkeit der Rassentrennung und die Brutalität der Unterdrückung von Meinungsfreiheit und persönlicher Entfaltung. Die Quittung des Apartheid-Regimes folgte prompt: Viele ihrer Texte wurden in Südafrika verboten.

Gordimer macht die politischen Umstände stets deutlich am Schicksal einzelner Personen, die, ganz im Sinne der Tragödie, an den Zeitläuften scheitern. Dabei ist die Kenntnis politischer Tagesereignisse bei der Lektüre ihrer Texte zwar nicht unabdingbar, jedoch von Nutzen – sie bemüht sich, mit einer wenig ambitionierten, mimetischen Schreibweise die Bewegkräfte für ihre Charaktere zu erläutern; der Bezug auf bestimmte politische Daten ist dabei ein wichtiges Mittel.

Mit Entzauberung (1953), ihrem ersten, stark autobiographischen Roman, zieht Gordimer die Grundlinien ihrer intellektuellen Existenz in Südafrika: die Schilderung der Kindheit eines weißen Mädchens in der südafrikanischen Provinz enthüllt die ganze Verlogenheit des Systems. Als junge Frau bricht sie mit ihrer Umgebung, geht nach England, kehrt aber schließlich desillusioniert zurück.

Die Unmöglichkeit, aus eigenem Antrieb die Gegebenheiten des klaustrophobischen weißen Südafrikas als Individuum zu überwinden, steht auch im Mittelpunkt von Fremdling unter Fremden (1958), Anlaß zu lieben, (1963) und Die spätbürgerliche Welt (1966). Der Schritt über die Rassengrenzen hinweg, sei er motiviert durch politischen Willen, exotische Anziehung oder Liebe, wird durch den Rassismus vereitelt, der selbst die bestgemeinte Absicht in ihrer Wirkung verzerrt. Dabei schleicht sich in Anlaß zu lieben erstmals jene Sentimentalität ein, die Kritiker Gordimers bemängeln: Die Liebesbeziehung zwischen einer weißen Frau und einem schwarzen Mann wird von Gordimer in unnötig pathetischem Stil geschildert, der nicht passen will zu ihrem ansonsten lakonischen Duktus.

Zeichnet die frühen Romane Gordimers ein gewisses Maß an Resignation aus, so wird diese Grundstimmung in ihren späteren Werken optimistischer: die Überwindung der Apartheid wird von ihr immer wieder beschworen, häufig beschäftigt sie sich mit dem Entwurf einer Gesellschaft nach der Apartheid, wobei sie einer Tendenz zur Romatisierung nicht immer widersteht. Ist der Ausblick in Der Ehrengast (1971) noch düster, in dem ein ehemaliger Kolonialbeamter sich in den Dienst des neuen afrikanischen Staats stellt – und zum Opfer der internen Machtkämpfen wird, so kann Ein Spiel der Natur (1987) wegen seiner pathetischen Verklärung der Macht der Liebe über politische und rassische Barrieren ebenso als mißlungen gelten wie Die Geschichte meines Sohnes (1990), in dem Liebe und Politik sich aufs unglücklichste verbinden zur Idealisierung des Befreiungskampfs.

Unter den späteren Werken Nadine Gordimers kann Julys Leute (1981), unter dem Eindruck der Schüleraufstände von Soweto im Jahre 1976 entstanden, als das überzeugendste genannt werden: die Vision eines in Bürgerkrieg versunkenen Südafrikas, in dem sich eine weiße Familie in das Dorf ihres Bediensteten July flüchtet, gerät Gordimer zu einer eindrucksvollen Studie des menschlichen Charakters. Die gewohnten Hierarchien zwischen schwarz und weiß werden obsolet; soziale Rollen werden ins Gegenteil verkehrt. Julys Leute, ein Jahrzehnt vor dem Ende der Apartheid veröffentlicht, führt plastisch die Konsequenzen vor Augen, die eine Beibehaltung der rassistischen Politik gehabt haben könnte.

Seit der Befreiung Südafrikas vom Joch der Apartheid hat sich Nadine Gordimer aus sympathisierender Distanz zu den politischen Entwicklungen im Land geäußert; eine literarische Verarbeitung dieser Epoche steht noch aus. (1997)

 

Bibliographie (Auswahl)

Anlaß zu lieben. Roman. [Occasion for Loving; 1963]. Frankfurt/M.: Fischer, 1983

Der Besitzer. Roman. [The Conservationist; 1974]. Frankfurt/M.: Fischer, 1989

Burgers Tochter. Roman. [Burger's Daughter; 1979]. Frankfurt/M.: Fischer, 1991

Clowns im Glück. Roman. [Six Feet of the Country; 1956]. Frankfurt/M.: Fischer, 1991

Der Ehrengast. Roman. [The Guest of Honor; 1971]. Frankfurt/M.: Fischer, 1991

Die endgültige Safari. [Jump! And other Stories; 1991]. Erzählungen. Frankfurt/M.: Fischer, 1992

Entzauberung. Roman. [The Lying Days; 1953] Frankfurt/M.: Fischer, 1991

Freitags Fußspur. Erzählungen. [Friday's Footprint; 1960] Frankfurt/M.: Fischer, 1996

Fremdling unter Fremden. Roman. [A World of Strangers; 1958]. Frankfurt/M.: Fischer, 1991

Die Geschichte meines Sohnes. Roman. [My Son's Story; 1990]. Frankfurt/M.: Fischer, 1991.

Gutes Klima, nette Nachbarn. Sieben Erzählungen. [Six Feet of the Country; 1982] Frankfurt/M.: Fischer, 1986

Julys Leute. Roman. [July's People; 1981] Frankfurt/M.: Fischer, 1991.

Leben im Interregnum. Essays zu Politik und Literatur. Frankfurt/M.: Fischer, 1987

Nicht zur Veröffentlichung. Erzählungen. [Not for Publication; 1965] Frankfurt/M.: Fischer, 1997.

Niemand, der mit mir geht. [Nobody to Accompany Me]. Berlin: Berlin Verlag, 1995.

Die sanfte Stimme der Schlange. Erzählungen. [The Soft Voice of the Serpent; 1962] Frankfurt/M.: Fischer, 1995.

Schreiben und Sein. Essays. [Writing and Being; 1991]. Berlin: Berlin Verlag, 1996.

Die spätbürgerliche Welt. Roman. [The Late Bourgeois World; 1966] Frankfurt/M.: Fischer, 1994.

Ein Spiel der Natur. Roman. [A Sport of Nature; 1987] Frankfurt/M.: Fischer, 1987.

Eine Stadt der Toten, eine Stadt der Lebenden. Erzählungen. Frankfurt/M.: Fischer, 1985.

Livingstone’s Companions. Frankfurt/M.: Fischer, ersch. 1998.