Liebe Gemeinde,

heute geht es um Amazon kauft Random House, Kroes-Kompetenz, Mütter im Buchladen und eine prima Idee aus Afrika.

Stanfords, London  (c) ehlingmedia 2011

Stanfords, London (c) ehlingmedia 2011

Der Paukenschlag der Woche kam wieder einmal, sie ahnen es, von Amazon. Die Kollegen von Goodereader berichteten, dass der Online-Riese jetzt den Großverlag Simon & Schuster kaufen will, ein Ableger des Medienkonzerns CBS. Für Amazon wäre die Sache durchaus sinnvoll – durch die bestehenden Distributionsverträge könnten auch die bislang schwächelnden Imprints von Amazon Publishing endlich den Weg in den Buchhandel und Bibliotheken finden. Zudem kooperieren CBS und Amazon bereits im TV-Geschäft: Amazon hat sich an den Produktonskosten der TV-Serie „Under the Dome“ beteiligt, diverse TV-Serien laufen mit großem Erfolg im Streaming-Dienst aus Seattle.

Bevor Sie jetzt die strategische Weitsicht von Jeff Bezos beklatschen: Mir scheint, dass die Kollegen ein wenig vorschnell zu ihrer Übernahmemeldung gekommen sind. Reuters und auch das Wall Street Journal berichten lediglich, dass CBS-Chef Les Moonves von einem Treffen mit Jeff Bezos erzählt habe, bei dem es um die Zukunft der Verlagsbranche ging und in dem man offensichtlich auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen ist. Moonves Kommentar ist ziemlich eindeutig: “Obviously Amazon has a very definitive point of view on what should be done in the publishing business. Those in the publishing world are not totally copacetic with it.” Ein schönes Wort – „copacetic“. Das habe ich zuletzt 1984 im Oberseminar gehört. In Frankfurt würde man das als „galoppierende Bocklosigkeit“ übersetzen. Nach Übernahme-Schmusereien hört sich das jedenfalls nicht an. Belege oder Quellen für die Vermutungen führt Goodereader übrigens nicht an. Trotzdem sind hierzulande die Branchenmedien auf das Thema draufgesprungen und spekulieren sich lustig einen Wolf.
Wenn es so einfach ist, hier meine Sensationsmeldung des Tages: Random House-Chef Markus Dohle ist ein kluger Bursche. Er soll in Gesprächen den strategischen Weitblick von Jeff Bezos gelobt haben. Ich war nicht dabei, aber würde Dohle das nicht tun, wäre er eben nicht ganz so klug. Das kann doch wohl nur heißen, dass Amazon sich demnächst die Buchsparte der Bertelsmänner schnappt. Oder?
Stichworte für die geneigte Branchenpresse: Penguin Random House ist größter Publikumsverlag der Welt, unterhält enge Geschäftsbeziehungen zu Amazon. Nach der Übernahme von Santillana steht der spanischsprachige Markt, in dem sich Amazon schwer tut, weit offen. Möglicherweise will Amazon ja auch die Kundendaten des todgeweihten Bertelsmann Club übernehmen? Die gäbe es dann wohl als Dreingabe beim Verkauf?
Passt alles doch ganz prima. Nun schreibt mal schön!

Das Urheberrecht in seiner jetzigen Form kommt in der heutigen Zeit mächtig ins Keuchen. Gesetzes-Quark wie das Leistungsschutzrecht machen deutlich, dass unsere verehrten Gesetzgeber mit Freuden dazu bereit sind, mangelnden eigenen Durchblick durch die freundliche Umarmung von Industrielobbyisten zu kompensieren. Nationale Regelungen zum Urheberschutz, soviel ist wohl allen klar, haben sowieso ihr Verfallsdatum überschritten. Weshalb EU-Kommissarin Neelie Kroes eigentlich die Aufgabe hatte, sich um ein modernes Regelwerk zu kümmern, das in allen Mitgliedsländern Geltung finden kann. Passiert ist – nichts. Die Amtszeit der Dame wird hierzulande in Erinnerung bleiben dadurch, dass sie sich Herrn Guttenberg als Internet-Experten ins Haus holte. Der souveräne Umgang mit Copy/Paste, den er an den Tag legte, reichte wohl als Qualifikation. Ähnliches Kaliber wie unser fränkischer Kopieraugust haben auch ihre Vorschläge zum Umgang mit User Generated Content (UGC): Wer immer sich daran bedienen will, soll das gebührenfrei tun dürfen, zu privaten wie auch zu kommerziellen Zwecken. Wodurch nicht nur Aggregatoren wie Google sich frei bedienen dürfen, sondern alle Unternehmen, die Inhalte gegen Geld anbieten. Andrew Orlowskis Abrechnung mit einer verschwendeten Amtszeit macht das drastisch deutlich. Sein Resumée: Außer wiedergekäuten Lobbyisten-Ideen, die schon in den USA gescheitert sind, wurde nichts geliefert, was irgendwie brauchbar wäre. Halbwegs brauchbare Ansätze wurden dagegen im Interesse der großen Spieler im Markt behindert.

Ja, Neelie Kroes hat eine reife Leistung hingelegt. Wir sind schon gespannt, wo sie sich ihre dürftige Kommissars-Pension aufbessern wird, wenn sie im September aus dem Amt scheidet.

In der vergangenen Woche hatte ich Ihnen von der britischen ALCS-Studie berichtet, die zu dem Schluss gekommen ist, dass das Durchschnittseinkommen professioneller Autoren auf lausige 11.000 Pfund pro Jahr gefallen ist. Die Society of Authors, die immerhin gut 9.000 Autoren vertritt, hat das zum Anlass genommen für eine Abrechnung mit dem angestammten Geschäftsmodell der Verlage. Das Fazit: so geht es nicht weiter. „Autoren brauchen eine gerechte Entlohnung, wenn sie weiterhin schreiben sollen“, so die Geschäftsführerin der Autorenvereinigung, Nicola Solomon.

Traditional publishing is ‘no longer fair or sustainable’
Society of Authors

Besonders pikant sind in diesem Zusammenhang Zahlen, die das britische Kulturministerium vorgelegt hat, aus denen hervorgeht, dass die Kreativindustrien im Königreich im Jahr 2014 ein Umsatzvolumen von 71,4 Milliarden Pfund Ierreichen werden. Verlage können ihre Profite halten oder sogar steigern, offensichtlich sind die Autoren daran nur wenig beteiligt. Sie erhalten traditionell nur einen kleinen Teil des Verkaufspreises als Honorar, die Vorschüsse sind allgemein geringer geworden. Während die Produktionskosten für die Verlage kontinuierlich sinken, bleiben die Autorenhonorare allenfalls auf dem gleichen niedrigen Niveau – obwohl viele Verlage dazu übergegangen sind, ihren Autoren einen großen Teil der Promotions-Aktivitäten aufzubürden. Solomon warnt denn auch davor, dass bei einer Fortsetzung des Trends die Qualität und Quantität der schriftstellerischen Produktion massiv beeinträchtigt werde.

Die ALCS-Studie hatte übrigens auch ausdrücklich nach Erfahrungen mit Selfpublishing gefragt. Und siehe da: 25 Prozent der rund 2500 Befragten haben dies bereits getan, 86 Prozent wollen es wieder tun, weil sie Erfolg damit hatten. Anders als der VS in Deutschland nimmt die britische Society of Authors selbstverlegte Schriftsteller auf. Voraussetzung sind 300 verkaufte Bücher oder 500 verkaufte E-Books in einem Jahr.

Aus den USA erreicht uns die schöne Nachricht, dass stillende Mütter künftig bei Barnes & Noble der Versorgung ihres Nachwuchses nachgehen dürfen. Das entschied ein New Yorker Gericht, nachdem sie ob entblößter Brust und säugendem Kind in der Filiale in Nanuet, NY, des Ladens verwiesen worden war. BN zahlt dem zuständigen County 10.000 US-Dollar für eine Still-Kampagne, die verärgerte Mama erhielt einen Einkaufsgutschein von 50 US-Dollar. Das Unternehmen verkündete, es habe gar nichts gegen das Stillen und in seinen Filialen eigene „safe breastfeeding areas“ eingerichtet. Wahrscheinlich hatten die Mitarbeiter Daffke vor dem Zorn des Café-Konzessionärs – Muttermilch ist nun einmal kein Cappuccino und wird auch selten in extra großen Bechern verkauft.

Dass Bücher in Afrika ein Luxusgut sind, wissen Sie ja selbst. Vor allem der Transport in Ländern, in denen die Infrastruktur miserabel ist, macht die ganze Sache problematisch. Der smarte Arthur Attwell ist vor ein paar Jahren auf die prima Idee gekommen, Buchinhalte per Internet an Copyshops senden und dort ausdrucken zu lassen. Paperight heißt die Sache, und wie sie funktioniert, sehen sie in dem Video (das Bild ist riesig, unten geht es weiter):

 

Ist doch prima, oder?

hge (c) 2013 ehlingmediaDas war’s für diese Woche. Noch mehr aktuelle Nachrichten, vor allem mit Blick auf Elektrothemen und den deutschsprachigen Raum, finden Sie bei publishernews, den der wackere Andy Artmann und seine Getreuen zusammenstellen. Ich empfehle die Lektüre. Und morgen gibt es wieder das Gedicht zum Wochenende. Viel Spaß damit.

Herzliche Grüße

Ihr und Euer

Holger Ehling